Solothurn Grenchen Süd

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In der Arbeit läufts Schlag auf Schlag immer schlechter, schon zum zweiten Mal stand ich ganz knapp vor einer Affekt-Kündigung in letzter Minute. Das bringt meine Gedanken immer mehr und immer intensiver auf die schon länger latente Idee, eine Auszeit zu nehmen, zu Pilgern, eine Fernwanderung zu machen, vielleicht den Jakobsweg zu laufen. Teile davon bin ich in der Schweiz auch schon vewandert, in Fribourg sogar sehr bewusst und intensiv.

Aktuell lese ich ein Blog über einen Jakobspilger, der gar keiner sein will und sich ohne Geld von Stuttgart Richtung Santiago aufgemacht hat. Und wie ich so den ganzen Vormittag in die Lektüre versunken war, wurde mir plötzlich das schöne Wetter bewusst und wollte unbedingt auch noch raus. Jetzt sofort. Notebook zugeklappt, Wanderschuhe angezogen und nach Solothurn gefahren.
Der Aare entlang, der Sonne entgegen, Gedanken Freiraum geben, soweit ich will. Oder bis halt Abend wird…
Aus dem Bahnhof Solothurn rausgekommen, hab ich erstmal einen Brunnen gesucht, um meine Wasserflasche aufzufüllen. Viel suchen musste ich gar nicht, es stehen viele Brunnen hier herum. Am Schiffsanlegeplatz fuhr grad das Aareschiff „Siesta“ ein, das kenne ich schon von meiner letzten Aarewanderung. Aber das überfüllte Schiff war keine Verlockung, ich wollte doch laufen. Mal sehen, wie bewandert der Uferweg heute sein wird…
Nach einer halben Stunde kam ich raus aus der Stadt, der Jura rechts von mir, die Aare Links von mir, die Sonne geradeaus. Und es ist ruhig geworden, ein paar Krähen im Hintergrund, ab und zu mal Veloreifen, die vorbei gerauscht sind, sonst waren nur noch meine eigenen Schritte zu hören.
Irgendwann realisiere ich, dass dem Teerbelag ein Kiesweg gewichen ist, meine Schritte knirschen jetzt lauter. Es ist deutlich weniger los als ich dachte, obwohl ein herrlich sonniger und warmer Sonntagnachmittag ist. Am Aare-Inseli halte ich inne, beobachte die Boote, die hier unterwegs sind, die Menschen darauf, die sich sonnen und das sanfte Schaukeln geniessen, da zieht eine Wasserschlange an mir vorbei. Der Kopf ragt aus dem Wasser und der Körper macht die schlängelnden Bewegungen, ganz ruhig und gleichmäßig, sie muss keine Angst haben, unter zu gehen.
Ich kann nicht sehen, in welche Richtung die Aare fließt, so langsam geht das hier. Es sind eher die Wellen der Boote, die die Wasseroberfläche bewegen, sobald die einen Wellen ausgeklungen sind, kommt schon ein nächstes Boot, um andere Wellen zu machen. Ganz sanft splätschern sie, wenn sie aufs Ufer treffen, aber meist nicht lang, nichtmal eine Minute lang, sind sie schon wieder ruhig.
Nach zwei Stunden bin ich nach Altreu gekommen, bis hierhin bin ich schonmal gelaufen, aus der anderen Richtung. Ich wollte Pause machen, aber die unfreundliche Bedienung und die teuren Preise von damals haben mich heute abgehalten. Es fährt heute kein Schiff mehr Richtung Biel und eine Dreiviertel Stunde warten, um zurück nach Solothurn zu kommen, wollte ich auch nicht. Also noch weiter der Sonne entgegen. Eigentlich tun mir schon die Oberschenkel weh, ich weiß nicht, ob vom Umzug-Helfen und Möbelschleppen gestern oder weil ich meine schweren Wanderschuhe seit sechs Wochen nicht mehr angehabt habe.
Ich tauche wieder ein in meine Gedanken, sinniere über sie Vorgänge in der Arbeit, überlege, was ich aus dieser Situation machen könnte oder sollte. Doch immer wieder schrecke ich auf, die Flugzeuge vom nahen Flugplatz machen immer wieder Lärm beim Starten und Landen. Und wie ich so aufschaue komme ich an schönen Grillstellen am Aare Ufer entlang, es wird gemütlich grilliert, ich höre Gitarrenklänge und sogar eine Trompete. Es ist friedlich hier an der Aare und die Menschen genießen den warmen sonnigen Spätsommerabend.
Ich lasse die Klänge und den Duft nach Grillfeuer hinter mir und sinniere wieder über eine Wander-Auszeit. Den kommenden Winter sollte ich noch „wohnen“, ich sollte auch noch etwas Geld verdienen, wenn ich noch Snowboarden gehen will. Das ist teuer und nach so manchem Winter hatte ich mein Konto leer vorgefunden. Andererseits wäre der Süden, Frankreich und Spanien, für mich im Winter viel angenehmer als im heißen Sommer. Aber nachdem ich ja mindestens noch vier Monate arbeiten gehe, wird’s eh schon Frühling, bevor ich „gross losziehen“ kann…
Irgendwann stand ich dann an der Weggabelung und musste mich entscheiden, ob ich ander Aare entlang den schon bekannten Weg gehen wollte oder gleich hier nach Grenchen abbiegen will. Die Aare zu verlassen fühlte sich ein wenig nach Aufgeben an, nach dem Eingeständnis, dass ich eh nicht weiter als Grenchen laufen mag. Andererseits, realistisch betrachtet, würde es eh darauf hinauslaufen, ausserdem bin ich an der Aare entlang eh schon mal gelaufen. Und wenn ich in Grenchen nun wirklich noch nicht den Zug nehmen will, kann ich dort sicher noch an einer Bahnstrecke weiter Richtung Biel laufen… Also verlasse ich die Windungen der Aare und begebe mich aus den Auen hinaus aufs freie Feld.
Die Abende sind schön, wenn man am Sonnenstand erkennt, dass man sich langsam ein Schlafplatz suchen müsste und dazu den Hang gegenüber und dessen Bäume inspiziert. Ich denke an meine Hängematte und wie ich im Herbst und Winter mich darin warm halten könnte, da komme ich auf die verrückte Idee, dass ich den Schlafsack um mich und die Hängematte herum stülpen könnte, dann würde ich seine wärmende Schicht nicht durch mein Draufliegen zusammendrücken…
Es reizt mich schon sehr, wie ich hier durch die Gehend laufe, dass ich meine Hängematte irgendwo aufhänge und hier übernachte. Aber ich hab sie nun mal nicht dabei. Vielleicht finde ich ja auch eine Isomatte zum Aufblasen, 140cm breit, wie die Hängematte, dass ich wie ein U darin liege und sie mir auch an den Seiten noch warm gibt. Wenn die dann an den Enden noch spitz zulaufen würde, in der Form der hängenden Matte… Als mich der Wanderweg über eine stark befahrene Strasse führt, werde ich aus meinen Gedanken gerissen. Der Weg hat mich inzwischen nach Grenchen hinein geführt, schon bis zu den Gleisen und biegt ab, an diesen entlang zum Bahnhof. Meine Beine beklagen sich inzwischen auch schon und ich belasse es für heute mal bei dreieinhalb Stunden Wanderung. Ich fühle mich gut, konnte ich doch etwas meine Gedanken sortieren, die im Büro so durcheinander geworfen werden.

Nachtrag: ich hab abends mit Markus telefoniert. Er kann sich nicht vorstellen, was mich auf meinen Wanderungen bei der Stange hält. Mir muss doch langweilig werden. Eine schöne Aussicht von einem hohen Berg kann er sich ja noch vorstellen, aber so über die Felder… Ich konnte ihm auf die Schnelle und gegen seine bestehende Meinung nicht viel sagen. Wir sind zusammen zu dem Schluss gekommen, dass Wandern scheinbar das coolste Hobby ist, von all denen, die ich die letzten Jahre ausprobiert habe.

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