Les Ponts-de-Martel Fleurier

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La Brévine ist doch weit abgelegen, wie ich gestern Abend gemerkt hab. Um meine Jurawanderung heute fortzusetzen, bin ich ins Nebental nach Les Ponts-de-Martel gefahren, von dort aus kann ich nach Le Brévine laufen. Zweieinhalb Stunden hat die Reise gedauert, um sechs Uhr in Bern gestartet, dreimal umsteigen und um halb neun war ich dort. Und wie ich die heutige Route geplant hab, viel mir auf, dass ich auch in diesem Nebental schon gewandert bin. Hier liegt auch La Sagne 🙂

Inzwischen ist es hell geworden, aber die Kälte steht noch im Tal. Die Rauchschwaden aus den Kaminen bilden einzelne waagerechte Striche in der Luft, die sich nur ganz langsam verteilen. Wie eingefroren. Das Tal wartet still und geduldig auf die wärmenden Sonnenstrahlen, die sich erst auf den obersten Wipfeln der höchsten Bäume zeigt. Ich schlage den Weg rechts den Hügel hinauf ein, dieses „oben entlang“, welches ich damals nicht gehen wollte.

Staunend laufe ich durch den nebelfeuchten Morgenwald, ich komme in eine idyllische Senke mit einem kleinen murmelnden Bach, der hinter einer Kurve in einer kleinen Schlucht verschwindet, der Boden ist saftig und schmatzig, weiter einen Hügel hinauf, hier haben die Spinnen viele kleine Nester gebaut, an deren Weben sich der Tau sammelt, ich sehe Fliegenpilze und andere Schwammerln, während sich in den Wipfeln der bunten Bäume so langsam die Morgensonne zeigt. Ums Eck muhen ein paar Kühe, die Krähen krähen, Singvögel tauen langsam auf und fangen das Zwitschern an. Die Ahorn Bäume leuchten so gelb, dass ich deren Blätter ständig mit den Wanderwegweisern verwechsel. Es ist kaum ein Unterschied in der Farbe… Und es ist frisch, fast schon kalt, aber es reicht noch nicht für Bodenfrost, die Wege und Trampelpfade der Kühe sind matschig und schmierig, ich muss mit jedem Schritt aufpassen, dass ich nich ausrutsche.

 

Weiter gehts zwischen Sonne und Nebel, die beiden tragen einen stillen, leisen Kampf aus, der dennoch heftig sein kann. Der Nebel wallt, die Sonne strahlt, der Dunst bäumt sich auf, fällt wieder zusammen, wird den Hang hochgetrieben, ja, bisweilen ist sogar ein Regenbogen in der undurchsichtig weißen Wand aus Wassertropfen zu sehen. Und ein paar Minuten später kann ich die bunten Bäume hindurchschimmern sehen. Die Sicht wird immer klarer, oh… da drüben steht ja ein Hof. Und so marschiere ich, stetig den Hang hinauf, La Brévine entgegen. Schnaufend oben angekommen hab ich eine tolle Aussicht auf den Nebel im Tal unten, wie er sich windet und weigert, zu gehen und wie er doch noch recht viel Masse entgegenzusetzen hat, bis die Sonnenstrahlen ihn ganz aufzulösen vermögen.

Dann gehts wieder hinunter, auf der Sonnenseite, über eine geteerte Strasse mit vielen Bucheckern, dann über einen Waldweg wieder hinauf, dieser wird dann ganz schön sumpfig, kommt auf einer Weide heraus, inzwischen im anderen Tal drüben. An Kühen vorbei, die sich grad im Kanon-Singen üben, durch einen märchenhaften Wald wieder über eine Wiese. Irgendwie verliere ich die Orientierung hier, ich hab kein Gefühl dafür, was in welcher Richtung liegt. Irgendwie verdreht de Jura mir den Kopf 😉 Die Sonne könnte mir helfen, aber sollte die nicht auf der anderen Seite stehen? Ich bin echt froh um die Wegweiser und dass der Nebel weg ist, dass ich sie aus der Ferne erkennen kann. Ich muss ihnen vertrauen, auch wenn sie plötzlich gerade vom Weg wegzeigen und mich nach La Brévin direkt übers Feld schicken. Am Ende vom Feld wird dann schon eine gelbe Raute auftauchen… Das Konzert der Kühe ist noch lange zu hören, aber inzwischen aus einer andern Richtung. Ich glaube, ich bin einen großen Bogen gelaufen.

Nach weiteren Wiesen und der nassen Schattseite lief ich mit dem Mittagsläuten der Kirche in La Brévine ein. Der Endpunkt meiner gestrigen Wanderung ist erreicht, jetzt kann ich mich an die heutige Wanderung machen. Ich hab eine Karte gefunden die den Mönchsweg (oder Schmugglerweg oder Händlerweg) beschreibt, an dem einige Tafeln mit der Beschreibung der Umgebung stehen sollen. Ich will diesem bis zur Zitadelle folgen und dann Richtung St. Sulpice abbiegen. Das sollte dann für den Nachmittag genügen 🙂

Aus La Brévine heraus führt der Wanderweg erstmal die Strasse entlang. Vorbei an Motorradkolonnen und Autofahrern, denen das Lachen im Gesicht steht, wenn in der Kurve die Reifen quietschen. Bald aber bog die gelbe Beschilderung ab und führte wieder ohne erkennbaren Weg den Hang hinauf. Wenn man eine Markierung verpasst, kann man nicht einfach dem Weg folgen, wenn man das eh schon nicht tut. So bin ich im Gelände zu steil angestiegen und habe mich verlaufen. Da war ich echt froh um die große Karte auf meinem iPad. Also wieder querfeldein über die Wiesen, an den typischen Steinmauern entlang, bis ein Durchgang einen Weg andeutet. Die Wiese hinunter konnte ich dann wenigstens noch einen Blick auf den Lac des Tailléres werfen, wenn ich schon nicht dran entlang gelaufen bin, wie eigentlich mal geplant war.

Als ich Hunger bekam, machte ich mich ans Holz suchen. In dem feuchten Wald hier gar nicht so einfach, die beste Möglichkeit waren die untersten Äste der Fichten, die hier stehen. Ich wollte meinen neuen Hobo-Stove ausprobieren und auch mein neues Titan-Geschirr mal in freier Wildbahn benutzen. Der Topf dieses Geschirrs fasst ca. ein Liter, so viel brauche ich zwar nicht, aber es lässt sich besser umrühren als in der Militärkamelle. Diesen Topf hab ich voller Äste gemacht, was wird das gewesen sein, zwei Handvoll? So ausgestattet hat’s noch etwas gedauert, bis ich einen angenehmen Picknickplatz gefunden hatte. Gut wurden einige dicke Bäume waagerecht abgesägt, die Stüpfe bieten eine gute Möglichkeit zum Sitzen und Kochen. Den richtigen Baumstumpf gefunden hab ich noch etwas Reisig gesammelt, etwa eine Handvoll und meinen Hobo-Ofen bestückt. Brennt schnell, dank dem Kamineffekt brennt auch das Holz schnell und in Null Komma Nix war ein viertel Liter Wasser gekocht. Deutlich schneller als mit meinem Notkocher und seiner Brennpaste. Vom Holz hab ich nur die Hälfte gebraucht, als die Nudeln noch etwas ziehen müssten, hab ich nochmal etwas Reisig gesammelt. Nach dem Essen nochmal die selbe Aktion, mit einer Handvoll Reisig und einer Handvoll Holz das Kaffeewasser gekocht. Faszinierend, wie schnell das geht. Und wie wenig Brennholz ich damit brauche. Ein Lagerfeuer wäre mit dieser Menge gerade mal entfacht und würde vielleicht ordentlich brennen. Jetzt muss nur doch das Geschirr und der Ofen wieder abkühlen, in der Zwischenzeit schlürfe ich meinen Kaffee, schreibe diese Zeilen und lausche der Natur. Der Wind raschelt in den Blättern, die Krähe dahinten ist die ganze Zeit schon ganz aufgeregt und schreit unentwegt durch die Luft. Die Kuhglocken sind ganz weit weg, da müssen selbst die Singvögel still sein , dass ich die hören kann.
Es ist kühl. Ich sitze im Schatte eines Baumes, es ist erst drei Uhr Nachmittag und es fühlt sich schon an, als würde es bald dämmern. Der Herbst kommt, jetzt muss ich noch jeden Sonnenstrahl ausnutzen, den ich kriegen kann. Ich packe zusammen, lösche die Glut und ziehe weiter. Was steht auf dem Programm? Ach ja, die Zitadelle… Ein letzter Blick zurück, nichts vergessen? Und weiter voran.
Der Weg führt mich durch bunten, gemischten, geheimnisvollen Wald, vorbei an Mauern, die mit Moos überwuchert sind, Felsbrocken, die ganz Grün sind vor lauter Moos, es sieht so aus, als wenn das alles hier schon ewig hier so liegen würde. Ich überlege, ob die Mönche, die hier schon im Mittelalter vorbeigegangen sind, das auch schon so vorgefunden haben. Ich bin mir nicht sicher, ob mich das erschrecken oder erstaunen soll.

Von wem werden die Mauern wohl sein? Andererseits habe ich nicht nur in den unterirdischen Mühlen gelernt, dass hier und anderswo eine Menge passiert ist seit dem Mittelalter. Soviel „Action“ wie Menschen hier schon reingebracht haben, wie können wir selbst hier im Jura noch von einer „unberührten“ Natur träumen? A propos „unberührt“: Ich hab die ganze Zeit Handy-Empfang, kann jederzeit und überall meine Karte prüfen, mein Blog aktualisieren, mit Angie SMSen. Und – lass mich raten – ich würde bestimmt eine Menge Radiosender empfangen können. Von wegen unberührt… Aber wenigstens hab ich hier meine Ruhe und beim Mittagsessen hat mich auch niemand gestört.

Der Abzweig nach Les Citadelles hat sich noch gelohnt. Zwar nur wegen der Aussicht, denn ich hatte mehr erwartet. Ich hab mir unter diesem Namen ein Gebäude vorgestellt, eine Zitadelle, was auch immer das genau ist. Aber auf dem Hügel stand nichts. Ein paar Bäume und ein paar Kühe, aber keine Gebäude oder wenigstens Ruinen. Dabei hoffte ich, dort Wasser zu finden. Das ist nicht so einfach im Jura. Obwohl es überall feucht und nass ist, finden sich kaum Quellen. Und erst recht nich hier oben, wo alles Wasser im Kalkstein versickert. So auch der See, an dem ich heute eben nicht vorbeigekommen bin. Er hat keinen Abfluss, sondern er versickert im Boden. Sein Wasser kommt bei St. Sulpice wieder aus dem Gestein und speist die Areuse. Und zu dieser Karstquelle mache ich mich auf… Also wieder zurück zur Abzweigung nach St. Sulpice und dann der Abendsonne entgegen. Über geteerte Strassen schlaucht mich das ganz schön, die Sonne steht auch schon tief und blendet. Zeit zum Abschalten. Irgendwann biegt der Weg dann in den Abstieg in den riesigen Kessel von St. Sulpice ab, aber außer einem steilen Weg im Wald sehen ich in dem Kessel kaum etwas. Erst als ich ein Stück die Strasse entlang muss, kann ich St. Sulpice und die riesigen Felswände und den Chapeau de Napoleon sehen. Vom Dorf aus noch die Strasse vor nach Fleurier, ich bin sogar noch schneller dort als der Bus.

  

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