Fleurier Ste. Croix

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Ui… Montags ist am Bahnhof Bern um 6:00 deutlich mehr los als Sonntags um 6 Uhr. Und all die Menschen schauen alle so Fröhlich drein, weil sie alle wieder arbeiten gehen dürfen. Es scheint, nur die Uniformierten, die, die heute einrücken, haben etwas anderes als ihren Alltag vor sich. Ich verziehe mich schnell auf Gleis 12 und frühstücke, wartend auf den Zug nach Neuchâtel.

Nach zwei Stunden Zugfahrt meinte der Schaffner kurz vor Fleurier, dass dieser Zug hier enden würde. Um die letzte Station nach Buttes zu fahren, sollten wir doch bitte umsteigen. So hab ich kurzfristig beschlossen, noch eine Aufwärmstrecke im flachen Val des Travers bis Buttes hinter zu laufen und die heutige Wanderung direkt an die gestrige anzuhängen. Aber mit „gemütlich den Fluss entlang“ war dann nix, der Weg führt den Hang am Chapeau de Napoleon hinauf, ich stand kurz vor der Versuchung, doch über Le-Cotes-de-Fées zu gehen. Aber ich möchte auf den Chasseron, das wäre insgesamt zu weit. Auf halber Höhe führte mich der Weg durch bunte Buchenwälder, in die die ersten Sonnenstrahlen der gerade aufgefangenen Sonne fielen. Viele kleine, junge Buchen stehen hier, auch deren Blätter in allen Farben zwischen Grün, leuchtend gelb und braun. Und auf dem Weg liegt auch schon viel Laub, so macht eine Herbstwanderung Spass. Nach einer Stunde Aufwärmen und mit zwei Handvoll Bucheckern in der Jackentasche kam ich nach Buttes, dem eigentlichen Ausgangspunkt meiner Wanderung. Jetzt gehts durch den kalten Schattenhang Richtung Chasseron hinauf, nach Ste. Crois sind 4.15 Std angeschrieben. Um meine Finger zu beschäftigen, hab ich die Zwei Handvoll Bucheckern geschält. Meinen Topf habe ich an den Gürtel gehängt, die Eckern hatte ich in der Jackentasche, so hab ich eine nach der anderen geschält. Die Guten ins Töpfchen, die Schlechten zurück in den Wald. Und ab und zu mal eine in den Mund. Weil ich nicht aufgepasst habe, hab ich mich dann auch einmal verlaufen, hatte aber dafür eine tolle Aussicht über das Val de Travers, über Fleurier und den Kessel von St. Suplice. Im Tal lag noch der Nebel, allein Fleurier war zu sehen, alles über dem Nebel herbstlich bunt und sonnenbeschienen. Also wieder ein Stück des Wegs zurück, wieder den gelben Schildern nach und ziemlich steil bergauf. Die Downhiller und Trotinett’ler mag das ja freuen, aber ich als Up-Hiker find das doch anstrengend. Und wie ich fertig war mit Bucheckern schälen, viel mir erstmal auf, wie steil das ist. Mit der Ablenkung in den Fingern hab ich einfach einen Fuß vor den anderen gesetzt, aber jetzt, als ich wieder aufschaue…

…komme ich am Brunnen der Feen vorbei. In dem Baumstamm des Brunnen ist eine Tür, neugierig, wie ich bin, hab ich sie natürlich geöffnet. Und was finde in dort? Eine Flasche Absinthe, ein erklärender Text und die Einladung, doch zu kosten. Es sind auch Plastik-Becher dabei (aber nur noch zwei Stück, deswegen nehme ich meinen eigenen) und eine Flasche Sirup für die Kinder. Der Bitte um eine Spende komme ich vor lauter Überraschung gerne nach und so gönne ich mir eine Pause mit dem Elixier der Feen und meinen frisch geschälten Buckeckern.

Leicht beschwingt steige ich weiter den Berg hinauf, durch einen goldenen Herbstwald. Aus der Ferne höre ich das Schreien einer Motorsäge und bald darauf das brachiale Knirschen und Krachen eines fallenden Baumes. Dann ist es ruhig und ich kann einen Specht hören. Klingt zumindest so ähnlich, klingt aber auch so, als würde er einen morschen Baum bearbeiten. Ein paar Singvögel zwitschern und dann röhrt die Motorsäge wieder los. Und das alles in diesem schönen gelb-gold-braunen Wald. Weiter oben komme ich durch das Skigebiet von Buttes, unter den stillen Liften hindurch, immer weiter bergan. Bald bin ich höher als „Les Citadelles“, wo ich gestern gelaufen bin, und ich kann weite Teile meiner gestrigen Wanderung überblicken. Ich hab gleich deutlich mehr Bezug zu dem Land, wenn ich mal hindurchgewandert bin. Es kommt mir vertrauter vor, nicht einfach nur Hügel und Wälder, sondern ein Stück mehr „mein Land“. Stetig, Schritt für Schritt steige ich weiter hinauf, bei jeden Wegweiser bin ich froh, dass Le Chasseron und Ste. Croix in die selbe Richtung zeigen. Ich verliere mich in Gedanken, grübel über die Party letztes Wochenende nach, welche Menschen und welche Geschichten ich dort getroffen habe.

Oben angekommen auf dem Chasseron, die letzte halbe Stunde Aufstieg war faszinierend leise. Außer dem Wind in meinen Ohren und meinen Schritten im nassen Gras hab ich nichts gehört. Welch eine Ruhe. Oben angekommen, Jungs, ich muss Euch sagen: Das Mittelland ist weg! Da unten ist nichts außer weißer Watte. Fluffig. Wabernd. Schneeweiß. Blendend. Fließend. Strahlend weiß, der Vorgeschmack auf den Winter mit dem verschneiten Bergen. Ganz langsam, im Takt der Stille, wallen die Wolken an den Jura hin, steigen langsam auf, werden vom Wind sanft wieder zurückgedrängt, fallen wieder zurück in dieses Meer der Wolken. Wie langsam, leise, anmutig und mächtig das ist….

Zum zMittag gabs geröstete Bucheckern und einen Kaffee, der nach Absinthe geschmeckt hat. Sehr lecker, hat sich nach ganze Schälen und nicht-naschen doch gelohnt 🙂 Ich musste das allerdings auf „kleiner Flamme“ mit dem Notkocher machen, denn hier oben, oberhalb der Baumgrenze, war nicht viel Brennholz zu finden. Und getrockneten Kuh-Dung wollte ich dann auch nicht verbrennen 😉

Nach einer ausgedehnten Genießer-Pause hab ich meine Socken gewechselt. Gestern bin ich mit „billigen“ Socken, die, die man für 10 Stutz das Dreierpack bekommt, neun Stunden lang mit nassen Füssen gewandert und ich hatte keine Blase. Heute habe ich die teuren Wandersocken für 20 Stutz ein Paar an und schon nach drei Stunden nassen Füssen hab ich zwei Blasen gelaufen. Hätte ich mir beim Berger Sport damals doch lieber Schuh-Pflegemittel aufschwätzen lassen… Aber jetzt hab ich „billige“ Socken an, die zwei Stunden nach Ste. Croix werd ich wohl auch mit den Blasen aushalten.

Hat dann auch geklappt mit den Blasen, der Abstieg war auch gemütlich, erst ein bequemer Wanderweg, dann auf der Strasse nach Ste. Croix rein. Mein iPhone hat mir auf die Frage, wie ich heimkomme, schon erzählt, dass die Bahnlinie nach Yverdon gesperrt ist, so konnte ich gleich zielstrebig zum Ersatzbus gehen. Viel Zeit zum Rumsuchen und Verstehen wär nämlich nicht mehr gewesen, er fuhr auch gleich schon los.
Dass wir in Vuiteboeuf wieder aus dem Bus geschmissen werden und auf den nächsten Zug warten müssten, hab ich aber erst dort mitbekommen 🙂

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One response to this post.

  1. Ich lese jetzt – Flipboard sei Dank – regelmässig Deinen Blog. Spannend geschrieben, Frank. Man glaubt sich manchmal selber mittendrin, auch wenn man „nur“ liest. 🙂

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