Röthenbach Brenzikofen

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Heute sieht’s wieder etwas nach Regen aus. Große dicke Wolken hängen am Himmel und ich mach mich – früher als die letzten Tage – auf den Weg nach Röthenbach. Mit der S-Bahn bis fast ins Emmental und mit dem Bus ein Tal nach dem anderen nach hinten bis Röthenbach. Fast eine Stunde dauert das. Mein Ziel: zum Aaretal vorlaufen, diesmal nicht am Chuderhüsi vorbei, sondern einen Hügelzug weiter bei den Bergen. Langsam nähere ich mich Eriz und den Sieben Hengsten.

So langsam komme ich in die Gegend, in der ab und an etwas Schnee liegt. Dafür, dass die Berge „im Schnee ertrinken“, ist hier unten gar kein Schnee. Und wie mich der Bus Kurve um Kurve durchs Emmental schaukelt, fallen mir fast die Augen zu. Ich bin müde heute. Der Morgen hat mich emotional doch recht angestrengt… In Röthenbach angekommen, habe ich der Dorfkirche einen Besuch abgestattet und für Heinz eine Spende in den Opferstock gegeben. Viertel vor Drei schlagen die Glocken, als ich mir meinen Wanderweg Richtung Brenzikofen suche.

Zwischen Landi und Metzger führt ein schmaler, auf der Karte gestrichelter, steiler Weg den Hügel hinauf. Senkrecht hinauf. Und ihr kennt diese Emmentaler Hügel. Senkrecht hinauf über den überwucherten, nassen und rutschigen Trampelpfad. Der steile Aufstieg geballt am Anfang, danach war ich wirklich aufgewärmt und meine Müdigkeit nicht mehr zu spüren. Dafür müsste der Rest der Wanderung recht leicht werden. Es ist bewölkt. Grau, aber nicht unfreundlich. Passt auch irgendwie besser zum Winter. Und ab und zu liegt auch ein kleines Fleckchen Schnee. Handtellergroß vielleicht, aber immerhin Schnee…

Oben angekommen stieß ich auf eine Gruppe Holz-Ernte-Arbeiter, die gerade Brotzeit gemacht haben. Die haben etwas verdutzt geschaut, als ich schnaufend an ihnen vorbei bin. Meinen Gruss haben sie aber wohlwollend und mit vollem Mund erwidert 🙂 Auf der geteerten Strasse ging es dann weiter, noch ein paar Höhenmeter bergan, aber im Prinzip bin ich schon oben. Hab eine Aussicht auf die nächste Hügelkette, dahinter verbergen sich die Berge allerdings in den Wolken. Ab und zu luegt mal ein Fleck blauer Himmel durch.

Kurz vor Hinterstouffen kam ich dann in den Schnee. Zwar nur knöcheltief und auch längst nicht mehr frisch, aber immerhin Schnee. Ist auch gleich etwas anstrengender zu laufen… Einen total abgemagerten Schneemann hab ich auch gesehen. Rechts und links von mir sind immer wieder Kettensägen zu hören, vorne fährt ein Holz-Laster die gesammelten Baumstämme weg.

Die Holzernte ist in vollem Gange. Als ich einer kreischenden Motorsäge immer näher kam, hab ich sicherheitshalber meine knallrote Warnjacke angezogen. Ich hoffe, so werde ich früher gesehen und gegebenenfalls früh genug gewarnt. In den Wäldern muss man nicht nur vor Jägern Angst haben, sondern auch vor fallenden Bäumen. Ich bin dem Waldarbeiter dann auch begegnet, aber gegen seine tagesleuchtrote Warnweste sieht meine knallrote Jacke eher wie Bordeauxfarben aus… Überall wird geerntet, links kreischen Sägen, rechts kreischen Sägen, hinter mir fällt plötzlich mit einem satten Wumms ein Baum zu Boden. Aber trotzdem kann ich in den kurzen Sägepausen ein paar Vögel zwitschern hören. Im Chrüzholz finde ich wieder einen Wegweiser, zur Falkenflue noch 1h30. Das kommt mir bekannt vor, in die Richtung gehe ich mal weiter. Bis dahin wird’s eh dunkel sein, ich hoffe, ich komme dann auch im Dunkeln dort hinunter…

Plötzlich kam ich aus dem Wald heraus und hatte die Koppeln des nächsten Hofes vor mir. Daran ging der Wanderweg vorbei und darauf stand ein großer schwarzer Dobermann. Kaum dass ich ihn gesehen hatte, hatte er mich auch schon gesehen und stellte seine Ohren auf. Mir schlug das Herz bis zum Hals… Weglaufen geht nicht, also allen Mut zusammen nehmen, sicher auftreten und daran vorbei. Nicht in die Augen schauen und – was mir meistens hilft – mit dem Hund reden. Um nicht auf Konfrontationskurs zu geraten, habe ich einen kleinen Bogen um ihn herum gemacht und ich war ganz erstaunt: er wollte mich gar nicht verjagen… Er nahm kurz von mir Notiz und ging seiner eigenen Sache nach. Wie ich mich nochmal umgeblickt hatte, war er sogar schon bis zum Waldrand gelaufen. Nach dieser durchblutungsfördernden Maßnahme ging ich am Hof vorbei und hatte bald mein Ziel vor Augen: das Aaretal und die Stockhornkette dahinter. Die Wolken hängen heute noch tiefer als am Montag und mich dünkt, es ist schon wieder viel Schnee von den Bergen verschwunden.

Der nächste Hof am Wanderweg war auch von einem Hund bewacht, diesmal ein Appenzeller Angstkläffer, äh… Sennenhund. Kaum dass er mich schon hundert Meter vom Hof entfernt entdeckt hatte, kam er laut bellend auf mich zu. Er wollte mich anknurren, aber mit seinem gesenkten Kopf und den hibbeligen Schritten, mit denen er um mich herum tänzelte konnte ich ihn nicht wirklich erst nehmen. Meinen Blickkontakt vermied er und mit einem forschen Schritt ließ er sich erschrecken. Seine Aufgabe bestand eher in einer Alarmfunktion als in der ernsthaften Verteidigung von Haus und Hof.

Gegen halb sechs war es dann schon so dunkel, dass ich im Wald nichts mehr gesehen hab und ständig über Wurzeln gestolpert bin. Zu meiner Rechten tat sich zwar noch die Wolkendecke über dem Mittelland auf, so dass ich tatsächlich noch einen Streifen Abendrot gesehen habe. Daran hätte ich ja nicht mehr geglaubt… Aber für den Wald war das nichts mehr und ich hatte bestimmt noch eine Stunde Strecke vor mir. Mit der Karte war leider auch nichts, hier oben hatte ich gerade mal ein bis zwei Strichlein Empfang…. Viel zu wenig für die Karte. Also bin ich die nächste Waldstraße links hinunter gelaufen. Das war auch recht gut, führte sie mich aus dem Wald heraus, wo noch etwas mehr Licht war. In der Ferne konnte ich das Lichtermeer von Thun erkennen und damit wuchs mein Handyempfang wieder auf mehrere Striche 3G. Ich konnte auf der Karte nachschauen und mich vergewissern, dass ich so ungefähr richtig bin. Die Forststrasse führte mich aber bald wieder in den dunklen Wald hinein, jetzt stolperte ich nicht mehr über Wurzeln, sondern rutschte in der aufgewühlte Erde aus oder verknickte meine Füße in Schlaglöchern… Aber es ging bergab, und da musste ich hin. Dann kann ich auf eine etwas besser ausgefahrene Waldstraße und im Augenwinkel hab ich im letzten Dämmerlicht eine gelbe Raute an einem Baum gesehen. War ich also doch wieder auf einem Wanderweg. Bald war ich auf einer Asphaltstraße gelandet, irgendwo oberhalb von Bleiken. Inzwischen war es ganz dunkel, deswegen war ich froh, auf geteertem Grund zu laufen. Also Strasse entlang, an vereinzelten beleuchteten Höfen vorbei, die Hunde waren inzwischen alle schon drin. Mit der Lichtverschmutzung aus Richtung Thun ist es gar nicht ganz dunkel geworden, meine Augen hatten sich dran gewöhnt und ich konnte gut der Strasse folgen. In Oberbleiken geradeaus, immer etwas den Berg hinunter, nach Niederbleiken. Hier kam ich dann auf die „große Strasse“, die sogar mit dem Luxus von weißen Fahrbahnbegrenzungen ausgestattet war. Daran konnte ich mich orientieren, damit konnte ich die Strasse entlang ins nächste Dorf, um den Hügel herum, immer weiter. Zwar ein Umweg gegenüber dem Wanderweg, aber bei dieser Dunkelheit war das einfach nur angebracht. Ich hätte mich sogar im völlig finsteren Wald an den weißen Seitenstreifen orientieren können, wenn nicht ständig Autos vorbeigefahren wären. Dieses ständig (Fern-) Licht und Dunkel war mir dann irgendwann zu blöd und als der nächste Waldweg kam, hab ich mich entschlossen, dort abzubiegen. Handynetz und damit meine Karte hatte ich ja, verlaufen konnte ich mich also nicht. Aber im Wald war es völlig finster. Nichts zu sehen, nichts zu erkennen, ausser den Autoscheinwerfern oben auf der Strasse. Was war ich froh um meine Taschenlampen-App auf dem iPhone. Mit dieser und der Karte bin ich dann durch den Wald hinunter nach Helisbühl gelaufen. Hier gabs dann wieder Strassenlaternen und ich hab den Weg ins nächste Dorf Brenzikofen gefunden. Den Weg kannte ich ja schon. Über Thun bin ich dann wieder nach Bern gefahren. Vier Stunden und meine erste Nachtwanderung in diesem Jahr.

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