Bowil Langnau

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Bowil empfängt mich mit einer weißen Landschaft und bewölktem Himmel. Fast schon warm mit dieser Wolkendecke. Und fast so gleichgültig, eintönig, lustlos wie ich hier mich grad fühle. Schnee liegt auf den Feldern und Wiesen, auf den Hängen und auf den Bäumen im Wald. Meine Schritten knirschen im Schnee. Richtung Schüpbach geht’s heute, das Chuderhüsi irgendwo rechts auf dem nächsten Hügel.

Scheune bei Bowil

Ich suche eine Stelle für… naja…, kein Baum in der Nähe… und überall weisser Schnee. Wo könnte ich hier meine dringende gelbe Spur verstecken? Eine Scheune, mehr ein Schuppen, und dahinter ein freigeschmolzenes Fleckchen Erde. Hier fällts nicht auf. Oder ich mach’s wie die Hunde, alle hundert Meter eine Markierung. Nur dafür müsste ich noch an der Feindosierung üben und auch die wärmespendende Verpackung etwas flinker handhaben.

Schneeverwehung am Bach

Der graue Himmel verhindert das Blenden der Schneedecke, aber der Weg ist trotzdem kaum zu erkennen. Ein paar Fußspuren und alle paar hundert Meter wieder ein Pfosten mit den gelben Schildern des Wanderwegs. Ich komme gerade aus dem Büro, hab keine Schneeschuhe dabei. Und eigentlich habe ich heute wieder die Freiheit, einfach querfeldein zu laufen. In etwa der Bahnlinie entlang, in etwa diesem Tal entlang. Und ich wage es, diese Freiheit zu nutzen, gehe querfeldein durch den Schnee. Knöcheltief etwa. Ja, die Wanderschuhe werden nass. Aber ich gehe über unberührten Schnee. Stapfe durch diese graue Eintönigkeit, denke an meine Wüste und meine unerreichbare und unnahbare Fata Morgana. So nah, so verlockend nah und doch so fern und unerreichbar.

Ein Bach. Gut, hab ich ihn gesehen, konnte darüber hinwegspringen. Weiter. Tieferer Schnee, flacherer Schnee. Eine leicht gehärtete Oberfläche, die mich knirschend einsinken lässt. Weiter über die Strasse, weiter geradeaus, weiter durchs weite Weiss. Vorbei am Dorf Steinen, unterhalb der Ruine Neu Signau entlang, rechts und links reihen sich die steilen Hoger des Emmental auf. Die Strasse rauscht, meine Schritte knirschen und ich versuche freier zu werden und mich zu genießen. Diesen Rat hatte ich heute dringend, sehr dringend, nötig, gut hab ich ihn mir noch abgeholt, bevor ich losgezogen bin.

Winter im Emmental

Es ist warm, ich hab trotz meines langsamen Schrittes zu viel angezogen. Meine Handschuhe trage ich schon die ganze Zeit in den Jackentaschen mit mir herum. Es geht kein Wind, das macht viel aus.

Ich stapfe durch den Schnee, gesenkten Blickes und hängenden Hauptes, beobachte, wie jeder meiner Schritte etwas Schnee vor mir herkickt, verloren in Gedanken, zwischen wünschen und träumen, hoffen und lieben, verzweifeln und nicht aufgeben dürfen, da bemerke ich, ganz sachte, kaum zu sehen, leise, ohne einen Ton, neben mir, dass ich nicht alleine bin. Ganz vorsichtig hat sich mein Schatten zu mir gesellt, unaufdringlich, ohne sich anzukündigen, ganz fein, aber da. ER ist bei mir, ER tröstet mich, ER lässt mich ein wenig weniger allein sein. Ich schaue auf und sehe, ich musste es glauben, denn Wissen widersprach hier, blaue Flecken am Himmel. Die Wolken lockern sich auf, es kommt etwas Farbe ins monotone Grau und ein klitzekleines bisschen Sonnenstrahlen malen ein paar mehr Striche, Schatten und Farbnuancen in die Welt um mich herum. Ich sollte wohl an das Gute meiner eigenen Freiheit glauben.

Ein Fleck blauer Himmel
Evangelisch methodistische Kirche

Mit lautem Getöse, kein Kapitel geht lange, brausen die Autos unter mir durch, als ich am Stocki die Strasse mit der Brücke überquere. Auf der anderen Seite, Signau, die Kirche ist mir schon bekannt, rückt näher, suche ich mir wieder einen „keinen Weg“ durch unberührt natürlich geformten Schnee weiter in Richtung Emme. Der steile Geisswald zur Linken, die blauen Flecken des Himmels über mir, komme ich an dem Haus der evangelisch methodistischen Kirche vorbei. Hier hängt ein Plakat über Enttäuschung, schwarz weiß mit rot, gezackt emotional und für diesen Moment recht eindrücklich für mich. Dieses gibt mir zu Denken, während ich mich den Bach entlang nach Signau bewege. Aber wie ich es auch drehe und wende: Enttäuschung ist ein Nach-Denken und kein Vor-Denken. Eine Opferrolle und kein Schöpferbewusstsein. Und kommt von Täuschung, meistens Selbst-Täuschung.

Vereister Schüpbachkanal

Am vereisten Schüpbach entlang, staunend ob der Vereisung des Baches und dem Zusammenspiel zwischen Eis und fließendem Wasser, ließ ich Signau links von mir liegen und kam irgendwann zum Ort Schüpbach, wo der gleichnamige Bach in die Emme fließt.

Schüpbachbrücke

Hier gibt es eine stolze große Holzbrücke über die Emme zu bestaunen und auch einen Geocache zu heben. Hier machte ich Pause, auch mit der Beruhigung, dass Langnau nur noch knapp eine Stunde weg ist und es, dank des immer grösser gewordenen blauen Flecks am Himmel, noch lang nicht nach Dunkelwerden aussah.

Schüpbachbrücke
Emme bei Schüpbach

So stand und ging ich auf der Holzbrücke herum, ließ mich jedesmal, wenn ein Auto darüber fuhr, mitwippen und ergötzte mich am Anblick der teils gefrorenen und verschneiten Emme mit dem blauen Himmel im Hintergrund. Ich las ein paar Infos über die Brücke, ließ mich wieder mitwippen und suchte den Geocache. Als dann ein Lastwagen über diese Holzbrücke fuhr, wippte sie nicht nur stärker, nein, sie ächzte und knarzte und knackte im ganzen Gebälk. Was ein Arbeiten und Werken in dem Holz, aber trotzdem macht sie einen sicheren Eindruck. 40 Tonnen kann sie tragen und biegt sich dabei nur 3 cm durch.

Nachdem ich den Cache gefunden hatte und mir dabei auch die Holzkontruktion von unten angeschaut hatte, wollte ich, bevor ich weiter nach Emmenmatt zog, noch einmal Wippen. 🙂 Also nochmal in die Mitte gestellt, die Emme beobachtet und ein paar Autos abgewartet. Hüpf hüpf hüpf, schon faszinierend, wie elastisch so eine Holzbrücke ist. Jetzt aber weiter, langsam wird’s frisch. Liegt wohl am Wasser und der Feuchtigkeit. Gut dass ich auch mit meinen Handschuhen noch recht schnell auf dem iPhone tippen kann.

Eis auf der Emme

Strammen Schrittes der Emme entlang sah ich faszinierende Inseln aus Eis und Schnee, gefrorene Wasserfälle und dick vereiste Klippen. Jetzt fängt es langsam zu Dämmern an, ich weiß gar nicht, wie lange es zur Zeit hell bleibt. Aber Langnau sollte ich auch im Dunkeln finden. Mit der nächsten schönen Holzbrücke, der Brunnmatt-Brücke, überquerte ich dann die Emme und war schonmal auf der richtigen Seite. Jetzt vielleicht querfeldein nach Langnau?

Holzstapel

Der angenehmere Weg ging dann doch die Emme entlang bis zur Ilfis-Mündung und diese dann aufwärts nach Langnau. An der ARA und der Kadaver-Sammelstelle hab ich noch einen Cache gehoben, dann ging’s auf der anderen Seite der Ilfis weiter. Aus der Dämmerung wurde langsam Dunkelheit und dank meines forschen Schrittes kam ich doch glatt nochmal ins Schwitzen. Noch ein Cache am Iflis-Center gehoben, der ging echt im Vorbeigehen.

Leuchtturm in Langnau
ilfis center

Am Bahnhof war dann auch noch ein Geocache versteckt. Die S-Bahn nach Bern stand schon wartend auf Gleis 1 und nachdem ich ja sonst so ein Pech hab mit der Heimreise, wollte ich schon den Cache sausen lassen und einsteigen. Auf der Anzeigetafel hab ich dann aber gesehen, dass sie erst in einer viertel Stunde fährt. Was für eine Herausforderung, in dieser Zeit den Cache zu finden. Es war zwar schon dunkel, was ich aber zu meinem Vorteil nutzen konnte. Aber ich hab den Schatz nicht gefunden. Aufgeben und heimfahren oder S-Bahn sausen lassen? Da hatte mich dann doch der Ehrgeiz gepackt und hab noch ein Versteck erforscht. Über zwei Müllsäcke gestiegen, in einer dunklen Ecke, gut, dass ich meine Taschenlampe noch eingepackt hatte. Ein weiterer beherzter Griff und ich bin fündig geworden. Die Schatztruhe durchstöbert und mich im Logbuch eingetragen, den Schatz wieder in der dunklen Ecke versteckt, konnte ich mich der Heimfahrt widmen. Langnau… Tief im Emmental. Das kann dauern, bis ich in Bern bin… Ich zog mein iPhone zu Rate, wie das am schnellsten ginge und siehe da: in zwei Minuten geht der Schnellzug nach Bern, Zwischenstopp in Konolfingen und drei Minuten später in Bern als die verpasste S-Bahn. Wenn das mal kein Glück ist…

Blauer Himmel in Schüpbach
Blauer Himmel in Schüpbach
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