Kemmeriboden Rundweg

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Es regnet. Boa, die Nacht hat’s vielleicht geschüttet… Gut dass ich noch zu Hause übernachte. Es war schon hell, als ich los gezogen bin, und aktuell ist es auch trocken von oben. Ich fahre wieder nach Kemmeriboden. Im Internet hab ich gelesen, dass die Wanderung nach Habkern etwa 4.5 Stunden dauern soll. Aber ich weiß gar nicht, wie die Schneeverhältnisse dort oben sind.

Ich hab das Gefühl, dass ich irgendwas vergessen hab, der Rucksack ist heute so leer. Oder hab ich meine Sachen besonders gut komprimiert? Aber so passt wenigstens mein Faserpelz noch oben drauf, den werde ich heute wohl trocken brauchen. Ich lasse mich wieder durchs Luzerner Hinterland fahren, heute bin ich später dran als gestern. Es läuft kein Radio im Bus, die Kinder sind auch schon in der Schule, der Morgen ist ruhiger als gestern. In den Hügeln und Wäldern hängen die Wolken, viel tiefer als gestern. Die Wettervorhersage im Bus sagt für heute „Bewölkt, etwas Regen“ voraus. Und das ist mehr Regen als gestern.

Im Kemmeriboden angekommen zeigt sich das Wetter recht freundlich. Die Schibeflue ist zwar noch von leichten Nebelschwaden umgeben, darüber bemüht sich aber schon die Sonne, für klare Sicht zu sorgen. Habkern ist hier mit 4:45 Stunden angegeben, ich mach mich sogleich auf den Weg. Es ist frisch hier, fast schon kalt.

Die Strasse führt mich der Emme entlang stetig bergan, ich versuche, einen langsamen Rythmus zu finden. Links unter mir rauscht die Emme durch eine immer enger werdende Schlucht, die Felswände bestehen hier nicht aus Nagelfluen, sondern aus einzelnen Schichten von Sedimentgestein. Aufgeworfen und angehoben, gebogen und geknickt, liegen diese Schichten irgendwie schief in der Landschaft.

Riesige Brocken sind aus den Wänden herausgefallen und liegen mitten in der Emme, der Fluss unterspült sie, das stille Schauspiel der Natur sieht großartig aus. Ab und zu liegen noch Reste vom Schnee auf den Felsen und durch all das rauscht und strömt und fällt und fließt die Emme. Plötzlich höre ich einen Donner, erschrocken schau ich auf und sehe blauen Himmel. Als der Donner nicht aufhört und sich auch noch bewegt, merke ich, dass das Düsenflugzeuge sind. Stimmt, die Militärbasis Meiringen liegt ganz in der Nähe, eigentlich nur hinter dem nächsten Gebirgszug.

Beim Hinteren Hübeli graben sich diverse Bäche tief ins Gestein ein, bilden Wassermühlen und -fälle, rauschen, schäumen, toben. Überall ist Wasser, von überall kommen Bäche herunter und speisen die Emme. Mehrmals muss ich auf der Karte schauen, ob das überhaupt noch die Emme ist, anhand der Größe unterscheiden sich die verschiedenen Bäche nicht. Im Birchenmoos werde ich von der Höhe des Schnees überrascht und bin mir nicht sicher, ob ich den Wanderweg nach Habkern folgen soll. Das dürfte anstrengend werden, mindestens knietief im Schnee einzusinken.

Oh ja, es war anstrengend. Ein Schritt nach vorne, rutschig? Nein, hält. Belasten. Geht’s? Gut, anderes Bein hochnehmen, plötzlich doch einsinken, knietief, Rucksack balancieren, anderen Fuß irgendwohin setzen, bloß nicht umfallen, Stock in den Schnnee stecken, daran festhalten, der erste Fuß versinkt nicht mehr, dafür war den zweiten irgendwohin gesetzt, dort rutscht er weg. Am Stock festhalten. Puh. Beide Füße stehen wieder. Linken Fuß wieder vor, steht. Stock nachziehen, der steckt im Schnee, senkrecht wieder rausziehen, rechten Fuß nach vorne, während der Linke wieder wegrutscht, nach rechts. Ausgleichsschritt mit dem rechten Fuß, über Kreuz, Stecken wieder in den Schnee gerammt, rechten Fuss korrigiert, linken nachgezogen. Wanderstab herausziehen, etwas weiter vorne wieder einstecken, jetzt rutscht der rechte Fuß weg, schnell mit dem linken einen Schritt nach vorne, rutscht auch weg, also Balance nicht verlieren und den rechten Fuß irgendwohin gesetzt. Steht. Uff. Nicht umgefallen. Der Wanderstab steckt wieder fest, also nach hinten lehnen und ihn wieder senkrecht herausziehen. Rechten Fuß heben, ein Schritt weiter, der Linke versinkt bis zum Knie im Schnee. Wanderstab neben mir platziert, daran wieder hochgezogen und auf den rechten Fuß gestellt. Mühsam. Anstrengend.

Der Weg ist ein Winterwanderweg, deswegen war dort, wo die vielen Menschen eine Spur getreten haben, der Schnee etwas mehr vereist und entsprechend härter. Hier schmilzt er auch nicht so schnell weg. Auf diesem Eispfad hatte ich ein etwas kleineres Risiko, einzusinken. Aber eben nur etwas kleiner. Und nachdem die Spur etwas erhoben war, bestand zusätzlich die Gefahr, seitlich abzurutschen und dann doch im weichen, sulzigen Schnee daneben wieder knietief einzusinken. So war der Weg eine Gratwanderung, ein kleiner Fehltritt brachte ganz automatisch einen Korrekturtritt. Jeder einzelne Schritt war ungewiss, jeder dritte rutschte in den Tiefschnee. Und mein Wanderstab ließ sich auch nicht in den Schnee stecken, nach vorne bewegen und wieder rausziehen, nein, wenn der mal knie- bis hüfttief im Schnee steckte, konnte ich ihn auch nur in dem selben Winkel wieder herausziehen. Natürlich doof, wenn ich schon zwei, drei Schritte weiter vorne war.

Ich dachte eigentlich, dass ich auf der Sonnenseite des Tals laufe und dort schon aller Schnee weggeschmolzen sei. Aber diese Seite war mit Wald bewachsen, darin gibts auch Schatten und kalte Stellen, so hatte ich mehr als die Hälfte diesen mühsamen Schnee. Aber jedesmal, als ich wieder festen Boden unter den Füssen hatte, war ich froh, konnte ich doch ein paar Schritte normal laufen.

Aber schnell war ich heute nicht. Nach etwa zwei Stunden kam ich an ein Schild, welches nach Habkern noch vier Stunden veranschlagte. Das war eine Dreiviertel Stunde weniger als Kemmeriboden, wo ich gestartet bin. Keine Chance, bei diesen Verhältnissen noch heute dort anzukommen. Ich beschloss, noch etwas weiter zu laufen, ich glaubte die ganze Zeit daran, dass der Weg noch besser werden würde. Aber immernoch Schritt vor Schritt gesetzt, ganz vorsichtig balanciert, dann doch abgerutscht, wieder aufgefangen, ein Schritt nach vorne, einen zur Seite, Wanderstab steckengeblieben, rausgezerrt, eingesunken, rausgekämpft. Echt anstrengend heute.

Ich hatte auch keinen Blick für die Umgebung, jedes Aufschauen wurde sogleich bestraft und ich steckte wieder knietief im Schnee. Aber auch als ich bei der nächsten Hütte keine Lust mehr hatte und Rast machte, Zeit hatte, mich umzusehen, war nicht viel zu sehen. Schnee, Bäume und tief hängende graue Wolken. Aber dabei fiel mir auf, dass es gar nicht regnet, wie schon befürchtet.

Ich ließ mich bei einem großen Baumstumpf mit zwei Felsen nieder, sammelte drei Hände voll Feuerholz und kochte Wasser. Meinen Poncho als Decke auf den Boden gelegt und erstmal die triefnassen Wanderschuhe und Socken ausgezogen. So nass hab ich meine Wanderschuhe noch nicht erlebt, selbst bei den Schneewanderungen im Eriz nicht. Trockene Socken und, verschwitzt wie ich war, Klamotten sind doch etwas angenehmes auf einer Wanderung. Mit meinem kleinen Feuer habe ich Tee-Wasser gekocht und meine Socken getrocknet. Dank dem Tee und dem trockenen T-Shirt ist mir nicht kalt geworden. Noch einen Teller Nudeln gemacht, diesmal einen dieser Fertigbeutel.

Internet oder Handy-Empfang hab ich hier nicht, ich war auch nicht in der Stimmung, auf dem iPhone zu tippen. Ich habe mich ausgeruht und mir bewusst gemacht, dass ich ganz alleine hier draußen bin. Die Bergbauern sind noch nicht da, noch zu viel Schnee, unter der Woche kommt auch keiner wandern. Winterwandern mit Schneeschuhen wäre auch mühsam, die müsste man immer ab- und anschnallen. Winterwandern ohne Schneeschuhe ist auch mühsam, wie ich selber ja gerade teste. Das Wetter ist auch nicht toll, ich sehe nichtmal das Augstmatthorn und seine Kette, die direkt vor mir sein müsste. In sehe nur die Bäume in meiner Umgebung und die Wolken, die dazwischen umher ziehen. Ich bin froh, dass es immernoch nicht regnet, denn mein Dach aufspannen kann ich hier nicht.

Irgendwann war das Feuerholz alles verbrannt, die Socken zwar nicht trocken, aber wenigstens warm und mir wird langsam kalt beim Sitzen und Gucken. Ich packe also wieder zusammen. Gegen meine kalten Füße ziehe ich das warme Paar einfach drüber, Faserpelz lasse ich auch an, der Rest kommt wieder in den Rucksack. Aufs Abwaschen verzichte ich heute, das mache ich dann zu Hause. Rucksack wieder geschultert mache ich mich auf den Rückweg. Wieder durch diesen sulzigen Schnee, wieder diese anstrengenden Schritte, einer nach dem anderen. Da hilft es nichtmal etwas, dass ich in meinen eigenen Fußstapfen laufe, die Hälfte ist eh seitlich abgerutscht oder tief versunken. Aber anhand meiner Spuren kann ich wenigstens abschätzen, wie tief ich einsinken werde.

Ich denke vor mich hin, denke an meine Familie, an die Konfirmation, die bald ansteht. Ein paar mal rutsche ich noch aus, als ich mit Schnee-Sohlen auf die Holzbretter einer Brücke steige, ziehts mit den Fuß weg und ich falle hin. Mann o Mann… Langsam wird’s echt mühsam!

Doch bald bin ich wieder auf der geräumten Strasse und auch bald wieder im Kemmeriboden. Zu meiner Verwunderung fährt grad das Postauto vor, ich dachte eigentlich, ich müsste eine Stunde warten. Ich komme mit dem Chauffeur ins Gespräch und er erzählt mir, dass wir uns am Sonntag schon begegnet sind. Auf dem Weg vom Räbloch nach Schangnau runter. Und dass ich doch der Wanderer war, auf den das Postauto extra gewartet hatte 🙂 So sieht man sich wieder. Das hintere Emmental ist halt doch klein…

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