Avignon

Google EarthGPXauf der KarteBilderRunKeeper

Nee, nee, also das mit dem Wetter ist irgendwie nix… Ich war ja ganz froh, dass ich den Schnee im Schwarzwald in meinem Schlafsack ertragen konnte, aber die ganze Zeit Niederschlag? Ich weiß ja nich, so sehr Outdoor-fixiert bin ich denn auch noch nicht. Beziehungsweise, meine Komfort-Zone braucht halt doch noch etwas wärmeres Wetter als ständig nur diese Aussichten:

20120415-085823.jpg

Eine Woche hab ich gewartet und mich mit meinen Indoor-Hobbies beschäftigt, aber es wird nicht besser.

Deswegen hab ich auf der Wetterkarte geschaut, wo denn in Europa die Sonne scheinen könnte und hab mich kurzfristig entschieden, einen Ausflug nach Avignon zu machen. Der Rucksack steht eh fertig gepackt, online schnell die Verbindung rausgesucht und am nächsten Morgen losgezogen. Um halb sieben (am Sonntag Morgen!) war sogar der SBB Schalter am Bahnhof offen und konnte mir das internationale Billet ausstellen.

Mit der SBB durch den grauen Sonntag-Morgen, am Genfer See konnte ich vor lauter Wolken nicht einmal das gegenüberliegende Ufer sehen. Ganz schön trüb, vor allem weil ich die Gegend hier bei Sonnenschein ja kenne… Dunkle Wolken hängen tief in der Landschaft, es ist kühl und alles grau in grau. Regennasse Strassen, regennasse Schienen, wenn überhaupt Menschen zu sehen sind, dann mit warmen Klamotten und Regenschirm. Regentropfen ziehen am Zugfenster dahin, je schneller der Zug fährt, desto schräger. In den Bahnhöfen laufen sie wie traurige Tränen senkrecht hinunter.

Beim Umsteigen war ich ja ganz erstaunt über den Regioexpress zwischen Genf und Lyon. Weiche Polstergruppen, viel Raum in den Wagen, vor allem eine große gefühlte Kopffreiheit. Hell und freundlich beleuchtet, ich hab dreimal geschaut, ob ich auch wirklich in der zweiten Klasse bin. Wenn es hier schon so luxuriös zugeht, wie sieht dann die erste Klasse aus? Ich nehme das Sofa gleich neben der Gepäckaufbewahrung, das ist längs zur Fahrtrichtung, da kann ich meinen Kopf auf die Lehne legen und direkt aus dem Fenster sehen. Und ich habe meinen Rucksack im Blick und auch im Griff. Die Rhône zieht vorbei, mächtig, breit und grün. Die Wolken- und Nebelschwaden hängen kaum höher als in den Baumwipfeln.

Der Zug fährt an alten Dörfern und eindrücklichen Felswänden vorbei und durch saftig grüne Wiesen und Wälder. Ich entdecke viele Höhlen in den Felsen und einmal sehe ich sogar Rehe vor dem Zug flüchten. Ab und zu halten wir mal in einem Dorf, ich versuche anhand der Durchsage zu erraten, wie sich der Name wohl schreibt. Wenn ich’s im Bahnhof dann lese, liege ich meistens daneben 😉 Mit der Zeit hängen die Wolken immer höher, es hat aufgehört zu regnen, aber in Lyon ist wieder schlechtes Wetter. Hier steige ich dann in den Doppelstock-TGV Richtung Marseilles ein. Der fuhr dann so schnell, dass die Wassertropfen an den Scheiben fast waagerecht verliefen. Wie war das ? Ab 120 km/h regnets auch nicht mehr ins Cabrio 🙂 Es blieb grau und trotzdem sich die Ebene weitete, war nicht mehr zu erkennen als ein paar Bäume und viele, viele Wolken. Allein die blühend gelben Raps-Felder versuchten, etwas Farbe in diese Tristesse zu bringen.

Leider ist diese Schnellstrecke meistens von einer Mauer oder einem Wall umgeben, so dass ich nicht viel von der Landschaft gesehen habe. GPS Empfang gabs auch nicht, so konnte ich nichtmal schauen, wie schnell der Zug unterwegs ist. Das eintönige und gleichmäßige Fahren des Zugs ließ mich einnicken. Als ich wieder aufgewacht bin, war der Himmel tatsächlich anders: Blau ! Zwar immernoch Wolken, aber Blau!

Ziemlich windig war’s, als ich in Avignon ausgestiegen bin und ein paar Tröpfchen geregnet hat’s auch. Aber der Himmel ist blau mit ein paar Wolken dran und wärmer ist es hier auch. Und die Sonne scheint. Nach dem Aufwachen und etwas hektischen Aussteigen hab ich mir erstmal den Bahnhof angeschaut (architektonisch wertvoll, wie eine große Kathedrale, sagt man), etwas gegessen und zum Einstieg den Geocache am großen Parkplatz geholt.

Der TGV Bahnhof von Avignon liegt weit draussen vor der Stadt, fast wie ein Flughafen. Ich wollte mich zu Fuß durchschlagen, hab aber auf der Karte keinen Fußgänger-geeigneten Weg gefunden. Alles Autobahn oder Industriegebiet mit geschlossenen Ringstraßen, keine kleinen Straßen oder Wege Richtung Stadt. Dafür lag überall der Dreck rum, den die Menschen hier so aus dem Auto werfen. Frankreich halt… Hier geht man auch nicht zu Fuß. Deswegen bin ich mit dem Shuttlebus in die Stadt gefahren. Der Chauffeur war etwas erschrocken ob meinem Wanderstab, aber „Hiking“ auf englisch hat er nicht verstanden. Als mir dann gerade noch das Wort „Randonée“ eingefallen ist, war’s ihm dann klar. Macht dann 1,20 € für die Fahrt in die Stadt.

An der Post in der Stadt angekommen, hab ich mich kurz mit meinem iPad orientiert, hab dieses wieder in den Rucksack gesteckt und bin durch die Stadt geschlendert. Ich kam am Papstpalast vorbei, hab prompt auch das Touristenbähnli gesehen, bin hingesessen, hab das schöne Wetter genossen. Nur der Wind ist ab und zu recht böig, morgen sollte ich vielleicht noch ein T-Shirt drunter ziehen… Und wie ich weiter lief und schaute, hab ich doch glatt den ersten Touristen gesehen, der mit dem iPad Fotos oder Filme aufnimmt. Schaut schon etwas ungewöhnlich aus, wenn jemand in darbietender Haltung den Apfel in die Luft hält, und das auch noch vor einem wichtigen katholischen Heiligtum. Aber Ihr kennt mich, daran könnte ich mich ja gewöhnen, dass der Typ allerdings sein rosarotes Smartcover noch am iPad dran baumeln hatte, das sah echt vermeidenswert aus… Ich hab ihm über die Schulter geschaut und ich muss schon sagen, eine Kamera mit 10″ Sucher ist auch nicht zu verachten…

Ich bin weiter durch die Stadt geschlendert, hab Kunststudenten beobachtet, wie sie den Papstpalast skizziert und gezeichnet haben. Es sind viele Touristen unterwegs, bin zur berühmten Pont d’Avignon gekommen, die eigentlich Pont Saint Bénezet heisst, hab dort gleich die günstige Gelegenheit genutzt, den Cache zu heben.

Es scheint die Sonne, es ist angenehm warm, wenn der Wind halt nicht wär. Ab und zu frischt er ziemlich böig auf, das macht ihn bisweilen ziemlich unangenehm. Ich bin mir nicht sicher, ob ich den Faserpelz ausziehen oder meinen Windbreaker anziehen soll. Über die nächste Brücke ist ein Campingplatz mit angeschlossener Auberge. Aber für Hängematte ist mir zu ungemütlich und die Herberge macht erst um fünf Uhr auf. Der Wind hat sich gerade gelegt, ich setze mich auf der Uferpromenade auf eine Bank und beobachte die Tiere. Die Enten haben schon Nachwuchs, was die Erpel aber nicht dran hindert, sich auf ihre Weibchen zu stürzen und diese fast unterzutauchen. Die Gruppe Tauben, die der kleine Junge in meine Richtung getrieben hat, sind auch eifrig dabei, um die Weibchen zu werben, locken, gurren und balzen. Wobei der eine weiße Täuberich mit dem braunen Kopf nicht wählerisch ist. Wenn sein Balztanz bei der einen nichts bringt, versucht er, bei einer anderen zu landen. Und plötzlich kommt eine Horde französischer Touristen, nicht mehr im Balz-Alter, aber mit ähnlich viel Geschnatter, an mir vorbei. Sie entdecken die junge Entenfamilie und -jöö- bauen sich alle vor mir auf um die Entlein zu sehen. Ich hab vor lauter Menschen die Stadt gar nicht mehr gesehen. Die Sonne hat sich verdunkelt! Ach so… Eine Wolke.

Als an meinem Standort wieder Ruhe eingekehrt ist, hab ich meinen Rucksack auch wieder geschultert und bin zurück in die Stadt gegangen. Mal sehen, ob ich eine Schlafgelegenheit finde.

Und wie ich so stöberte und durch enge Seitengassen strolchte, ein ums andere Mal fragte, fand ich doch eine kleine, günstige Herberge innerhalb der Stadtmauern zum Preis von der Auberge auf der anderen Flusseite. Wenn der Unterschlupf nicht aus Hotel-Sicht, sondern aus Hängematten-Sicht betrachtet wird, ist er gar nicht so schlecht. Ich bin in der Stadt, hab fließend Wasser (Dusche sogar auf dem Zimmer) und darf sogar die Toilette auf dem Flur benutzen. Nun gut, die Hygiene der Bettwäsche möchte ich nicht testen, aber dafür hab ich ja meinen Schlafsack dabei. Kaum eingezogen, also eher Rucksack abgestellt, speichere ich mir den Standort als GPS Punkt, damit ich später auch wieder zurück finde. Und begebe mich wieder in die Gassen. Was hab ich im Schwarzwald gelernt? Schutz und Wasser hab ich jetzt, Feuer und Nahrung stehen als nächstes auf dem Programm. Und Internet.

Der Wind pfeift zeitweise ganz schön fies durch die Gassen, aber ich bin froh, habe ich das graue Einheitswetter der letzten Woche mit diesem Wetter hier getauscht. Plötzlich kommt wieder die Sonne raus, die Kirche neben mir leuchtet auf, als würde sie mir mit stolz geschwellter Brust ihre historische Bedeutung zeigen wollen. Die Bäume leuchten in einem kräftigen Grün und locken mich von einem Hinterhof zum nächsten. Ich versuche, mir die Lage meines Zimmers einzuprägen. Eigentlich nur die Strasse von der Post hinein ins Zentrum, irgendwann mal links, Rechtskurve folgen, abbiegen und dann auf der linken Seite. Kurz bevor dieses Museum kommt, von dem ich schon gelesen habe.

So orientiert bin ich in der Abendsonne zum Bahnhof vor, um mal der Stadtmauer entlang einen Eindruck der Größe der Altstadt zu bekommen.

Nach zwei Stunden war ich wieder am Bahnhof angelangt. Drei Geocaches konnte ich auf dem Weg heben, bei einigen war allerdings zu viel los. Jetzt bin ich wieder am Ausgangspunkt, jetzt habe ich Hunger.

Beim McDonalds hab ich kostenloses Internet gefunden, gleich gegenüber war ein kleiner Baguette-Laden. Einmal „Poulet Complet“ zum z’Nacht. Ich bin noch weiter durch die Stadt gestreift, wollte einem Bettler noch englisch abringen, aber er konnte mir „un Euro“ nur in Zeichensprache erklären. Ich war in Spendierlaune, hab ihm grad zwei gegeben und er bedankte sich überschwenglich, lobte mich, was weiss ich alles. Ich hab ja nichts verstanden. Damit zog er wieder von dannen. Kurz drauf kam er wieder, er hätte einen Euro verloren, ob ich ihm noch einen hätte… Also, wenn er so mit meinem Geld umgeht, dann kriegt er nix mehr von mir. Am liebsten hätte ich ihm den zweiten wieder zurückgefordert… Ich musste ihn schon richtig abwimmeln, langsam fand ich’s frech. Er verschwand dann um die Ecke, während ich mein Baguette aß, plötzlich taucht er wieder auf. Mit ner Bierdose in der Hand. Und steuert gradewegs auf mich zu. Also, eigentlich auf den Typen zu, der grad auf der Parkbank sitzt. Als er dann erkannt hatte, dass ich das immer noch bin, hat er einen Haken geschlagen und verschwand in einer Seitengasse.

Nach dem Essen ist mir der ständige Wind dann bald zu kalt geworden, ich bin in meinen angemieteten Unterschlupf gegangen, hab mich auch fast nicht verlaufen, und meine Internet-Sachen vorbereitet. Blog fertig geschrieben, Bilder importiert und bearbeitet, Geocache-Logs vorbereitet. Dann noch auf einen Kaffe zum McDonalds und ins Internet.

Danach aber gleich in die Heia, ich bin nämlich ziemlich müde.

Zweiter Tag

Um halb sechs kam erst die Müllabfuhr und hat vor meinem offenen Fenster mit den Tonnen geklappert, dann kam die Strassen-Kehr-Maschine und hat Radau gemacht. Jetzt war ich wach… Also aufstehen, frisch machen und etwas wärmer als gestern anziehen. Der Wind pfeift immernoch durch die Gassen. Und wie ich noch im Dunkeln den Fuß vor die Tür setze, kommt gerade dann die Straßenreinigung mit ihrem Wasserstrahl vorbei. Der Mann hätte mich fast mit der Seifenlauge angespritzt.

Ja, tatsächlich, hier werden die Strassen mit Seife gewaschen, das ist mir an verschiedenden Stellen in der Stadt aufgefallen. So stöberte ich beim hell werden, in der blauen Stunde, durch Avignon, konnte mir in Ruhe und ohne Touristen die Gebäude anschauen und ein paar Geocaches heben. Es wird schönes Wetter, blauer Himmel mit ein paar Wolken.

Nach zwei Stunden mehr oder weniger planlosen Hin- und Herwanderns, von einem Geocache zum nächsten, war die Stadt aufgewacht und die Menschen unterwegs in den Strassen. Es ist tatsächlich schönes Wetter, ich überlege, meine Regenjacke ins Zimmer zu bringen, lass sie aber sicherheitshalber doch noch an. In den schattigen Schluchten der engen Gassen ist der Wind doch sehr frisch…

Danach gibts Internet zum Preis von einem „Grand Café“, während ich auf die Updates und die zu sendenden Mails warte, lese ich in meinem Buch. Tom Brown Jr. Ganz was anderes als diese Umgebung, in der ich hier wandle, aber etwas Kontrastprogramm zwischendurch ist auch wichtig. Als der Kaffee leer war und meine Online-Dienste wieder auf aktuellem Stand, habe ich mich an den ersten Multicache von Avignon gemacht. Der soll mich mit elf Stationen durch die Stadt führen und (zumindest die erste Hälfte) entdecken lassen.

Also wieder quer durch die Stadt zum Porte Saint Lazare, dem Ausgangspunkt. Von hier weiter zum Place Belle Croix, hier ist neben der Säule mit dem schönen Kreuz ein Brunnen und ein schlafender Mann auf die Fassade gemalt, den man nicht wecken sollte. Weiter oben ist auch noch ein Fenster gemalt, da guckt sogar jemand raus… Und gleich ums Eck ist auch wieder ein Theater. Theater gibts hier viele. Überall finde ich Wegweiser oder Schilder zu den Theatern, die alle in winzigen Häusern untergebracht sind. Zumindest von außen wäre nicht zu erkennen, dass da große Räume zur Verfügung stünden.

Doch weiter im Cache. Nächste Station ist Porte Saint Lazare. Also wieder zurück, der wärmenden Sonne entgegen. Eine Jahreszahl muss ich suchen für die Lösungszahl A. Also Text lesen… Ach guck mal: knapp vier einhalb Kilometer ist die alte Stadtmauer lang… Aber wann wurde die zweite Öffnung ins Tor gemacht? Studier, studier… Hmm. Im englischen Text hab ich’s nicht gefunden, also doch den deutlich umfangreicheren französischen Text durchstöbern. Ah, da steht’s: 1882… Und tatsächlich, dieser Abschnitt ist nicht auf englisch übersetzt. Auch am Tor selber finde ich keine Jahreszahl. Ich sehe nur, dass neugotische Spitzbögen und moderne rechteckige Lastwagen ab und zu kollidieren, und der Sandstein dabei auf Höhe des goldenen Schnittes leidet 🙂

Weiter zum dritten Punkt, zum Jardin des Carmes. „Finde in diesem Garten heraus, wann die Abruzesi das erste man nach Avignon kamen“. Zumindest habe ich die Frage so verstanden, ich kann kein Französisch und die englische Fragestellung ist mir auch nicht eindeutig. Aber ich nehm mal ein paar Jahreszahlen mit, die irgendwie so in der Art was damit zu tun haben könnten.

Eine Runde im „Cloitre des Carmes“ gedreht, dann ging’s weiter zu Punkt 4, dem „Clocher des Augustins“, was auch immer diese Dinge zu bedeuten haben… Hmm, ein größerer freier Platz inmitten der engen Gassen. Und eine Überdachung drüber. Ist das damit gemeint? Als ich suche, wann das gesuchte Ding erbaut wurde und ein paar Fotos gemacht hab, kommt scheinbar Muammar Gaddafi mit seinem Peugeot 206 ums Eck gebraust und fährt mich fast um. Hei, diese Visage, diese Sonnenbrille, diese laute Musik aus diesem fahrenden Zelt… Frappierende Ähnlichkeit. Ich sag ihm mal nicht, dass ich Schweizer bin 😉

Aber was heißt denn nun „Clocher“? Glockenturm? Ach guck an, tatsächlich, gegenüber steht ein Schild mit der Erklärung. Und mit der gesuchten Jahreszahl. Weiter zur Kiche des Carmes, der 1267 nach Avignon kam. Den Rest hab ich nicht so recht verstanden, dafür hab ich einen Blick hinein geworfen. Aber drinnen wurde gehämmert und renoviert, was offensichtlich auch nötig ist. Und schau an, gleich neben der Kirche das kleine Théâtre des Carmes.

Hier auf dem Platz stehen, wie so viele in Avignon, mächtige, grosse Platanen-Bäume. Mit ihren dicken Stämmen und starken Ästen und Zweigen reichen sie oft über die Häuserdächer hinweg und haben riesige Baumkronen, in denen der Wind fegt. Wenn wieder mal eine Bö kommt und zehn bis zwanzig Baumkronen ein lautes Rauschen anstimmen, klingt das fast so, als wenn ich in einem Wald stehe. Und es beruhigt mich zu sehen, dass hier unten, zwischen den Häusern, der Wind doch nicht so heftig ist wie dort oben. Wenn man nicht grad in der falschen Gasse steht 😉 Und wenn doch, dann kann der Wind mich schon fast umwerfen, da muss ich ganz schön aufpassen beim Umherlaufen. Nicht dass ich an einer Kreuzung plötzlich vom Seitenwind weggefegt werde. Aber der Wind hält auch die paar Wolken in Bewegung und sorgt für sonniges Wetter. Es ist nur kälter als ich gehofft hatte, ich laufe die ganze Zeit mit Mütze rum.

Am Théâtre du Centre und dem Théâtre du Chêne Noir vorbei laufe ich weiter zum Alten Justizpalast. Der versteckt sich in einer kleinen Seitengasse, ich musste doch etwas suchen. Als ich diese Gasse weiter gelaufen bin, kam ich aber zu dem Platz, wo der Bettler gestern einen seiner Euros verloren hat. Hier noch zwei Fragen beantwortet und weiter muss ich zur Capelle de la Visitation. Da war ich heute früh schonmal, dahin finde ich sogar ohne Navigation.

So langsam lachen mich immer mehr Baguettes in den Schaufenstern an, belegt mit allerlei leckeren Sachen. Ich bekomme Hunger und sollte mir mal überlegen, wo ich was essen möchte. Aber den ersten Rundgang mach ich noch fertig.

Noch zwei Jahreszahlen in der Nähe der Uni gesammelt, dann gings ans Zusammenrechnen. Eine Jahreszahl war nicht richtig zu erkennen, deswegen hatte ich eh schon zwei Ergebnisse. Aber beide Koordinaten waren weit außerhalb der Stadt, das wäre eine größere Wanderung geworden. Aber beide Koordinaten recht nah zusammen, wenn ich hingehe, könnte ich locker beide Stellen untersuchen. Aber so weit draußen? Da wollte ich dann doch nicht hin. Jetzt hab ich erstmal Hunger, also ab ins Zentrum und ein Sandwich holen. Danach will ich ja noch den Papstpalast und die Gärten anschauen, die hatten heute früh ja noch nicht offen.

Den Nachmittag hab ich dann mit der Besichtigung des Papstpalastes verbracht. Dreizehn Euro Eintritt, dafür ist das ein Kombiticket auch gleich für die Brücke. Man bekommt einen Audio-Guide in seiner Sprache, so einen etwas klobigen „Telefonhörer“, und an den einzelnen Stationen des Rundgangs sind Nummern, die den entsprechenden Text aufrufen. So kann man die Tour in seiner eigenen Geschwindigkeit gehen und auch mal Dinge weglassen, denn die Informationsfülle ist doch gewaltig. Mir war das zu blöd, den Hörer immer mit einer Hand ans Ohr drücken zu müssen, aber nach kurzer Untersuchung hab ich den Kopfhöreranschluss gefunden. Und als iGadget-Besitzer hab ich ja auch meistens einen Kopfhörer dabei. So konnte ich mir mit freien Händen die Dinge erklären lassen und bin gestartet.

Erste Station der große Innenhof mit der Einleitung der Geschichte. Wer wann warum welche Teile des Palastes erbaut hat, warum hier und warum nicht Rom, ein Abriss, den ich aus dem Geschichtsunterricht schon längst wieder vergessen hatte. Die Sonne schien in den Hof, große, einladende Stein-Stufen lockten mich, zu verweilen und zwischen den riesigen Mauern kam kaum Wind hinein. Was für eine Wohltat. Ich ließ mich nieder, sonnte mich und entspannte mich von dem ständigen Wind. Ich hörte mir die Geschichte noch ein zweites Mal an, so angenehm war es, hier zu sitzen.

Aber es lag noch die ganze große Burg vor mir, ich sollte mal zur zweiten Station weitergehen. Der Weg führt die Besucher in die Schatzkammer des Papstes. Hier gabs die Erklärung des Raums, hinten rechts war die geheime Schatzkammer, dort links die untere Kammer und deren Verstecke. Es gab ein paar Ausstellungsstücke, die auf Wunsch mit einer andern Nummer erklärt wurden. Auch die Raumausstattung mit Teppichen, Wandvorhängen usw. wurde unter einer Nummer erklärt. Wer sich das anhören wollte, bekam nochmal eine Fülle an Informationen, wen das nicht interessierte, der ließ es einfach bleiben.

Es ging weiter die Treppe hinauf in den Jesus-Saal, der ziemlich groß war. Auch hier wieder Erklärungen, wer im Laufe der Zeit den Raum wie genutzt hat. Hier standen verschiedene Modelle des Papst-Palastes, die die verschiedenen Bauabschnitte unter den verschiedenen Päpsten zeigte. Mit dem Audioführer konnte man wunderbar nachvollziehen, wer wann welchen Teil dazu gebaut oder erweitert hat, wie im Laufe von nur 20 Jahren die Burg zu ihrer Größe herangewachsen ist. In diesem Saal konnte der architektonik-interessierte bestimmt eine halbe Stunde lang Informationen bekommen, so viel wurde hier angeboten. Mir, wo ich mich eh für „alte Steine“ interessiere, hat der Raum richtig Spass gemacht. Zumal ich die Hände frei hatte und den Erklärungen aus dem Kopfhörer lauschen konnte.

Doch irgendwann wollte ich weiter und die Route führte noch einen Stock höher in den Grossen Tirel, den Speisesaal für besondere Anlässe. Und als ich den Jesus-Saal schon für groß gehalten hatte, so kam mir der Tirel so unglaublich riesig vor.

Lang und breit wie der darunter liegende Jesus-Saal, aber deutlich höher. Deutlich. Unfassbar hoch, als ich kleines Wuscheli diesen riesigen Raum betrat, blieb ich vor Staunen erstmal stehen. Die Decke ist ein umgedrehter Schiffsrumpf und zu Zeiten der Päpste war sie mit dunkelblauem Stoff ausgekleidet, der mit Sternen verziert war. Hat mich irgendwie an Hogwart erinnert, der Saal, in dem die Kerzen in der Luft schweben. Der ist auch nach oben hin offen, oder? Auf der Stirnseite dieses riesigen Saales war ein riesiger Kamin, dahinter kam die Küche. Also eigentlich der Turm, der von außen wie ein Festungsturm aussieht, aber komplett als Küche gebraucht wurde. Hier wurde ein riesiges Feuer entzündet, der ganze obere Teil des mächtigen Turms war ein einziger Rauchfang und Kamin. Einfach überwältigend, dieser katholische Gigantismus aus dem Mittelalter. Wieder den langen Weg von der Küche zurück durch den großen Speisesaal, kamen wir auf halber Höhe des Saals an einer kleinen Kapelle vorbei, die hier seitlich angebaut war. Und damit diese nicht außen herunterfällt, hat man auch hier gleich einen ganzen Turm dafür gebaut, den Kapellenturm. In der Mitte eine Kapelle für die besonderen Gäste, darüber eine für die Kardinäle und weniger öffentlichen Gottesdienste.

Ich musste mir immer wieder klar machen, dass dieser Gigantismus und Prunk, dieser Überfluss auf dem Niveau der Könige und Kaiser war. Nichts mit spartanisch und zurückgezogen von der Welt in seinem Glauben leben, nein, der katholische Papst muss wohl auf Augenhöher der (re)gierenden Verschwender des mittelalterlichen Europas stehen. Oder sitzen. Wie mir das auf dem Fußmarsch quer durch den Großen Speisesaal bewusst wurde und ich mir noch eine Geschichte über die aufwändige Gestaltung der Bodenfliesen anhörte, kam plötzlich eine Katze daher gelaufen. Was macht die denn hier? Hat der Papstpalast seine eigene(n) Katze(n)? Sie lief gemütlich durch den Raum, mal hierhin, mal dorthin, Platz war ja genug. Und überall, wo sie zu Besuchern kam, knieten diese vor ihr nieder und wollten sie streicheln. Nicht die riesigen Räume, nicht die ehemalige Präsenz des Papstes, nicht die jahrhundertlange Heiligkeit dieser Mauern, sondern erst die Niedlichkeit dieser Katze ließ die Besucher hier niederknien.

Weiter gings durch das ehemals prunkvolle Schmuckzimmer, welches aber deutliche Spuren aus der Zeit trug, in der die Burg als Kaserne genutzt wurde. Durch die privaten Räumlichkeiten und die Arbeitszimmer der verschiedenen Päpste und durch die Ankleidezimmer gings dann zur Kleinen Sakristei. Diese Räume waren in den Dimensionen eher so, wie man sie von mittelalterlichen Burgen kennt.

Aber dann kam die Große Kapelle. Dieser riesige Raum, der die Burg von außen so mächtig, so wuchtig, so unglaublich groß erscheinen lässt. Die Papstburg wird nicht umsonst die „Bastille des Südens“ genannt. Die Große Kapelle, ich glaub, noch größer als der Speisesaal, mit Kreuzkuppeln an der Decke, riesige Fenster, deren Mosaike allerdings erst später hinzugefügt wurden. Zu Zeiten der Päpste waren die Fenster mit Wachs-Papier bedeckt, das auf Holzrahmen gespannt war. Diese Grosse Kapelle macht durch ihre schiere Größe klar, dass diese Burg fast ein Jahrhundert lang das Zentrum oder der „Sitz der Christenheit“ war. Um die Bögen der Großen Kapelle stützen zu können, wurde eigens ein Turm daneben gebaut, damit das Gewicht aufgenommen werden kann. In diesem Turm wurden dann die Umkleideräume der Kardinäle untergebracht.

Einfach riesig, der Raum. Gut war ich nicht in einer Gruppenführung, sondern alleine unterwegs, so dass ich Zeit genug hatte, zu staunen. Es kam mir vor wie fünf Minuten, die ich den Raum einmal entlang schlenderte. Die Säulen waren mit Fabeltieren geschmückt und hatten teilweise noch Reste der Farben, mit denen sie im Mittelalter bemalt waren. Auch hier gab’s wieder eine Fülle an Erklärungen, über den Raum, wer ihn wie gebaut hat, was die architektonischen Besonderheiten sind, Informationen über die Zeremonien, die hier abgehalten wurden und die den täglichen bis jährlichen Ablauf dieser Gemäuer genauestens regelten. Der Eintrittspreis ist allein schon wegen der Menge an erzählten Informationen mehr als gerechtfertigt.

Gegen Schluss ging die Führung noch einen Stock unter die Große Kapelle, ins Große Auditorium. Der gleiche große Grundriss, nur war der Raum nicht ganz so hoch. Aber aus heutiger heizungstechnischer Sicht war auch dieser Raum ziemlich groß dimensioniert. Und weil die Burg noch Platz hatte, bis unten der Felsen kommt, auf dem sie steht, wurde darunter noch ein Theologisches Seminar eingerichtet. Zur heiligen Nachwuchsförderung. Heute ist dort allerdings der Touristenshop untergebracht, durch den man sich in voller Länge hindurchschlängeln muss, bevor man wieder heraus kommt.

Ich bin bestimmt drei Stunden in dieser Burg gewesen, aber trotz der dicken und mächtigen Mauern war der heftige Wind draußen immer zu hören, oft auch zu spüren. Das ausgeklügelte Lüftungssystem dieser Burgen hat immer wieder mal Böen ins Innere gebracht. Aber als ich wieder draußen stand, war der Wind noch schlimmer geworden. Keine Böen mehr, sondern ständiger Sturm, der allen möglichen Müll durch die Strassen trieb und mir ständig Staub in die Augen blies.

Dafür war aber schönstes sonniges Wetter, als ich durch die päpstlichen Gärten hinunter zur Brücke von Avignon hinunterstieg. Den Eintritt hatte ich ja schon bezahlt, also hab ich sie mir auch noch von „innen“ angesehen. Danach war ich aber ziemlich k.o.

Aber für Mittagsschlaf war es jetzt zu spät, also hab ich beschlossen, auf dem Weg ins Hotel etwas zu essen und dann ein wenig auszuruhen. Der Wind geht mir schon ziemlich auf den Keks, es war eine Wohltat, im Zimmer zu sein und mein Buch weiter zu lesen.

Als es dunkel geworden ist, bin ich nochmal durch die Stadt geschlendert und hab versucht, ein paar Nachtaufnahmen zu machen. Aber bald schon bin ich wieder heim, ich bin doch ziemlich müde. Bilder und Blog werde ich morgen machen.

Dritter Tag

Heute habe ich ausgeschlafen, der gestrige Tag hat mich doch etwas geschlaucht. Nachdem ich meine Siebensachen gepackt und den Zimmerschlüssel abgegeben hatte, hab ich mir ein windgeschütztes, sonniges Plätzchen gesucht und hab eine Stunde lang den Blogeintrag von gestern geschrieben.

Heute gehts wieder nach Bern, ich hab heute Abend ein Jour Fix, zu welchem ich zu erscheinen plane.

Mit dem Shuttlebus ließ ich mich wieder zum TGV Bahnhof vor die Stadt fahren. Mein Zug sollte auf Gleis 4 fahren und hatte 5 Minuten Verspätung. Als er dann einfuhr, kam er aus der falschen Richtung. Aber sein Ziel ist Strasbourg, das könnte hinkommen. Als er dann losgefahren ist, war ich immernoch unsicher, aber die Zugnummer stimmt auch. Jetzt kann ich eh nichts mehr machen, ausser aus dem Fenster zu schauen und die Landschaft genießen. Diesmal sitze ich oben im Doppelstöcker und es ist wenig los, so konnte ich mir eine 4er Tischgruppe mit viel Beinfreiheit aussuchen. Kurz drauf kommt der Zug nochmal über die Rhône, die fließt nach rechts, die Sonne steht auch richtig. Ich bin beruhigt.

Das Land strahlt im saftigen Frühlingsgrün, das Gelb der blühenden Rapsfelder kann hier so richtig zur Geltung kommen, das Blau des strahlenden Himmels passt wunderbar in diese Landschaft. Der Zug fährt mich durch sanfte Hügel, immer wieder mal über den breiten Fluss der Rhône, nur ein paar vereinzelnd weiße Wolkenschleier sind zu sehen. Es macht Spass, dieser vorbeihuschenden Landschaft zuzusehen, die lehmfarbenen Häuser mit den roten Ziegeldächern anzuschauen. Zwischenhalt in Valence, dann gehts in flottem Tempo in Richtung schneebedeckter Berge. Beim Umsteigen in Lyon ist schon mehr Gschlirk am Himmel, aber die Sonne kommt noch durch und wärmt. Jetzt kommt der gemütliche Teil der Reise. Nach einem Hochgeschwindigkeitszug wie dem TGV kommt einem der Regioexpress nach Genf vor wie ein Bummelzug. 🙂 Ich stell meinen Rucksack auf dem Gangplatz so, dass er mir als Rückenlehne dient, klappe die mittlere Armlehne hoch und kann mich zum Fenster drehen. Blick geradeaus in die Landschaft, wärmende Sonnenstrahlen und am liebsten würde ich das Fenster aufmachen. Unter dem bequemen Liegen und dem Betrachten der vorbeiziehenden Landschaft und der Wärme der Sonne schlief ich ein. Ich hab noch gemerkt, dass mein Kopf zweimal zur Seite fiel, ich hab ihn anders auf meinen Rucksack gebettet und weiter geschlafen. Bis mich die scharfe, durchdringende Stimme der Conducteuse aufgeschreckt hat.

Danach habe ich mich in mein Buch vertieft, bis ich plötzlich diverse Mails bekommen habe. Aha, mein iPad ist wieder online, wir sind wieder im Bereich der Swisscom. Und damit bald in Genf, wo ich umsteigen musste für die letzten zwei Stunden Fahrt. Mit Erstaunen stellte ich fest, dass sich das Wetter auf meiner Reise nicht verändert hatte, in Genf war ganz ähnliches Wetter als in Lyon. Auch in Bern war schönes Wetter, welches wir beim Abendessen im Tramdepot auf der Terrasse genossen haben.

Werbung

3 responses to this post.

  1. Posted by Buschang on 26. April 2012 at 11:17

    Wenn man die Bilder anklickt, geht zwar ein separates Fenster auf, aber die Auflösung bleibt die gleiche …soll das so sein?!
    Ein schönes Vollbild wäre wünschenswert 🙂 !

    Antworten

  2. oh… ja… Picasa (Google) fummelt grad an der Verlinkung von Bildern rum. Die Blogging-Software am iPad muss deswegen umgeschrieben werden, ich warte auf ein Update. Bis dahin muss ich das von Hand machen (siehe letzten beiden Posts).

    Ich hab jetzt die Links manuell angepasst, die Bilder sollten in grosser Auflösung geöffnet werden.

    Antworten

  3. ansonsten:
    oben den Link „alle photos“, damit landest Du direkt in meiner Picasa/Google+ Galerie mit allen Bildern,

    oder der Link „Bilder“ eines jeden einzelnen Posts öffnet das dazugehörigen Bilderalbum bei Picasa.

    Antworten

hinterlasse Deinen Kommentar:

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: