Immernoch Winter

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Heute muss ich endlich mal raus. Ich wollte eigentlich Richtung Chur, erste Sondierungsfahrten und -Wanderungen im Bündnerland machen. Ich hatte mir für heute Landquart herausgesucht, wollte zur Burgruine Grottenstein, dort evtl übernachten und nach Chur weiter. Eine Tour extra unten im Tal, wenn ich schon davon ausgehen muss, dass die Berge noch Schnee haben. Aber wie ich in Landquart ausgestiegen bin, hat es selbst unten im Tal geschneit. Nennt mich ein Weichei, einen Schönwetter-Wanderer oder einen Sandlatscher, aber dieses Wetter hat mir gar nicht gefallen. Heute wird halt wieder mein GA ausgenutzt, von Landquart fahre ich wieder nach Hause. Über Disentis, Andermatt und Brig 🙂 mal sehen, wieviel ich in den Bergen sehen kann…

Bei Schneegestöber gings also in Landquart los, mein iPad mit meiner aktuellen Position und den umliegenden Wikipedia-Artikeln auf dem Schoss. Mach‘ ich heute halt einen auf Streber und lerne die Schweiz etwas mehr kennen. Am Anfang fuhr mich die knallrote Rhätische Bahn an der Strecke vorbei, die ich wandern wollte. Alles verschneit, weiß, kalt. Selbst die Wiesen hier unten im Tal sind weiß. Die Wolken hängen tief, man kann sie kaum von Nebel unterscheiden. Bald kam ich zu den grauen Hochhäusern von Chur-Wiesental, im Regen und Schnee sehen sie noch bedrückter aus. Hier gibts Wohnungen mit „toller Aussicht“, wie ich in der einen oder anderen Wohnungsanzeige gelesen hab. Heute wird das aber nix mit der Aussicht, ich kann nichtmal die umliegenden Berge sehen.

In Chur gabs 20 Minuten Aufenthalt, so konnte ich in Ruhe auf den Wikipedia- und Webseiten über die Stadt schmökern. Es ist so schön warm hier im Zug, ich hab gar keine Lust, in diesen gruusigen Schneeregen da draußen zu treten. Bei der Weiterfahrt wurden wir mit „Allegra“ begrüßt, vor mir sitzt es Grosi mit ihrem Enkel, beide unterhalten sich in einem Bündner Dialekt. Die Melodie der Sprache kommt mir bekannt vor, das kenne ich von meinen Bündner Kollegen, aber verstehen tu ich gar nichts, nicht ein einziges Wort. (Hätte ich in Latein damals mal besser aufgepasst 😉 )

Das Rheintal hinauf, bei Reichenau kam der Hinterrhein von links, die Bahn folgt aber weiter dem Vorderrhein. Ab Reichenau gab’s die Zug-Durchsagen in rätoromanisch. Wieder kein Wort verstanden. Auch der Conducteur fragte auf romanisch nach den Billets, gut hatte ich meins schon gezeigt. In den steilen Schluchten des Vorerrheins war dann Schluss mit Internet. Kein Wikipedia mehr… Proxima fermada: Versam-Safien. Das konnte ich noch verstehen, klingt fast wie italienisch, nur weicher.

Die Landschaft, die an mir vorüberzieht, ist toll. Steile, tief zerklüftete Felswände, mit hoch aufragenden Felsnadeln, oben drauf Bäume, die sich scheinbar ohne Erde an den Felsen festklammern. Überall sind Risse von Bergrutschen und Abgängen zu sehen, das hier ist ein Bild der Erosion. Große Höhlen in noch größeren Felswänden. Der Fels hat eine freundlich graue Farbe, ab und zu ins Gelbliche übergehend. Alles ist mit etwas Schnee bezuckert und darüber liegt recht tief die Wolkendecke. Aber es ist hell, freundlich, als würde in einer halben Stunde die Sonne rauskommen. Ich komme aus dem Staunen nicht mehr heraus, ich komme mit dem Blog schreiben und dem Fotografieren nicht mehr hinterher. Hier muss ich unbedingt nochmal zu Fuß hin. Und wie ich auf die Karte schaue, stelle ich fest, dass wir durch die Rheinschlucht, die Ruinaulta, den „Grand Canyon der Schweiz“ gefahren sind. Ja, hier komme ich auf alle Fälle nochmal her.

Im Wikipedia lerne ich, dass der Dialekt hier Sursilvan oder Surselvisch ist. Ob das die beiden vor mir sprechen? Wahrscheinlich schon. Mit Ilanz erreicht der Zug die „erste Stadt am Rhein“. Hier hab ich wieder Internet, aber keine Zeit, alles ausführlich zu lesen. Mir kommt es so vor, als ob Zugfahren zu schnell für mich ist. Ich sehe auch, dass es ziemlich viele Burgen hat in der Gegend. Hier muss ich unbedingt nochmal hin 🙂 Aktuell sehe ich nicht viel von den Burgen, die Wolken hängen immernoch tief und der Zug klettert immer höher. Fermada sinda monda… Halt auf Verlangen 🙂 klingt schön, der Dialekt. Inzwischen sind wir auf ca. 750 m Höhe, hier liegt eine geschlossene Schneedecke. Sieht aber sehr nass und pappig aus, am Bahnhof vorhin wär fast jemand beim Aussteigen ausgerutscht.

In Disentis angekommen, der „Statiun Finale“ der Rhätischen Vorderrhein-Strecke, kam sogar etwas die Sonne raus. Sie hat zumindest etwas gewärmt und Schatten geworfen. Zwar nur kurz, aber immerhin. Der Schnee hat fast schon geblendet, so hell ist es geworden. In Disentis musste ich dann in die Matterhorn-Gotthard-Bahn nach Andermatt umsteigen. Auch hier ein sehr guter Anschluss, kaum Wartezeit, und kaum Zeit, viel nachzulesen. Ich kam bis dorthin, wo die islamischen Sarazenen das Kloster Disentis zerstörten. Und das ist erst 940 n.Chr. gewesen. Echt? Selbst die Sarazenen sind hier oben gewesen?

Weiter ging’s durch Wolken und Schneegestöber, ich hab kaum den gegenüberliegenden Hang erkennen können. Aber von oben bringt die Sonne viel Licht ein, es ist ziemlich hell, dafür dass man nichts sieht. Als der Zug dann seine Zahnräder brauchte, rumpelte es ganz schön und es quietschte in den Kupplungen. Es war eine wenig aussichtsreiche Fahrt, um uns herum nur weiß, helles weiß, der rote Zug und ein paar grüne Tannen fast in Griffweite. Und das Rumpeln und Quietschen des Zuges. Einzige Abwechslung waren die Tunnel, da hat sich das Weiss zu schwarz getauscht und es standen keine Tannen mehr. Sehr interessant, die Bergwelt mal so reduziert und in schwarz-weiß zu erleben. Meine Ohren müssen Druckausgleich machen. Mein GPS verrät mir, dass wir schon auf 1800 Meter oben sind. Tendenz steigend 🙂 Nächster Halt: Oberalppass. Nichts zu sehen, außer dem Gegenzug, den wir hier kreuzen. Nicht einmal der Leuchtturm, der auf der Passhöhe stehen soll, war auszumachen. 2000 Meter Höhe, der Scheitel ist erreicht, jetzt geht’s wieder abwärts in Richtung Wallis. Von hier oben führt der Wanderweg „Senda Sursilvana“ den jungen Rhein hinunter, durch die Rheinschlucht bis Rheinau, wo sich Vorderrhein und Hinterrhein treffen. Diesen Weg möchte ich mal laufen. Aber mit etwas mehr Aussicht und ohne Schnee.

Ich staune immernoch über die Schweiz. Hier oben, auf 2000 m, nichts zu sehen vor lauter Schnee, Nebel und Wolken, irgendwo in den Bergen, aber es gibt Internet. Ich kann meinen Blog aktualisieren, ich kann im Wikipedia nachschlagen. Einfach faszinierend, wie tief die Technik schon in die rauhe Natur vorgedrungen ist.

Der Zug bremst sich durchs undurchsichtige Weiss hinunter nach Andermatt. Auch hier ist noch Winter und es herrscht ein fröhliches Schneetreiben, als ich umsteigen musste auf die Linie nach Brig. Am Bahnsteig geriet ich in eine Gruppe britischer Touristen, denen gerade die Schöllenenschlucht erklärt wurde. Klang noch interessant, was der Reiseleiter zu erzählen hatte, aber die Gruppe ist dann über Uri Richtung Luzern abgefahren. Während meine Route weiter durchs Wallis führt. Eine Viertelstunde stand ich im Schneegestöber in Andermatt und mir ist kalt geworden. So ein beheizter Waggon ist doch Luxus… Und wieder drückt die Sonne durch, es tauchten ganz zaghaft schwache Schatten auf, aber nur ganz kurz. Hell ist es eh schon die ganze Zeit, man sieht halt wegen der wahrscheinlich recht dünnen Wolken nicht viel.

Im Urserntal hingen die Wolken dann etwas höher, so konnte ich wenigstens die verschneiten Hänge sehen. Auch wieder in schwarz-weiß und ein paar Graustufen gehalten, winterlich verschneit und ohne Grün an den Bäumen oder vom Gras. Allein die Moose auf den Felsen haben einen leichten Grünstich abgegeben, allerdings nicht dominant.

Nach Realp hab ich von der Steffenbachbrücke gelesen, die eigentlich auf dem kommenden Weg liegen müsste. Nachdem Realp das am meisten durch Lawinen gefährdete Dorf ist, gilt das wohl auch für diese Brücke. Die steinerne Brücke von 1914 wurde schon von einer Lawine mitgerissen, noch bevor überhaupt ein Zug drüber gefahren ist. Danach wurde eine Stahlbrücke gebaut, die im Winter abmontiert werden kann. Im Frühling, wenn die Lawinengefahr gebannt ist, wird sie dann wieder aufgebaut. Nachdem die Eisenbahnstrecke eh nicht winterfest ist, stört die abgebaute Brücke auch nicht. Las ich und mein Zug verschwand in dem 15 km langen Furka-Basistunnel. Tcha, lag die Steffenbachbrücke doch nicht auf dem Weg. Durch den Furka Tunnel kam ich von Uri ins Wallis. Während dieser Dunkelheit hab ich mit Staunen nachgelesen, dass es in der Mitte des Tunnels noch einen Abzweig ins Tessin gibt. Allerdings wurde dieser nicht fertig ausgebaut.

In Obergoms war dann das gleiche Wetter, grau und Wolkenverhangen. Die Wolken hängen etwas höher, ich kann etwas mehr von den Hängen erkennen, aber auch alle noch verschneit. Und ich bin vom Rhein zur Rhône gefahren. Die heißt hier oben zwar noch Rotten, aber es ist der Fluss, den ich letzte Woche in Avignon gesehen hab. Rotten soll angeblich der deutsche Name der Rhône sein. In Münster stiegen dann Wintersportler in den Zug, im Gepäckteil stand mein Wanderrucksack den Skiern und Snowboards im Weg. Ich bin einfach viel zu früh dran mit Frühling… Wobei… Je tiefer der Zug kam, desto brauner und grüner war die Umgebung. Auf etwa 1200 Meter war der Schnee nur noch in Schattenlagen oder vormals zu hohen Haufen getürmt zu finden. Die Wolken bildeten langsam Struktur, so dass man einzelne Wolken abgrenzen konnte, ab und an schaffte es sogar ein Sonnenstrahl, zwischen zwei Wolken hindurch zu schlüpfen.

Bis Brig hinunter war dann schönes Wetter geworden, zwar etwas windig, aber mit blauem Himmel und Sonnenschein. Ich hab die Landschaft betrachtet, den einen oder anderen Wikipedia Eintrag gelesen, bis ich wieder umsteigen musste. Von Brig aus war die Strecke nach Bern dann eigentlich nur noch „Heimfahrt“, inzwischen hab ich auch genug gesehen und gelesen, durch den Lötschbergtunnel vertiefe ich mich in mein aktuelles Buch.

 

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One response to this post.

  1. Posted by Buschang on 26. April 2012 at 10:23

    Supi, Riesenstück abgedeckt, viel gesehn, wenn es auch mal wieder mit Dir und Petrus nicht geklappt hat. Ihr scheint nicht das beste Verhältnis zu haben! 🙂
    Ab heute gehts STEIL(!) aufwärts und morgen sollen wohl angeblich 27 Grad werden, wenn man den Wetterfröschen Glauben schenken darf.
    Endlich kann Frank seine Hängematte mitnehmen und ist nicht mehr auf beheizte Waggons angewiesen.
    Kat und ich zählen übrigens seit gestern auch zu den iPad Jüngern…jetzt kann ich Deinen Blog in vernüftigem Format IMMER mitverfolgen!
    In diesem Sinne: Petri Heil … aber das waren ja die Angler …tja, was auch immer zu ’nem Wanderer passt:
    http://www.drs.ch/www/de/drs/themen/leben-heute/reisen-laender/134975.der-stilechte-wandergruss-servus-salue-oder-hoi.html

    Antworten

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