Felsberg Trin

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Von Felsberg soll’s heute weiter den Rhein hinauf gehen. Heute bleibe ich mal im Tal unten und statte Domat/Ems einen Besuch ab. Nach knapp drei Stunden war ich in Chur, ich musste nur noch eine Station mit der S-Bahn fahren. Auf Gleis 11. Aber ich war zu ungeduldig und bin in den falschen Zug gestiegen, der mich erst in Tamins wieder rausgelassen hat. Ich hab überlegt, ob ich meine heutige Strecke „rückwärts“ laufen soll, hab mich aber dagegen entschieden. Also wieder mit der S-Bahn zurück, bis ich in Felsberg aussteigen konnte. Das hat mich nochmal eine Dreiviertel Stunde gekostet. Aber ich habe ja Zeit…

Das Wetter ist deutlich schöner als gestern, der blaue Himmel ist mit fluffigen weißen Wolken gesprenkelt, die letzten Wolken in den Hängen und Wäldern steigen langsam nach oben. Endlich in Felsberg angekommen bestaune ich nochmal den Gross Rüfi, diesen Hang, wo diese riesigen Felsbrocken herunterfallen. Der Hang ist noch größer, fast doppelt so groß als der Nebel mir gestern gezeigt hat. Große Bergrutsche kommen dort herab, deswegen wurde in Felsberg auch ein „Neudorf“ in etwas größerer Entfernung zum Hang gebaut.

Felsstürze werden mich die nächsten Tage noch mehr begleiten, ich hab gestern die geologische Geschichte der Rheinschlucht gelesen. Aber bis dorthin ist’s noch eine Strecke, jetzt mache ich mich auf den Wanderweg durch die flache Rheinebene. Ich folge den gelben Wanderwegweisern und gehe ein Stück des Jakobswegs.

Über Wiesen und blühende Raps-Felder komme ich schneller als gedacht in die Neubausiedlung von Domat/Ems. Gemütliches Treiben herrscht hier, Handwerker sind zu hören, Mütter gehen mit ihren Kindern einkaufen, unterhalten sich untereinander. Hier wird noch deutsch gesprochen, auch wenn die Straßennamen schon Rätoromanisch sind. Flieder und Ginster blüht in den Gärten, eine Elster hüpft auf dem Rasen herum, ein Geschäftsmann im Anzug und dickem Aktenkoffer kommt vom Zahnarzt. Die Leute grüssen alle ganz freundlich, ob alte Leute oder junge Mütter mit ihren Kindern, alle werfen mir ein freundliches Lächeln und ein „Grüezi“ entgegen. Die Sonne lacht vom Himmel und ich bin bester Laune, als ich durch die Strassen von Domat/Ems schlendere.

Den Hügel zur Kirche Sogn Gion hinauf bewundere in die plastischen Darstellungen des Kreuzwegs, des Leidenswegs Christi, die in die Mauer des Weges zur Kirche eingelassen sind. Die Kirche ist leider verschlossen, ich könnte aber unten in der Apotheke den Schlüssel holen. Ich bewundere noch das Bild auf der Friedhofskapelle und wende mich dann der Stadt zu, die mir hier zu Füssen liegt.

Ich sehe die anderen Hügel der Stadt, die sog. Tumas, die angeblich mit dem Flimser Felssturz vor ca. 9000 Jahren hier hin verfrachtet wurden. Ganz schön steil, diese Gesteinsbrocken, die hier so riesig im sonst flachen Rheintal liegen. Ich steige noch auf die Tuma Casté, dort oben steht eine Kapelle, die aber gerade renoviert wird. Im Glockenturm steht auch jemand und guckt zu diesem kleinen Fensterchen raus 🙂 Mein Blick schweift nochmal über die Stadt, die Tumas, das breite Rheintal und das große Gelände der Ems Chemie. Nicht wirklich hübsch, aber hier im Tal kann man fast nicht dran vorbei schauen. Und in diese Richtung will ich weiter ziehen.

Um aber dem Wanderweg zu folgen und nicht entlang der Autobahn laufen zu müssen, bin ich hinunter zum Flusskraftwerk Reichenau. Alles in Beton gehalten, wie Kraftwerke nun mal so aussehen. Dahinter gabs aber Schrebergärten, in denen der Frühling seine ganze Pracht austoben konnte. Viele Blumen und Gemüse wachsen hier, einige Bewohner waren da und haben ihre Beete gepflegt oder sich in der Sonne ausgeruht. Ich hab auch ein Thermometer gefunden, es zeigte 25 Grad. In der Sonne. Es ist angenehm warm, nicht zu heiß, obwohl es langsam Mittag ist.

Am Kraftwerk gings über den Rhein und ich konnte schon die Kirche von Tamins sehen, mein Tagesziel. Allerdings war der Wanderweg dorthin gesperrt, die Alternativroute für dem Wanderweg „Senda Sursilvana“. Dieser führte mich in einen Eichenwald, den ich allerdings erst so richtig entdeckt hatte, als ich mal im Gebüsch verschwinden musste.

Neugierig hab ich mir die Eichen angeschaut und bin auf eine Hinweistafel gestoßen, die zum „Naturlehrpfad Eichwald Tamins“ gehört. Diesem Pfad bin ich dann bergauf gefolgt. Schritt für Schritt, die Mittagssonne scheint doch recht warm, stapfe ich den Trampelpfad zwischen den mächtigen Eichen hinauf, als ich plötzlich ganz nah neben mir das Klopfen eines Spechtes höre. Das muss am Baum neben mir gewesen sein! Ich bleibe stehen und beobachte, als der Specht wieder klopft, sehe ich ihn. Er sitzt keine zehn Meter vor mir und klopft an einem abgestorbenen Ast. Schaut schon lustig aus, der ganze Vogel wackelt, wenn er auf den Ast einhämmert. Immer etwa zehn Schläge in ganz schneller Folge, dann ist wieder Pause. Als würde er eine Feder spannen, die dann hämmert und wenn sie entspannt ist, ist wieder Pause. Ich wundere mich nur, warum er an einem toten Ast klopft. Und wieder. Zehn Schläge in schneller Folge und wieder eine Pause. Ich muss lachen, das schaut echt komisch aus, wie es den ganzen Vogel hämmert. Plötzlich fliegt er mit Geschrei davon und landet auf einem anderen Baum. Und klopft wieder. Das klingt jetzt deutlich heller als der tote Ast hier. Ich hab den Specht aus den Augen verloren, aber ich höre ihn noch. Er ist wohl weiter geflogen, denn sein Klopfen klingt wieder anders. Zwar immer etwa zehn Schläge, die, wie eine Feder, gegen Ende immer schwächer werden, aber diesmal klingt der Baum hohl. Und so lausche ich dem Specht, wie er verschiedene Bäume ausprobiert und dabei verschiedene Töne macht. Der Rythmus ist immer der selbe, mal ein hoher Ton, dann wieder ein tieferer Ton, mal so mal so. Jeder Baum klingt anders. Der Specht spielt auf dem Xylophon des Eichenwaldes. Faszinierend. Irgendwann hatte er wohl den richtigen Baum gefunden, sein Klopfen ging weiter, klang aber immer gleich. Fasziniert stand ich noch eine Weile da und lauschte, doch langsam drängte sich wieder das beständige Rauschen der Autobahn in meine Wahrnehmung. Ich ließ den Specht weiter klopfen und stieg weiter bergan.

Über eine Trockenwiese und ihrer ganz speziellen Artenvielfalt, inklusive 18 verschiedenen Heuschrecken-Arten, gelangte ich zu einer grossen Buche mit weit ausladenden Ästen. In ihrem Schatten wollte ich Rast machen und stellte meinen Rucksack ab. Der Stamm dieser Buche war wirklich mächtig, bestimmt drei Meter im Umfang. Ich wollte hinaufklettern, hab den Baum von allen Seiten untersucht, diverse Äste inspiziert, aber keine Möglichkeit gefunden, hinauf zu kommen. Ich bin etwas den Hang hinauf, wollte ein paar Äste weiter oben probieren, da fiel mir die Lärche auf, die da stand. Viel totes Holz darin und darunter, ich hab schon überlegt, ob ich Feuerholz sammeln sollte.

Aber wo in dieser Trockenwiese sollte ich Feuer machen? Ich streunte etwas durch die Wiese, immer bedacht, nicht auf die jugen Buchen und Eichen zu treten, die hier überall aus dem Boden schiessen. Und viele Blumen blühen, die meisten nur ganz klein, aber das haben Trockenwiesen so an sich. Vereinzelt habe ich Steine gefunden, die ich für ein Feuer zusammenlegen könnte, aber keine ebene Fläche. Und wie ich so umherschaue, fällt mir ein Felsen auf, der hier mal hinuntergekullert ist. An dessen Rückseite vielleicht? Ich stieg also weiter den Hang hinauf, inspizierte den Felsen, war aber auch kein geeigneter Platz zum Feuer machen. Von dort aus entdeckte ich dann einen alten, toten, umgefallenen Baum. Da musste ich auch noch hin. Ganz schön trocken, ich konnte einen armdicken Ast locker durchbrechen. So war ich bestimmt eine Stunde auf dieser Wiese unterwegs, entdeckte dieses und jenes, ging zu einer Birke, entdeckte eine Kuhle und als ich das Laub wegschob, fand ich eine Eichel, aus der gerade ein neuer Baum wächst. Ich hab das Laub wieder drüber gelegt und ging weiter, hab Enzian entdeckt und viele andere Blumen, die ich nicht benennen kann. Leider hatte ich mein iPhone am Rucksack an der großen Buche gelassen, sonst hätte ich sicher Unmengen von Fotos gemacht.

Auch hier hab ich vergessen, dass die ganze Zeit die Autobahn von unten herauf rauscht, so fasziniert und abgelenkt war ich von dieser Wiese. Was es da alles zu sehen gab, ich hab bestimmt die Hälfte vergessen, aufzuzählen. Meinen Rucksack wieder erreicht, hab ich eine Banane gegessen und bin weiter gezogen.

Aus dem Eichenwald wurde wieder ein Buchenwald, die Walderdbeeren blühen, die meisten Löwenzahn sind inzwischen Pusteblumen geworden. Aber hier im Wald leuchtet das eine oder andere Gelb noch hervor.

Um die nächste Ecke tat sich der Benis Boden vor mir auf. Eine grasbewachsene „Ebene“, gesprenkelt mit ein paar Felsen und gepunktet mit Löwenzahn und Gänseblümchen, vereinzelte Lärchen und Föhren drauf, eine Eiche, schön anzuschauen und einladend, zu verweilen.

Eingerahmt von hohen Felswänden, die sich zur Rechten als hohe Säulen zeigen, tiefe Furchen, wie riesige Kamine. Daneben zeigt sich der Fels als Flue, die dunklen Tannen oben und unten kontrastieren den hellgrauen Fels. Weiter links ein mächtiger Bergrutsch, bzw. der Schuttkegel desselben. Und weiter links zeigt sich die Felswand wie ein gekneteter Marmorteig, durchwachsen mit verschiedenen Gesteinsschichten, geformt, gebogen und senkrecht abgeschnitten. Diese interessante Wand wird mit einem Grün-bunten Wald geschmückt, der mindestens sechs verschiedene Grüntönen hat. Dort, wo die Sonne reinscheint, nochmal so viel. Ein herrliches Stück Erde hier, ein Augenschmaus.

Auf dem weiteren Weg wurde ich wieder mal von der Natur belehrt. Ich dachte immer, dass Bäume senkrecht nach oben wachsen, natürliche Schwankungen mal weggedacht. Und wenn Bäume am Hang stehen, so dachte ich, stört sie die Schräglage des Bodens nicht, sie wachsen trotzdem nach oben. So dachte ich. Bis ich an diesen Buchen vorbeikam. Mächtige Stämme, uralte Bäume, voller kräftiger Äste und Zweige. Und sie wachsen seitwärts. Waagerechte Stämme am Hang. Und nicht etwa umgefallen und gestorben, nein, lebendige Bäume voller hellgrüner junger Blätter. Ich hätte ja nicht gedacht, dass hier so viel Erde ist, dass sich solche kräftige Bäume halten können, die Wurzeln müssen doch ziemlich tief in den Boden reichen. Ich war echt erstaunt, was ich da an Buchen gesehen habe.

So langsam kommen mir immer mehr Nachmittagssportler entgegen, ich hab das Gefühl, ich nähere mich Tamins, meinem Tagesziel. Ich bin viel zu früh dran, nehme noch die Extra-Schleife von dem Waldlehrpfad über den Eichenwald, doch ich lande bald im Dorf. Ich steige den Kirch-Hügel hinauf und werfe einen Blick in die Kirche. Diese hier ist reformiert, kein Prunk oder Schnickschnack drin, deswegen auch offen. Am Rande der Friedhofsmauer steht ein kleines Gebäude mit einem WC drin, ein Angebot, welches ich gerne annehme. Hier ist ein großes Fenster drin mit einer prächtigen Aussicht das Rheintal entlang bis nach Chur. Selten hab ich mein Geschäft mit solch einer Aussicht verrichtet 🙂

Auf dem Weg wieder ins Dorf hinunter hab ich auf der Bank mit der Aussicht auf den Zusammenfluss von Vorderem und Hinterem Rhein Pause gemacht und etwas gegessen. Ich schau auf der Karte nach und beschliesse, noch weiter den Vorderrhein entlang Richtung Ruinaulta zu laufen. Trin sollte heute noch drinliegen, das sind noch knapp drei Kilometer. Nach der Brotzeit mache ich mich auf den Weg.

Kurz hinter Tamins finde ich das erste Schild zur Rheinschlucht Ruinaulta. Hier wird der Taminser Bergsturz beschrieben, der vor ca. 10-11’000 Jahren passiert ist. Ein Kubik-Kilometer Fels kam dabei den Hang hinunter. Ich staune: ein Kubik-Kilometer… Quasi ein halber Berg ist da abgerutscht. Das war dann auch dem Rhein zuviel. Da lag dann plötzlich ein Berg im Tal und der Rhein musste sich einen neuen Weg hindurch suchen. Der Hügel mit der Taminser Kirche, den ich eben noch rauf- und runtergestiegen bin, wurde auch durch diesen Bergsturz gebildet. Tamins gilt als Ausgangspunkt für Velotouren und Wanderungen durch die Rheinschlucht.

Der Weg ging dann nochmal ordentlich aufwärts, das hab ich wieder mal auf der Karte übersehen. Ich wurde begleitet vom Rattern und Pfeifen der Züge links unter mir, vom Ruf eines Kuckucks rechts über mir, dem Zirpen der Grillen überall um mich herum und der herrlich warm scheinenden Nachmittagssonne direkt vor mir. Ich kam nochmal ziemlich ins Schwitzen…

Endlich in Trin angekommen war ich ziemlich k.o. Ich hab gerade das Postauto Richtung Chur davonfahren sehen, also blieb mir eine Stunde Zeit, den Ort zu erkunden. Ich fand das Schild bzgl. der Rheinschlucht, es gibt einen Wanderweg von 22 km Länge, den möchte ich machen, dann gibt es Gletschermühlen auf einer Alp auf ca. 2000m, da will ich hin (wenn es denn keinen Schnee mehr hat). Als ich die Willkommensgrüsse an die Touristen gelesen hab, kam ich mir vor, als sei ich im Urlaub angekommen. Hier ist mein Ausgangspunkt für die Rheinschlucht. Im Volg hab ich mir ein Eis gekauft und mit dem iPad geschaut, was hier die Hotels so kosten. Aber das war mir alles zu teuer, selbst das Bed&Breakfast hat hier Hotel-Preise. Dann doch mit dem Postauto wieder zurück.

Ich bin stolz auf mich, ich bin heute weiter gekommen, als ich gedacht habe. Heute bin ich dort gelandet, wo ich „irgendwann mal hin sollte“. Morgen besuche ich mein erstes großes Ziel in meiner Wanderauszeit in Graubünden. Es ist wahr geworden, wovon ich das letzte halbe Jahr geträumt hab. 🙂 🙂

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