Trin Chrummwag

Google EarthGPXauf der KarteBilderRunKeeper

Ausgestattet mit der touristischen Wanderkarte und den wissenschaftlichen Informationen über die Entstehung der Rheinschlucht mache ich mich heute auf den Weg, von Trin aus die Schlucht zu erkunden.

Mich empfängt ein sonniger Frühlingstag, in dem ich von Trin hinunter zur Station Trin und damit an den Vorderrhein wandere. Die Dorfgeräusche werden langsam leiser, das Kinderlachen an der Schule auch, als ich im weiten Bogen um die blühenden Obstbäume und den grünen Wiesen mit viel Löwenzahn drauf, um Trin herum hinunter wandere.

Unten in der Schlucht verdecken die Wolken die Sonne und es geht ein Wind durch die Schlucht, dass es fast etwas kühl wird. An der Staziun Trin führt eine Hängebrücke über den Fluss, die recht neu sein muss. Weder auf Google Earth noch auf den Karten, die hier hängen, ist sie verzeichnet. Auf der anderen Seite des Rheins ging der Trampelpfad wieder steil bergauf, hier war ich ganz froh, dass die Sonne nicht so niederbrennt.

Aber der Aufstieg wurde bald mit einer Felsnase belohnt, von der aus man eine tolle Aussicht auf den Fluss, die Schlucht und die Eisenbahn hat. Ich musste nicht lange warten, da kündigte sich auch schon der nächste Zug mit seinem Pfeifen an, so war ich dann parat fürs Foto, als er durch’s Bild fuhr. Oben angekommen ging der Weg weiter durch Mischwald mit ein paar Tannen, ein paar Buchen und Föhren. Viele kleine, junge Bäume dabei, die für Unterholz und Blickschutz sorgen, hier geht auch kein Wind. Mit der Beschilderung komme ich nicht so ganz klar, ich muss mich auf der Karte orientieren. Aber eigentlich solltes ja klar sein, oben entlang weiter die Rheinschlucht entlang.

Nach einer Sackgasse und der fehlenden Beschilderung hab ich gelernt, wie die unterschiedlichen Wege auf der Topokarte aussehen. Es gibt Forststrassen, breit und mit Kies belegt, das sind die dünnen schwarzen Striche auf der Karte. Dann gibt es die gestrichelten Wege, die ich als bequeme Wanderwege interpretieren würde, gerade schmal genug, dass kein Auto drauf fahren kann. Und dann gibt es noch etwas kleinere Wege, auch gut zu laufen, die sind gar nicht in der Karte verzeichnet. Als ich das gelernt hatte, ging ich also auf der Forststrasse weiter und fand dort auch ab und zu einen gelben Wanderwegweiser. Und in fand heraus, dass man hier nicht nur mit dem Auto fahren kann, sondern auch mit schwerem Gerät, mit dem man den Wald intensiv nutzen kann. Kein Mischwald mehr, nur noch abgesägte Stümpfe, keine kleinen, jungen Bäume oder Unterholz mehr, alles mit riesigen Reifen platt gefahren. Keine Blumen mehr, kein richtiger Wald mehr. Nicht schön zum Wandern. Dafür aber riesige Holzstapel, beschriftet mit dem hiesigen Flurnamen: Zault. Laut Touristenkarte soll hier ein Aussichtspunkt sein und kurz vor der asphaltierten Strasse finde ich ihn.

Der Blick, der sich hier auftut, ist großartig: unten, weit unten, der Vorderrhein mit seiner grünlich-grauen Farbe, sein Rauschen ist bis hier oben zu hören, begleitet von der roten Rhätischen Bahn und flankiert von den grauen Felswänden der Schlucht, eingekerbt, abgebrochen, erodiert, geformt vom Fluss, der sich immer tiefer hier hineingetragen hat, abgerutscht und zu Schuttkegeln geformt, bewachsen mit Bäumen, die scheinbar keine Erde brauchen, sondern sich auf blankem Fels festklammern können. Gegenüber kommt die Schlucht des Flem ins Tal, seine Wasser sind grün. In dieser Schlucht liegen riesige Felsbrocken, tote Baumstämme und viel Schutt, mich erstaunt immer wieder, wieviel Geschiebe so ein kleiner Bach mit sich reißen kann. Und mich erstaunt, welch tiefe Schluchten ein Bach graben kann. 200 Meter über dem Fluss liegen sanft geschwungene Wiesen und Mischwälder, ich kann eine Ecke von Flims erkennen. Dahinter baut sich die große, mächtige Wand des Crap da Flem, oben drauf ein paar Schneereste. Rechts oben der Ringelspitz, von Wolken verdeckt und links hinten oben Piz Grisch, mit seinen knapp 3000 Meter noch größtenteils mit Schnee bedeckt. Dort oben scheint gerade die Sonne hinein, es blendet richtig, dort hinzuschauen.

Ich esse einen Apfel, genieße noch die Aussicht, dann ziehe ich weiter und ärgere mich, dass ich auf der Strasse laufen muss. Doch schon an der nächsten Ecke kommt der eigentliche Aussichtpunkt und das Panorama hier ist nochmal grandioser. Von hier kann ich drei Kurven des Rhein überblicken, sehe noch mehr dieser steilen Felswände und kann einen viel größeren Raum überblicken.

Jetzt ärgere ich mich nicht mehr, dass ich auf der Strasse laufen muss, denn so kann ich gehen und schauen gleichzeitig. Keine Wurzeln oder Steine, über die ich stolpern könnte, während ich meinen Blick gar nicht mehr abwenden kann von diesen Felswänden, steilen Fluen und dem imposanten Tal.

Und die Wände sind nicht stabil, noch immer fallen kleinere Felsen auf die Strasse, das Gestein ist recht bröckelig und es lassen sich locker Steine aus den Wänden herausbrechen. Und nachdem ich zwei Galerien mit all dem Schutt oben drauf gesehen hab, find ich auch gar nicht mehr schlimm, dass auch die Wanderer durch den Tunnel geschickt werden. Das hier sieht wirklich nach Steinschlaggefahr aus, bitte zügig hindurchwanden und stehenbleiben nur auf eigene Gefahr.

Hinter dem Tunnel war ich etwas verwirrt. Der Fluss durch unten war plötzlich ein kleines Bächlein, die Wände viel näher zusammen, das Tal viel enger. Ein Hinweisschild brachte mir dann Aufklärung: ich bin im Versamer Tobel, ein Nebental, welches durch den Flimser Felssturz zwei Kilometer hinauf zugeschüttet wurde. Auch dieser Bach, die Rabiusa, musste sich hier durch zwängeln und schlängeln und hat damit einen Neben-Canyon geschaffen.

Dieser wurde bald mit einer alten Stahlbrücke überquert, recht schmal, nur einspurig. Und schon etwas verrostet. Deswegen wird aktuell daneben eine moderne, aber weniger hübsche Brücke gebaut, die wohl nächstes Jahr fertig sein soll. Und dann musste ich mich entscheiden, wie ich die fast 200 Höhenmeter hinauf nach Versam gehen möchte. Durch den Wald zum Rossboda und dann steil hinauf, aber auf einem Wanderweg, oder in Sepentinen, wahrscheinlich nicht ganz so steil, die Strasse hinauf. Ich entschied mich für den Wanderweg, ich hoffte, damit dem Baulärm der neuen Brücke zu entgehen.

Der Wanderweg ging noch leicht bergab, der Baulärm war auch bald verschwunden. Plötzlich sehe ich links von mir einen Baum mit verletzter, zersplitterter Rinde. Das sind keine Bissspuren, das muss etwas gröberes gewesen sein. Etwa drei Meter daneben liegt ein Felsblock, der muss das wohl verursacht haben, und noch gar nicht lange her. Jetzt sehe ich auch zwei Einschlagslöcher auf dem Wanderweg und als ich in dieser Linie aufschaue, kann ich die Schneise erkennen, die dieser Fels hier in die Vegetation geschlagen hat. Gefährliche Gegend hier, ich wandere mal zügig weiter und bleibe nicht zu lange stehen.

Nach dem Rossboda kommt dann der erwartete steile Aufstieg. Ziemlich steil. Ich sehe nochmal frische Spuren von herufergefallenen Steinen und wie ich an dieser Stelle aufschaue, sehe ich einen riesigen Felsblock über mir, der von drei Bäumen gehalten wird. Wie ein UFO schwebt er unheilvoll knapp drei Meter über mir, so langsam wirds mir unheimlich. Ich hab vorher schon gesehen, wie leicht das Gestein hier auseinanderbricht, es ist ja der zersplitterte Überrest des halben Berges, der bei Flims hinuntergekommen ist. Der Kalkstein ist zwar bei diesem Bergrutsch „am Stück“ geblieben, aber innerlich ziemlich zerbröselt. So wenig Vertrauen in „Fels“ wie heute hatte ich noch nie…

In Versam angekommen, ein umgefallener Wanderwegweiser hat mich noch einen kleinen Umweg gekostet, wollte ich erstmal Pause machen. Das aber nicht im Dorf, sondern am Aussichtspunkt, von dem man in den Versamer Tobel hinunterblicken kann. Wenn ich den schon so mühsam hinaufgestiegen bin, möchte ich auch triumphierend oben stehen. Was hab ich gestaunt, wie klein und weit unten die Brücken sind, an denen ich eben noch vorbeigekommen bin.

Nach dem Feuerholz sammeln hab ich mir erstmal einen Tee aus Tannenspitzen gemacht, die ich schon heute früh gesammelt hatte. Die haben viel Vitamin C und schmecken nach Badezusatz 😉 Als das Wasser eh schon kochte und ich genug Holz hatte, hab ich mir auch gleich eine Potion Nudeln gekocht. Pesto rein, Parmegiano drüber, Scheibe Brot dazu und fertig war mein Mittag-/Abendessen.

Nach der ausgiebigen Pause bin ich weiter gezogen, ich war aber unschlüssig, was ich tun sollte. Ich könnte hinunter laufen zum Bahnhof und mit dem Zug heimfahren, angeblich gibt’s am Bahnhof auch eine Übernachtungsmöglichkeit, oder ich suche mit ein nettes Plätzchen im Wald für meine Hängematte. Das tägliche Hin und Her kostet jede Fahrt drei Stunden, die kann ich auch sinnvoller verbringen. Während der Überlegungen bin ich mal den steilen Hang hinabgestiegen Richtung Rhein runter. Aber etwas in mir hat sich dagegen gesträubt, denn irgendwann muss ich diesen steilen Hang auch wieder hoch… Das hier hat inzwischen gar nichts mehr mit Sandlatschen zu tun, hier ist selbst das abwärts gehen anstrengend.

Als ich über der Chli Isla war, eine tolle Aussicht über den Rhein, die steilen Kalkwände gegenüber und diese Halbinsel hatte, würde es noch 20 Minuten bis zum Bahnhof dauern und in einer halben Stunde ginge ein Zug. Und in eineinhalb Stunden geht auch noch ein Zug. Sollte also kein Problem sein, hier noch weg zu kommen. Aber mit hat die Umgebung so gut gefallen, ich wollte hier gar nicht weg. Ich bin über die Halbinsel gelaufen, hab mich gefühlt wie Robinson Crusoe und eine geeignete Stelle für meine Hängematte gesucht.

Es gibt hier auch Feuerstellen, vorne ist sogar ein offizieller Jugendzeltplatz. Nach einer halben Stunde suchen und einer Stunde aufbauen war ich noch im Hellen fertig. Gegen die Insel hab ich mein grünes Dach aufgespannt, ich hoffe, man sieht mich nicht. Ich mache mir nur Sorgen wegen meinem blauen Rucksack, den würde ich gerne auch noch etwas tarnen.

Suchbilder: wo ist mein Lager?

Der Rhein rauscht beständig neben mir und wenn ich in der Hängematte liege, habe ich die mächtigen weißen Kalksteinwände der Ruinaulta direkt vor mir. Was ein Anblick! Zwei- oder dreihundert Meter hohe senkrechte Wände, oben zerklüftet und wild gezahnt, diese Bäume, die sich an den Fels klammern. Als ich letztens mit dem Zug hier vorbei gefahren bin und mir gesagt hab, dass ich unbedingt nochmal hier vorbei will, hätte ich mir noch nicht träumen lassen, dass ich so mitten drin sein werde 🙂 Ganz oben, ganz klein erkenne ich die Aussichtsplattform „Il Spir“, zu der ich morgen auch noch möchte.

Es kamen noch ein paar Kanu-Fahrer den Rhein entlang, als ich zu meiner Abendrunde aufgebrochen bin. Vom Fluss aus kann man mein Lager so gut wie nicht sehen, nach dem blauen Rucksack muss man schon suchen. Ich gehe den Rhein entlang, auf die vielen bunten Flusskieseln, die hier in allen Größen, Formen und Farben herum liegen. Ich gehe nochmal durch das Innere „meiner Insel“, von meinem Lager ist nur das grüne Dach zu sehen. Sollte passen bis morgen früh. Ich hab noch überlegt, ein Feuer anzufachen und Schoggibanane zum Abschluss des Tages zu machen, aber ich bin zu müde. Ich gehe mich noch am Fluss waschen und zähneputzen, dann ziehe ich meinen Schlafsack an, bestaune noch ein letztes Mal diese Kalkfelswände und schlafe ein.

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