Ilanz Cauma-See

Google EarthGPXauf der KarteBilderRunKeeper

Durch das verschlungene Labyrinth geteerter Fahrwege musste ich mir den Weg aus Ilanz heraus suchen. Die paar wenigen gelben Schilder zeigten alle rückwärts in die Richtung, aus der ich gekommen bin. Ich landete auf einer geschäftigen Kiesgrube, wo viele Lastwagen und große Bagger umher fuhren und ganz schön Staub aufgewirbelt haben. Einer der Baggerfahrer hat mich kleinen Wanderer entdeckt und mit einem Schulterzucken fragte ich ihn nach dem Weg. Er zeigte in eine Richtung, mit einem Daumen nach oben bedankte ich mich. Nachdem mich noch fast ein Laster überfahren hatte, kam ich auf der anderen Seite der Kiesgrube in einen Wald. Und wieder zeigt ein Wanderwegweiser hinter mich, ich komme also aus der richtigen Richtung. Wohin ich gehen will, muss ich mir mit der Karte selber raussuchen. Erstmal am Rhein entlang…

So langsam wird das Rauschen des Flusses das dominante Geräusch, ich musste fast bis auf Höhe von Castrisch laufen, um aus dem Trubel heraus zu kommen. Und bald stand da auch eine Ruinaulta-Übersichtskarte, die mir zeigt, dass das kommende Ufer Naturschutzgebiet ist. Dieses ist sogar Doppel schraffiert, das bedeutet „Betreten Verboten“. Es gibt auch einfach schraffierte Flächen, „bitte nicht betreten“ bedeuten.

Ich auf meiner Seite muss allerding weg vom Fluss, hinein ins Dorf Schluein.

Idyllisch am Hang gelegen, mit bunt bemalter (wahrscheinlich katholischer) Kirche, eingerahmt von saftig grünen Wiesen mit gelbem Löwenzahn drauf, braunen Kühen, die sogar noch Hörner haben! und blühenden Obstbäumen präsentiert sich Schluein vor einem blauen Frühlingshimmel. Die Kühe bimmeln ihr Lied, ein leichter Wind kühlt die schwitzenden Wanderer, die Maikäfer fliegen brummend umher. Herrlich, dieser Frühling.

Im Dorf angekommen, mache ich noch einen Abstecher zur Kirche St. Peter und Paul, die mit schönen Aussenbemalungen verziert ist. Ihr Glockengeläut begleitet mich,

als ich über blumenübersäte Wiesen weiter ziehe. Ich komme am Golfplatz vorbei, das „Klack“ jedes Abschlags ist weithin zu hören. Zwischendrin ist Baustelle, ich laufe über einen Weg, der gerade seinen neuen Kiesbelag bekommen hat und hinterlasse dort meine Fussspuren. Ich komme unter einem Abschlagsplatz vorbei und hoffe, dass mir kein Golfball auf den Kopf fällt. Ich wundere mich über die Kleiderordnung hier auf dem Platz. Natur genießen in Anzughosen und ledernen Halbschuhen.

Die kleine Strassenwalze, die meine Fußspuren im Kies wieder verwischen soll, muss zwischen den Golfcaddies durchzirkeln, hier treffen auch zwei Welten aufeinander. Die Platzaufsicht kommt in ihrem Elektromobil an mir vorbeigesurrt, als ich schon die Kirche des nächsten Dorfes im Visier habe.

Das ist auch schon Sagogn. Hier wird romanisch gesprochen und geschrieben. Genauer: Surselvisch. Ich verstehe die Menschen nicht, den Vorabeiter am Bau, wenn er Instruktionen gibt oder die zwei Hausfrauen, die sich quer über die Strasse unterhalten. Ich hab das Gefühl, die Leute warten erstmal ab, wie ich sie begrüsse, damit sie entsprechend auf Schweizerdeutsch zurück grüssen.

Hier in Sagogn sind viele alte Holzhäuser aus dem 17. und 18. Jahrhundert, viele davon renoviert und gut instand gehalten.

Nach meiner gestrigen Erfahrung mit Dorfläden bin ich heute zuerst in den Vol hinein und habe Brotzeit eingekauft. Erst danach hab ich mir die Kirche angesehen. Auf Wikipedia habe ich gelesen: „Die Katholische Kirche Mariä Himmelfahrt in Sagogn […] gehört zu den besterhaltenen, vollständig ausgezierten Kirchenbauten des frühen Hochbarocks nördlich der Alpen.“ Ich hatte ja keine Ahnung, was Hochbarock ist und was vollständig ausgeziert wirklich meint.

Als ich die Kirche betreten hatte, sah ich einen farbenprächtig und reich verzierten Raum, bei dem ich gestaunt hab. Mir ist ein „Wow“ herausgerutscht, welches sich in der Kirche verteilt hat und als Echo widerschallte. Ich war baff. So reich ausgeschmückt hab ich selten eine Kirche gesehen. Diese bunten, frischen, kräftigen Farben, überall Gemälde, an den Wänden, an der Decke, hinter dem Altar,

eingerahmt in aufwändige Stuckarbeiten in verschnörkelten Rahmen und in Herzform, überall Ornamente und Verzierungen. So viel Liebe zum Detail, in den Bildern, im Stuck, in den Säulenköpfen, in den Simsen. Wie in einem riesigen Wimmelbild gab es Unmengen an Dingen zu entdecken, Kleinigkeiten zu finden, Sachen zu erkennen.

Das (nicht ganz zentrale) Deckengemälde des Gekreuzigten Jesu am Berg Golgatha ist sogar in der richtigen, demütigen Perspektive gemalt, quasi aus der Froschperspektive, als würden wir selber vor ihm niederknien. Teilweise waren noch alte, evtl. originale Malereien an den Wänden zu sehen. Aber mich freut es, dass man keine Scheu hat, die alten Bilder mit neuen Farben wieder zu beleben. Vor lauter Staunen musste ich mich erstmal setzen, damit ich die Ruhe finde, all das zu betrachten. Es ist angenehm kühl in der Kirche, eine Wohltat nach der Mittagshitze draußen.

Um so heißer erschien es mir, als ich wieder raus kam. Das Dorf war still, kein Handwerken mehr zu hören, kein Kindergeschrei, kein Hundebellen, still. Siesta. Nur das Plätschern des Dorfbrunnen, an dem ich meinen Wassersack auffülle, bevor ist mich zur Ruine Schiedberg aufmache. Es ist heiß, ich will auch Siesta machen, aber eben an der Ruine.

Eine halbe Stunde laufen und noch einen kleinen Aufstieg auf den Burghügel, dann war ich da. Eine große Föhre (oder Kiefer?) spendet Schatten. Hier lasse ich mich nieder. Und inspiziere meine Einkäufe. Es gibt Kartoffelwurst, Ligiongia da truffels, die neben Fleisch zu 30% aus Kartoffeln besteht, und ein Stück Savogniner Bergkäse. Dazu etwas Brot und vorher meine fast schon zermanschte Banane und eine Karotte.

Danach wollte ich etwas schlafen, bin aber immer wieder von Ameisen gekitzelt worden. Es gibt hier ganz kleine Ameisen und richtig große Ameisen, so groß wie der Fingernagel von meinem kleinen Finger. Die sind ganz schwarz und haben ganz feine weiße Haare am Hinterleib. In der Luft fliegen diese Haarbüschel mit Samenkörnen dran herum, fast wie die Pusteblumen, nur viel feiner. Die ganze Luft ist voll davon und jede kleine Luftbewegung wird dadurch sichtbar gemacht. Eigentlich fühlt es sich so an, als würde die Luft stehen, aber diese dreidimensionale Visualisierung zeigt mir, dass auch diese Luft ständig und überall ein klein wenig in Bewegung ist. Interessant zuzuschauen, wie sich so das Leben verbreitet, so können neue Bäume dort entstehen, wo sich ein klein wenig Erde befindet, selbst wenn das auf einer Felszinne ganz oben drauf ist. Es muss nur eines dieser winzigen Samenkörnchen dorthin getragen werden. Und dazu braucht es sogar weniger als wir „Wind“ nennen.

Dann tauchte plötzlich, als ich so vor mich hingedöst habe, ein Geocacher mit seinem GPS Gerät in der Hand auf. Als er mich so liegen sah, hat er freundlich gegrüsst, ich bin ziemlich erschrocken. Geocache? Hmm, mal sehen. Und noch bevor ich online geschaut hatte, ob hier einer ist, hatte er ihn schon gefunden und hat mich auch gleich ins Log eintragen lassen. Ein geschenkter Cache sozusagen 😉 Ich hab die Dose dann wieder an ihren Platz versteckt, dann war wieder Ruhe eingekehrt. Ich beobachte noch ein bisschen die Hummeln und Bienen auf den Löwenzahnblüten und die großen Ameisen, wie sie Zeug durch die Gegend tragen, dann ist fertig mit Schatten von dem großen Baum. Die Sonne ist soweit rumgekommen, dass ich fast schon in der Sonne liege. Und mir ist immer noch zu warm, ich glaub, meinen Armen war das auch schon zu viel Sonne. Und ich hab nichts lockeres langärmliges dabei. Ein kühler See wäre jetzt schön, oder tausend Meter höher zu sein. Naja, ich geh mal Richtung Laax. Es wird bergauf gehen, mal sehen wie lange ich aushalte.

Als ich an an einer Suone vorbeikam, hatte ich die Idee, meinen Regenhut mal „umzupolen“, mal anders herum zu gebrauchen. Ich dachte zuerst an die Verdunstungskälte, die mir meinen Kopf kühlen sollte, aber als sich das Innenfutter auch mit Wasser vollgesogen hatte, lief mir das kühle Nass auch noch den Körper hinab, durchs Hemd hindurch. Aber nicht alles auf einmal, sondern etwas blieb im Futter und tropfte mit der Zeit noch heraus. So konnte ich einen kühlen Kopf bewahren, zumal jetzt der Anstieg nach Laax so richtig losging. Dabei kam ich an der kleinen Kapelle S. Giacun vorbei, die dem heiligen St. Jakob gewidmet ist. Er ist der Schutzpatron der Wanderer und Pilger.

Wanderer, gedenke, dass du unterwegs bist („inter viam“) !

Und beim nächsten Wegweiser sah ich mich wieder ein Stück des Jakobswegs laufen. Leider von dort an auf der asphaltierte Hauptstraße von Laax, die ich dann auf dem Trottoir hinauf gegangen bin. Da kam mir ein älterer Mann entgegen, ein breites Grinsem im Gesicht, quer über die Strasse zu mir. „Da haben sie aber einen prächtigen Wanderstab“ und wollte ihn auch mal anfassen und auf den Boden stampfen.

Dann fing er zu erzählen an, sein Vater und Großvater, die Schäfer, hatten auch immer solche Stecken bei sich, teilweise sogar noch länger. Er war mal im Himalaya, (paar Minuten Geschichte hier)… Und warum die so praktisch sind, wenn sie mehr als mannshoch sind. Ich hab dann meine Geschichte erzählt, dass ich mit meinem Wanderstab auch Zug fahren muss und durch Bahnhöfe marschiere, wenn Rush Hour ist, soo viel länger dürfte mein Stab nicht sein. Er war sich aber wegen dem Holz nicht sicher. Ich meinte Buche, aber das hab ich auch nur gehört, er meinte, das müsste Esche sein. Und er empfahl mir einen Wanderstab aus Haselnuss. Die seien die besten 🙂 Gut hatte ich meinen kühlenden Hut auf, die Sonne hat nicht geblendet und ich hatte nicht zu heiß und so hatte ich Raum genug, mich auf ihn einzulassen. Ich hab mir seine Geschichte aus dem Himalaya angehört, ohne genervt zu sein, was ich ohne Hut in der Hitze bestimmt gewesen wäre.

Die Mittagshitze hat langsam nachgelassen, die Sonne sengt nicht mehr gar so darnieder. Ich frage mich, wie das erst im Sommer werden soll. Ich konnte also gemütlich von Laax Richtung Flims hochsteigen, erst der Strasse nach, dann hab in mir die Wanderwege durch den Wald mit der Topokarte ausgesucht. Grobe Richtung Conn und dem Lag la Cauma, dem Caumasee.

Es ging durch Fichten- und Tannenwald, hie und da waren Schilder eines Naturlehrpfades zu lesen. Ich fand auch einen Punkt mit der Aussicht auf die ob Flims liegenden Berge und das grosse Tal darunter, wo der Flimser Felssturz vor ca. 10’000 Jahren niederging. Die dazugehörige Tafel hat allerdings ein paar Dinge anders dargestellt als der wissenschaftliche Bericht, den ich im Internet gefunden habe. Auch waren auf der Tafel einige Kommentare und Berichtigungen mit Bleistift notiert, so konnte sich jeder selbst aussuchen, was er nun glauben mag.

Aber die wichtigste Botschaft ist immernoch eindrücklich, man muss auch davor stehen, um sie richtig zu begreifen. Vom Flimserstein dort rechts oben bis zum Nagens links hinten, etwa 16 Kilometer lang, war die Abrisskante des Bergrutsches. Etwa 10 Kubik-Kilometer Gestein rutschte den Hang hinunter ins Rheintal. Kubik-Kilometer ist eh sowas Unbegreifliches, ich konnte mir beim Taminser Felssturz schon einen Kubik-Kilometer nicht vorstellen. Und das hier waren zehn! Das Rheintal war damit auf der Länge, die ich die letzten beiden Tage erwandert habe, zwischen Ilanz und Reichenau, 900 Meter hoch zugeschüttet. Das hat den Rhein gestaut, den sog. Ilanzer See, der ca. 1000 Jahre bestanden haben soll, bis sich der Rhein mit der Rheinschlucht einen Weg hindurch gegraben hat. So unglaublich groß das alles ist, ich muss mir das unbedingt mal von oben anschauen. Ich bin mir durchaus bewusst, dass ich seit drei Tagen nur auf diesem Schutt herumlaufe, den der Felssturz hier abgelagert hat.

Weiter des Wegs tauchte dann unter mir im Wald der Lag da Cauma mit seinem tiefgrünen Wasser auf. Sieht schön aus, diese Farbe und er ist ziemlich klar, man kann weit hinunter schauen. Der See hat keinen oberirdischen Zu- oder Abfluss, er wird aus unterirdischen Wassern aus dem Flimserstein gespeist. Wenn das Wasser dann mal im See auftaucht, ist es angeblich vier bis fünf Jahre durch den Berg gewandert.

Ich aber wandere schnell hinunter an seine Ufer, es sind noch andere Badegäste da, stell meinen Rucksack entledige mich meiner Klamotten und springe erstmal ins kühle Nass. Was für eine Wohltat, nach dem heißen Mittag in diesen grünen, klaren, kalten Bergsee zu gehen! Nach dem Schwimmen gemütlich an der Nachmittagssonne trocken lassen, frische Klamotten angezogen, so sieht die Welt schon wieder besser aus.

Dann ging’s darum, einen Schlafplatz zu finden, ich bin davon ausgegangen, dass es gegen acht Uhr dunkel wird und eine Stunde brauche ich zum Lager aufbauen. Und ich muss einen geeigneten Platz finden, sollte ich mich dann mal auf die Suche machen. Ich hab hier und dort geschaut, hier war’s zu feucht vom See her, dort waren keine rechten Bäume. Eine halbe Stunde bin ich durchs Dickicht gestöbert, bis ich eine gute Kombination an Bäumen gefunden hatte. Ridgeline gespannt, Treehugger befestigt, Hängematte aufgehängt, das geht ja recht schnell. Aber bis die sechs Leinen des Dachs abgespannt sind, dauert nochmal so lange, wenn nicht sogar länger… Naja, nach der veranschlagten Stunde war mein Lager soweit aufgebaut. Es war noch nicht dunkel, obwohl schon acht Uhr war. Selbst um halb neun war’s noch hell. Ich hab dann gemerkt, dass ich mich so tief ins Dickicht zurückgezogen habe, dass ich schon wieder kurz vorm nächsten Weg hing. Deswegen war das Lachen jetzt eben so laut… Naja, so langsam sollten auch die letzten Badegäste vom See verschwunden sein und morgen bin ich ja früh wieder weg. Ich hab dann noch eine Mücke auf meinem Arm gesichtet, ich lag schon fertig im Schlafsack, als sie mich stechen wollte. Also nochmal aufstehen, Hängematte umdrehen, Moskitonetz aufspannen und wieder reinlegen. Gut dass ich so einen praktischen Schlafsack habe, den ich bei solchen Aktionen anbehalten kann.

 

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