Rhäzüns Thusis

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Die Nacht war ruhig. Es hat zwar kurz mal geregnet und ich musste aufstehen, weil ich vergessen hatte, den Regenschutz über den Ruchsack zu stülpen. Kaum war ich fertig, mit der Taschenlampe im Mund und recht wackelig im schrägen Gelände, hat's auch schon wieder aufgehört. Sonst habe ich gut geschlafen, ich bin wach geworden, als es schon hell war. Und dann fing der nervige Teil an.

Leinen von Dach einholen, Hängematte abhängen, Kaffee kochen, usw, alles an diesem recht steilen Hang. Mir ist meine Klopapier-Rolle quer durch den Wald gekullert, ein Topf ist hinunter geflogen, ich musste jeden Schritt und jede Stellung speziell belasten, damit auf diesem steilen Untergrund Halt hatte. Dann war meine Brennpaste leer, bevor der Kaffee fertig war und es fing zu regnen an, als ich gerade das Dach eingepackt hatte und mich ans Frühstück setzen wollte. Ich bin etwas ungehalten und missmutig heute früh…

Nach dem Wasser-Auffüllen im Bach und einer letzten Inspektionsrunde über meinen Lagerplatz ging's dann los. Auf die Waldstraße und diese hinauf nach Alp Sut. Vier Stunden… Ich stapfe und trotte, schnaufe und schwitze den Berg hinauf. Nicht übel, dieser Anstieg. Sollte ich meine gusseiserne Pfanne lieber doch nicht mitnehmen?

Auf einer Lichtung verschnaufe ich ein wenig und schau mich um. Auf dem Berg gegenüber ist Feldis zu erkennen, dort möchte ich auch noch hin. Unten fließt der Hinterrhein, Rhäzüns und Bonaduz sind zu sehen. Dahinter baut sich der große Calanda auf. So langsam drückt schönes Wetter ins Rheintal, hinter Feldis kann ich schon blauen Himmel sehen.

Je höher ich komme, desto flacher wird der Aufstieg, desto besser wird das Wetter und die Aussicht und desto mehr kommt die Sonne heraus. Meine Laune steigt wieder, ich hab wieder Spass daran, in den Bergen zu sein. Heute früh hatte ich da so meine Zweifel. Jetzt gehe ich sogar noch einen Abzweig weiter höher, um oben, wenn ich dann auf die andere Seite komme, eine noch bessere Aussicht auf das Domleschg zu bekommen. Beim Aufstieg hat mich noch ein Rentner überholt, der „nur zum Training“ mal schnell den Berg hier hoch marschiert. Wir haben ein paar Takte geschwätzt, wie schön doch die Gegend hier ist, dass auf dem Grat oben noch viel Schnee liegt und dass die Schneegrenze bei ca. 1800 Meter liegt, was wir uns an den umliegenden Bergen angeschaut haben. Er zog mit seinem Rucksäckchen weiter, ich wollte ihm noch Vorsprung geben, damit mein Ehrgeiz nicht meint, mithalten zu müssen.

Kurz vor der Alp Sut, also „kurz vor oben“ musste ich dann noch durch diverse Schneefelder laufen. Aber direkt daneben kamen schon viele Krokusse aus der Wiese, der Frühling hat bald auch die letzten Reste des Winters verdrängt.

Ich traf den Bergsteiger wieder, er konnte mir allerdings auch nicht viel weiterhelfen mit dem Weg zur Aussicht. Der jetzt kommende Weg führt durch Wald, da sehe ich ja nichts vom Domleschg. Also beschließe ich, noch eins höher zu gehen. Ich bin echt froh um meine Topografische Karte, die ich auch unterwegs am iPhone dabei haben kann.

Dann war ich an der Alp Nova angelangt. Fertig Aufstieg. Nach nicht einmal drei Stunden. Und ich hatte meine Aussicht über das Domleschg, über die sanft abfallenden Hänge des Heinzenberg zu meiner Rechten mit Piz Beverin am Ende. Dort ist der Glaspass, wie mir der Wanderer erzählte, als er doch noch zu mir hoch auf die Alp Nova gewandert ist.

Und der Piz Beverin bildet einen Teil der Mauer, die das Domleschg abschließt, an dessen unteren Ende Thusis liegt. Auf diese Mauer laufe ich jetzt zu, die Mittagssonne direkt vor mir, „der Obstgarten Graubündens“ mir zu Füssen. Knapp fünf Stunden bis Thusis hat der Wanderer veranschlagt, aber er als Gipfel- und Grat-Stürmer hat die Gratwanderung über den Heinzenberg gemeint. Dort will ich nicht her, dort liegt sicher noch Schnee.

Ich machte Rast auf der Alp Nova, esse einen Apfel, trockne mein Hemd und Rucksack, fülle mein Wasser wieder auf. Zwei Liter hab ich beim Aufstieg getrunken, mit dem Camelbak komme ich endlich mal auf ordentliche Flüssigkeitsmengen, die ich zu mir nehmen sollte. Frisch gestärkt und versorgt und neu motiviert gehe ich dem leichteren Teil des Tages entgegen. Es wird dunstig über den Bergen, der Wanderer hat gemeint, der Wetterbericht hätte für heute Nachmittag „wechselhaft“ angekündigt. Hmm… Eigentlich hatte der Wetterbericht für den ganzen Tag Regen angesagt. Gut habe ich nicht auf ihn gehört 🙂

Gegen Mittag, ich war schon fast zur Hälfte durch das Domleschg durch, hab ich noch Murmeltiere gesehen. Heute Vormittag, beim Aufstieg, hab ich schon eines pfeifen gehört. Aber hier, auf einer großen, sonnengefluteten Wiese, hab ich plötzlich etwas braunes rennen sehen. Ich konnte mir nicht recht vorstellen, was das war, ich erkenne Murmeltiere nur sitzend und nicht, wenn sie im gestreckten Galopp über die Wiese fetzen. Und schwupp war's im Loch verschwunden und kam kurz drauf wieder raus und setzte sich so typisch hin. Und ein zweites kam auch noch aus dem Bau heraus. Ich stand eine Weile da und beobachtete, aber viel haben sie nicht gemacht. Dann ging ich weiter, inzwischen ist der Weg eine geteerte Strasse, komme um eine Kurve und sehe, keine hundert Meter weiter, drei Murmeltiere auf der Strasse sitzen. Sie hoppeln etwas herum, mich hat noch erstaunt, wie buschig ihre Schwänze sind. Aber ich bin zu forsch um die Kurve gekommen, sie haben mich bemerkt, gepfiffen und sind geflohen. Ich hab sie im Unterholz zwischen den Bäumen nicht mehr ausmachen können.

Inzwischen wirds wieder dunstig, ich glaub, das hab ich heute schon mal geschrieben. Inzwischen war die Sonne wieder (bzw. immernoch) draußen, auch jetzt kann sie sich recht gut gegen das Gschlirk wehren. Ich suche eine Feuerstelle oder einen Picknickplatz. Aber von der „Schweizer Familie“ sind keine in der Gegend. Ich hab nämlich noch Fleisch ungekühlt im Rucksack. Das sollte ich langsam mal zubereiten. Es ist zwar noch vakuumverpackt, aber trotzdem. Das letzte Glied der Kühlkette liegt 150 Kilometer und zwei Tage zurück.

Ich finde eine Ruine eines Hauses, die mich anspricht. Trockenes Holz wäre ja genug vorhanden, fast schon zu viel. Ich weiß nicht so recht, ob ich hier ein Feuer machen sollte. Ich stell erstmal meinen Rucksack ab, ziehe Schuhe und Socken aus und erkunde barfuß die Wiese. Hier sind auch ziemlich viele Murmeltier-Höhlen. Barfuß laufen ist schon was Feines, nur die Disteln pieksen ein wenig. Aber da muss ich halt mal aufpassen, wo ich hintrete. Und eine Ameise besprüht mich mich ihrer Säure, es brennt plötzlich am Fuß. Was' los? Drauf getreten bin ich ja nicht, eher anders herum. Wahrscheinlich hab ich sie angerempelt und sie wollte sich beschweren… 😉

Und wie ich so sitze und Füße entspanne, der Sonne beim Verschwinden zuschaue und den Dunst beobachte, reift in mir die Idee, nicht hier zu Grillen, sondern erstmal weiter zu ziehen. Ich möchte mir noch das Wetter anschauen, wie sich das entwickelt. Als ich zur Stärkung etwas Züpfe und e chli Chäs aus dem Rucksack geholt hab, kam die Sonne wieder raus. Über der Viamala hängen allerdings Regenwolken, dort sieht's nicht schön aus.

Weiter den Hang des Heinzenberg entlang, habe ich zwischendrin den Wanderweg verloren. Ich muss mir über knubbelige Wiesen und Weiden meinen Weg suchen, durch Wälder, in denen ganz schön viele Bäume umgefallen sind. Selber umgefallen, nicht gesägt. Irgendwann hab ich eine Strasse gefunden, diese hinauf, in der nächsten Kehre müsste ein Wanderweg weiterführen. Den hab ich auch gefunden, aber trotzdem wieder verloren. Ein Hauch von einem Weg ist das. Wenn man erkennen kann, dass letzes Jahr hier jemand entlang gegangen ist, dann ist das schon viel. Es regnet inzwischen, der Dunst hat sich in Regenwolken konkretisiert, die Sonne kommt gar nicht mehr. Ich weiß allerdings nicht, was mich mehr nässt, der Regen oder mein Schwitzen querfeldein durch die Natur.

Dann kam ich unter einem still stehenden Sessellift hindurch. Eine Achse der Zivilisation! Wenn diesem Lift hinunter folge, komme ich bestimmt in ein Skigebiet. Da fällt mir ein, der Wanderer heute früh hat auch etwas von dem Skigebiet erzählt. Nix los unten, war mir auch fast klar. Die Umgebungskarten, die hier hängen, zeigen allerdings immernoch Winter, ich halte mich mal an den Winterwanderweg von Lescha über Sarn, Portein und Flerden in Richtung Thusis. Es regnet immernoch, das wechselhafte Wetter hat sich jetzt wohl endgültig für einen leichten Regen entschieden.

 

Ich überlege mir, wie sich eine große Feder an meinem Regenhut machen würde. Sähe ich dann aus wie d'Artagnan? 🙂

Nach Sarn hinunter gings dann auf Asphalt und ich hatte dort wieder die Sommer-Wanderwegweiser gefunden. Ich wollte nach Portein. Angeblich nach links. Ich weiß nicht, wie sie das machen wollen, dort kommt Tartar und Cazis. Das ist zurück in die Mitte des Tals. In Cazis steht zwar noch eine interessante Kirche, die ich mal besuchen möchte, aber nicht heute. Ich gehe trotzdem mal den Weg in diese Richtung, vielleicht biegt der Wanderweg ja noch ab. Aber damit war nichts. Also bin ich auf eigene Faust rechts entlang (auch wieder auf Asphalt) nach Portein.

Und die Sonne scheint wieder. Ich wundere mich, wo die geschlossene graue Wolkendecke hin ist, ich hab nicht mitbekommen, dass es aufklart. Jetzt ist wieder blauer Himmel mit ein paar freundlichen weissen Wolken darin. Die ganze Mauer bis zum Piz Beverin ist klar sichtbar, viel größer noch als am Morgen und immer wieder muss ich zur Schlucht der Viamala schauen. Selbst von hier schaut sie schon so wild und aufregend aus. Tief eingeschnitten mit schroffen Felswänden, abgewechselt mit dem dunklen Wald, und unten am Fuß, ganz klein, die Häuser von Thusis (oder Sils, da bin ich mir noch nicht sicher).

Von Portein aus führt dann wieder ein Wanderweg nach Thusis. Kein Asphalt, zumindest für eine Weile. Eineinhalb Stunden sind noch veranschlagt. Allerdings laufe ich einen Hügel zu früh ins Rheintal hinab. Um ganz zur „Mauer“ zu kommen, müsste ich nochmal nach Flerden hinauf und dort erst Richtung Thusis. Aber soviel mag ich heute nicht mehr. Vielleicht gehe ich mal zum Glaspass, dann könnte ich ja dort vorbei laufen.

Der Weg hinunter hat sich noch ziemlich gezogen. Oder mir kam das so vor, weil in doch schon recht geschafft bin. In Masein, dem Dorf oberhalb von Thusis, hab ich mit Erschrecken festgestellt, dass es noch 50 Minuten sein sollen. War wohl nix mit eineinhalb Stunden… Aber ob ich jetzt hier aufs Poschi warte oder hinunter nach Thusis laufe, kommt zeitlich aufs selbe raus. Also laufen.

Ich kam noch ziemlich nah an dem Eingang zur Schlucht der Viamala vorbei. Sieht von außen schon eindrücklich aus. Aber diese Richtung im Dorf war falsch, zum Bahnhof musste ich in die andere Richtung. Diesmal hat die Zeitangabe gepasst und ich hab den geplanten Zug erwischt.

Als der Zug mich dann das Tal vor und nach Chur gefahren hat, war ich erstaunt: der Zug schafft es tatsächlich, dass die Regentropfen an der Scheibe auch während der Fahrt senkrecht hinunter laufen. Das „Express“ in „Regio Express“ bezieht sich wahrscheinlich nur darauf, dass er nicht an jeder Station hält. Nicht einmal „sin damonda“…

 

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