von Narbonne nach Fontfroide und durch die Hitze zur Villa

Google EarthGPXauf der KarteBilderRunKeeper

Am nächsten Morgen war früh aufstehen kein Problem. Erst war ich um ein Uhr wach, bin wieder eingeschlafen. Ich hab geträumt, dass ich in einem Auto mitfahre und dieses auf einer Brücke von der Fahrbahn abkommt und im hohen Bogen hinunterfällt. Kurz vor dem Aufprall bin ich aufgewacht. Drei Uhr. Es regnet stark hier in Narbonne, im Hotel werden recht hektisch die Fenster zu gemacht. Ich döse weiter, höre dem Regen zu, ich bin unsicher, was ich machen soll. Einerseits fällt mir der Hagelschauer vor ein paar Wochen wieder ein, dem ich nicht im Wald unterwegs begegnen möchte. Andererseits müsste das Regengebiet ja bald durch sein und in der Gegend hier ja auch mal wieder die Sonne scheinen. Vier Uhr. Es regnet immernoch, die Regenrinnen und Abwasserkanäle haben alle Hand voll zu tun.

Um fünf geht der Wecker, es regnet immernoch. Ich schlummere noch etwas weiter, gegen sechs ist es dann hell und der Regen hat aufgehört. Schnell unter die Dusche geschwungen und Rucksack gepackt. Noch ein Blick aus dem Fenster: Blauer Himmel. Also nochmal im Rucksack kramen und Kontaktlinsen reintun. Gegen sieben war ich parat und bin losgezogen.

Die Ausfallstraße hinaus aus Narbonne, kam ich noch an einem McDonalds vorbei. Hier wird mit WiFi geworben, gratuit et illimité. Allerdings nur zu Restaurant-Öffnungszeiten. Please try again later. Also weiter, über den ersten Kreisel, geradeaus über die Geleise, am nächsten Kreisel rechts, durchs Industriegebiet links, rechts, links, rechts,

über die Autobahn, geradeaus, nach der Mauer links, die Avenue Gustave Eiffel entlang, dann rechts hinauf, an der anderen Autobahn entlang bis die Brücke kommt. Gut, dass ich mir diesen Weg vorher mit Google Earth und Streetview gut eingeprägt habe. Nach knapp eineinhalb Stunden war ich raus aus der Stadt, definitiv auf dem Weg nach Carcassone. Das Wetter ist schön, sonnig, es geht immer ein bisschen Wind. Ich schwitze, der Wind kann mich aber noch kühlen.

Hinter dem ersten Weingut ging noch die geteerte Strasse weiter, bald kam ich zu einer Baustelle. Ein bisschen Smalltalk mit einem Bauarbeiter, die anderen 20 standen irgendwie so in der Gegend rum. Und alle haben mich beobachtet. Wahrscheinlich haben sie deswegen innegehalten. Ich hab mich umgesehen, kein einziger schien irgendetwas anstrengendes zu machen. Bis auf einer, der einen Kleinlaster herumrangiert hat und ein zweiter, der diesen gestoppt hat und mich vorbei gewunken hat.

Danach kam ich auf rote Naturstrasse, die sich in drei Richtungen aufgabelt. Hm. Ich hab zwar was gefunden, was vielleicht ein Wanderwegweiser sein könnte, aber zur Sicherheit schau ich lieber auf dem iPad. Oh. Ich bin ja schon ganz woanders als eigentlich geplant. Ok, dann den linken Weg zur zweiten Abzweigung, dann müsste ich wieder auf den geplanten Weg kommen. Ich kann mir auf der Karte und auf dem Satellitenbild nicht vorstellen, wie das Gelände aussehen muss. Wo die Hügel sind, wo die Täler, wo es hinauf geht und wo hinab.

Erstmal geht der Weg bergauf, was ich als gutes Zeichen werte. Die Macchia duftet würzig, intensiv, herb, zwischendrin mal nach Maggi, Vögel zwitschern und fliegen umher, Schmetterlinge tanzen im leichten Wind. Als ich oben angekommen bin, hab ich eine weite Aussicht über die Lagunen und das Meer, ich kann den Hügel von Gruissan sehen, herrlich blauer Himmel und eine immer wärmer werdende Sonne. Ich schwitze die ganze Zeit und am ganzen Körper, mein Rucksack ist an den Rückenpolstern auch schon ganz nass. Gut dass ich alles im Rucksack drin nochmal wasserfest eingepackt habe 😉

Der Weg führt weg vom Meer, hinunter in die sanften Hügel mit den Pinienwäldern. Ich nehme mal an, dass das Pinien sind. Einmal wäre ich fast falsch abgebogen, aber der Weg fühlte sich „irgendwie nicht richtig“ an. Also auf der Karte geschaut: Tatsächlich, ich muss erst den nächsten Weg rechts abbiegen.

Dieses eine Zeichen, welches es in rot und in blau gibt, hat mich in der roten Variante zuverlässig zur Abtei Fontfroide geführt. Zwischendrin hab ich recht ausführlich mit Alex gesimslet, mal wieder Neuigkeiten austauschen. So wurde ich von der Hitze abgelenkt, meinen Sonnenhut hatte ich vorsichtshalber schonmal aufgesetzt. Mein Rucksack wurde auch immer leichter, mit jedem Schluck den ich trinke.

Kurz vor der Abtei war das Wasser dann alle, ich war schon vier Stunden unterwegs und wollte mal Pause machen. Die Abtei wird recht gut vermarktet, man kann im Restaurant fein speisen und im Weinkeller die lokalen Produkte degustieren, man kann sich eine mehrsprachige Führung kaufen, aber ich wollte erstmal etwas grundlegenderes:

Wasser! Eau! Aqua!

Ich hab eine Führerin beim Wechsel ihrer Touristengruppe gefragt und sie hat mich zu den Toiletten geschickt. Kein Brunnen hier… Also hab ich halt dort meinen Wassersack aufgefüllt und bin etwas enttäuscht ob der Verweltlichung weiter gezogen. Aber meine Füße tun schon weh, was war ich froh, auf dem Parkplatz eine Sitzgruppe im Schatten gefunden zu haben. Hier hab ich mich niedergelassen, Schuhe ausgezogen und erstmal gefrühstückt. Danach hab ich mich auf die Bank gelegt und etwas Mittagsschlaf gemacht.

Plötzlich dringen die Worte „da ist eine Bank im Schatten, da setzen wir uns erstmal hin“ in meinen Traum ein und ließen mich hochschrecken. Ich wusste, damit konnte nur meine Bank gemeint sein und hab mich aufgesetzt, um Platz zu machen. Und schon hatte ich zwei Familien aus Gießen bei mir sitzen, die gerade eine Führung durch Fontfroide gemacht haben. Sehr empfehlenswert, wie sie meinten. Wir haben uns unterhalten, während sie Brotzeit gemacht haben. Sie wohnen in Gruissan und haben den Regen gestern auch mitbekommen. Und heute ist es ihnen schon wieder zu heiss, aber es soll die nächsten Tage wieder kühler werden.

Das war’s dann mit meinem Mittagsschlaf, als die Gießener dann wieder weg waren, konnte ich auch nicht mehr schlafen. Zumal jetzt ein französisches Ehepaar den Schattenplatz zum Picknicken nutzen wollte. Ich packte also meine Sachen zusammen, trat dabei aus dem Schatten des Baumes heraus und fand, dass es noch viel zu heiß sei, um weiter zu wandern. Aber die Gießener hatten erwähnt, dass es in der Abtei angenehm kühl sei. Also investierte ich die zehn Euro und machte die stündliche Führung mit.

Es gab zwar Audioguides in Deutsch, aber der hat pro Station nur die Hälfte dessen erzählt, was der echte Führer auf Französisch erklärt hat. Gut, er hat auch Hände und Füße zum Sprechen genutzt 🙂 Durch die verschiedenen Räume und Gebäude des Klosters wurden wir geführt, durch den Kreuzgang und die große romanische Kirche.

Die Gebäude waren schön kühl, doch am Schluss ging es noch durch den Rosengarten, dort mussten wir uns wieder an die Hitze gewöhnen. Dumm nur, dass mir nach dem langsamen Durchschlendern des Klosters die Füße immernoch weh getan haben.

Der Guide verabschiedete mich und meinen Rucksack noch mit einem „Bonne Route“, ich hab mein Wasser wieder aufgefüllt und bin losgezogen. Doch, das Kloster Fontfroide hat sich doch gelohnt, die Besichtigung war interessant, mehr als nur die Mittagshitze überbrücken.

Um den ersten verbrauchten Akku fürs iPhone wieder zu laden, hab ich noch meine Solarzelle auf dem Rucksack befestigt. Damit sich wenigstens mein Telefon freut, wenn die Sonne gar so niederscheint.

Und es war immer noch zu heiß. Drei Uhr ist noch zu früh, ich hab in einem fort geschwitzt und das, obwohl meistens der Wind ging. Zur Sicherheit hab ich mein langärmeliges Hemd angezogen, damit ich keinen Sonnenbrand auf den Armen bekomme. Lange Hose und Hut hab ich eh schon an.

Mein Weg führte mich am Château Beauregard vorbei, groß mächtig oben auf einem Felsen. Die Zufahrt war gesperrt und mit einem Schild versehen: „Attention Chien Dangeraux“, außerdem war mir eh viel zu heiß, um jetzt noch dort hinauf zu steigen. Den Weg vor bis zur Strasse, dann hab ich mir einen Schattenplatz unter einem Baum gesucht und Rast gemacht. Ein Blick auf die Karte zeigt mir, dass ich mich wieder verlaufen habe. Ich weiß auch wo, diese komischen Wanderwegschilder helfen mir irgendwie gar nicht. Naja, wenigstens nicht weit verlaufen. Ich überlege, ob ich der Strasse entlang ins nächste Dorf St. André laufen soll, oder zurück und auf dem geplanten Weg. Aber jetzt sitze ich erstmal im Schatten und lass den Wind die warme Luft um mich herum wehen.

Beim Aufstehen nach der Rast fühlen sich meine Füße schwer und meine Beine k.o. an. Heute werd‘ ich wohl nicht mehr weit kommen. Mal sehen, was St. André als Dorf so bietet. Wasser wär das wichtigste, ich hab schon wieder fast zwei Liter getrunken. Auf dem Weg mache ich mir Gedanken, was mir eine Dusche heute wert ist, wieviel ich für eine Übernachtung ausgeben würde.

Das Dorf war ja ganz nett, aber es gibt keine Brunnen. Es gibt auch recht wenig Gewässer hier in der Gegend, ich hab aktuell keine Ahnung, wo ich tagsüber meinen Wasserschlauch auffüllen soll. Heute Mittag auf dem Klosterklo dachte ich, das wär die Ausnahme, aber inzwischen hab ich das Gefühl, dass das doch eher die Regel wird.

Im Dorf St. André de Roquelongue gab es zwei Schilder mit einem überdachten Bett. Das eine war gleich ums Eck, sah irgendwie nicht nach Hotel aus und auch nicht wirklich offen. Es stand auch Chambres d’Hôtes dran, was ich erst später am Abend mit „Gästezimmer“ übersetzen würde. Aber vorerst kannte ich den Ausdruck nicht, also wollte ich zu dem anderen. „Les trois Mongettes“ heisst das, der Wegweiser zeigt nach rechts. Durchs Dorf, vor zur Kreuzung, wieder rechts. Die Strasse nimmt und nimmt kein Ende, führt fast schon wieder zum Dorf heraus, als ich einen Stadtplan finde. Dort sind, nach längerem Suchen, die Trois Mongettes angeschrieben, links oben am Plan mit einem Pfeil aus dem Plan und damit auch aus dem Dorf hinaus. Uff. Noch weiter. Ok, dann halt.

Es ist immernoch heiß, obwohl schon fast halb sechs. Ich laufe weiter die Strasse entlang, zum Dorf hinaus, an der Strasse links, da sehe ich schon das Schild, aber das Haus und das Grundstück drumrum sehen sehr vernachlässigt aus.

Ich sehe keinen Eingang, der einen Willkommen heißt, nichts, was auf eine Unterkunft deuten würde. Etwas ratlos ziehe ich weiter, die Strasse hinauf, verärgert, ich wollte mich grad damit abfinden, dass ich ohne Wasser mir einen Hängeplatz in der Pampa suche, als ich von einem Hund angekläfft werde. Er wird von seinem Herrchen zur Ruhe gemahnt und der junge Mann grüßt mich freundlich. Ich frage ihn, wo ich hier übernachten könnte, er erklärt mir das „Trois Mongettes“, aber seine Frau meint, dass das nicht mehr bewirtschaftet wird.

Viertels Französisch, Viertels English, den Rest in Zeichensprache, versucht er mir eine Herberge zwei Kilometer weiter zu beschreiben, was ihm aber zu mühsam wird. Er bittet mich auf den Hof, ich soll warten, bis er mit seinem alten klapprigen Auto hervorkommt. Ich soll meinen Rucksack in den Kofferraum schmeißen und anschieben helfen, der Kahn ist so alt, der springt nicht mehr von selber an. Ich hätte ihm fast die Beifahrertüre abgebrochen, als der Wagen wieder stand. Also weiter den Hof hinaus schieben, „rechts ist frei?“, links auf die Strasse und den Berg hinunterrollen lassen, so ließ sich der Motor starten. Ich bin immernoch perplex, dass er mir so viel helfen will, aber ich finde ihn sympathisch. Ich erzähle ihm, dass ich von Narbonne nach Carcassonne laufe, er zieht die Augenbrauen hoch, scheint wohl weit zu sein in seiner Vorstellung. Er bringt mich zwei Kilometer weiter zu einer Herberge, an der auch „Chambres d’Hôtes“ angeschrieben steht. Die Besitzerin und der junge Mann diskutieren etwas zu schnell, das einzige, was ich verstehe, ist „Saint Jaques de Compostela“, was der Mann verneint und Narbonne-Carcassone sagt. Tcha… Leider nichts zu machen. Keine Unterkunft für mich. Aber vielleicht eine andere Adresse? Die Besitzerin erklärt ihm einen Weg, den er mich dann auch fährt, nochmal zwei Dörfer weiter in eine andere Richtung, nach Gasparets. Wir kommen an der Mutter des jungen Mannes vorbei, hupen und winken, wir treffen einen seiner Freunde, der mit dem Töffli entgegenkommt, mit dem er sich noch kurz unterhält und fährt schliesslich vor ein Grundstück mit großem Tor davor.

Er klingelt und fragt etwas, was mindestens „chambre“, „un nuit“ und „Saint Jaques de Compostela“ enthält. Dann dreht er sich zu mir um, hebt den Zeigefinger und bläut mir ein, falls sie fragen denn sollte, dass ich nach Santiago pilgern würde. Die Dame des Hauses öffnet, die beiden diskutieren noch etwas und sie wendet sich in English an mich, dass mir das wohl etwas zu teuer sein würde: 75 €. Der junge Mann interveniert (ich hab verstanden, dass ich alleine sei, bzw. wir nicht zu zweit sind) und „achso“, wird der Preis auf 45 € heruntergesetzt. Aber es gibt kein Essen. Kein Problem, ich hab eh was dabei. Gut habe ich noch einen 50€ Schein bei mir. Dann darf ich reinkommen, bedanke mich noch bei dem jungen Mann, der mit seinem klapprigen Auto wieder heim fährt. Ich wundere mich immernoch, dass er mich einfach so durch die Gegend gefahren hat und mir bei der Herbergssuche geholfen hat.

Und dann bekomme ich meine Wohnung gezeigt. Eine Villa! Ein Raum ist das Schlafzimmer, ein riesiges Bett steht darin, die Dusche im Nebenraum ist so groß, dass es gar keinen Vorhang braucht. Luxuriös ausgestattet, ich komme aus dem Staunen nicht mehr heraus. Ich darf das Jacousi mitbenutzen (wenn ich eine Badehose dabei hab) und nebenan wär noch die Küche. Mit Mikrowelle, Kühlschrank und allem, was eine Küche nun mal so anbietet.

Ich komme aus dem Staunen nicht mehr heraus. Was für eine Villa, was für große Räume, was für ein Luxus. Das Frühstück gibt es morgen in noch einem anderen Raum. Zwischen 8 und 10. Ich wollte ihr vorschlagen, dass ich drauf verzichte, denn ich möchte wieder früh los. Daraufhin hat sie mir sogar angeboten, um 6 Uhr bei meiner Villa zu klopfen und mir das Frühstück quasi ans Bett zu bringen. Ich komme aus dem Staunen nicht heraus, so cool hier. Ich hab gleich mal ausgiebig geduscht und mich dann nach draußen gesetzt, als ihr Mann noch herauskam. Wir haben noch ein paar Takte geschwätzt, ich hab ein paar Fragen zum Wasser gestellt, aber auch er sah keine andere Lösung, als dass ich morgen früh meinen Wassersack auffülle, das muss dann reichen für den Tag.

Später, ich war mit dem Blogeintrag immernoch nicht fertig, kamen noch andere Gäste an meinen Tisch. Auch wieder in English unterhalten wir uns über die Umgebung, übers Pilgern, übers Wandern, über die Schweiz, usw. Claire und Paul sind aus England, eindeutig am Dialekt zu hören. Und zwischendrin bekomme ich ein Lob, dass mein English „excellent“ wäre. Kann ich fast nicht glauben, wenn ich sonst English rede, dann doch amerikanisch? Sie laden mich noch auf ein Glas Wein ein, als sich langsam der Abend über das Anwesen senkt.

Ich ziehe mich dann bald zurück und – ganz bescheiden – koche mir mit dem Wasserkocher noch eine Fertig-Nudelsuppe. Heute weiß ich wenigstens, wovon ich so müde bin. Ich bin mehr gewandert, als ich mir vorgenommen habe und mehr erlebt als ich zu träumen wagte.

 

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