ein Tag in Lagrasse

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Heute hab ich ausgeschlafen. Bin gegen acht Uhr aufgewacht, hab noch gemütlich im Bett mögliche weitere Wanderrouten erkundet. Wenn ich von hier aus noch einen weiteren Abstecher nach St. Hilaire mache, wäre ich zwar ganz und überhaupt nicht mehr auf meiner geplanten Route und ich würde von der „falschen“ Seite nach Carcassonne gelangen, aber in zwei Tagen wäre das sicher machbar. Und Zeit habe ich auch noch, meine Eltern will ich erst nächstes Wochenende (übernächstes? Welches Datum ist heute?) in Bordeaux treffen.

Aber um nicht auf den Strassen zu laufen, muss ich mir erst noch weiteres Kartenmaterial herunterladen, um mich zu orientieren. Mal sehen, ob's hier irgendwo Internet hat… Um neun gabs dann petit déjeuner mit einem Croissant, etwas Weißbrot und Marmelade. Die Mauern und engen Gassen des mittelalterlichen Dorfes halten die Luft schön kühl. Wenn ich bedenke, dass ich sonst um diese Zeit schon total am Schwitzen bin, ist mir hier beim Frühstück fast schon etwas kalt.

Die Abtei macht erst um 10 auf, also gehe ich noch zu meiner Gastgeberin in ihren Laden vor, halte ein bisschen Smalltalk und sie erkundigt sich, ob ich gut geschlafen habe.

Internet? Nein, nicht hier. Ich nehme mal an, dass sie das aufs ganze Dorf bezogen hat. Das kommt davon, da will ich so authentisch wie möglich ins Mittelalter, da brauch ich mich auch nicht wundern, wenn es kein Internet gibt. Wann die Kirche aufmacht, weiß sie leider auch nicht, also ziehe ich weiter um das heraus zu finden.

Die Kirche macht erst um 10:30 auf, also schlendere ich zur Abtei vor und bin mit dem Glockenschlag zehn Uhr dort. Und nicht der erste Tourist. Ich bekomme an der Kasse auf English Instruktionen zu meinem Besuch, es ist keine Führung, sondern ein ausgeschilderter Rundgang zum selber Entdecken. Erklärungen gibts in einem Faltblatt, welches auch auf Deutsch verfügbar ist.

So schlendere ich durch das Abt-Haus, die untere Kapelle, den großen Speisesaal mit Bäckerei nebendran und schau mit eine multimediale Vorführung über das Leben in dieser Abtei an (ein Film halt, der ist auf Französisch, an die Wand geschmissen von einem Beamer, der zur Hälfte schon einen Gelbstich hat). Weiter gehts durch die Sakristei und einen Teil der alten Kirche. Die ganze Abtei ist geteilt, der öffentlich zugängliche Bereich gehört dem Département Aude, der andere, weitaus größere, Teil wird auch heute noch (bzw. wieder) von Mönchen genutzt, die ihre Ruhe haben wollen in diesem abgelegenen Tal. Diesen Teil kann man Nachmittags zwischen 15:15 und 17:20 besichtigen.

Von der Sakristei geht's dann über eine große Treppe in den „präromanischen Turm“, der aus der Zeit der Merowinger stammen soll. Ich lese die Infotafeln, die neben Französisch noch in sechs weitere Sprachen übersetzt sind, auf denen steht sogar noch mehr erklärt als auf dem Faltblatt. Ich verfolge die Erklärungen, versuche nachzuvollziehen, was sie erzählen und wundere mich, wie man im Inneren eines Gebäudes einfach so mal die Südwand erkennen soll. Draußen würd ich das ja noch rauskriegen, aber bei den vielen Gängen, Biegungen und Räumen hab ich längst nicht mehr im Überblick, wo welche Himmelsrichtung ist.

Es geht noch ein paar Räume weiter, der Schlafsaal hat eine interessante Bogenarchitektur, die das Dach trägt, es gibt noch ein Lapidarium, eine Ausstellung über Kirchen aus der ganzen Gegend, eine Kappelle hinter Glasscheiben mit original erhaltenen Wandmalereien aus dem 12. Jahrhundert. Recht interessant finde ich, für vier Euro Eintritt hab ich eine Menge gesehen.

Als ich wieder rauskam, war es fast zwölf Uhr, aber irgendwie hab ich gefroren. Die ganze Zeit in den kühlen Gemäuern, das bin ich nicht mehr gewöhnt 😉 Auf der alten Steinbrücke ins Dorf zurück wärme ich mich auf, schau den Vögeln und den Fischen im Fluss zu und gehe noch zur Kirche.

Zwanzig Minuten lang kann man sie noch besichtigen, dann wird sie wieder verschlossen. Auch hier wieder viele kleine Kapellen rund um das Hauptschiff angeordnet, das scheint wohl üblich zu sein hier in der Gegend. Jede(r) wichtige (lokale) Götze (äh… Heilige/r) kann in seiner eigenen Kapelle angebetet werden und alle integriert in diese eine Kirche.

Und Staubwischen scheint auch hier ein Problem zu sein, wie in allen Kirchen. Einfach zu hoch gebaut, da kommt aber auch keiner so recht hin…

Danach hab ich mich auf mein Zimmer zurück gezogen, Mittag gemacht, versucht zu schlafen. Denn irgendwie fühle ich mich komisch. Mir ist immer noch irgendwie kalt, ich weiß nicht so recht, was ich mit mir anfangen will. Moment, was hab ich auf dem Survival-Kurs gelernt? Fehlende Motivation ist eines der ersten Anzeichen von Dehydration? Hab ich die letzten Tage vielleicht doch mehr geschwitzt als getrunken? Heute jedenfalls war's nicht mehr als zwei Kaffee. Also meinen zwei-Liter-Wassersack einmal leer getrunken.

Nach ein bisschen ruhen hab ich Badehose angezogen, meinen Wanderstab mitgenommen und bin barfuß durchs Dorf hinaus am Fluss entlang spaziert. Zwei Kilometer lang hab ich eine Stelle gesucht, wo ich ins Wasser konnte. Die Strasse und die Steine am Fluss sind ganz schön heiß in der Mittagssonne, da bleibt man nicht lange an einem Fleck stehen. Dann lag auch noch eine nackte Frau auf einer Kiesbank herum, ich wollt' ja nicht grad über sie drüber steigen, also noch einen Bogen, bis ich ins Wasser kam. Wie warm der Fluss ist. Und wie rutschig und glitschig diese moosbewachsenen Steine im Wasser sind. Hier konnte ich üben, was ich zum Schleichen im Wald gelernt hab. Erst dann den vorderen Fuß belasten, wenn er auch wirklich sicher steht. Und die Steine waren auch noch wackelig, so war jeder Schritt eine Zeitlupenaktion. Gut dass ich meinen Wanderstab dabei hatte. Und so watete ich Schritt für Schritt, in Zeitlupe, gegen die Strömung durch den Fluss dem Dorf entgegen, stand zeitweise bis zum Bauch im Wasser.

Und irgendwann war der glitschige, moosige, matschige Belag auf den Steinen, der sich bei jedem Schritt zwischen meinen Zehen durchquetschte, auch mein Freund. Denn er war weich. Viel weicher als die Steine darunter und so langsam taten mir natürlich die Fussohlen weh. Die zwei Kilometer auf heißem Asphalt vorher haben sicher auch ihren Beitrag dazu geleistet. Und ich stakste weiter mit meinem Wanderstab durch die Fluten, die beiden Sonnenanbeter unter der Brücke riefen mir etwas zu, wahrscheinlich, dass es weh tun würde, wenn man barfuß durch den Fluss watet. Ich hab nur gesagt „c'est aua-aua“ und wir haben zu dritt gelacht. Bei der zweiten Brücke hatte ich sogar schon Muskelkater im Arm vom ständigen Aufstützen auf meinen Wanderstab und ich bin wieder raus und hinauf auf die Brücke geschlichen.

Plötzlich höre ich die Aufforderung „luege!“ und schaue auf (ich hatte meinen Blick ja gesenkt, ich musste jeden Schritt ja vorsichtig setzen). Aber ich war gar nicht gemeint, wäre dem Schweizer Papi aber fast ins Bild mit Mutter und Kind gelaufen. Ich hab's bei einem „Bon Jour“ belassen. Nach dieser Tortur für meine Füße musste ich noch über dieses grobe Kopfsteinpflaster der mittelalterlichen Strassen zum Zimmer zurück, hab auf dem Weg noch Rast unter dem Dach der Markthalle gemacht.

Das müsst Ihr auch mal machen, gerade die Autofahrer unter Euch: Schaut Euch mal barfuß eine Stadt an, man bekommt dabei ein ganz neues Gespür für den Strassenbelag 😉 Und man ist so langsam unterwegs, ich hab Sachen entdeckt, an denen ich gestern Abend und heute Früh glatt vorbei gelaufen bin. Aber ich war froh, als ich wieder auf dem Zimmer war, die Aktion im Fluss war ja noch recht lustig, aber das Laufen auf dem heißen Asphalt hätte ich mir sparen sollen. Jetzt hab ich eine Blase auf den Fussohle. Mal gucken, was die morgen im Wanderschuh meint.

Abends bin ich dann noch schlemmen gegangen. Wenn ich schon in Frankreich bin, kann ich mich ja nicht nur von Brotzeit und Fertignudelsuppe ernähren. Die Restaurants machen zwar erst spät auf, obwohl ich früh ins Bett wollte, aber was soll's… Um sieben war ich der einzige Gast und hatte das ganze Personal für mich. Und ich konnte mir den Platz aussuchen, von dem aus ich das ganze Restaurant und die kommenden Gäste überblicken konnte. Erst wollte ich aus Faulheit ein Menü nehmen, ich dachte, das sei einfacher zu bestellen, aber die angebotenen Menüs hatten bei jedem Gang mehrere Auswahlmöglichkeiten, wäre also ähnlich viel Konversation geworden, als direkt a la carte zu bestellen. Als Aperitiv nahm ich einen, naja, wie soll ich sagen, einen lokalen Absinthe. Eigentlich ein Pastisse mit Wermuth drin, die französische Kopie von Absinthe, als er wieder erlaubt wurde. Da hab ich das Schweizer Original allerdings lieber. Als Entree hab ich mich für einen Salat entschieden, mit frischen Tomaten und geröstetem Weißbrot, mit Ziegenkäse drauf, der auf so langsam zu zerlaufen angefangen hat. Hmmm, lecker… Danach kam ein Stück Boef nach okzitanischer Art, mit einem Kartoffelgratin und Kürbisgemüse. Noch mehr Hmmmm… Dazu ein Rosé, der anfangs etwas zu kühl war (passiert mir öfter) deswegen mit der Zeit immer besser wurde. Hach, was ein Gegensatz zu Fertignudelsuppen. Ich hab jeden Bissen genossen; echt fein gespeist habe ich heute Abend. Nachdem der Kellner mir doch eine große Karaffe Wein gebracht hat (halber Liter), musste ich mir zwischen Hauptgang und Dessert noch Zeit herausnehmen. Inzwischen sind auch andere Gäste gekommen, drei ältere Gäste, scheinbar aus dem Dorf, denn eine der Frauen ging mal auf die Gasse raus und hat lautstark die Kinder zurecht gewiesen 🙂 ich habe nicht ganz verstanden, aber nachher hieß es „doch, doch, die können auch Französisch“. Aber Oktzitian wird doch nicht mehr gesprochen? Ich traute mich allerdings nicht, den Kellner nach ihrer Sprache zu fragen. Und ein British Pärchen sass im Restaurant, eindeutig am Tonfall zu erkennen, auch wenn man die Worte nicht hört. Ich war der einzige, der sich nicht unterhalten hat, keinen Gegenüber hatte, ich konnte meine Ohren ganz den anderen widmen 🙂

Das Gedicht von einem Nachtmahl hab ich dann mit einem Assortiment de Fromage ausklingen lassen. Aber keine Sorge, alles Ziegenkäse oder „Stinkekäse“, wär also eh nix für Euch gewesen. Außerdem hat dazu noch das letzte Glas Wein gepasst. Bevor ich jetzt noch mit was Süßem und Kaffee dazu anfange…

Die Gespräche an den anderen Tischen hatten sich angemessen zur gedämpften Musik in einem verhaltenen Lautstärke-Pegel abgespielt. Aber sobald der Milchschäumer für den Cappuchino seinen zischenden Lärm machte, wurden beide Gespräche an beiden Tischen deutlich lauter. Und der Pegel blieb hoch, auch als die Milch fertig geschäumt serviert wurde. Die Musik ging danach unter. Aber ich hatte meine Rechnung schon bestellt, mein Gaumen war genug gekitzelt, min Bouche genug amused, ich hab bezahlt und war bereit zu gehen. Ins Bett, denn ich will früh raus morgen.

 

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