von Lagrasse zum Col de Taurize

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Ich wache auf, als es schon hell ist. Mist, mein Wecker hat mich im Stich gelassen. Schon sechs Uhr. Ich packe meinen Rucksack, fülle mein Wasservorrat auf und verlasse Lagrasse über die alte Steinbrücke. Dahinter führt mich der Wanderweg den Berg hinauf. Von oben hab ich noch einen letzten Blick. Tschüss, mittelalterliches Dorf ohne Internet. Es war schön hier.

Wie angenehm das Wandern in der morgendlichen Frische ist. Angenehm kühl, ein leichter Wind geht, die Sonne wirft noch ganz lange Schatten. Ich höre einen Hund bellen, da fällt mir ein, dass ich diese Nacht wach geworden bin von einem knurrenden Hund vor meinem Fenster. Er wurde zwar gleich von einem Menschen zurecht gewiesen, aber mir kam der Gedanke, dass es da draußen Wilde Hunde geben könnte. Was mache ich mit denen, wenn ich in der Hängematte liege? Ich hab diese Nacht nicht weiter gegrübelt, sondern bin gleich wieder eingeschlafen, aber jetzt fällt mir das wieder ein. Denn von rechts irgendwo im Dickicht höre ich einen Hund bellen, klingt ziemlich aufgeregt, er will irgendwie auch nicht aufhören.

An der T-Kreuzung halte ich inne und genieße die Landschaft. Sanfte Hügel breiten sich vor mir aus, bis oben hin bewachsen mit niedrigen Bäumen und Büschen, in ihrem saftigen, dunklen Grün. Durchbrochen von Weinfeldern in ihrem helleren Grün. Am Horizont zeichnen sich im Dunst die ersten Berge der Pyrenäen ab, darüber der blaue Bimmel mit kaum einer Wolke dran. Die Grashalme und Büsche wiegen sich im Wind, die Vögel zwitschern leise. Der Hund hat aufgehört zu bellen.

Doch kaum hatte ich meine Schritte wieder aufgenommen, fing das Bellen wieder an. Und es müssten zwei Hunde sein, ein Bellen kam von rechts vorne und eines von weiter links. Mein Herz schlug schneller, ich überlegte, was ich tun sollte, wenn jetzt so eine rasende Bestie aus dem Gebüsch gestürmt kommt. Wilde Bilder von grossen Hunden kamen mir in den Sinn, strube Geschichten von wilden Hunden fielen mir plötzlich ein. Ich überlegte, ob ich einen Stein in die Hand nehmen sollte, um mich wehren zu können, ich umfasste meinen Wanderstab noch fester. Ich zögerte. Meine Schritte verlangsamten sich. Doch das Bellen kam nicht näher.

Ich fasste all meinen Mut und Selbstvertrauen zusammen und ging festen Schrittes weiter voran. Mir wird schon nichts passieren.

Ich weiß nicht, ob es Naivität, Glauben oder Selbstvertrauen war, doch sobald eine eventuelle Begegnung mit einem Hund keine Angst mehr schürte und ich wieder lockerer wurde, hörte das Bellen auf. Stattdessen hörte ich einen Kuckuck rufen. Und ob ich schon wanderte im finsteren Tal, so fürchte ich kein Unglück…

Bald kam ich zu dem Wegweiser Richtung Notre Dame du Carla, dem ich sogleich folgte. Ich ahnte schon, dass das die Sackgasse ist, die ich auf der Karte gesehen hatte und die ich mir sparen wollte, wenn es „eh nur zu dem Haus hintergeht“. Aber jetzt war klar, ich wollte dort hin. Die Kapelle liegt auf einem Felsvorsprung hoch über dem Fluss A… , der nach Lagrasse fließt. Von hier hatte ich einen tollen Ausblick über die Umgebung, über die Felsen und Hügel, die Wälder und das Tal, in dem sich die Autostrasse entlang schlängelt.

Ein kleiner Abstecher noch zum Kreuz, welches weithin sichtbar aufgestellt wurde, dann hab ich die leider verschlossene Kapelle inspiziert. Das Nebengebäude hatte weite, offene Bögen, die zum Eintreten und Verweilen einluden, hier hätte ich gut übernachten können. Sogar eine Leitung mit einer Steckdose dran kam aus dem Boden. Aber es war ja morgens um acht, ich nutze die Pause zum Frühstück und Blasen-Check.

Auf dem weiteren Weg musste ich mir eine Passage suchen, wo auf der Karte kein Weg erkennbar war. War leicht zu finden, der ausgetretene Weg im roten Gestein war deutlich in der grünen Flora zu sehen. Aber ich musste diese typischen Klippen, die hier in der Gegend so rumstehen, hinaufklettern, das ist fast etwas anstrengend geworden. Oben angekommen, mit einer herrlichen Aussicht, traf ich auf etwa zwanzig Forstarbeiter, die alle nichts gearbeitet haben. Ich glaub, die haben schnell innegehalten, damit sie nicht bei der Arbeit erwischt werden. Nur wieder mal einer hat's nicht gleich mitbekommen, musste erst durch die anderen auf mich aufmerksam gemacht werden. Der Smalltalk beschränkte sich drauf, welches Dorf das da unten sei, es war nicht Lagrasse. Dieses wäre weit in dieser Richtung, der Gestik des einen nach zu urteilen. Beim Abklappern der verschiedenen Sprachen kamen wir nich auf einen gemeinsamen Nenner, aber mir wurde Okzitian angeboten. Das scheint tatsächlich noch gesprochen zu werden. Naja, ohne viel Worte und mit einem Bonne Journée bin ich dann weiter gezogen. Jetzt gehts wieder bergab, der Weg ist markiert, hier laufe ich ein Stück auf dem GR36 (Grand Randonée).

Bald aber kam ich an den Rand meiner heruntergeladenen Karte, an den Rand dessen, was ich mir zu Hause vorstellen konnte, wo ich hier in Südfrankreich wandern werde. Ich war mir nicht sicher, ob der GR36 nach St. Hilaire führt, deswegen bin ich rechts abgebogen, um auf meiner Karte zu bleiben. Ab jetzt ging's Asphalt entlang, aber die Strasse war eine zweistellige, also gerade mal asphaltiert, aber nicht stark befahren. Mit sind zwei Velofahrer begegnet, ein Postauto und einer dieser schmalen Traktoren für den Weinanbau, die man hier ständig sieht.

Kurz vor dem Dorf Rieux-en-Val ist ein Auto-Rastplatz mit einer alten Brücke. Und einem großen Baum, der viel Schatten spendet. Hier hab ich meine Hängematte zwischen zwei Ästen aufgehängt und Mittagspause gemacht. Es kamen ein paar Autofahrer an, haben die Brücke fotografiert, aber keiner ist länger geblieben. Dann kamen die zwanzig Forstarbeiter von vorhin mit ihrer

Armada an Geländefahrzeugen vorbei, haben nochmal freundlich gegrüßt und sind auch weiter gefahren. Noch später kam ein Pärchen mit einem Wohnmobil an, die sahen so aus, als wollten sie Pause machen, sahen etwas perplex aus, als ich da schon im Schatten hing. Sie fuhren hinter mir durch, kamen aber bald wieder rückwärts rausrangiert und haben sich wieder auf den Weg gemacht. Ich glaube, sie waren enttäuscht, dass ich diesen schönen Schattenplatz schon belegt hatte.

Heute habe ich dann auch mal wirklich geschafft, vier Stunden Mittagspause zu machen. Ich hab mich in ein Buch vertieft und so die Zeit gut überbrücken können. Nur die vielen winzig kleinen Fliegen, die mir überall auf der Haut herumgekrabbelt sind, waren eine Herausforderung und eine neue Lektion an Geduld und Körperbeherrschung für mich. Gerade an feinfühligen Stellen wie der Nasenspitze oder in den Ohren sind sie mir immer wieder aufgefallen und ich hab einiges an Durchhaltevermögen gebraucht, um sie weiter laufen zu lassen. Als sie dann an weniger empfindlichen Stellen angelangt waren, waren sie wie verschwunden vor meinem Drang, sie dort verscheuchen zu müssen.

Die nächsten Dörfer hatten doch tatsächlich Brunnen, ich konnt's kaum glauben. Doch an jedem einzelnen stand dran, dass das kein Trinkwasser sei. Beim dritten Brunnen und der gegenüberliegenden geschlossenen Kneipe hab ich Anwohner gefragt. Zwei alte Frauen, die im Schatten ihres Hauses auf der Gasse saßen. Sie deuteten auf den Brunnen mit dem Schild „Eau non potable“. Als ich dann einwandte, dass doch da das Schild… Winkte die alte Frau lachend ab, zeigte auf sich und erzählte irgendwas. Nach dem Motto: „ich hab mein Leben lang aus diesem Brunnen getrunken und Schau, was aus mir geworden ist“. Was kann man dagegen noch einwenden? Ich war beruhigt und hab an dem Brunnen meinen Wassersack aufgefüllt.

Dieses Dorf hat auch einen Geldautomat, das hab ich schon an dem Schild am Ortseingang gesehen. Hab zur Sicherheit dort nochmal Kohle gezogen, auch wenn ich davon ausgehe, dass ich heute keine mehr brauchen werde. Und weiter ging's zum Dorf hinaus, der Strasse entlang und der Nachmittagssonne entgegen. Ich überholte ein paar Fußgänger, die so gemütlich vor sich hin schlenderten. Als ich doch forscheren Schrittes vorbei zog, meinte einer der Herren, er würde doch lieber mit meinem Schritt mithalten, als mit den anderen so rum zu trödeln. Ich hab ihn eingeladen, mit mir mitzukommen und lachend haben wir uns noch etwas unterhalten. Aber eben, ich wollte etwas schneller gehen, bald hab ich mich wieder verabschiedet und bin meines Weges gegangen.

Und der verlief dann recht eintönig. Schritt um Schritt. Nur der Wind und ich. Schritt um Schritt. Und die Nachmittagssonne natürlich. Schritt um Schritt. Bald war ich am Ende des Tales in Villar-en-Val. Keiner da und die Kirche war auch geschlossen. Aber dafür hatte das Château einen Wasserhahn draußen, an dem ich mich nochmal erfrischen konnte.

Hier steht ein Schild, schön handgemalt, welches die örtlichen Wanderwege aufzeigt. Dort, wo Wald ist, sind neben Bäumen auch Wildschweine verzeichnet. Oh. Auf die sollte ich auch achten, oder? Sind die tag- oder nachtaktiv?

Auf meinem Weg zwischen Lagrasse und St. Hilaire hab ich nichtmal die Hälfte. Also weiter die Strasse entlang, die jetzt stetig bergan durch die bewaldeten Hügel führt. Schritt um Schritt. Wenn ich keine Lust mehr habe, muss ich mich einfach nur in die Büsche schlagen. Schritt um Schritt. Noch einmal die Aussicht über das Tal, durch das ich heute Nachmittag gelaufen bin. Schritt um Schritt. Ich versuche, mit Emilie Französisch zu lernen, bin aber zu k.o., um irgendwas Neues aufzunehmen. Schritt um Schritt. Dann komme ich zum Col de Taurize, dem ersten „Pass“ und bilde mir mächtig was drauf ein.

Jetzt kann ich eine geeignete Stelle für die Hängematte suchen. Ich schlage mich in die Büsche, messe zwei Bäume ab, passt. Hängematte aufgehängt, Kocher angeschmissen und mir Nudeln gekocht. Jetzt erst merke ich, dass es hier von Mücken nur so wimmelt. Und was für riesen Dinger, so gross, dass sogar für eine Schwarz-Weiss-Streifung Platz ist. Damit ich wenigstens in Ruhe essen kann, ziehe ich den langen Pulli an und setze mein Kopftuch auf. Zwar nicht die geeignete Klamotte, um in dieser Wärme auch noch heiße Nudelsuppe zu schlürfen, aber schwitzen ist immerhin besser als zerstochen zu werden. Eine Mücke hab ich erwischt, wie sie grad von meinem Bein trank. Jetzt bin ich blutverschmiert. Wenigstens ist es mein eigenes. Ich krieche unter mein Moskitonetz in die Hängematte, tippe den Blog fertig und lese noch etwas. Jetzt war ich schon wieder sieben Stunden und fast dreißig Kilometer unterwegs, ich wollte doch mal kürzer treten… Mal sehen, wie weit es morgen bis St. Hilaire ist. Der Brandblase auf der Fussohle geht's gut, ich musste sie nicht aufmachen, bzw. sie ist auch nicht selber aufgegangen. Glück gehabt.

 

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