vom Col de Taurize nach St. Hilaire

Google EarthGPXauf der KarteBilderRunKeeper

Die Nacht verlief ruhig, es kamen keine wilden Hunde und auch keine Wildschweine, selbst die Mücken haben irgendwann Ruhe gegeben. Ich hab recht gut in meiner Hängematte geschlafen, bis zum Morgengrauen und dem dazugehörigen Vogelkonzert. Und dann fing das Gewusel an: mein ganzer Rucksack war voll mit Ameisen.

Überall krabbelten sie umher, die meisten hab ich in meinem Kochtopf-Set gefunden. Also alles und jedes Einzelteil aussen Rucksack nehmen, ent-ameisen und in die Hängematte legen, jedes Stück ausschütteln und die restlichen Ameisen danach einzeln mit den Fingern herauspicken. Mann, was bin ich froh, dass ich im Rucksack drin mein Zeug nochmal in dichte Packsäcke verpackt hab. In meinen Proviantbeutel sind sie nicht gekommen, in meinen Wäschebeutel Gott sei Dank auch nicht. So hatte ich eine Generalinventur meines Rucksacks gemacht, aber ich glaube nicht, dass ich alle Ameisen erwischt hab. Immer wieder hab ich noch einzelne herumlaufen sehen, ein paar von ihnen werde ich sicher heute herumtragen. Eine Stunde lang war ich mit dieser Säuberungsaktion beschäftigt, und das Ganze auch noch in dieser mückengeschwängerten Luft. Die haben natürlich mitbekommen, dass ich schon auf bin und auch ziemlich abgelenkt bin. Noch ein Vorteil, selbst in diesen Breitengraden ein langes Hemd zu tragen.

Nach der morgendlichen Hektik bin ich wieder auf die Strasse getreten und hab meinen Weg nach St. Hilaire fortgesetzt. Schritt um Schritt 🙂 Aber nachdem ich gestern ja noch den ersten Pass überschritten hatte, ging's erstmal bergab. So führt mich die kleine Strasse meistenteils durch Schatten, wärend die anderen Hügel und Hänge um mich herum schon von der Morgensonne beschieden werden.

Ich komme mir vor wie im Urwald, überall wohin ich schaue, ist Wald und üppige Vegetation. Der Wald ist hier auf viel dichter als ich das von zu Hause kenne. Und so viele unterschiedliche Baum- und Straucharten, richtig bunt gemischt mit einem dichten, fast undurchdringlichen Unterholz.

Vögel zwitschern, angenehm leise, nicht so laut wie die Stadtvögel es tun müssen. Ein friedlicher Morgen, durch den ich auf einer leicht abfallenden Strasse laufe. Sehr genussreich, sehr entspannend. Mitten im Wald, ich hatte eben noch Rehe aufgeschreckt auf der Suche nach Wasser, kommt das kleine Dörfchen Molières. Aber auch hier kein Brunnen. Und wie das duftet hier. An jeder Ecke riecht es anders, viele neue Gerüchte bemerke ich hier, die ich noch gar nicht kannte.

Aber Wasser sollte ich langsam mal finden, ich hab Durst. Schon lustig, im Büro hab ich mich ständig erinnern müssen, dass ich mit Müh und Not mal zwei Liter am Tag getrunken habe und jetzt unterwegs sind zwei Liter gar nichts, damit komme ich nicht weit. Ich hab sogar schon überlegt, einen zweiten Wassersack zu kaufen. Und wie ich so vor mich hin dürstete, viel mir ein, dass ich ja noch einen saftigen, goldenen, delicious Apfel dabei habe. Als ich meinen Rucksack geöffnet hatte, kamen mir erst noch drei Ameisen entgegen. Ich hab sie rausgeworfen. Und dann hab ich den Apfel genossen. Hmm, lecker. Moa, und so saftig…

Anscheinend nähere ich mich der Zivilisation, es tauchen Stromleitungen und Telegraphenmasten auf. Und eine Kreuzung mit Straßenschildern. Nach St. Hilaire sind's noch 8 Kilometer. Na toll, so nah? Das ist die Strecke, die ich heute schon gelaufen bin. Dauert etwas mehr als zwei Stunden. Das wirft die Tagesplanung etwas durcheinander. Doch in die andere Richtung ist deutlich mehr ausgeschildert: Eine Auberge, ein Campingplatz, Roudel, Labau und Greffeil. Nur drei Kilometer weg. Wenn ich das richtig in Erinnerung habe, ist das hier allerdings eine Sackgasse, ich müsste den selben Weg hierher wieder zurück. Oder ich finde einen Wanderweg. Bei Greffeil ist ein Symbol dran für „bemerkenswertes historisches Monument“, wie sich sie schon öfter gesehen habe. Das weckt dann meine Neugier und ich wandere mal in diese Richtung. Und wie ich an Campingplätzen an Wasser komme, weiß ich ja auch schon 🙂

Der Campingplatz war gleich hinter der nächsten Kurve, kaum Gäste da, nur zwei Zelte standen auf der Wiese. Ein Gast kam grad vorbei, ich hab gefragt, ob das Trinkwasser sei. Oui, oui, c'est potable. Ich hol meinen Wassersack aus dem Rucksack und mit ihm nochmal 20 Ameisen, die ich erstmal im Spülbecken versenkt habe. Dann fülle ich den Sack auf und wundere mich, dass das Wasser so warm ist. Ist doch ein blauer Punkt drauf? Also doch noch zur Rezeption, mich von einem Dalmatiner ankläffen lassen und die Besitzer gefragt. Er erklärt mir dann, welche Wasserhähne warm und welche kalt sind. Wär auch zu einfach gewesen, einfach nach den farbigen Punkten zu gehen. Ja, mit zweieinhalb Litern mehr fühlt sich der Rucksack wieder richtig an. Er hing schon so komisch zur Seite, als kein Wasser mehr drin war. Frisch getränkt und ausstaffiert ging ich weiter nach Greffeil.

Dort angekommen taten mir schon die Beine weh. Vor allem das rechte Schienbein beschwert sich, ich glaube, die ganze Zeit Asphalt laufen ist echt nicht das Wahre. In die Kirche konnte ich nur einen Blick werfen, reingehen durfte man nicht. Sah aber sehr alt aus und

die Deckenkonstruktion hab ich in der Abtei von Lagrasse schonmal gesehen. Spitzbögen, auf denen quer die Tragbalken liegen (diese also in Längsrichtung der Kirche), auf denen dann das Dach aufliegt. Es riecht nach Weihrauch. Nein… es riecht danach, dass sich jahrhundertelang Weihrauch an den alten Mauern festgesetzt hat.

Die Kirche hat eine Sonnenuhr im Schatten des großen Baumes, der auf dem Platz steht. Sicher recht hilfreich… Man muss sie zumindest nicht ständig aufziehen, wenn sie eh nicht geht 😉 Ich glaub, ich sollte erstmal was essen… Auf der Bank im Schatten neben der Kirche hab ich Brotzeit gemacht, Füße gelüftet und mich auf der Karte orientiert. Ich hab den Ort hier als Sackgasse in Erinnerung, weil etwas südlicher meine Karte zu Ende ist. Ich bin immer noch am Ende meiner Welt, deswegen werde ich das hier auch als Sackgasse betrachten. Es gibt laut Karte aber noch einen anderen Weg zurück durch das Tal, den werde ich nehmen. Und wenn ich das richtig sehe, mach dieser Weg sogar einen Bogen um den Campingplatz, dass ich gar nicht mehr zurück muss zu der Kreuzung von vorhin. So kann ich gleich Richtung St. Hilaire gehen, werd aber wahrscheinlich öfter auf die Karte schauen müssen. Als ich nach einer halben Stunde Pause wieder aufbreche, hänge ich mir meinen Hut wieder als iPad-Halterung an den Gürtel des Rucksacks, so kann ich immer wieder draufschauen, ohne jedesmal in den Rucksack zu müssen.

Hier fließt auch ein nettes Bächlein, von der Brücke aus sieht der Platz richtig idyllisch und einladend aus. Der grünliche Bach schlängelt sich durch gelblichen Sandstein, durch Felsen und Steine hindurch, an einem großen Felsblock vorbei, rauscht ein wenig, fließt dann unter der Brücke durch, weiter gesprenkelt von diesen Sandsteinen,

an zwei Eseln vorbei, die ihre Weide grad neben dem Fluss haben. Auch ein schöner Ort zum Verweilen, gar zum Übernachten, aber da ist ja dieses Dorf…

Hinter der Brücke führt ein schattiger Weg durch blühende Ginsterbüsche hindurch, an einer alten Mauer entlang, das Tal wieder vor. Es ist bewölkt, die Sonne scheint fast gar nicht bis zu mir hinunter, aber das ist ganz gut so. Sonst wäre sie schon wieder viel zu heiß und ich müsste mir einen Schattenplatz suchen, um Siesta zu machen. Doch so beschließe ich, die drei Stunden bis St. Hilaire jetzt noch zu laufen und den Nachmittag dann dort zu verbringen.

Und dann folgte ein markierter Wanderweg, schön zu laufen, durch eine hübsche Landschaft, ein bisschen bergan, damit man eine tolle Aussicht über das Tal von Greffeil hat. Auch das Abbiegen nach Ladern war beschildert, der Weg war um Längen besser als die Strasse, die ich den ganzen Morgen gelaufen bin.

Wie ein Waldweg, ein paar Steine drin, ein paar Wurzeln, breit genug, dass man sich nicht durch die Vegetation kämpfen muss und geschmückt mit vielen Schmetterlingen, hell blauen und hell gelben, mit orangenen Tupfen drauf. Wenn die halt mal still halten würden, dass ich sie besser bewundern kann. Und wenn sie dann doch mal landen, klappen sie die Flügel zusammen, dass ich nur die Unterseite sehe. Und es gibt viele Libellen, die hier herum schwirren. Gut, dass die sich so behende in der Luft bewegen können, sie achten schon selber drauf, dass ich nicht auf sie trete. Wenn ich nämlich nur darauf achten müsste, hätte ich sonst nichts mehr zum umherschauen. Und die Gegend lohnt sich. So stelle ich mir schöne Wanderwege vor. Allerdings darf ich nicht zu viel in der Gegend herumgucken, sonst stolper ich wieder über einen Stein. Aber dank meinen Wanderschuhen tut das ja nicht weh.

Dann gehts durch einen Kiefernwald, die Sonne kommt auch wieder heraus. Ich laufe durch halb Schatten und halb Sonne, der Wind rauscht in den Bäumen und kühlt meinen Rücken, Vögel zwitschern und Tauben gurren, der Weg führt wieder leicht bergab, ich find's einfach toll hier. Ich hätte vom Süden ja nicht gedacht, dass hier so eine üppige und vielfältige Vegetation existiert. Viel dichter und abwechslungsreicher als bei uns.

Ich wanderte gemütlich vor mich hin, in meine Gedanken versunken, als plötzlich Azrael um die Ecke bog. Ihr wisst schon, die Katze von Gargamel, dem bösen Zauberer bei den Schlümpfen. Ich war etwas verwirrt. Eine Frau, als Katze geschminkt, hätte ich jetzt überhaupt nicht erwartet. Sie rief mir etwas zu, ich musste ihr sagen, dass ich sie nicht verstehe und sie bot mir English oder Deutsch an (wow). Ich musste erstmal lachen. Eine Katze, hier im Wald, das hätte ich nun wirklich nicht erwartet. Und sie erklärte mir dann, dass sie zu dem Kindergeburtstag da drüben gehört. Die Kinder waren alles Schlümpfe und spielten gerade am Fluss, als ich vorbei kam. Nachdem ich mich mit dem Lachen beruhigt hatte, konnte ich sie noch nach dem Weg fragen, sie empfahl mir, bei den Menschen in Ladern vorbeizuschauen, vielleicht etwas zu trinken, denn die sind alle sehr nett. Danach muss ich mich in Richtung St. Hilaire links halten. Und schwupp musste sie weiter, hatte grad wohl was zu organisieren für den Geburtstag, so konnte ich sie nicht mehr fragen, ob ich ein Foto machen dürfte.

In Ladern bin ich einmal durchgeschlendert, hab auch nette und freundliche Menschen getroffen. Aber eine Möglichkeit, etwas zu trinken, hat sich nicht ergeben. Ich konnte nichtmal mein Wasser auffüllen, der Brunnen war beinahe trocken gefallen. So zog ich weiter, von Ladern in Richtung St. Hilaire.

Jetzt ist doch noch Mittagshitze geworden, die Wolken sind verschwunden und entsprechend heiß ist es. Mein Schienbein tut weh, meine Füße schmerzen, ich schleppe mich die letzten Kilometer nur noch so dahin. Uff, wie anstrengend. Noch eine Kurve. Und noch eine. „Fra-ank, bin ich bald da-a?“

Kurz vor zwei, nach sechs Stunden Wanderung, hab ich dann mit letzter Anstrengung den Hügel der Abtei in St. Hilaire erklommen und gelangte in den kühlen Kreuzgang. Was für eine Erfrischung, der Brunnen verspritzt Feuchtigkeit und die Mauern spenden Kühle. Endlich angekommen. Ich hätte nicht gedacht, dass mir diese Tour so schwer fällt, war doch nicht besonders lang oder steil… Aber wahrscheinlich wollen meine Beine und Füße heute wirklich mal kürzer treten, ich glaube, ich verbringe den Nachmittag und die Nacht hier.

Was ich dann auch gemacht habe. Ich habe mir ein Chambre d'Hôtes genommen, mich geduscht und frisch gemacht und dann die Abtei angeschaut. Hier lief's so: am Eingang bekam ich die deutschen Unterlagen mit englischer Erläuterung der Kirche, des Kreuzgangs, der anderen Räume, usw., das bekritzelte Papier durfte ich dann mitnehmen und mich selber umschauen. Sehr interessant, wie ich finde, ich konnte einige Infos auch noch von den Unterlagen ablesen. So hab ich mir viel Zeit für die Besichtigung genommen und die Kühle der Gemäuer und die Ruhe des Klosters genossen.

Danach war ich noch im Laden Brotzeit einkaufen (ich hab endlich das eine Brot aufgegessen und kann ein neues, anderes kaufen), da kam der Vermieter des Zimmers mit der Frage, ob ich schon wüsste, wo ich z'Nacht essen würde. Nein, sagte ich, ich müsste mich noch umschauen. Daraufhin hat er mich eingeladen, doch bei ihm zu essen. Treffen um 19:30 bei ihm im Laden. Boa. Cool. Aber so spät… Aber was soll's, jetzt hab ich zugesagt.

Die zweieinhalb Stunden bis dahin hab ich lesend im Schatten der Abtei verbracht, hab mich in mein Buch vertieft und mich vom kühlen Wind umstreicheln lassen.

 

Als es dann halb acht war, bin ich in den Laden vor und wurde erstmal mit einem Richard (ein Pastisse, den ich auch in Gruissan eingekauft habe) begrüßt. Kurz drauf kam auch noch sein Kollege Joël dazu und wir haben uns zu dritt unterhalten. Ich kaum französisch, sie kaum englisch und kein deutsch. Aber der Abend ist ins Rollen gekommen. Als Joël mir das Passwort für Fred's Livebox ins iPad getippt hat, war der Translator von Google immer offen auf dem Tisch gelegen. Und so kamen wir ins Gespräch. Was ich so mache, woher ich komme, wohin ich gehe, wir haben uns über die katholische Kirche und über die Katharer unterhalten, darüber, dass die beiden Tauchlehrer für behinderte Menschen sind und eigentlich aus Paris kommen. Wir sprachen über Okzitian, dass das nur noch ältere Menschen sprechen, und noch viel mehr. Bei jeder Erklärung fiel mir schon wieder eine neue Frage ein, es war ein echt unterhaltsamer Abend. Fred hat gekocht, es hab Boef haché und Pommes frités, dazu einen Rosé. Schon praktisch, wenn man einen Laden hat, da muss man nur vor gehen und holen, was man braucht. Und das Gespräch ging weiter, immer, wenn jemand etwas nicht wusste, hat er sich mein iPad geschnappt und es mit Google übersetzen lassen. Ich hab eine Menge gelernt an diesem Abend, ich hab mir nur nicht alles merken können. Aber das Wichtigste, was ich gelernt hab: selbst mit diesen sprachlichen Defiziten kann man sich zum Essen einladen lassen und einen netten Abend verbringen. Nach dem Essen gab's noch Käse und einen Schaumwein. Ich konnte Fred klarmachen, dass ich nicht so sehr auf trockene Weine stehe und er hat mir auch noch einen süssen aufgemacht, eigentlich nur zum Vergleich. Naja, aus dem eigentlich ist dann doch die leere Flasche dabei heraus gekommen. Joël hat beim Käse gestreikt, wir kamen aufs Schweizer Fondue zu sprechen, was er ganz toll findet. Irgendwann zwischendurch haben wir zusammen noch meine Wanderroute für morgen nach Carcassonne ausgearbeitet, ich hab endlich den Unterschied zwischen Rue, Chemin und Avenue erfahren, so wie ich noch einige Unterschiede gelernt habe. Wie gesagt, das war die intensivste Lektion in angewandtem Französisch, die ich je hatte. Joël hat sich auch mit dem Gedanken gespielt, ein iPad zu kaufen, denn meines war der heimliche Star des Abends. Immer zur Hand, online und schnell zu bedienen. Als dann irgendwann (viel zu spät) die Flasche Wein leer war, hab ich mich dann schweren Herzens doch verabschiedet, damit ich wenigstens eine kleine Chance hab, morgen früh raus zu kommen. Aber der Abend war echt cool. Einfach mal so mit fremden Leuten Französisch üben, zum Essen eingeladen zu werden und eine ganze Menge dabei zu lernen.

Merci beaucoup, Fred et Joël.

 

Werbung

hinterlasse Deinen Kommentar:

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: