von St. Hilaire nach Carcassonne

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Trotz dem Wein gestern Abend bin ich gut rausgekommen. Um fünf Uhr aufgestanden, Sachen gepackt und gegen sechs Uhr losgezogen. Der Hahn hat gerade im Dorf gekräht, als ich über den Fluss Richtung Carcassonne aufgebrochen bin. Mein rechtes Schienbein schmerzt immer noch, daran muss ich mich heute wohl gewöhnen.

Der Weg führt an einem kleinen Fluss entlang, die Natur wacht gerade auf. Noch bevor die Sonne hinter den Hügeln aufgegangen ist, bin ich dem ersten Weinbauern mit seinem Kleinen Traktor begegnet. Schaut noch lustig aus, wenn nur der Kopf des Bauern und die gelbe Signallampe aus den Weinstöcken oben rausschauen, während er sich langsam durch sein Feld arbeitet. Die Wegbeschreibung von Fred und Joël ist gut, ich erkenne alle Stellen wieder, wo ich abbiegen muss, wo ich über die Strasse muss, um den Wanderweg wieder zu finden. Hätte ich mir das iPad gar nicht vor den Bauch hängen müssen. So zog ich gut gelaunt der inzwischen aufgegangenen Sonne entgegen und freute mich, dass der Morgen so schön kühl und frisch ist.

Nach knapp eineinhalb Stunden hab ich ein nettes Plätchen zum Frühstücken gefunden. Auf einer kleinen Maurer, der Sonne entgegen, die Lokalbahn vor mir und das nächste Dorf in Sichtweite. Aber was ich gefrühstückt hab, hat mich enttäuscht. Ich hatte gekochten und geräucherten Schinken, der war zäh und hat kaum nach etwas geschmeckt und der Scheiben-Käse klebt jetzt schon an den Fingern. Kommt davon, wenn man sonntags in irgendeinem kleinen Laden einkaufen muss, wenn man die Wochentage nicht mehr auf die Reihe kriegt. Ich hab mich noch gewundert, dass mein Einkauf gestern so günstig war, aber was Nährwert und und Geschmack angeht, war er eher noch teuer. Dass es nur Baguette, also Weißbrot gab, wusste ich ja schon, aber dass ich so schlecht frühstücken werde, hätte ich nicht gedacht. Das nahrhafteste war sicher der Apfel, den ich vorneweg gegessen habe. Naja, heute Mittag muss ich dann diese Vorräte aufessen und dann bin ich wieder in einer größeren Stadt mit mehr Auswahl und mehr Möglichkeiten, für etwas mehr Geld auch bessere Nahrung zu finden.

An der Bahn und dem Fluss entlang geht's weiter, direkt auf Carcassonne zu. Aber ich möchte noch weiter nach rechts, zum Lac de Cavalyères, oder zumindest in diese Richtung. Doch kaum verlasse ich den Flusslauf, muss ich einen Hügel hinauf und mir irgendwie querfeldein einen Weg suchen. Eine direkte Verbindung gibt es nicht, ich muss quasi bei jeder Kreuzung auf die Karte schauen.

Von dem Hügel aus kann ich das weite Tal von Carcassonne überblicken, ich spüre irgendwie schon die Nähe der Stadt. Ich sehe auch schon die ersten Hochhäuser. Nichts mehr mit unberührter Natur, die Dörfer hier machen mir eindeutig den Eindruck von Vororten einer größeren Stadt. Und wenn ich mich umdrehe, kann ich die Pyrenäen sehen, heute mal klar und deutlich, ohne Dunst. Und die sanft geschwungenen Hügel des Vorlandes.

Mit meinem Kreuz-und-Quer durch die Weinberge hab ich irgendwann dann einen Anhaltspunkt im Gelände gefunden, den ich anpeilen konnte. Wieder mal hatte ich das Problem, dass mit die Karte nichts über das Geländeprofil gezeigt hat, dass ich im Endeffekt über mindestens zwei Hügelketten hinüber muss, um zu dem See zu gelangen, hab ich hier erst gesehen. Gut, dass man auch quer durch die Weinfelder gehen kann, die einzelnen Reihen der Rebstöcke stehen weit genug auseinander, dass dort gemütlich Platz ist zum Laufen. Und die Ränder der Felder sind mit ihrer trockenen Erde auch gut geeignet, wenn grad mal kein Weg zur Hand ist. So zick-zackte ich mir meinen Weg zu meinem Anhaltspunkt im Gelände und somit hatte ich mich auf die richtige Richtung „eingeschworen“. Ich müsste nicht mehr ganz so oft auf die Karte schauen, sondern nur noch, wenns um „recht-oder-links“ Entscheidungen ging.

Heute gehe ich, ganz ungewohnt, schon am Vormittag der Sonne entgegen. Aber es weht immer etwas Wind, der mich ausreichend kühlt. Irgendwann nehme ich die Abkürzung quer durch ein Kornfeld, bauchhoch stehen die Ähren schon, ich muss richtig hindurchwaten. Dann an einem Gehöft vorbei, hinunter zum Bach, wieder hinauf nach Palaja.

Auf der Karte schaut der Weg bis zum See gar nicht so weit aus, ich beschließe, direkt dorthin zu gehen und dort erst Pause zu machen. Wobei… Es wird schon ganz schön heiß. Ja, doch, komm, das Stückchen noch, drei Kilometer, nichtmal ne Stunde.

Dachte ich. In Palaja ging's nochmal den Berg hinauf zur Kirche, die war leider zu. Und Wasser gab's auch keins, nichtmal am Friedhof nebenan. Und wieder den Kirchberg hinunter, das mag mein Schienbein heute gar nicht. Über den Bach und die Strasse drüber, gegenüber ging's wieder bergauf. Oben rechts, noch weiter bergauf, der Postboste mit seinem kleinen Töffli kreist um mich herum wie eine lästige Mücke. Erst überholt er mich mit dem Zweitakter, der bergauf auch nicht grad der schnellste ist, dann muss er Zeug in die Breifkästen werfen, ich gehe wieder vorbei, dann kommt er wieder von hinten, und ihr wisst ja, wie diese Zweitakter stinken. Eigentlich darf ich mich ja nicht beschweren, bin ja selber sowas mal gefahren, aber hier in der Mittagshitze und der Hügel wird immer steiler während es immernoch bergauf geht. Rechts und links der Strasse sehe ich nur die anonym-abweisenden Mauern großer Grundstücke, wahrscheinlich stehen auch große Villen drauf. Also das Gegenteil der Bebauung, in der ich hoffte, jemanden in seinem Garten anzutreffen und nach Wasser zu fragen.

Nächste links, wieder hinunter, was heute leider keine Erleichterung ist. Ich schleppe mich so dahin, finde zwischendrin man das (Auto-) Schild zum Caecassonne Plage und muss wieder den Berg hinauf. Aktuell kann mich nur das kühle Nass des Sees weiter locken, ich frage mich gerade, warum ich mir das eigentlich antue. Plötzlich schwirrt wieder ein Schmetterling um meine Füße, ich wollte ihn schon warnen, dass er selber Schuld sei, wenn ich drauftrete. Da fiel es mit wieder ein: ich bin auf dem falschen Weg. iPad geschnappt, Karte geschaut und tatsächlich. Falsch (bzw. nicht) abgebogen. Ich wäre in eine lange Sackgasse gelaufen, auf die Schmetterlinge ist einfach Verlass.

Nach ein paar weiteren Kurven und Kreisverkehren war ich irgendwann dann am See. Am öffentlichen Naherholungsgebiet der ganzen Region. Es gibt überwachte und durch Bojen abgetrennte Schwimmerbereiche, woanders im See ist das Baden verboten. Es gibt Häuschen mit sanitären Anlagen, da kann ich wenigstens mein Wasser auffüllen. Und es gibt Liegewiesen ohne Bäume, Hauptsache es passen viele Stadtmenschen drauf.

Ich muss um den halben See herum, bis ich mal Bäume am Wasser finde, die Schatten spenden. Endlich Schatten! Hier darf man zwar nicht baden, aber manchmal muss man halt Prioritäten setzen. Ich hänge meine Hängematte auf, Leg mich rein und schlaf erstmal ein. Dieses bergauf-bergab in der Mittagshitze hat mich ganz schön geschlaucht. Ich wache auf, als ich wieder in der Sonne liege, ganz schön brennend, es piekst richtig auf meinen Armen. Also anderen Baum genommen, damit ich wieder im Schatten bin.

Eigentlich sollte ich mich freuen, dass ich am Lac de Cavayère bin, hier wollte ich von Anfang an hin, hierhin hab ich den ganzen Vormittag meinen Umweg gemacht. Aber irgendwie… Zu heiß. Nicht so, wie ich's mir vorgestellt habe, irgendwie doof hier. Blöd. Moment… Wie war das? Motivationsprobleme? Stimmt, trinken sollte ich mal. Ich schnapp mir also meine frisch aufgefüllten zwei Liter und ein Buch und lese.

Gegenüber ist ein Steg, ein paar Jugendliche tollen dort herum, springen ins Wasser baden ausgiebig. Dann kommt eine Gruppe von Kindern in Zweier-Kanus mit zwei Lehrern sie machen Koordinations-Übungen oder sowas. Jetzt wird wieder interessant zuzugucken, ich lege zeitweise sogar mein Buch zur Seite. Meine Stimmung steigt auch wieder, mit jedem Schluck, mit dem ich meinen Wasserhaushalt wieder auffülle.

Irgendwann hänge ich schon wieder in der Sonne, diesmal überlege ich, ob ich hier am See übernachten soll oder ob ich heute noch nach Carcassonne laufe. Die Karte zeigt mir ca. fünf Kilometer, also etwas weniger als zwei Stunden. Ohne die Hügel anzuzeigen, von denen muss ich mich überraschen lassen. Ach ja, Mittagessen wollte ich ja auch noch. Aber ich hab nur diesen Fehlkauf von gestern dabei, ich krieg ihn kaum runter. Eigentlich mach ich sowas ja nicht, aber diesmal wandert der Rest in der Tonne. Also bleibts bei etwas Magen füllen und einem Apfel.

Ich entschließe mich dann, noch nach Carcassonne weiter zu ziehen, mein Schienbein hat sich in der mehrstündigen Mittagspause etwas beruhigt. Komisch, ich hab keine Ahnung, was da so weh tut, ich kann nichts erkennen und geschwollen ist es auch nicht, zumindest nicht sichtbar. Also hab ich meinen Rucksack wieder gepackt und die Runde um den See fortgeführt. Und da fings schon wieder an, steil bergan, dann wieder steil bergab.

Und der See hat noch so manche Bucht, die umrundet werden will, der ganze Weg in diesem Auf und Ab. Ich wollte mein Vorhaben fast schon wieder aufgeben, aber entschlossen ist entschlossen. Die zwei Stunden werde ich auch noch schaffen. Nicht ganz die Runde abgeschlossen bog ich dann Richtung Carcassonne ab, zuerst einmal musste die Autobahn überquert werden. Das ging (zumindest in der Nähe) nur auf einer Autostrasse, nicht sehr angenehm, wenn die Autos mit 80 Sachen an mir vorbei rasen. Und immer noch diese Hitze, immer noch die Sonne, die vom Himmel brennt. Ich hab meine Schutzkleidung schon auf langärmelig umgestellt und Sonnenhut angezogen. Bald gings durch eine Siedlung von Villen, bald einen Wander-Waldweg entlang. Schön markiert, muss ich sagen, so konnte ich mich gar nicht mehr verlaufen.

Doch meinem Schienbein hat die Sache gar nicht gefallen. Bei jedem Schritt hat's inzwischen weh getan, jeden einzelnen Schritt hab ich deutlich gespürt. Ich glaub sogar, dass ich gehumpelt hab, zumindest mich falsch gehalten. Kennt ihr dass, wenn man vor Schmerzen unwillkürlich die Luft anhält? Das ist natürlich nichts fürs Wandern, jeden einzelnen Schritt die Luft anzuhalten. Also musste eine Atemtechnik her. Vier Schritte einatmen, fünf Schritte ausatmen. Ganz bewusst. Vier Schritte einatmen, fünf Schritte ausatmen. Plötzlich lief ich auch wieder viel gerader, das bewusste Atmen hat meine Haltung aufgerichtet. Hat zwar dem Schienbein nichts geholfen, aber das Ziehen in der Schulter vom Rucksack war wieder weg. Boa, die Strecke hat mich echt geschlaucht, hier hab ich alles zusammennehmen müssen, um noch einen Schritt nach vorne zu machen. Heute musste ich Sonja Recht geben: ja, heute gehe ich tatsächlich am Stock 🙂

Und dann hab ich sie gesehen. Der Augenblick, auf den ich mich schon die ganze Tour freue, der Augenblick, warum ich den Umweg heute überhaupt gemacht hab: die mächtigen Festungsmauern von Carcassonne. Was ein Anblick, was eine Freude, endlich da zu sein. Ich war so glücklich in diesem Moment, ich hab laut herausgelacht, ich hab mich gefreut, endlich da zu sein. Fünf Tage Wandern haben endlich diesen tollen Abschluss. Was ein Anblick! Leider waren fürs Foto die Strommasten und die Autostrasse im Weg, aber wenn man tagelang dorthin gewandert ist, denkt man sich das weg. Ich bin zwar nicht schneller geworden, ich humpelte immer noch Schritt um Schritt den dicken Mauern entgegen, aber ich war glücklich und konnte mal einen Moment lang die Schmerzen vergessen.

Ich ging in die Altstadt hinein, sah die Menschen dort nur als Gewusel an, nicht modern und in kurzen Hosen bekleidet, ich sah eher die mittelalterlichen Häuser, die vielen Marktstände, Läden, Geschäfte, Boutiken, ich freute mich wie ein kleines Kind, endlich hier zu sein. Mir, wo mir alte Steine und Mauern, Mittelalter und Burgen so gefallen, war es das reinste Paradies. Langsam, auf meinen Wanderstab gestützt, ging ich durch die Stadt, um ein Zimmer zu suchen. Ich verursachte an mancher Strassenecke neugierige Blicke, ob das wegen meinem Wanderstab und dem Rucksack war oder wegen der Solarzelle, die ich auf dem Rucksack trage.

Nach ein paar sehr teuren Versuchen landete ich dann in der Jugendherberge. Seit heute bin ich auch (wieder) Mitglied im internationalen Jugendherbergswerk. Das Sprachenwunder am Empfang antwortete gar nicht auf meine französische Frage, ob er englisch kann, er fragte mich, wo ich herkomme und bot mir gleich deutsch an. Als ich das Formular ausfüllte, erklärte er nebenbei mal eben auf Französisch, wie die Zimmerkarten funktionieren, wechselte – flupp – auf Japanisch, wie das Internet funktioniert und war dann wieder in Deutsch bei mir. Ich hab ganz schön gestaunt, wie sprachgewandt er ist. Gott sei dank war noch ein Zimmer frei (ein ganzes, für mich allein. Vorerst.), weil die angemeldete Gruppe ein Zimmer weniger brauchte. Es ist viel los in der Stadt und ich hab echt Glück gehabt, einen Schlafplatz zu bekommen.

Als erstes hab ich geduscht, bin dann durch die Stadt geschlendert, hab etwas zu Essen gesucht und gefunden, Internet entdeckt, Blogs hochgeladen (zumindest mal die Entwürfe), noch ein Eis geschleckt und mich gefreut, hier zu sein. Hier, inmitten der mittelalterlichen Mauern, inmitten der Altstadt, wie es mir gefällt. Und ich werde drei Tage bleiben. Oder so. Mal gucken.

 

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