Zillis Andeer

Google EarthGPXauf der KarteBilderRunKeeper

Mein Tarp ist zu Hause angekommen, mein iPhone- und iPad-Programm soweit fertig programmiert. Ich kann wieder hinaus. Das Warten auf Zoll und Post hat mich den einen oder anderen Tag zu Hause gehalten, aber ich wollte auf meiner nächsten Wanderung gleich das große Tarp mitnehmen. Nicht, dass es wieder zurück geschickt wird… Wenn ich früher gewusst hätte, dass es doch länger als eine Woche dauert, hätte ich mir das postlagernd hinterherschicken lassen. Aber so hab ich mir die Zeit mit Programmieren lernen vertrieben, ich bin in meinem Studium weiter gekommen, hab auch ein paar wichtige Dinge gelernt, hab einen versteckten Memory-Überlauf selber entdeckt und lösen können, ich bin fast ein wenig stolz auf mich. Aber jetzt bin ich wieder unterwegs. Etwas außer Übung nach fast drei Wochen, aber das einzige, was ich mir für heute vorgenommen habe, ist die berühmte Kirche von Zillis. Und morgen möchte ich durch die Roffla-Schlucht am Festungsmuseum Crestawald angekommen sein. Sonst müsste ich eine Woche warten, dort wieder hinein zu kommen.

Meine WordPress App am iPhone wurde grundlegend überarbeitet. Jetzt stellt er all den Text nicht mehr dar, den ich schon im Laufe das Tages geschrieben habe. Ich hoffe, das ist nur ein optisches Problem…

Nein, ist es nicht. Alles weg, was ich schon getippt hab…

Wieso können heutzutage immernoch grundlegende, funktionierende Bestandteile eines Programms kaputt gehen, obwohl sie schonmal funktioniert haben? Um das Problem zu lösen, haben wir doch Objektorientierte Programmierung erfunden… Was bitte schön soll ich mit einer Blogging-Software, die nicht bloggen kann ?!? Mannomannomannomann. Wenn ich nicht selber Ahnung vom Programmieren hätte, dann könnt ich das auch nicht achselzuckend hinnehmen… Aber so erst recht nicht.

Aber was erzähl ich Euch das? Ist schließlich mein Problem.

Doch erstmal zur Kirche von Zillis. In Wikipedia kann man ja nachlesen, was an dieser Holzdecke so berühmt ist. Auf insgesamt 9×17 quadratischen Holztafeln ist das Leben von Jesus Christus dargestellt. Wie ich das schon öfter gesehen habe, wurde den einfachen Menschen, die nicht (und erst recht nicht Latein) lesen konnten, das Evangelium in Bildern näher gebracht. Dazu wurden die Geschichten aus der Bibel erzählt und man hatte eine Kombination von Bild und Erzählung im Kopf. Das prägt sich besser ein.

Ich war ja erstaunt, wie hell die Kirche ist. Eigentlich sind diese alten Kirchen nur recht spärlich mit Fenstern versehen, die meisten sind deshalb recht schummrig. Nicht aber diese hier. Außer der Decke ist kein Schmuck vorhanden, nur noch die Borde am oberen Rand der Wände. Ich hab alle Kacheln angeschaut, einige Geschichten dahinter fielen mir wieder ein. Wie frisch und klar die Farben sind, wie „modern“ das ganze aussieht. Und wie klar die Pinselstriche sind, sie haben mich eher an Buchdruck erinnert als an Pinsel und Farbe.

Die ganze Zeit an die Decke schauen ist schon anstrengend im Nacken. Eigentlich müsste ich mich auf eine Kirchenbank legen, damit ich gemütlicher nach oben schauen kann. Aber dabei laufe ich Gefahr, dass ich einschlafe, ich bin nämlich recht müde. Aber statt dem Hinlegen werden Handspiegel angeboten, mit denen man bequemer die Bilder betrachten kann. Allerdings seitenverkehrt. Und das eigene Zittern verstärkt sich noch im Spiegelbild. Ich hab's bei der althergebrachten Methode belassen und mir immer wieder fasziniert die Holztafeln angesehen. Ich glaub, diese Deckentafeln wären auch was für Jean-Pierre…

Die Kirche hat zwar vier Franken Eintritt gekostet, aber Pilger würden sogar umsonst reinkommen. Und weil sie mir das in Anbetracht meines Wanderstabs gleich angeboten hatte, hab ich fünf Franken spendiert.

Nach der Besichtigung der Kirche, auf die Ausstellung im Dorfzentrum hatte ich dann keine Lust mehr, bin ich den Schildern der Via Spluga gefolgt. Aber diese bog irgendwann wieder Richtung Viamala ab, ich hab dann doch den Wanderweg Richtung Andeer genommen. An einer Bank setze ich mich hin und beobachte den Helikopter, wie er Baumstämme aus einem Wald fliegt. Immer zwei aufs Mal. Hin und her. Mit einer langen Leine und einem Greifer, die er scheinbar selber bedienen kann. Leer hin, ich kann leider nicht sehen, wie, aber wenn er aus dem Wald wieder aufsteigt, hängen an der Kette zwei Bäumstämme. Am Landeplatz legt er sie vorsichtig auf einen Haufen und hier sieht es so aus, als könne er seine Last selbstständig ausklinken.

Auf dem Weg hab ich mir Brennesselsamen gepflückt. Dank der Sammeltasche für an meinen Rucksack-Gürtel, die mir Sylvia maßgeschneidert hat (endlich mal jemand, der bei meinen verrückten Ideen die Nähmaschine zückt und mir nicht einen Vogel zeigt), kann ich beidhändig pflücken und hab schnell ein paar Hände voll Samen zusammen. Die Samenstände der Brennnesseln haben gar keine Brenn-Pipetten, die können gefahrlos abgezupft und gegessen werden. Wenn der Wind halt nicht die Stengel und Blätter an meine Hand werfen würde. Aber jetzt kribbeln meine Finger halt ein bisschen.

Als ich mich etwas verlaufen hatte, (naja… Wegweiser und Karte sind sich nicht einig, es kam eine Sackgasse und jetzt laufe ich halt nach Karte), fand ich eine schöne Stelle, um mein neues Tarp mal aufzuspannen. Ich habe zu Hause schon geübt, meine generelle Aufhängung wird über die Ecken sein, also von einer Ecke des quadratischen Tarps zur anderen Ecke.

Das macht, nach Pythagoras, die Wurzel aus drei Quadrat plus drei Quadrat, doch erstaunliche viereinviertel Meter, unter denen ich meine drei Meter Hängematte trocken halten will. Nachdem da genug Platz dran ist und das Tarp jeden Meter eine Schlaufe zum Abspannen hat, kann ich statt der einen Ecke

auch die Schlaufen rechts oder links von der Ecke benutzen, um sie an den Baum zu binden. So wird das Tarp unsymmetrisch und ich hab auf einer Seite mehr Platz zum Kochen, Schuhe und Rucksack abstellen, mich umziehen, etc. Allzu asymmetrisch darfs allerdings nicht werden, sonst wird's mit dem Bedecken der Hängematte ein wenig schwierig.

Und dafür hab ich mir farbige Schnüre an die Schlaufen gemacht, damit ich den asymmetrischen Aufbau gleich beim Auspacken erkennen bzw. abspannen kann. Und diese diagonale Form hat noch einen Vorteil: nebst den zwei Bäumen brauche ich nur noch zwei weitere Ecken abzuspannen und ich bin sicher im Trockenen. Das sind insgesamt nur vier Leinen, vier weniger als vorher, vier weniger, die Zeit brauchen, zusammengepackt zu werden. Ach ja, vier Heringe waren auch beim Tarp dabei, jetzt hab ich auch welche, muss mir also auf Campingplätzen keine mehr ausleihen 😉 Und es ist deutlich schwerer und robuster als das andere Tarp. Nix mehr mit in die Hülle knüllen, das geht jetzt nicht mehr. Jetzt ist wieder Origami beim Abbauen angesagt. Sterbender Schwan und Angreifender Habicht hab ich heute schon hinbekommen 😉 Deutlich größeres Dach heißt halt auch deutlich windanfälligeres Dach. Und das mögen die spillerigen alten Schnüre kaum noch halten. Jetzt müssen mal dickere Schnüre her…

Nach dieser Evaluationspause bin ich dem Wanderweg gefolgt, der sollte mich nicht in die Sackgasse führen. Statt dessen und bergauf kam ich nach Donath und traf hier auch wieder auf die Via Spluga. Diese ging noch etwas bergan, über eine alte Holzbrücke, schlängelte sich gemütlich durch Wiesen und Weiden. Viele Bewohner waren mit der mühsamen Handarbeit des Heu-Zusammenrechens beschäftigt. Aber sie waren nicht gehetzt, sie unterhielten sich, hatten sogar Zeit, den Rechen aus der Hand zu legen, um sie mir zum Grusse zu erheben.

Ich kam an schönen Stellen vorbei, wo ich übernachten wollte, allerdings darf man zur Zeit nicht die Wiesen betreten. Ein paar Burgruinen auf den Hügeln drumherum, etwas Geschichte dazu auf einer Infotafel. Angenehmes Wetter, leicht wieder bergab, ich bin zufrieden. In den kleinen Dorf Clugin (gehört zu Donath) bin ich zu der kleinen Kapelle.

Die Tür war verriegelt, das Schloss schon sehr alt. Etwa so alt und grobschlächtig wie das Schloss vom Turm auf Hohen Rätien. Ein eiserner Balken, der beide Flügel der Tür blockierte. Die Lasche am Ende dieses Balkens eingerastet in einen Verschluss, den man von Koffern kennt. Da, wo meistens die drei Zahlenräder dran sind. Und diese Lasche konnte man nur mit dem Schloss freigeben. War aber kein Problem, denn der passende Schlüssel hing auch gleich daneben. So konnte ich in die kleine Kapelle. Ein paar hölzerne Bänke, keine Kniebretter, es ist eine reformierte Gegend, eine kleine Orgel, Baujahr 1975 und, ganz zentral, das Taufbecken. Baujahr schon mindestens 500 Jahre her. Und eine Originale Malerei an der Wand, Jesus mit den zwölf Jüngern.

Nach der Kapelle zog ich weiter, aber ich bin ja gleich in Andeer. Die Wege füllen sich mit Abendspaziergängern. Ich sollte langsam mal nach einer Übernachtungsmöglichkeit Ausschau halten. So langsam mag ich mal schlafen. Und zwar ohne noch von Freitag-Abend-Besuchern belästigt zu werden. Ich glaube, ich suche mir eine günstige Unterkunft in Andeer. Doch Moment mal, auf dem Weg dorthin kommen noch zwei interessante Stellen, sagt die Karte.

Und die kamen dann auch. Eine Lichtung im Auenwald des Rheins, rundherum mit Bäumen umstellt, dass keiner reinschauen kann. Pustekuchen. Jeder hat reinschauen können, weil diese Lichtung deutlich tiefer als der Wanderweg liegt. Jeder kann reinschauen und ich kann nicht hinunter. Auch der andere Platz war zwar gut, etwas feucht vielleicht, aber egal, aber ziemlich viele Fußgänger unterwegs. Also bin ich doch nach Andeer rein, hab ein günstiges Zimmer gefunden und innerhalb von alten Mauern übernachtet.

Auf dem Weg hab ich noch Brennesselsamen geröstet. Ich hatte ja ein paar Hand voll Samenstände gesammelt, mir kitzelten die Finger noch vom Pflücken. Diese Samenstände werden erwärmt und damit getrocknet, dadurch fallen die Samen heraus und werden geröstet. Und das mehrmals hintereinander, wenn die Röstung geht schnell. Während die ersten Samen schon dunkel werden, fieselt man an den anderen noch rum und spürt, dass die noch nicht einmal trocken sind. So gibts immer ein Umschichten von dem „Gestängel“ in den anderen Topf, die Samen schnell geröstet, die Stängel wieder aufs Feuer, dessen ersten Samen sind bald fertig usw. Ich war mit meinen beiden Topfdeckeln ganz schön am rotieren…

Dabei hab ich mir ein paar Mal die Fingerkuppen verbrannt, wenn ich auch einfach so in den heißen Pfannen herumhantiere. Nicht schlimm, nicht mal ne Blase, aber wenn die Finger von den Brennesseln eh schon Jucken, mischt sich der Schmerz des Verbrennens ganz lustig dazu. Abends, als „beides wehgetan hat“, haben die Fingerkuppen gekitzelt… Aber ich hab nichts gesehen, wird schon nicht so schlimm sein.

Und wie schmecken Brennesselsamen? Nun, durchs Rösten sind sie total leicht geworden, sie wiegen quasi nichts mehr, ich kann sie nicht einmal auf der Zunge spüren. Und zwischen den Zähnen knistern sie beim Zerkauen. Wie winzig kleine Luftkisselchen, die alle mit einem „Pick“ zerplatzen. Vom Aroma kommen dominant die Röstaromen dazu. Brennesselsamen roh genascht schmecken nach Brennesseln und wenn man ein oder zwei Haarpipetten erwischt, dann kitzelt es im Mund. Aber der typische Brennesselgeschmack geht beim Rösten unter. Dafür kommen Elemente wie Sesam und Leinsamen dazu, etwas nussig das ganze. Und wenn ich einen ganzen Löffel voll in den Mund nehme, dann kommt noch ein unverkennbarer Fischgeschmack dazu. Das Dumme war nur, dass ich kein Behälter für die gerösteten Brennesselsamen dabei hatte. So musste ich sie in meiner Plastik-Kaffeetasse offen herumtragen. Aber auch das ist mit Sylvias Beutel kein Problem.

 

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One response to this post.

  1. Posted by Werner Steidl on 10. September 2012 at 09:29

    Der Mensch mache sich die Erde Untertan, vom Kaputtmachen hat Er nichts gesagt.
    Dein Bericht zeigt mir, so kann man die Welt erfahren ohne sich zu schämen.
    Weiterso,
    Gottes sind Wogen und Wind,
    Segel aber und Steuer sind Euer !
    Viele Grüße
    OMA und OPA !

    Antworten

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