Andeer Splügen

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Nach viel gutem Schlaf und dem Frühstück bin ich in Andeer aufgebrochen. Ein kurzer Schlenderer durch das schöne Dorf mit den hübschen alten Häusern, dann ging's Richtung Bärenburg, Rofflaschlucht und Splügen.

Hinter Andeer, wo sich das Schams teilt und rechts Richtung Rheinwald abbiegt, kommt ein wunderschöner Wald. Von der Morgensonne durchleuchtet, viele flache Stellen, hier finde ich genug schöne Plätze für die Hängematte. Aber es ist morgens, jetzt kann ich diese Flecken Erde nur zur Erbauung für den kommenden Aufstieg zu nutzen. Und kaum hab ich dieses in den Blog geschrieben, kam ich auch schon zu den Schalensteinen von Arsiert. Der Platz hier ist wohl schon seit Urzeiten mystisch, vielleicht gefällt er mir deswegen so gut. Eine Feuerstelle hab ich auch entdeckt. Ich müsste echt nochmal herkommen zum Übernachten.

Vielleicht mach ich das, wenn ich von Andeer aus mit dem alten Saurer-Postauto nach Juf fahre. Hab ich mir gestern so überlegt, wie ich dieses historische Gefährt im Linienverkehr zur höchsten Gemeinde der Schweiz gesehen habe. Die Frage war nur, ob auf der Strecke nach Juf immer dieser alte Saurer Bus eingesetzt wird.

Nach den Schalensteinen ist es gleich wieder technisch geworden, ich bin zum Staubecken Bärenburg gekommen. Hier wird auch Strom gewonnen, sogar noch aus dem Dotierwasser. Das Dotierwasser ist die Mindestmenge an Wasser, die eine Staumauer durchlassen muss. Das ist gesetzlich geregelt und verhindert, dass der hinter der Staumauer gelegene Fluss gar kein Wasser mehr bekommt. Dieses Dotierwasser ist die Mindestmenge Wasser, die man der Natur noch für Pflanzen, Tiere und Grundwasser zugesteht, wenn der Mensch am liebsten alles Wasser für sich nutzen möchte. Doch dieses kleine Staubecken an der Bärenburg gehört zu dem viel größeren Wasserkraft-Einflussgebiet, benannt nach dessen größtem See: Lago di Lei. Auf einer Karte konnte ich sehen, wie in der ganzen (überschaubaren) Gegend (und noch viel weiter) Rohre und Leitungen in die Felsen verlegt wurden. Das ganze System zieht sich bis Thusis vor, durch mehrere Talschaften. Das ist auch der Grund, warum in der Viamala kaum noch Wasser durch die Schlucht fließt.

Jetzt wird's aber voll hier. Hab grad Bloggingpause gemacht, damit ich den langsamen Wanderern vor mir etwas Vorsprung lasse, aber inzwischen sind schon wieder sechs weitere Wanderer an mir vorbeigekommen. Ich bin kurz vor der Rofflaschlucht und es ist Samstag und zudem noch herrliches Wanderwetter…

Nach Unmengen von üppig reif behangener Himbeersträuchern kam ich dann, eingebettet in andere Wandergruppen, zur Roflaschlucht. Hier kostet es drei Franken Eintritt, für die Zeit meines Besuchs darf ich aber meinen Rucksack mal abstellen. Die Schlucht ist interessant anzuschauen.

Tief und eng hat sich der Rhein hier eingeschnitten. Aber das Besondere an dieser Schlucht ist, dass sie zwischen 1907 und 1914 quasi von Hand gangbar gemacht wurde. Angeblich nur mit einem Handbohrer hat der Besitzer einen Gang in die Felswände gehauen, durch den man bis zum Wasserfall hinter kommt.

Das ist schon eindrücklich, wenn man durch die Tunnel und Galerien geht, dass das alles in mühevoller Handarbeit gemacht wurde. Das ist selbst heute, 100 Jahre später, locker noch drei Franken wert. Der Wasserfall am Ende der Schlucht fällt über die Galerie hinweg, man kann also hinter dem Rhein her spazieren.

Etwas nass durch das Spritzwasser und durch das Auf- und Abschwellen der seitlichen Ränder des Falls, recht laut tobend und tosend steht man dann unter und hinter den Wassern. Sehr interessant.

Nach der Stunde Besichtigung im Feuchten hab ich's aber auch wieder gesehen… Also zog ich weiter das Tal entlang, Richtung Sufener See. Leider ging durch das Tal entlang neben der Autobahn auch noch die alte Kantonalstrasse, der Wanderweg war da leider fast schon untergegangen.

Über stählerne Treppen und Aufgänge ging es auf der Autogalerie entlang, immer begleitet vom Autolärm. Zwischendrin war der Wanderweg mit stählernen Gitterrosten seitlich an die Betonbefestigung der Strasse geschmiegt, manchmal ging er sogar durch echte Erde mit echten Bäumen, teilweise sogar bis zum Hinterrhein hinunter.

Hier unten konnte man die beiden Strassen nicht mehr hören, das Rauschen des Rhein hat sie übertönt. Es war also immer Geräusch umme, ich weiß nicht, welches angenehmer war. Weiter oben, fast schon am Ende der Schlucht, bog die Autobahn in einem Bogen ab, die Fahrstraße war nicht mehr so laut und der Wanderweg bog etwas nach oben in den Hang ab. Hier ging es nochmal bergan, wo ich mich doch langsam auf eine Pause gefreut hatte, müsste ich doch bald am Festungsmuseum Crestawald sein. Nach ein paar Kurven und Felsen, über ein Geröllfeld mit richtig großem Geröll kam ich zu einem steinernen Haus.

Alle Fensterläden verschlossen und in großen verrosteten Lettern stand „Festungsmuseum“ drüber. Ich war da. Keine Leute, eine Bank in der Sonne, also erstmal Rucksack absetzen und Pause machen. Schuhe und Socken ausziehen und in der Sonne trocknen und lüften lassen, Wasserflasche und Brotzeitbeutel ausgepackt. Es gab Bündner Roggenbrot, Bündner Schinken und Emmentaler, alles garniert mit gerösteten Brennesselsamen. Lecker. Zum Nachtisch noch zwei Hände voll gesammelter Himmbeeren. Sylvia, Deine Sammel-Tasche ist echt praktisch! Danke vielmal.

Kurz drauf kam auch die Vierergruppe vorbei, der ich schon seit der Bärenburg immer wieder mal begegne. Sie wunderten sich, dass das Haus verschlossen war und ich hab sie zum Kiosk ein paar Stufen weiter unten geschickt. Hier sah es so aus, als ob man sein Geld los werden könnte, wahrscheinlich auch für die Besichtigung der Festungsanlage. Dem war auch so. Die Vierergruppe hat mich vorgeschickt, die Preise zu erkunden. Zehn Franken Eintritt. Meine hochgezogenen Augenbrauen hat die Kassiererin gleich mit einem „Aber es lohnt sich“ Versprechen quittiert. Um sofort danach noch weitere fünf Franken für den Audioguide zu verlangen. Uff… Reicht gerade noch, mein Geld, einkaufen liegt da heute nicht mehr drin…

Zu meinem Erstaunen hat sie dann in die Kiste mit den verschieden bunten iPods gegriffen und mir einen Kopfhörer dazu aushändigen wollen. Auf diesen hab ich verzichtet, trage ich doch meinen eigenen iGadget Kopfhörer mit mir herum. So ausgerüstet hab ich der Vierergruppe Rapport erstattet, sie saßen grad beim Kaffee. Ich soll schonmal gehen und ihnen nachher alles ganz ausführlich erklären. Die Dame an der Kasse meinte, ich kann zwar meinen Rucksack bei ihr stehen lassen, aber meine Jacke sollte ich mitnehmen, es ist kalt in der Festung. Das hört eine deutsche Touristin, die gerade die Führung beendet hat, fasst mich am Arm und sagt: „ja, tatsächlich: so kalt ist es“ und wärmt ihre ziemlich kühle Hand an meinem Arm auf. Etwas verdutzt binde ich meine Jacke um den Bauch, Stöpsel meine eigenen Kopfhörer in die Ohren und gehe in die Festung hinein.

Doch schon beim Büro der Wachtmannschaft, die den Eingang der Festung bewacht, waren mir die zehn Grad hier drinnen zu kühl. Also wirklich Faserpelz anlegen. Dann sog mich das schön hergerichtete, gut ausgestattete Museum in seinen Bann, ich kam durch den ersten Gang, nach links in die Feuerzentrale.

Der zentrale Raum, in dem die Beobachtungen der Aussenposten per Telefon oder Funk hereinkamen, die Berechnungen der Ballistik für die beiden großen Kanonen gemacht wurden, die berechneten Koordinaten zu den Geschützmannschaften weitergereicht wurden, die mit diesen Einstellungen dann bis zu sechs Schuss pro Minute in einem Radius von 22km abfeuern konnten.

Ohne jeglichen Sichtkontakt zum beschossenen Ziel, denn Splügen- und auch San-Bernardino-Pass sind noch durch Berghänge verdeckt. Die Beobachtungsposten draußen im Feld beobachteten diese Schüsse und gaben Korrekturen in die Feuerzentrale weiter, die wiederum mit Karten, Rechenschiebern, Tabellen und Graphen die Ausrichtung der Kanonen berechneten und diese Korrekturen wieder an die Geschützmannschaft weitergaben. Eine ziemlich hektische Sache dort in der Feuerzentrale.

Um dieses zu zeigen hat die Schweizer Armee Filmaufnahmen von einem Aktivdienst dort gemacht und diesen Film auf die Wand gebeamt, damit sich die Besucher das auch richtig vorstellen können und nicht nur die herumliegenden Gerätschaften betrachten müssen. Wow. Das war ja mal ein Eindruck… Weiter geht die Führung, der iPod hat brav und geduldig die nächsten Positionen erklärt. Was in der Poststelle los war und warum sie eine zentrale Rolle im Leben in dieser Anlage darstellte.

Ich hab gelernt, woher die Munition kam und mit welchen Aufzügen sie zu den Kanonen kamen. Treppe hinauf, links herum, durch den Gang hinter kam man dann zum Vorbereitungsraum der ersten Kanone namens Lukretia. Ein für mich ungewöhnlicher, aber typisch Graubündner Name, klang für mich erstmal fremd, aber der Name sollte mir in den nächsten Stunden und Tagen öfter unterkommen.

Hier wurden die benötigten Treibsätze und Granat-Köpfe entsprechend dem nächsten Schießbefehl vorbereitet und per Aufzug einen Stock höher zur Kanone gebracht. Dort wurde die Kanone ausgerichtet, gedreht, Elevation eingestellt, geladen, verriegelt und abgeschossen. Ein Lärm, eine Hektik, ein Qualm, eine Luft voll mit Kohlenmonoxid, das kann man sich nicht vorstellen. Deswegen gabs auch hier wieder ein Video an die Wand geschmissen, die diesen Raum während einer Übung zeigt. Ziemlich eindrücklich, zumal die Boxen auch dazu beitrugen, den Lärm und das Echo an den stählernen Wänden nachzuvollziehen. Wegen dem Kohlenmonoxid mussten die Soldaten alle Gasmasken tragen, die per Schlauch an die zentrale Frischluftversorgung der Bunkeranlage angeschlossen waren.

So führte ein sehr gut und ausführlich gestalteter Rundgang durch die Anlage. Die Munitionslager und Ersatzteillager konnten besichtigt werden, die zweite Kanone in Ruhestellung war zu sehen, in einen MG-Geschützstand konnte man hinein. Man kam in die Krankenstation und in die Offiziersmesse, die Manschaftsunterkünfte und den Versammlungsraum, konnte die Bunkerküche besichtigen, in der auch tatsächlich Bohnen mit Speck gekocht wurden. Die sanitären Anlagen und die Energiezentrale habe ich besichtigt. Hier wird mit zwei Dieselmotoren der Strom für die ganze Anlage und damit auch für die Frischluftzufuhr generiert. Seit 1941 ständig in Betrieb, gab es nie größere Störung dieser autarken und auch einzigen Stromversorgung des Bunkers. Fast dreißig Stationen wurden im Audioguide sehr ausführlich erklärt, der Eintrittspreis hat sich wirklich gelohnt.

Mehr als zwei Stunden bin ich in dieser Anlage herumgestöbert, die Vierergruppe, der ich rapportieren sollte war schon längst weiter gezogen. Sie wollten noch über den Splügenpass weiter wandern.

Bevor ich weitergezogen bin, hab ich mich noch mit den beiden Männern, die jetzt im Kassenhäuschen saßen, unterhalten. Wasser auffüllen? Am Besten im WC. *Grübel*, Moment, nichts sagen, da war ich zwischendrin ja mal. Also nochmal hinein, den Gang hinter, an der Energiezentrale vorbei, rechts in die Unterkünfte durch die Druckschleuse, nochmal rechts. Gefunden. Diesmal hatte ich meinen Faserpelz nicht mehr an und es ist wirklich kalt in der Anlage. Ich fragte die Herren, wie weit es noch nach Splügen sei. 45 Minuten meinte der jüngere recht locker. Der Alte hat ihm widersprochen, zum Einwand gegeben, dass ja erst noch Sufers kommt. Naja… Korrigierte sich der erste. Vielleicht eine Stunde. Aber selbst das war mehr als genug für mich. So konnte ich locker bis um fünf in Splügen bei der Dorfführung sein, deren Informationsaushang ich heute früh in Andeer gesehen hatte. Auf dem Weg am Sufner Stausee entlang hab ich mich mit Simon verabredet und Abendplanung gemacht. Es geht noch auf eine Party, wenn ich Lust hab, kann ich mitkommen. Und Übernachten in Medels ist auch kein Problem. Juhu, ich freu mich schon.

Hinter Sufers, etwa auf der halben Strecke, fand ich einen gelben Wegweiser, der bis Splügen noch eineinhalb Stunden veranschlagte. Ups… Hmm. Aus „genügend Zeit“ wurde plötzlich ein „könnte knapp reichen“. Ich beschleunigte meine Schritte und ging schneller. Was, wenn ich die Dorfführung sausen lasse? Nein, die wollte ich schon mitnehmen. Gerade in Splügen, gerade, wenn ich auf den alten Säumerwegen wandeln will. Also ging ich forschen Schrittes der Nachmittagssonne entgegen. Ich schwitze, es war anstrengend. Es war schön um mich herum, die Berge, der See, die Aussicht. Aber in jeder Verschnaufpause drängte ich mich weiter, ich kann das noch schaffen, bis fünf in Splügen zu sein… Es ging der Sonne entgegen, etwas bergauf, immer weiter, keine Pause. Es war heiß. Gut, hatte ich mein Trinkwasser aufgefüllt. Ich schwitze. Uff…

An der Burg vorbei kam ich gegen viertel vor fünf in Splügen an. Simon wollte in zwei Minuten auch am Bodenplatz sein, die Zeit hab ich genutzt, mich am Brunnen frisch zu machen. Ich glaube, es hat gezischt, als ich meinen Kopf in das Wasser gehalten hab. Arme kühlen und das Wasser verdunsten lassen. Was für eine Abkühlung, was für eine Erfrischung! Simon hat dann doch drei Minuten gebraucht, in der Zwischenzeit hab ich das Touristenbüro gefunden und bin hinein und hab gefragt, ob die Führung jetzt gleich wirklich stattfindet. Führung? Heute? Das nette Mädel schaute mich fragend an. Heute? Moment mal, und sie schaut die Aushänge mit den Veranstaltungen an. Ja, genau, diese Aushänge hab ich heute früh in Andeer auch gesehen. „Treffpunkt 17:00 in Splügen, Bodenplatz“. „Jeden Freitag“… Moment… Heute ist gar nicht Freitag. Verd… heute ist Samstag. Ganz erschrocken schaut mich das Mädchen von der Touristeninfo an, bedauert mich, weil ich immernoch so aussah, dass ich mich gehetzt hatte, pünktlich hier zu sein. Das tat ihr wirklich leid. Ich konnte sie beruhigen und in dem Moment rief auch Simon schon an, dass er draußen auf dem Platz steht. So hatten wir genug Zeit, noch eins zu trinken und gemütlich Abendplanung zu machen.

Dann wars gemütlich. Ein Bierchen in Splügen, danach sind wir nach Medels gefahren und ich hab erstmal meinen Rucksack abstellen können. Simons Eltern, Hansjürg und Lucretia, haben z'Nacht vorbereitet. Dominik hatte ich schon kennengelernt, Gianni kam beim Essen dazu, Marcel traf dann auch noch zu uns. So hatte ich schonmal meine ersten Ansprechpartner für die „urchige“ Party heute Abend, z'hinderst im Rheinwald. Hier wird – ganz untypisch für die umliegenden Täler – Deutsch gesprochen. Walserdeutsch. Die Täler drum herum sprechen entweder italienisch oder rätoromanisch. Wobei Walserdeutsch nochmal anders ist, an diesen Dialekt musste ich mich auch erst gewöhnen, aber nachdem ich schon oft mit Simon zu tun hatte, viel mir das nicht sonderlich schwer. Alles nette Leute, freundlich, zuvorkommend, interessiert, geduldig, wenn ich doch ein Wort mal nicht verstanden habe, ich hab mit gleich wohlgefühlt. Noch schnell unter die Dusche springen und auf ging's nach Hinterrhein zur Party. Morgen ist Walser-Treffen der Talschaften Rheinwald, Vals und Safien und heute Abend hat die Schi-Jugend zum Tanz geladen. Ich hatte meine Ansprechpartner, an die ich mich „anhängen“ konnte und war auch recht schnell integriert. Simons Vater hat sich mehrmals erkundigt, ob's mir gefällt und ich hatte wirklich meinen Spass auf der Party. Alle Einzelheiten weiß ich nicht mehr ;), aber wir sind erst gegen halb fünf wieder nach Hause aufgebrochen, hatten inzwischen Gianni und Sandra aus den Augen verloren, aber im Tal kann man sich ja nicht gross verirren. Morgen ist das eigentliche Fest, um spätestens elf müssen wir dort sein, entsprechend war das Frühstück auf „bis nachher“ angesetzt.

 

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