ein Tag bei den Walsern

Nach nur vier Stunden Schlaf gabs bei Luci und Hansjürg Frühstück, erstmal einen großen Becher Kaffee. Dann fuhren wir wieder nach Hinterrhein, heute findet das Walsertreffen der Talschaften Vals, Safien und Hinterrhein statt.

Wir trafen noch bei den Vorbereitungen ein, Luci traf sich mit ihrem gemischten Chor zum Einsingen und die Jugend versuchte irgendwie mit Kaffee und Tische aufbauen, nüchtern und wach zu werden. Die meisten von gestern Abend waren auch heute früh wieder aktiv. Auch Gianni und Sandra sind am Morgen wieder aufgetaucht und sind wohlbehalten im Nest gelandet und schlafen erstmal.

Die Walser. Ich kenne die Walser nur aus Wikipedia. Sie sind vor etwa 700-1000 Jahren vom Oberwallis aus in alle Richtungen losgezogen, um neue Gebiete zu besiedeln. Sie sind der Grund, warum man in einigen Tälern Deutsch spricht, auch wenn drum herum Rätoromanisch oder Italenisch gesprochen wird. In so manchem Wikipedia-Artikel tauchen sie auf, wenn es um die Geschichte eines Dorfes oder einer Talschaft geht. Sie haben als freie Menschen, also ohne den Zehnt oder Steuern abgeben zu müssen, ihr eigenes Land bekommen, welches sie selber besitzen und worüber sie selber entscheiden dürfen. Dabei haben sie die hohen Lagen der Täler landwirtschaftlich zu nutzen gelernt und waren schon immer diejenigen, die die widrigen Umstände der Bergwelt für sich nutzen konnten.

Ich hab Euch mal die Wikipedia Artikel über die Walser und über ihre Sprache rausgesucht.

Im Lexikon nachgeschlagen bringt zwar interessante Dinge hervor, aber sie bleiben etwas Theoretisches, nicht so recht greifbar, doch noch etwas fern. Ich hatte all das Gelesene für Geschichte gehalten. Es war einmal, so ist es gewesen, Erzählungen aus der Vergangenheit. Um so erfreuter war ich, als Hansjürg mit einem gewissen Stolz in der Stimme erzählt hat, dass er Walser ist und ob ich mit auf dieses Fest kommen mag. Es gibt sie noch, die Walser und sie sind es, die in den Tälern deutsch sprechen und ihre Gemeinschaft ist groß und sie sind stolz auf ihre Traditionen.

 

Nach und nach trafen bestimmt hundertfünfzig oder zweihundert Menschen ein, viele in der Bündner Festtagstracht. Als sich alle versammelt hatten, fing das Programm an. Gestartet haben sie mit einem ökumenischen Gottestdienst, das katholische Vals hatte ihren Pfarrer mitgebracht, das reformierte Rheinwald hatte ihren Pfarrer dabei. Und so wurde gemeinsam Gottesdienst gehalten. Das erste Lied wurde gesungen, „Danke für diesen guten Morgen“. Das Lied, welches ich aus meiner christlichen Erziehung (sprich: Konfi-Unterricht) noch kenne. „Danke für jeden neuen Tag“. Dieses Lied hat den Gottesdienst ganz nah an mich herangebracht. Dieses Lied war etwas, was mich ganz persönlich mit diesen Menschen hier, zuhinderst im Rheintal, verband. Das kannten wir gemeinsam. Wir sitzen in diesem schönen Tal, die herrlichen Berge um uns herum, die klare Bergluft, die Sonne scheint, hundert und mehr Menschen singen hier draußen dieses Lied, bedanken sich bei Gott. Und ich sitze mitten unter ihnen, mittendrin, heute darf ichbin Teil dieser Gemeinschaft sein. Live dabei statt nur nachgelesen. Das ging mir wirklich nah. Ich war so glücklich in diesem Moment, so fasziniert, so gerührt, dass das wirklich wahr ist, ich konnte nur mitsingen und Gott danken dafür, dass ich so etwas erleben darf. Was bin ich doch für ein glücklicher Wuschel…

Der gemischte Chor gab seine Lieder zum Besten, die Pfarrer hielten die Predigt, die Gemeinde sang wieder ein Lied. Zwischendrin haben wir eine Gruppe Harley-Fahrer abgewartet, bis sie mit ihren lauten Töffs weiter Richtung San-Bernardino abgebogen waren. Es ging um König Salomon, der Gott darum gebeten hat, ein verständiges Herz zu haben, damit er Gutes von Schlechtem unterscheiden kann. Und die Auslegung, warum dieser fromme Wunsch auch heute noch und auch für uns „kleine Leute“ so wichtig ist.

Während des Gottesdienstes waren die Grillmeister schon fleißig am Brätlen und es wehte ein verführerischer Duft von Koteletts, Cervelat und Bratwürsten herüber, was dem einen oder anderen die Aufmerksamkeit von der Predigt abgelenkt hat. Nach den Fürbitten und dem letzten Lied ging es dann in einer großen, langen Schlange am Grill vorbei und es wurde gespiesen.

Es kamen noch weitere Redner zu Wort, es ging um die Geschichte der Walser, dass sie immer noch stolz sind auf ihre Traditionen, dass sie immer noch bescheiden und arbeitsam sind, das sie immer noch das Volk sind, welches sich von den hohen Bergen nicht abschrecken lässt, sondern sie sich zu Nutze machen. Es kam ein Politiker aus Splügen zu Wort, der inzwischen in Bern im Ständerat sitzt, er hat die lokale Organisation untereinander und die zentrale Regierung in Bern verglichen, wie wichtig es doch ist, die Probleme und Vorhaben der einzelnen Talschaften unter sich zu lösen und wie schwierig es ist, zentrale, schweizweite Lösungen zu finden, die auch hier noch gute Lösungen sind.

Der Chor hatte nochmal seinen Auftritt, die Trachtengruppe führte Tänze auf, es gab ein Kinderprogramm mit Schminken, Büchsenwerfen und Ponyreiten. Es war wunderschönes Wetter, die Menschen glücklich und entspannt, sie trafen sich wieder, erzählten sich Geschichten und diskutierten miteinander. Es gab eine Tombola, bei dem man schätzen musste, wieviele Ziegenköttel wohl in diesem halbvollen Glas wären. Danach wurde noch eine Dorfführung durch Hinterrhein organisiert, der ich mich teilweise angeschlossen habe.

Ich war mittendrin in diesem Fest, ich hatte neue Freunde gefunden, denen ich (viele,viele) Fragen stellen konnte, die nette Dame vom Heimatmuseum Splügen war auch da und alle haben mich integriert. Für einen Tag war ich ein Teil der lebendigen Walser. Ganz hinten am Hinterhein. Wo der Rhein wirklich entspringt 🙂 Wie glücklich und fasziniert ich war…

 

Das ist das „Reinzoomen“, was ich meinte, was mit GoogleEarth nicht geht. Ich kann zwar die ganze Welt in einer Auflösung von nur einem Meter sehen, aber gelebte Traditionen und echte Menschen kann man damit nicht darstellen. Und so mittendrin sein zu dürfen, bei diesen offenen, direkten und ehrlichen Menschen, so gastfreundlich und traditionsbewusst, hat mich richtig gefreut. Hat mich echt Spass gemacht, dieser Tag. Danke Simon, Luci, Hansjürg, Marcel, Gianni, Dominik, Paula, und all den anderen, deren Namen ich mir nicht merken konnte. Danke vielmal!

 

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One response to this post.

  1. Posted by Simon on 16. August 2012 at 16:09

    …ein glücklicher Wuschel 🙂 – freut mi dases diar gfalla het! Isch luschtig gsi, wia immr mit diar. No vil Spass mit Wandera. Super gschriba übrigens 😀
    Bis bald amol, Gruass us Medels, Simon

    Antworten

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