von Splügen zum Lago di Montespluga

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Nach einer Stippvisite zu Hause, Akkus laden und das vergessene Kabel einpacken, war ich um zehn wieder in Splügen. Alle Einheimischen haben mir den Splügenpass empfohlen, der Weg wären viel schöner als über den San-Bernardino und es gäbe eine interessante Schlucht. Also auf nach Chiavenna. Dort kann ich auch links abbiegen, das Bergell hinauf und würde dann im Engadin landen. Allerdings ist ab Passhöhe Italien, also werde ich mich ab Mittag im Ausland befinden. Wahrscheinlich habe ich dort kein Internet, könnte sein, dass sich mein Blog etwas verzögert. (wobei… Ich komm eh nicht nach, die letzten Tage schriftlich zu verarbeiten)

Ich hab mich noch mit Simon auf einen Kaffee getroffen, wir haben das Wochenende nochmal Revue passieren lassen. Als die anderen Wanderer genug Vorsprung hatten, bin ich auch losgezogen. Hinauf. Hinauf Richtung Splügenpass. Und es ist schon wieder ziemlich warm. Meine Augenbrauen leisten ganze Arbeit, sie fangen den Schweiß von meiner (hohen) Stirn auf, leiten ihn zur Seite ab, wo er dann an den Augen vorbei abtropfen kann. Und es ist viel wegzutropfen, bei dem Aufstieg. Zumal schon wieder fast Mittag ist.

Bis zum Bodmenstafel ging es mir recht beschwerlich. Zu steil für den Anfang, ich hatte meinen Rhythmus noch nicht gefunden. Ich schwitzte wie ein Wasserfall ;), bekam aber meine Atmung nicht richtig hin, ich war kurz vor Seitenstechen. Doch am Skilift Bodmenstafel wurde das Gelände erwas flascher und besser zu laufen, hier ging es mir dann wieder leichter. Der Splügenpass ist schon zu sehen, rechts von mir schlängelt sich die Strasse den Berg hinauf zum Restaurant. Der Wanderweg führt aber weit genug von der Strasse entfernt durch das Tal und bald auf dem deutlich erkennbaren Saumweg entlang.

Jetzt bin ich also dort, wo ich laufen wollte. Auf einem dieser alten Säumerwege, wie sie seit Jahrhunderten für die Überquerung der Alpen benutzt werden. „Gepflastert“ in mühevoller Arbeit aus den Steinen, die hier eh herumliegen, die Mensch und Tragtier Halt geben sollen, seitlich befestigt mit grösseren Begrenzungssteinen, in so mancher Kurve findet man noch eine Trockenmauer , um die Strasse nicht „abstürzen“ zu lassen. Und immer wieder schmale Steine die als Wasserrine schräg den Weg kreuzen, damit das Schmelzwasser im Frühling und das Regenwasser nicht die Strasse wegschwemmt sondern zur Seite abgeleitet wird.

Auf 2113 Metern Höhe hatte ich dann den Splügenpass erreicht. Das alte Grenzhaus steht noch, ist allerdings verschlossen. Schade, selbst die Toiletten sind zu und die Felsgruppe, die schon aus der Ferne zur Rast eingeladen hat, wird als solche benutzt. Nicht sehr angenehm, deswegen hab ich mir andere Felsen gesucht, um Pause zu machen.

Die Swisscom schickt mir eine Info über die Roamingkosten in Italien, verschwindet ein paar Meter weiter aus meinem iPhone und TIM grätscht sich hinein. Aber ich werde Roaming nicht nutzen, müssen die Leser zu Hause halt etwas warten, vielleicht finde ich in Isola ja Internet.

Ich mache Pause, ziehe Faserpelz an und Schuhe aus und lege mich auf einen flachen Felsen. Ah, Füße hochlegen… Noch den Sonnenhut montieren und dann bin ich auch schon eingeschlafen. Ich hab immer noch Schlafdefizit vom Wochenende.

Aber lang kann's nicht gewesen sein, bis ich plötzlich wieder aufwache. Dunkle Wolken haben sich vor die Sonne geschoben, der Wind frischt auf und lässt mich frösteln. Missmutig, aufgewacht, weil ich kalt hab, eigentlich könnte ich noch ne Runde schlafen, klettere ich barfuß auf den Felsen herum. Ich suche einen großen Felsen, der mir Deckung vor dem Wind gibt. Das Klettern mit blanken Füssen macht noch Spass, ich spüre die Felsen viel besser und weiß auch recht gut, wie gut meine Fußsohlen auf den schrägen, moosbewachsenen Flächen halten. Ich finde eine windgeschützte Stelle, an der ich auch sitzen kann, hol meinen Rucksack und die Schuhe und lasse mich dort nieder. Ich zittere immernoch, ich hab immernoch kalt. Zusammengekauert im Windschatten, müde und etwas angestrengt vom Aufstieg, sitze ich da und weiß nicht so recht. Nicht, dass ich planlos wäre, nein, ganz im Gegenteil. Da vorne hab ich schon gesehen, wo ich Wasser tanken kann, auf der Karte oben am Pass hab ich mir einen Überblick von der kommenden Route gemacht. Aber irgendwie fehlt mir im Augenblick die Motivation. Aber der Faserpelz, der Windschatten und mein Zusammenkauern haben mich wieder aufgewärmt. Ich beobachte die Gruppe Bergsteiger, die vom Berg nebenan herunter kommen, plötzlich brüllt mein Magen, dass er Hunger hat. Ok, gute Idee. Bündner Roggenbrot, das hält sich jetzt auch schon seit fünf Tagen, Splügener Mutschli und Salsiz aus dem Volg heute früh. Und wie ich plötzlich wieder aufblicke, sehe ich wieder blauen Himmel zwischen den Wolken und es scheint auch ganz zaghaft wieder die Sonne. Meine Laune ist wieder besser, ich hab auch nicht mehr das dringende Bedürfnis, zu schlafen. Ich kann weiter ziehen.

Wow… Mit einem Strich Edge quetsche ich das Blog über den Pass in die Schweiz. Ab jetzt werd ich aber offline sein…

[zwei Tage später: Habe ich mich eigentlich schon über die neue Version meiner Blogging Software auf dem iPhone aufgeregt? Nicht nur, dass ich mich nicht aufs Speichern verlassen kann und mit der Zwischenablage meinen aktuellen Blogeintrag „zwischenspeichern“ muss, nein. Jetzt, nach zwei Tagen, wo ich wieder mal Internet habe und mein offline Getipptes hochladen wollte, meinte die Applikation, dass ich ja schon eine Version dieses Artikels online habe und hat einfach diese Online-Version mit der Version vom iPhone überschrieben. Obwohl dem System klar sein sollte, dass die iPhone-Version erstens einen späteren Zeitstempel hat (und dazwischen auch verschiedene Revisionen existieren) und zweitens auch noch viel mehr Text enthält. Aber nein, online gilt mehr, also *drüberbügel*. Mannomannomannomann, könnte ich mich ärgern. Muss ich denn alles selber programmieren? (dann würde ich wenigstens verstehen, was daran so schwer sein muss). Aber egal, dann gibt es den kommenden Nachmittag aus der Erinnerung von zwei Tagen später. Wo war ich stehen geblieben? Am Splügenpass, genau…]

Auf dem schon bekannten Säumerweg bin ich weiter gezogen. Die ersten Bewohner Italiens, die mir begegnet sind, waren die Kühe, die hier ganz faul in der Wiese liegen. Hmm, damit war's wohl nichts, aus dem Bach zu trinken. Ich hatte schon einen Bach ausgemacht, der von weit oben aus dem Berg kommt, ich Wunder mich immer wieder, wie weit oben solche Quellen sind. Aber mit Kuhfladen gemischt, Fülle ich lieber mal nicht meinen zwei-Liter-Schlauch auf… Aber es ist ja noch nicht knapp.

Ich komme bald nach Montespluga, einem bunten Bergdorf „ganz hinten, ganz oben“ im Valchiavenna. Zumindest aus italienischer Sicht. Und hier gibt's nur Italiener, alles im Dorf spricht nur italienisch, alle Autos, die parkieren oder herumfahren, haben italienische Kennzeichen.

Als ich ins Dorf komme, winkt mir eine Frau und ruft mir etwas italienisches zu. Mein Schulterzucken verriet ihr, dass ich sie nicht verstehe, ich hab ihr noch „tedesco?“ angeboten. Aber konnte sie nicht wirklich. „Passiata gut?“ hat sie mich daraufhin gefragt. „Si si, ba bene“, den Daumen hochgestreckt und wir konnten uns auch so verständigen. Ich hab noch einen Blick in die Kirche geworfen, auch hier alles nur italienisch.

Nach dem Wasser tanken am Dorfbrunnen und dem Studium der Karte, die hier steht, bin ich weiter durchs Dorf, vorne rechts und weiter den Wegweisern der Via Spluga gegangen. Das ganze Dorf ist auf den Beinen, es ist ziemlich was los. Kinder und Eltern, Grosseltern und Hunde bevölkern den Spielplatz, der Wanderweg am Stausee entlang ist auch gefüllt mit Kinderwagenschiebenden Müttern und Hunde-Gassiführenden Vätern, auf Gehstöcke gestützte Grosseltern und sonst allerlei Menschen. Es sieht fast so aus, als ob Sonntag wäre und alle haben sich auf einen gemütlichen Spaziergang begeben. Auf einer Bank sitzt ein älteres Ehepaar, welches mich anspricht. Auf italienisch. Dass ich sie nicht verstehe, interessiert sie nicht, aber nebst italienisch spricht sie noch mit viel Gestik. Sie quatscht mich zu, ein paar Brocken verstehe ich dann doch und am Tonfall am Ende erkenne ich die Frage darin. Ich quatsche zurück, auch mit Händen und Füssen, ob sie jetzt alles versteht, ist mir auch mal egal, und so kommen wir ins „Gespräch“. Es geht um den Stausee, der aktuell ziemlich leer ist. In nur drei Tagen haben sie das Wasser so weit heraus gelassen und jetzt sind alle Bewohner am Fischen. Und natürlich ging's ums Wandern, woher ich komme, ob ich Deutscher oder Schweizer wäre, ob ich den ganzen Weg zu Fuss gegangen sei und ob ich per Anhalter fahren würde. Ihr Mann meinte plötzlich, dass ich ihn mit meinem Wanderstab und dem Bart an Jeso Christo erinnern würde. Aber das hab ich erstmal abgestritten. Vielleicht noch wie ein Pilgerer…

Wir schlendern gemeinsam zu der Brücke, über die der Wanderweg weiter führt und wir kamen aufs Wetter zu sprechen. Sie meinte, dass „in due ore bumm-bumm“, ein Gewitter kommen würde und zeigt auf die Wolken, die sich über den Bergen zusammen ziehen. Oh. Und wie weit ist es bis Isola? Ist nur etwa eine Stunde, meinte sie. Ok, das wäre zu schaffen. Dann plötzlich trieb sie mich an, avanti, avanti, damit ich noch vor dem Gewitter ins Trockene käme. Ich bedanke mich für die Unterhaltung und wandere weiter. Am ziemlich leeren Stausee Lago di Montespluga entlang. Über ziemlich viel Geröll und grosse Steine, an einer Burgruine entlang. Ich sehe viele Fischer am Wasser stehen, die Fisch-Dichte ist bei so wenig Wasser sicher viel höher als sonst.

Dann komme ich zu der grossen Staumauer, hinter der die Cardinell-Schlucht anfängt. Fast eine Stunde bin ich schon wieder gelaufen, bis Isola sind es laut Wegweiser noch mal eineinhalb Stunden. Die Wolken werden dichter, es sieht schon fast nach Dämmerung aus. Ich hab keine Lust mehr, zu laufen und beschliesse, mir einen Übernachtungsplatz zu suchen, bevor das Gewitter anfängt.

Ich sehe eine Haus-Ruine mit zwei Fenstern drin, inspiziere sie und schaue, ob ich mein Tarp dort aufspannen kann. Geht nicht richtig, ausserdem ist das Haus halb voll mit Brennesseln und eine ebene Fläche zum Liegen gibt's auch nicht. Nach etwas weiterem Rumstöbern finde ich einen Felsen, der recht eben ist, flankiert von zwei anderen Felsen, wenn ich darüber mein Tarp spanne, könnte ich mir eine gemütliche Behausung basteln.

Ich übe und probiere, hatte eine Version gespannt, die in der Mitte meinen Wanderstab hatte, der das Tarp wie ein Zelt hochhält. Aber wenn es regnen sollte, wird das Wasser wahrscheinlich am hinteren Felsen herunterlaufen. Auch nicht gut. Also wieder anders gespannt, diesen Felsen „mit reingenommen“ und ich kam zu meiner finalen Version. Den Wanderstab brauchte ich jetzt, das offene Ende nach oben abzuspannen, diesmal also mit Flachdach. Als ich fertig war, war es nun wirklich am Dämmern, aber die Wolken sahen noch ruhig aus. Sie brauten sich noch nicht weiter zusammen, es sah nicht akut nach Regen aus.

Nach dem Abendessen hab ich meinen Schlafsack angezogen, mir noch eine heisse Schokolade gemacht und noch etwas gelesen. Selbst als ich so müde war, dass ich mich hingelegt hab, kam noch kein Regen. Erst um zehn Uhr hat mich das Gewitter geweckt. Der Donner rollte durchs Tal, es hat sich angehört, als würde er von rechts nach links rollen und wieder zurück. Der Regen fing an und wurde immer stärker, wie als wenn jemand die Dusch-Brause langsam aufdreht. „Endlich Regen“ dachte ich, schnappte meine Taschenlampe und untersuchte meine Unterkunft. Alles im Trockenen. Ausser dort rechts, wo von anderen Felsen ein Rinnsal hereinlief, welches meinen Kochtopf mit Wasser füllte. Den hab ich ihn die Mitte gestellt, meinen Rucksack sicherheitshalber auch noch aus dem Weg getan. Stimmt, den Rucksack könnte ich ja unter die Isomatte legen, dann rutsche ich auch nicht immer hinunter. Denn so ganz gerade war der Felsen doch nicht, aber mit dem Rucksack hatte ich den richtigen Winkel. Aber mein Aufbau war gut, ich war zufrieden und hab dem Gewitter zugeguckt. Das ist noch etwas stärker geworden, aber alles hat gehalten. Ich bin wieder eingeschlafen.

Um halb eins hat mich dann ein Schlag geweckt, ein Donner so nah, so laut, so heftig. Krass. Und Blitze zucken, dass es mich jedesmal blendet. Noch ein Blitz, noch bevor der Donner vom letzten Blitz zu hören war. Und die Donner krachten aus verschiedenen Richtungen, ich glaube, das waren zwei Gewitter gleichzeitig. Im Sekundentakt blitzte es und der Donner wollte gar nicht mehr aufhören. Kein Rollen mehr sondern ein Krachen, ein Schlagen, ein Ka-wumm, dass es nur so krachte. Und wie das geschüttet hat, wie aus Kübeln, eine Flut kam vom Himmel gestürzt, ich dachte, ich stehe unter einem Wasserfall. Heftig. Beeindruckend. Beängstigend. Aber mein Dach hält. Und ich bin froh, habe ich dieses robuste, dafür etwas schwerere, Dach und nicht diesen „Ultralight-Stoff“ vom alten Tarp. Der wäre hier hoffnungslos überfordert gewesen, zumal hier kein Blätterdach von Bäumen den Regen dämpft. Allein die Kraft der Regentropfen haben das Dach herunter gedrückt, auf der unteren Seite strömte eine Wand aus Wasser das Tarp hinab, *kopfschüttel*, ziemlich eindrücklich. Der Regen spritze so hart auf die um mich liegenden Felsen, dass die Tropfen wieder zurücksprangen und so unter mein Dach kamen. Ich lag also im Sprühregen des reflektierenden Wassers, ich wollte schon hektisch werden, packte mein iPhone und iPad in einen wasserdichten Sack ein. Aber der Rest war nicht schlimm, wenn nass würde. Ausserdem, was ist schon das bisschen Sprühwasser gegenüber dieser Flut, die da draussen vom Himmel fällt? Und die Blitze zuckten weiter im Sekundentakt, der Donner schlug und brüllte, ich konnte den Zorn der Naturgewalten förmlich spüren. Und dieses Gewitter dauerte noch zwei Stunden. Ich war so froh um mein grosses Dach, denn es war fast gemütlich hier drunter und ich hatte auch all meine Ausrüstung im Trockenen. Als sich die Lage dann wieder beruhigt hatte, bin ich wieder eingeschlafen. Irgendwann in der Früh ist es noch kühl geworden, aber mit einem Neu-Sortieren des Schlafsacks war auch das kein Problem.

 

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