vom Lago di Montespluga nach Chiavenna

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Nach der aufregenden Gewitternacht ist es über mir fast wolkenlos, als die Sonne in den Bergen aufgeht. Ich mache mir Frühstück, packe meine Sachen zusammen und trockne das Tarp mit meinem Handtuch ab. Das lass ich aber schnell wieder sein, denn auf 9 qm Tarp hat sich eine Menge Wassertropfen gesammelt. Das packe ich lieber nass ein und spare mein Handtuch für die Finger auf.

Dann geht es in die Cardinell Schlucht hinunter. Hier zeigt sich der Vorteil von solch einem Säumerweg. Trotz dem langen Gewitter diese Nacht ist der Weg gut zu laufen. Die Steine sind schon wieder getrocknet, während das Gras drumherum noch pitschnass ist. Es ist herrlich, so früh unterwegs zu sein, ich begegne ein paar Murmeltieren, gar nicht weit von mir, ein paar Ziegen balancieren im steilen Gelände.

Der Weg schmiegt sich eng an die Felswand, kaum breiter als ich mit meinem Rucksack, wenn ich jemanden vorbeilassen müsste, wäre das schon ein Balanceakt. Ziemlich steil geht's hinunter, oft sind Stufen in den Fels gehauen, manchmal sind es auch die „Pflastersteine“ des Säumerwegs. Auf ihnen kann man gut laufen, ich hab guten Halt mit meinen Schuhen. Rechts tut sich knapp neben mir der Abgrund auf, ganz unten rauscht der Bach. Bzw was die Staumauer halt als Bach übrig lässt. Ständig höre ich das Pfeifen der Murmeltiere, ganz in der Nähe, was bei diesem engen Tal kein Wunder ist, der gegenüberliegende Hang ist recht nah dran.

Als der große Felsen mit dem eingehauenen Weg vorüber war, kam ich wieder unter die erste Bäume. Lärchen. Ich schritt durch einen kühlen, feuchten Lärchenwald, der Weg kreuzte bald den Fluss mit einer schönen Holzbrücke. Die ist aus ganzen Baumstämmen, robust gebaut, mit nochmal ganzen Baumstämmen quer als Lauffläche und ordentlich dicken Ästen als Geländer. Eine stabile Konstruktion, die hat kein bisschen gewankt, als ich drüber gelaufen bin.

Aber wegen der gebogenen Stämme hatte sie einen gewissen Schwung drin, eine gewisse Leichtigkeit, fast schon filigran. So filigran wie dicke Baumstämme halt sein können. Und unter der Brücke ist ein kleiner Wasserfall, er ergießt sich in ein Becken, welches mich zum Schwimmen eingeladen hat. Dürfte zwar kalt sein, das Wasser, aber das Becken, mit der Vegetation drum herum sah echt idyllisch aus. Nur ist das Becken einige Meter unter mir und keine Chance, dort hin zu kommen.

Über Alpweiden und durch sumpfige, nasse Wiesen kam ich zu einem schmucken alten Bergdorf. Hier wurde ich erst von einem kleinen Hund begrüßt, dann von seinem Frauchen. Sie war gerade frohen Mutes und vor sich hin pfeifend irgendwelche Arbeiten am machen. Ich hab sie gefragt, was das Schild am Brunnen bedeutet, aber ich hab nichts verstanden, außer ihre Gestik. Aber wenigstens kann ich hier mein Wasser auffüllen. Weiter durchs Dorf, die Menschen stehen grad auf, strecken sich genüsslich auf der Terasse, kratzen sich verschlafen am Kopf und sonst noch wo, bis ich sie mit meinem „Bon Giorno“ erschrecke. 😀 Ich glaub, um diese Zeit haben sie noch keinen Wanderer erwartet. Obwohl… Ist ja schon neun Uhr.

Immer weiter hinunter führt mich der Weg, so langsam kommen mir die ersten Wanderer entgegen. „Salve“ scheint hier der gängige Gruss zu sein. In Mottaletta ist auch schon einiges los, die ganze Bevölkerung von diesem Dorf scheint schon auf den Beinen. Kurz vor Isola wurde ich nochmal angesprochen, wie weit denn die Cardinello-Schlucht wäre.

Diesmal konnte die Tocher deutsch und als Dolmetscher fungieren. Ich hab ihnen den Weg beschrieben, dafür haben sie mich auf ihre Karte schauen lassen. Auch in Isola waren alle Leute auf den Beinen, Hunde bellten, Handwerker wuselten umher, alte Frauen und Männer saßen auf ihren Bänken und haben die Morgensonne genossen. Ich bin sogar an der Trattoria Cardinello vorbeigekommen, von der Simon so geschwärmt hat. Aber ich wollte nicht Pause machen, so hab ich auch Isola schnell wieder verlassen und bin weiter die Via Spluga in Richtung Chiavenna gelaufen.

Plötzlich kam ein Schild, dass man den Weg „bei bevorstehenden, anhaltenden oder nicht lange zurückliegenden starken Regenfällen“ meiden sollte wegen der Steinschlaggefahr. Hmm. Diese Nacht hat es zwei Stunden lang ziemlich heftig gewittert, ich war dabei. Das ist für mich ein nicht lange zurückliegender starker Regen. Ob ich's wagen soll? Während ich noch überlegte und die Aussicht über den See nach Isola genoss, kam eine Gruppe Deutscher an. Sie haben zwar das Schild laut vorgelesen, aber nicht einmal drüber diskutiert. Ob sie wissen, wie es die Nacht gewittert hat?

Ich probier's auch mal, wird schon nichts passieren. Es ging durch dichten, nassen Wald, der über und über mit Steinen übsersät war. Hängemattenplätze hätte ich ein paar gefunden, wenn auch sehr nass. Aber mit Feuerholz ist hier nichts. Alles durchnässt. Ich muss ab und zu innehalten, damit ich nicht der Gruppe Wanderer vor mir auflaufe. Mein Magen knurrt schon wieder. Ich konnte ihn nichtmal mit ein paar Himbeeren beruhigen. Ich glaube, es ist nicht mehr weit bis Chiavenna, ich werde dort schauen, dass ich Brotzeit machen kann. Und meine Füße mal wieder trocknen. Schuhe und Socken sind durch und durch nass.

Der Weg wechselt die Strassenseite, er führt aus der Isola-Schlucht heraus. Die deutsche Wandergruppe hat Rast gemacht, jetzt bin ich tatsächlich auf sie aufgelaufen. Ich hab sie gleich beim Starten überholt, zwei von ihnen waren schon weiter vorne. Der Weg führte jetzt durch die recht flachen Auen des Liro Baches und bald kam ich in einen Ort. Ist das schon Chiavenna?

Auch hier wieder viel los, Kinder, Erwachsene, Großeltern, alle sind sie draußen und bevölkern den Spielplatz. Ist heute Wochenende? Müssen die nicht arbeiten? Ich finde eine Karte von Campodolcino. Naja, der Ort interessiert mich weniger, aber der Via Spluga geht hier noch weiter. Ich finde auch noch eine weiträumigere Karte. Oh. Auf meinem heutigen Weg nach Chiavenna bin ich erst auf der Hälfte. Voll verschätzt, ich dachte, Chiavenna kommt jetzt gleich. Naja, dann kann ich mir ja einen Platz zum Mittag machen suchen…

In Campodolcino wird man als Wanderer ins Dorf hinein gelotst, mitten ins Gemenge, wo sich heute mehr Fußgänger als Autos auf den Strassen befinden. Das war mir etwas zu viel, ich wollte wieder raus aus dem Dorf. Aber ich hab die Beschilderung verloren. Der Mann, den ich dann gefragt hab, hat mir wieder die Richtung zum Bach hinunter zeigen können, dort hab ich bald auch wieder die Beschilderung der Via Spluga gefunden. Auch auf dem Sportplatz war allerhand los, Jungs beim Fußballspielen, Eltern mit Kinderwagen auf den Bänken, ältere Leute beim Zeitung lesen, es schien tatsächlich, das ganze Dorf ist draußen. Auch auf dem Weg am Bach entlang: Familienspaziergänge, Hunde Gassi führen, Kinder mit ihren Velos, ziemlich was los. Ich hab nur geschaut, dass ich aus dem Dorf rauskomme und mir einen Platz zum Rasten suche.

In einem Hang voller herabgestürzter Felsen habe ich ihn dann gefunden. Auf einem dieser riesigen Felsen habe ich mich niedergelassen. Und erstmal das nasse Tarp in den Wind gehängt, mit drei Heringen in dem bisschen Gras auf dem Felsen befestigt. Schuhe und Socken auch in Sonne und Wind gehängt, dann erstmal Brotzeit gemacht. Und danach etwas gedöst, Füße entlastet und mir den Wind um die Nase wehen lassen.

Nach eineinhalb Stunden bin ich wieder aufgebrochen und hab kurz drauf die deutsche Wanderguppe auf einer Sitzbank im Schatten getroffen. Diesmal hab ich mich zu erkennen gegeben und hab gefragt, wie weit es denn noch sei bis Chiavenna. Zehn Kilometer etwa, meinten sie. Na, das sollte doch heute Nachmittag zu schaffen sein. Aber immerhin noch fast drei Stunden…

 

Drei Stunden später: Ich hatte am Nachmittag keine Lust, den Blog zu aktualisieren. Der Marsch war ein „Zähne zusammenbeißen und durch“. Es ging zwar ständig das Tal hinunter Richtung Chiavenna, aber dadurch wurde es auch immer wärmer. So dunstig, so feucht warm. Die Vegetation wurde immer üppiger und dichter, irgendwann war sie nicht mehr geeignet für meine Hängematte. Und mit dem Klima waren auch immer mehr Insekten unterwegs, was das Wald nicht wirklich einladender gemacht hat. Und andererseits wollte ich nach Chiavenna, das ist eine größere Stadt (für hiesige Verhältnisse), da wird es auch schwer sein, einen passenden Übernachtungsplatz in der Nähe zu finden. Also drängten sich diverse Verlockungen in meine Gedanken. Mal wieder Duschen. Nach dem Schwitzen heute wäre das echt eine Wohltat. Und mal wieder Internet haben, damit ich mit Bildern und Blog hinterher komme. Das sind so die Hauptverlockungen, in einem Hotel zu übernachten. Ich wäge sie immer ab gegen den Preis, den das wahrscheinlich wieder kosten wird, aber letztendlich siegt doch die Bequemlichkeit. Ich hab mir überlegt, dass ich nächstes Jahr durch das große, dünnbesiedelte Skandinavien wandern sollte, da erliege ich nicht so schnell meiner Bequemlichkeit.

Mit diesen Gedanken hab ich mich den Nachmittag lang dahin geschleppt und kaum noch auf die Umgebung geachtet.

Was mir aber aufgefallen ist, sind diese riesigen Felsbrocken, die hier die Berghänge herunter gefallen sind. Stundenlang bin ich darüber hinweg geklettert, teilweise hat man sogar Häuser auf ihnen errichtet. Und was für große Trümmer als Geschiebe in den Bachbetten lagen, ich hab einfach nur gestaunt. Und dabei führen die meisten Bäche zur Zeit gar kein Wasser…

Unterwegs hab ich noch einen Blick in eine Kirche geworfen. Ich wollte eh grad eine Verschnaufpause machen, außerdem stand die Tür einladend weit offen. Drinnen war es schön kühl, ich hab mir ein paar Minuten Zeit genommen, die Gemälde anzuschauen. Aber so ohne Internet, ohne Wikipedia und ohne Karte, glaube ich mich nicht wirklich auszukennen. Ich hatte keine Ahnung, welche Kirche das war, alles, was darin erklärt wurde, ist auf Italienisch.

Und ohne Karte konnte ich nicht nachsehen, wie weit ich schon bin. Meistens kann ich mich damit etwas besser motivieren. „Die Hälfte hab ich schon“, oder „bis zur Brücke und dann nochmal die Strecke“ kann mir Zwischenziele geben, die die Strecke in kleinere Abschnitte einteilen. So wusste ich nur, dass es noch zehn Kilometer sind, also einen Nachmittag lang. Meine grobe Schätzung lag zwischen sieben einhalb und neun Stunden Gesamtwegzeit für heute und vier einhalb hatte ich bei der Mittagspause schon.

Naja, auf alle Fälle haben mich die meisten Leute freundlich gegrüßt und ich hab sie freundlich angelacht. So viel Energie hatte ich noch. Wobei interessanterweise die Männer meistens voraus gingen und „Bon Giorno“ gegrüßt haben und die Frauen dahinter mir ein freundliches „Salve“ entgegengerufen haben.

Beim Einmarsch in die „urbane Zone“, so das Schild, hielt mich noch ein Mann in seinem Garten auf. Er quatscht mich zu mit Splügenpass und so weiter, bis er plötzlich innehält und realisiert, dass ich gar nicht italienisch verstehe. English? Ja, das kann ich. Also quatscht er (nehm ich mal an) das selbe nochmal in einem britischen Akzent. Dass es doch ein weiter Weg sei, von Thusis über den Splügen hierher (ach was), aber ich solle erst mal das Bergell sehen: so schön. Da kommt man dann nach St. Moritz, erklärt er mir. Und dass die ganzen Schweizer Autos das Bergell hinauffahren, während die Italiener alle zum Splügen hoch fahren. Aha. Ok. Ich wusste nicht so recht, was antworten, deswegen hat er mir dann noch einen guten Marsch gewünscht und ich bin weiter getrottet. (dass es das Bergell hinauf 45km sind statt zum Splügen nur 25km, hat er mir verschwiegen). Doch ich war noch nicht einmal in Chiavenna, sondern erst ein Dorf vorher. Und jetzt lief ich schon eine halbe Stunde lang auf Asphalt, was mit müden Beinen noch anstrengender ist. Aber was soll's, ich trotte der Einfallstraße entlang, werde von stinkenden Piaggios begrüßt und von Lastwagen, von angeberischen Maseratis und sonst viel Autoverkehr mit viel zu schmalem Gehsteig, zumal die Hecken nicht geschnitten sind und das halbe Trottoir für sich beanspruchen.

Am Bahnhof fand ich dann die Touristen-Info. Ob's hier eine Jugenherberge gibt? „Ja, aber die ist voll“. Ok, Hotel? „Auch voll. Alles voll bis zum 19.“ Na toll, dachte ich, aber da kam sie an, es wäre da noch ein zwei-Sterne-Hotel, nichts besonderes, ob sie dort mal nachfragen soll. Ja, gerne. Mit einem Telefonat hat sie grad für mich reserviert, kostet 35.- € pro Nacht. Cool, geht ja doch noch was. Beim zeigen, wo dieses Hotel ist, hab ich auch gleich einen Stadtplan bekommen. Jetzt bin ich in Chiavenna.

 

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One response to this post.

  1. Posted by Matze on 15. August 2012 at 09:39

    Also nasse, müde Füsse, schwitzen, viele Insekten, Schwüle und Asphalt-latschen klingen nach Strapaze und das (wenn auch nur 2*) Hotel sei Dir von Herzen gegönnt, vor allem die sicherliche belebende Dusche!
    Bin mir nicht so klar wohin die Reise gehen soll – Comer See?! Bei den am Wochenend vorhergesagten 36 Grad sicherlich eine willkommene Abwechslung & Erfrischung – und gar nicht so weit weg von Chiavenna!
    Bin gespannt auf die Fortsetzung vom 15.8.! 🙂
    War wieder ein Genuss mitzulesen … Thanx!
    Grüsse aus dem klimatisierten, langweiligen OCC!

    Antworten

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