von Soglio nach Casaccia

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Ich hab kaum geschlafen diese Nacht. Ich glaub nicht, dass das wegen dem beständigen Rauschen vom Wasserfall lag, das ging irgendwann als „Standard-Geräusch“ unter. Auch der beständige Wind vom Wasserfall wurde gut von meinem Tarp abgehalten. Aber irgendwie bin ich immer wieder wach geworden, grad als ich kurz vorm Einschlafen war.

Da ist eine Ameise auf meinem Bein rumgerannt, oder die Isomatte hatte keine Luft mehr, oder der Schlafsack war zu warm. Einmal bin ich dann doch eingeschlafen und hab geträumt, dass jemand mit ziemlicher Kraft mein Tarp und mich auf Seite ziehen will. Ziemlich kräftig, so dass ich da gar nichts gegen tun konnte. Davon bin ich auch wieder aufgewacht. Mit pochendem Herzen hab ich dann überlegt, was dieser Traum wohl bedeuten soll? Ist es hier nicht sicher? Wird die Felsnase, auf der ich liege, abbrechen? Oder haben mir die Wassergeister nur einen Streich gespielt? Irgendwann hab ich's dann doch geschafft zu schlafen, denn es war schon hell, als ich wieder wach geworden bin. Die Felsnase ist noch da, passiert ist auch nichts. Es ist nur alles voller Schnecken. Diese Nacktschnecken, hierzulande sind sie noch braun (wie ich mit Jahn an den KKWs der Schweiz entlang gepaddelt bin, hab ich diese Nacktschnecken in orange gesehen, ziemlich strange). Und sie waren überall. Auf meinem Holzlöffel (hmm, lecker), auf den Schuhen, auf dem Wanderstab, auf meinem Handtuch, usw. Aber wenn man sie anstupst, ziehen sie die Fühler ein und kugeln sich zusammen, so kann ich sie leicht den Hang hinunter schubsen. Eine Schnecke hab ich allerdings mit meinem Oberkörper zerquetscht, ich hab nur noch die Überreste aus Isomatte und Schlafsack kratzen können… Aber lassen wir das jetzt, es gibt's Frühstück.

Das Wasser fällt beständig, versprüht seine Gischt in die Morgenluft, gegenüber leuchten die Bergeller Alpen im Sonnenaufgang. Immer mehr färben sich die kahlen Felsspitzen orange-gelb-sonnig, der Himmel dahinter strahlt im schönsten Blau. So langsam wird auch der Wald von Morgensonne durchleuchtet, ein neuer Tag bricht an. „Danke für diesen guten Morgen“ summt es in meinem Kopf und ich sitze da, genieße gemütlich diese Aussicht und löffle meine Haferflocken, die ich vor lauter Staunen zu lange hab ziehen lassen.

Der Weg führt die letzten Meter hinauf nach Soglio, ein Postauto überholt mich und hat schon gewendet, als ich ins Dorf komme. Der Chauffeuer hat wohl ein paar Minuten Pause, zu Sicherheit legt er Keile unter die Reifen von seinem Bus. Ich schlendere durch dieses schmucke Bergdorf, als ich an der Kirche vorbeikomme, geht gerade die Türe auf und Orgelmusik dringt auf die Strasse. Am Dorfplatz, wo die große Albergo steht, sitzen die Gäste gemütlich in der Morgensonne und frühstücken. Es ist angenehm ruhig hier, nebst dem Besteck-Geklapper sind allenfalls die Brunnen zu hören, die hier überall im Dorf stehen.

Vor lauter gelben Schildern kann ich mich fast nicht entscheiden. Weiter auf der Via Bregaglia, oder doch so hoch wie möglich hinauf und den Panoramaweg nehmen? Ich entscheide mich für den Panoramaweg, den Sentiero Panoramico und folge diesen Wegweisern.

Die führen mich durch steinigen Wald, schön schattig, nicht zu steil, die Morgensonne schickt ihre ersten Strahlen durch das Blätterdach, Mückenschwärme tanzen im Gegenlicht. Wenn ich diesen redseligen Wanderer hinter mir wieder los bin, ist es angenehm ruhig. Das „Amt für Wald Graubünden“ hat Erklärungstafeln aufgestellt, die verschiedene Aspekte der Nutzung des Waldes im Läufe der Zeit erläutern.

Hier unter mir muss wohl Bondo sein, das Schild erklärt, dass man früher auch Mais und und Getreide angebaut hat. Damit der Speiseplan mit Kastanien nicht so eintönig war.

Ich bin inzwischen auf einer Lichtung und das erste Panorama tut sich vor mir auf. Tief unter mir Bondo, noch im Schatten der hohen Berge, in meiner Marschrichtung erheben sich steile Zacken der Bergeller Alpen aus dem Morgendunst, von der Morgensonne hinterleuchtet, jeder Berg in einem anderen Grauton, je weiter hinten, desto heller erscheint der Dunst, gegen den sich der jeweilige Berg als Silhouette abhebt. Steile, bewaldete Hänge fallen ins Tal, in dem sich Wald und Wiesen abwechseln und ab und zu sieht man den silbernen Faden des Mera Baches in der Morgensonne hindurch schimmern.

Der Wanderer hat mich wieder eingeholt, geht aber jetzt mit seiner Kamera auf Pirsch. Und wie ich mich dort unten im Tal so umschaue, entdecke ich den quadratischen Turm der Burgruine bei Bondo. Das scheint wohl der Punkt zu sein, welcher das untere und das obere Bregaglia trennt. Auf dem nächsten Schild finde ich es dann: diese enge Stelle, la Porta und Nossa Donna genannt, ist die natürliche Talsperre, die auch schon die Römer passieren mussten. Wäre ich auf dem Via Bregaglia geblieben, würde ich durch diese alten Mauern kommen. Aber die Aussichten hier am Panoramaweg sind auch nicht zu verachten. Diese Stelle hier unten trennt das Bergell in die Täler Sottoporta und Sopraporta und stellt sogar eine Vegetations- und Klimagrenze dar.

Ich sehe Eidechsen, die sich auf Felsen sonnen, kleine braune und grosse grüne, ich schrecke Eichhörnchen auf, dunkelbraun und viel größer als im Dählhölzli. Ich komme an Ameisenhaufen vorbei, hier ist richtig was los. Blumen versprühen ihren süßlichen Duft, es ist ruhig hier, die Sonne scheint, der Weg hat seine „Reisehöhe“ erreicht und ich Wander in einem gemütlichen Auf und Ab hoch über dem Tal. So schön hier, so friedlich, so wundervoll, solch eine Kulisse, ich find das gerade herrlich, hier unterwegs zu sein.

Bäche und Wasserfälle kreuzen immer wieder mal den Weg, in den kühlen, feuchten und frischen Abwinden kann ich mich wunderbar abkühlen. Die Bäume spenden Schatten, damit ich nicht zu sehr warm habe (doch, ich schwitze wieder wie Sau). Ab und zu kommen mir Wanderer entgegen, sie grüssen alle auf Deutsch.

Die Sonne wandert dem Zenith entgegen, mit jedem Mal, wenn ich vom Weg aufschaue und die gegenüberliegenden Berge betrachte, ergibt sich ein anderes Bild aus Licht und Schatten. Wolken umranken die höchsten Gipfel, dort, wo außer Fels und Eis nichts mehr ist, dort, wo die Erde den Himmel berührt. Ich bin so froh, hier zu sein, heute macht das Wandern richtig Spass.

Und plötzlich ändert sich das Bild wieder. Aus den Laubbäumen werden Nadelbäume, die wiederum haben viel flachere Wurzeln, die sich überall am Boden entlang schlängeln. Es kommen jetzt mehr Wanderer entgegen, erst eine französische Gruppe, dann ein deutschsprachiges Pärchen, dass eine Gruppe italienischer Mädchen. Aber ob Salve oder Bon Giorno, Grüessech oder Bon Jour, Grüßen geht immer und ein Lachen liegt auch immer drin. Ja, heute ist's wirklich schön. Ich komm an einem Beizli vorbei, aber ich finde es noch zu früh, jetzt schon Pause zu machen, eine Stunde laufen liegt da noch drin. Zu dem Beizli führt ein Fahrweg und auf dem Fahrweg kommen Autos. 😦

Nach einer Viertelstunde aber geht schon der Panoramaweg wieder ab und schlängelt sich wieder durch Felsen und über Wurzeln. So laufe ich wieder durch den Schatten des Waldes, komme um eine Ecke und da steht plötzlich eine Frau. Und lacht mich an. Ich wollte ihr, höflich wie ich bin, Platz machen und stell mich, ganz elegant, auf einen Felsen am Wegesrand, knapp zwei Schritt vor ihr. Sie bedankt sich, geht vorbei, doch plötzlich gibt der Felsen durch meinen Schwung nach und fängt an, den Hang hinunter zu rutschen. Ich dachte, ich steht auf dem Snowboard… Ich kann mich grad noch fangen, bevor ich ganz vom Weg runterrutsche und ich guck erstmal etwas verdutzt. Sie natürlich auch, denn dem Stein hätte man nicht angesehen, dass er gleich wegrutscht. Ihr Mann kam auch grad des Wegs, hat mich nur aufrappeln sehen und gleich besorgt gefragt, ob mir was passiert sei. Den weggerutschten Stein hat er erst gesehen, als er an der Stelle war.

 

Und dann hab ich noch zwei Japaner vorbeigelassen, die konnten sogar „Grüezi“ und „Dankesehr“ sage. Das hat mich aber gefreut. Die haben sich viel mehr Zeit genommen, Europa zu erkunden, wenn sie sogar wandern gehen können.

Kurz drauf hab ich meinen Mittagspausen-Felsen gefunden. Zwar direkt am Weg, aber schön groß, halbwegs flach und eben zum Draufsetzen, im Schatten gelegen. Hier hab ich gerastet und gebrotzeitet. Ein einziges Ehepaar kam noch vorbei, danach niemand mehr. Dafür, dass mir vorher so viele Menschen begegnet sind, hat mich das doch etwas gewundert. Aber ich hab die Ruhe genossen, wäre auch fast auf dem Stein eingeschlafen. Aber dafür war er doch etwas zu kalt.

Just als ich wieder aufbrechen wollte, kam auch der redselige Wanderer von heute morgen wieder an. Er ist mit seiner Kamera auf Schmetterlings-Jagd, aber die seien schwer zu erwischen, wenn es so warm ist. Wir kamen auf die bevorstehende Hitzewelle zu sprechen und waren beide ganz froh, in den Bergen unterwegs zu sein.

Kaum war ich wieder aufgebrochen, kamen wir auch wieder viele Wanderer entgegen. Da hatte ich ja richtig Glück, im meiner Mittagspause meine Ruhe zu haben. An der nächsten Kreuzung hab ich eine deutsche Familie verblüfft. Er traute sich erst nicht so recht, fragte mich aber dann, ob ich die Bus-Abfahrtszeiten in Soglio kenne. Nein, sagte ich, aber ich kann nachschauen. iPhone gezückt, SBB App gefragt und konnte ihm dann die Zeiten sagen. Etwas verwirrt hat er sie sich in sein Wanderführer geschrieben, guckt seine Frau mit großen Augen an und meinte: Wow, hier gibts sogar Internet in den Bergen. Ich hab so getan, als wenn das ganz normal sei (ist es ja auch für mich), die Schultern gezuckt und gesagt: „Naja, die Schweiz halt…“

Der Nachmittag war dann die zweite Schwitz-Partie von heute. Trotzdem es immer noch durch schattigen Wald ging, war es doch recht warm. Und der eine oder andere Aufstieg war auf noch mit dabei. Auf einer bunten Blumenwiesen hab ich den Schmetterlings-Fotografen wieder getroffen, aber so im offenen Gelände hatte ich keine Musse, mich mit ihn zu unterhalten. „Bis später vielleicht“ hab ich mit gleich wieder verabschiedet, als er noch den Schmetterlingen nachgehechtet ist.

Es ging weiter bergab, der Wald lichtete sich zusehends und gab immer mehr die Sicht auf die Berge frei. So groß und mächtig, so zerklüftet und erodiert, die schauen einfach toll aus. Und das Schönste finde ich, wenn sie im Läufe eines Tages im (mehr-als-)Zeitlupentempo an mir vorbei ziehen. Die Berge, die ich heute früh im Dunst als Silhouette gegen die Morgensonne gesehen habe, tauchen jetzt hinter mir gegen die Nachmittagssonne auf. Und die Berge und Spitzen, die ich heute Mittag bestaunt habe, sind jetzt direkt mir gegenüber, wieder mal anders beleuchtet, wieder geben die vielen einzelnen Zinnen und Felsnadeln ein anderes Schattenspiel ab. Einfach eindrücklich, diese Berge.

Beim nächsten Dorf muss ich einen Abstecher machen, ich brauche frisches Wasser. Ich hatte auf der Karte geschaut und einen kleinen Umweg in Kauf genommen. An der Brücke, wo ich hätte abbiegen müssen, stand allerdings ein Brunnen, also habe ich mich dort bedient. Und weiter, wieder etwas den Berg hinauf, es geht zum Endspurt nach Casaccia, dem Dorf am Fusse des Maloja-Passes. Das hatte mir der Schmetterlings-Fotograf schon verraten.

Plötzlich kam ich an ein Feld mit üppig reif behangenen Himbeer-Büschen. So viele Früchte, und das schon beim ersten Überblick. Hmm, das gibt lecker Frühstück. Rucksack abstellen, Sammelbeutel von Sylvia auspacken und mir ein paar Handvoll mitnehmen. Ich hab, damit die Früchte im Stoffsäckli nicht zerquetschen, eine Kunststoff-Dose reingestellt und hatte dann beide Hände frei zum Sammeln. Und hab ich erstmal einen Zweig hochgenommen, hing er unter den Blättern über und über voll mit reifen Himbeeren. In der Zwischenzeit kam auch der Schmetterlings-Fotograf wieder an mir vorbei und hat auch kurz gerastet. Wir kamen ins Gespräch, jetzt hab ich ihm erzählt, was ich so mache, wohin ich noch will, usw. Wie lange ich denn schon unterwegs sei, fragt er mich und ich wollte meine aktuelle Tour ab Zillis angeben. Was ist heute? fragte ich. Mittwoch? Donnerstag? Da fing er an zu lachen und sagte mir, dass heute Freitag ist. Ups… Naja, dann bin ich jetzt schon seit mehr als einer Woche unterwegs. Aber ich denke schon gar nicht mehr in Wochen. Eher schon in Wanderwegen. Heute ist Tag zwei von der Via Bregaglia. Oder schon Tag drei? Ich hab echt keinen Überblick mehr. Ich hab sogar aus den Augen verloren, dass mein bester Freund Markus jetzt zwei Wochen Urlaub hat und vielleicht vorbeikommen wollte. Peinlich…

Ab dem Stausee, den die ewz bei Löbbia angelegt hat, habe ich mich nach Schlafplätzen umgesehen. Und ich bin doch fast bis ins Dorf Casaccia gelaufen, bis ich eine angenehme Stelle gefunden hatte. Heute wollte ich wieder mal in der Hängematte schlafen, deswegen hab ich zwei Bäume in dem richtigen Abstand gebraucht. Ich hatte schon zwei Kandidaten gefunden, wollte aber noch weiter schauen, hab dann den dritten Platz genommen. Ich war noch am Aufbau, als eine Herde Kühe vorne über die Brücke getrieben wurde. Diese Herde ist bei den ersten beiden Hängeplätzen vorbei gekommen, da hätte ich und die Bäuerin wahrscheinlich ganz schön geguckt, wenn ich da mitten am Aufbau gewesen wäre. Aber so hänge ich jetzt etwas abseits von ihrem Weg, mit den grünen Dach etwas getarnt, sie hat mich hier wahrscheinlich gar nicht gesehen. Wie alles hing, hab ich Feuerholz gesammelt und mir etwas zu Essen gekocht, danach im Bach abgewaschen und mir mein Buch bzw. iPad geschnappt und im Bett noch etwas gelesen.

 

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2 responses to this post.

  1. Posted by Matze on 17. August 2012 at 07:04

    Guten Morgen Frank!
    Ich wollt Dir nur eine kurze Info/Warnung aus der 20min geben:
    Sie warnen Wanderer dieses WE vor erhöhter Felssturz-Gefahr, da die Null-Grad-Grenze auf 5.000m ansteigen wird und der Permafrost oberhalb 2.500m zu tauen beginnt.
    Das löst das Gestein vom Fels und es soll dann vermehrt „bröckeln“.
    Also Ohren auf, falls was von oben kommt!
    Happy Hiking!
    PS: Kann man Schnecken grillen, sorry … grillieren?! 🙂

    Antworten

    • Hey, Matze. Danke für die Warnung, ich werd dran denken, zumal hier ab und an eh schon Schilder stehen, bzgl. Steinschlaggefahr. Schnecken grillieren? Müsst ich mal auf YouTube suchen, ob’s jemand getan, gegessen, überlebt und online gestellt hat 😉

      Antworten

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