von Casaccia nach Maloja

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Guten Morgen! Diese Nacht hab ich viel besser geschlafen als am Wasserfall. Keine Wassergeister, die mich herumgezerrt haben. Oder ich bin es einfach mehr gewohnt, in der Hängematte zu schlafen. Am Morgen ist zwar der beständige Wind das Tal hinab etwas aufgefrischt, irgendwann hat der eine Hering sich verabschiedet und eine Ecke vom Tarp ist laut durch die Gegend geflattert. Also musste ich Schuhe anziehen, Taschenlampe schnappen, Hering suchen und wieder fest in der Erde verankern. Gut, dass ich für solche nächtlichen Aktionen meinen warmen Schlafsack nicht ausziehen muss.

Danach hab ich gut weitergeschlafen bis es gegen sechs Uhr schon fast wieder hell war. Heute gibts zum Frühstück Haferflocken mit frischen Himbeeren, mmh, dazu eine heiße Schokolade.

Das Wetter ist schön, wolkenlos, das wird wieder ein warmer Tag, wenn ich zum Maloja Pass hinauf steigen will…

Der Morgensonne entgegen nehme ich die erste Steigung in Angriff. Noch ist es angenehm kühl, der Wind weht noch kühl von den Bergen. Und es immernoch keine Wolke am Himmel zu sehen, ich hab schon meine Solarzelle auf den Rucksack geschnallt, damit auch mein Akku wieder voll wird.

Bei der Kirchenruine San Gaudenzio traf ich ein paar neugierige Kühe. Junge Bullen, die noch kindlich-neugierig zu mir gekommen sind, sind dann aber doch nicht ganz ran getraut haben. Erst nach ein paar Minuten hat sich der mutigste durchringen können, meinen Arm abzuschlecken. Dann erst sind auch die anderen beiden gekommen. Das waren noch schöne Tiere, schlank gewachsen mit dunkelbraunem Fell, an den Beinen und Füssen fast schon schwarz. Als ich weiter hinauf gezogen bin, haben sie mir noch hinter her gemuht, ich interpretier das mal wie „Gute Wanderung“.

Auf der Schattenseite des Berges ging es dann steil bergauf, senkrecht zu den Höhenlinien. Aber der Weg war mit vielerlei Stufen versehen, aus Steinen, aus Wurzeln, in den Fels gehauen, also recht angenehm zu gehen. Es kam ein Fallwind den Berg hinunter, der mich zwischen Rucksack und verschwitztem Rücken angenehm gekühlt hat. Ich hatte meinen Rhythmus, der Aufstieg war also kein Problem. Eine Wanderin kam entgegen und hat mich Berggänger vorbei gelassen, sehr aufmerksam.

Und um eine Ecke herum stand ich plötzlich in einem kleinen Tal, dort wo das Naturschutzgebiet von Maloja anfängt. Ich hatte das Gefühl, plötzlich ist es still. Um mich herum. Und in mir drin. Ich musste nicht mehr laut schnaufen, ich hörte fast gar nichts mehr. Nur das dezente Plätschern eines Baches war unter der üppigen Vegetation zu hören. Aber sonst nur Stille. Wie andächtig. Ich wagte kaum zu atmen, ich bin vor Staunen erstmal stehen geblieben, hab meinen Rucksack abgestellt und den Eindruck genossen. Alles war über und über mit Pflanzen bewachsen, Gräser, Schachtelhalme, Bärenklau, diese grooossen, herzförmigen Blätter, Sumpfgräser, Blumen mit gelben Bommeln oben dran, Blauer Fingerhut, diese lila Blumen, die so süss duften, Waldbeeren, Farne, Fichten, ich kann die Fülle kaum aufzählen.

Auf einem Felsen lag eine kleine Fichte, umgefallen, ihr Wurzelteller hat sie nicht fest halten können auf der glatten Oberfläche des Felsens. Und diese pflanzliche Fülle war Schmuck eingerahmt von Felsbrocken, allesamt umgarnt und umwoben von Grün, das wie besänftigend die Kraft der fallenden Felsen bändigt. Das ganze gibt ein kleines, idyllisches Tal und wenn mir jemand erzählt, dass hier die Elfen getanzt haben bis ich um die Ecke kam, dann würde ich das sofort glauben. Und sie haben ganze Arbeit geleistet mit der Hege und Pflege der Pflanzen. Dieser Ort hat echt etwas magisches. Ich hab mich im Schneidersitz auf einen Felsen gesetzt und meine Augen durch dieses Wimmelbild an Pflanzen streifen lassen, meine Ohren hörten der bedächtigen Stille zu, hier schien die Zeit still zu stehen.

Ein paar Minuten weiter oben war ich dann am Torre Belvedere. Mit einer grandiosen Aussicht über das Bergell. Immernoch keine einzige Wolke am Himmel, konnte ich alle umliegenden Berge sehen, ihre felsigen Spitzen, die so roh und wild, zerfurcht und ungestüm in den Himmel ragen, ihre Gras- und Baumbewachsenen Hänge, die Orte unten um Tal, den Bach Mera. Ich konnte die Berge erkennen, bei denen ich vorgestern losgelaufen bin, die Berge, an denen ich die letzten Tage vorbeigekommen bin, die Berge, die sich im Super-Zeitlupentempo an mir vorbeigeschoben haben. Und jetzt stehe ich auf einem der Berge, die ich gestern nur als Silhouette gegen den Morgendunst erkennen konnte. Hach, wie glücklich ich bin, hier zu sein, diese Weite, dieses Panorama bestaunen zu können.

Dann habe ich ich meinen Rucksack abgesetzt, um in Ruhe durch die Ruinen des Castello Belvedere stöbern zu können. Erbaut wurde das Schloss 1880 vom belgischen Grafen Renesse, wurde wegen finanziellen Schwierigkeiten allerdings bald zur Ruine. Heute gehört sie mit dem umliegenden Land dem Schweizer Naturschutz, auch die Gletscherhöhlen zählen dazu. Giovanni Segantini, der bekannte Maler, hatte kurz vor seinem Tode noch grossartige Pläne gezeichnet, er wollte seinen Wohnsitz hierher verlegen. Der Turm ist hergerichtet, ja fast sogar bewohnbar gemacht, mit Isolation und Fenstern. Drinnen sind ein paar Stockwerke, die aktuell eine Ausstellung eines Künstlers enthalten. Aber ich wollte ganz hoch hinaus, auf die Spitze des Turms und zwischen den Zinnen nochmal die Aussicht geniessen. Herrlich, wie grün und grau das Bergell unter mir liegt. Ich hab nochmal minutenlang diese tolle Aussicht genossen, hab den Weg hierher nochmal Revue passieren lassen. Das Bergell ist hier zu Ende, hier ist der Maloja-Pass.

Und dann drehe ich mich um und blicke ins Engadin. Und ich bin sprachlos. Ich bin baff, einfach umwerfend, diese Aussicht, diese Komposition aus steilen Bergen, die hoch in den Himmel aufragen, den dunkelgrünen Wäldern an deren Hängen, ein paar hellgrüne Bergwiesen dazwischen, und mitten drin, in einem leuchtenden Blau, das mit dem wolkenlosen Himmel um die Wette leuchtet, der Silser See.

So ruhig, wie er da liegt, sein Blau kontrastiert die umliegende Bergwelt, auf der rechten Seite seine Flächen Ufer, lassen das leuchtend helle Grün der Wiesen bis ans Wasser kommen, geschmückt mit ein paar Bäumen. Auf der linken Seite des Sees erhebt sich ein braun-grauer Felsen mit seinen kleineren Felsbrocken drauf, auch schön betupft mit hell- und dunkelgrün. Und unter mit liegt das Dorf Maloja, welches diesem Pass seinen Namen gab. Ein herrlicher Tag, eine herrliche Kulisse, traumhaft, umwerfend schön, mir fehlen einfach die Worte.

Hier gibts noch ein paar Gletschertöpfe zu sehen, zwei davon hab ich angeschaut, einen Frosch darin beobachtet, aber für den großen Rundgang hab ich mich dann doch nicht entschieden. Ich bin gleich hinunter ins Dorf Maloja.

Und dann stand ich da. Mitten im Dorf, dort, wo die Via Bregaglia anfängt. Oder aufhört. Dort, wo der Wegweiser nur noch in eine Richtung zeigt, nämlich hinter mich. Ich hasse das, irgendwo anzukommen. Der Weg ist das Ziel. Und wenn das Ziel erreicht ist, ist der Weg zu Ende. Schluss. Vorbei. Da stand ich nun, etwas desillusioniert, an der Dorfstraße, Autos und Töffs führen laut umher, Touristen spazierten durch den Ort, Rollkoffer wurden gezogen. Ich… Was… Hilfe, weg hier.

Ich „flüchtete“ zur hübscheren Kirche im Dorf, die Chiesa Blanca, wo auch Giovanni Segantini sein Ende fand. Schmucke Kirche noch, widmet sich dem künstlerischen Leben Segantinis. Hier empfand ich nochmal das Staunen, die Dankbarkeit, die ich in den letzten zwei Stunden erlebt hatte. Dieses stille Tal der Elfen, die Aussicht über den gegangenen Weg im Bergell, diese unglaubliche Aussicht über das Engadin und den Silser See. Das war kein Intermezzo mehr, das war schon ein Grande Finale. Im Schatten der Kirche hab ich Brotzeit gemacht. Müsste ich auch wieder auffüllen. Wenn gestern schon Freitag war, müsste heute Samstag sein, also dann heute noch einkaufen. Oder ich belasse meine Tour bei Via Spluga und Via Bregaglia und mach erstmal Pause, um all das Gesehene und Erlebte zu verarbeiten.

Ja, so werd ich's machen. Wobei, so ein herrliches Wetter hier. Andererseits… Ich bin etwas durch den Wind. Weiß nicht so recht. Jetzt gleich weiter durchs Engadin?

Ich hab mich dann doch entschieden, nach Hause zu fahren. Mal meine Hose und mein Hemd waschen.

 

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3 responses to this post.

  1. Posted by Matze on 20. August 2012 at 08:35

    … sehr schöne Bilder … und jetzt? wo bist bei der Hitze hingeflüchtet?

    Antworten

  2. Posted by Hendrik on 20. August 2012 at 23:08

    Wow, echt tolle Bilder. Selbst auf dem Foto wirkt der Silser See mythisch.
    Und auch die Namen Bergell und Endagin – das könnte glatt ein Kapitel aus Eragon sein.

    Antworten

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