Wasserweg und Corvatsch

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Das kommt davon, wenn man Freunde findet. Ich saß ich bei Kaffee und Birchermüesli und studierte die Wanderwege der Umgebung. Da kam Phil, der Neuseeländer aus England an, ob er mit meinem iPad ein Mail verschicken darf. Klar darf er, er kommt nachher zu mir an den Tisch. Dann kam auch René, der Deutsche von gestern Abend an, sein iPhone sei wieder leer, ob er mein Ladegerät nochmal haben dürfte. So durfte ich noch warten und mich unterhalten und bin erst gegen zehn losgekommen. Beim Frückstück habe ich beschlossen, dass das Wetter besser ist als gestern und ich heute Wandern gehen kann. Die Regen-Alternative wäre das Segantini-Museum im St. Moritz gewesen. Auf nach Segl, zur Furtschellas-Bahn, denn das Seilbahn-Ticket für das ganze Tal ist kostenlos.

Zuvor hatte ich mir noch einen AudioGuide für die sechs Gebirgsseen, die ich heute besuchen will, herunter geladen. Gibt's als Podcasts im iTunes Store. Die Marketingmaschine von Graubünden ist wirklich modern. Schaut Euch nur mal http://www.webwandern.ch an…

An der Mittelstation Furtschellas angekommen, empfingen mich schon die ersten Sonnenstrahlen, die sich ihren Weg durch die Wolken bahnen konnten. Nach einem kurzen Abstecher zum Aussichtspunkt, von wo aus ich die gestrige Wanderung nochmal überblicken konnte, kam ich auch schon zum ersten Schild für die jungen Gäste: „Plitsch und Platsch, mit der Bergfee Herzeleide und dem Kobold Naseweis. Abwechslungsreiche Unterhaltung für kleine Wanderer“.

Der erste Podcast erzählte dann auch schon vom Alten Furtschellas Berg und dem Kobold, gab eine Einführung, was den Besucher auf dem Wasser-Weg erwartet. Während des recht steilen Aufstiegs kamen und gingen Wolken, hüllten mich ein, gaben den Blick wieder frei, bedeckten die Berge und eröffneten die Sicht wieder.

Das Licht- und Schattenspiel unten im Tal war einfach faszinierend. Immer wieder schien fleckenweise die Sonne durch die Wolken, malte helle Stellen auf die Berge, auf die Wälder und Wiesen und auf die Seen, färbte diese in einem noch helleren Türkis, als das Wasser im Schatten eh schon hatte. Und minütlich änderte sich das Schauspiel, wie ein Film, wie eine Zeitrafferaufnahme.

Am Lejin Cristal angekommen gab es dann die erste Geschichte mit dem Kobold und der Fee, es ging um Kristallvorkommen in der Nähe, um Bartgeier, die hier wieder herumfliegen und mach andere Tiere. Sehr unterhaltsam, wie ich finde, wenn auch für Kinder gemacht. Weiter gehts zum nächsten Lejin, während ich mit dem iPhone in der Hand noch der Erzählung lausche.

Und das Wetter wird immer besser, die sonnenbeschienen Flecken im Tal und auf den Bergen werden größer und auch mehr, der blaue Himmel kommt mehr und mehr durch. Der Wind lässt zwar immernoch weiße Wolken um die Felskanten und Vorsprünge fließen, aber auch diese werden immer weißer, dünner und weniger.

Am Lejin Magnetit haben mir die Fee und der Kobold dann etwas über die Entstehung der See-Namen erzählt, über den Kristall Magnetit und über die Pflanzenwelt hier oben und wie diese mit dem Schnee zurecht kommt. Es gibt Pflanzen, die können Kohlenhydrate einlagern, wachsen unter dem Schnee mit grünen Blättern und können gleich nach der Schneeschmelze blühen.

Ich hab an diesem wunderschönen See meinen Rucksack abgestellt und bin über die Felsen geklettert, hab das klare Wasser bewundert und versucht, ein paar Fotos von den Blumen hier zu machen. Wie ruhig es hier ist (wenn der Podcast fertig gespielt ist). Nur wenn wieder ein Windhauch vorbei bläst, zischt und rauscht er an den Felsen entlang, wirft wellend das Wasser auf, welches sich kräuselnd mit leichtem Plätschern an den Felsen hörbar macht. Dann kommt die Sonne wieder raus, lässt die ganze Gegend wieder in einem anderen Licht erstrahlen, das Grün der Gräser wird kräftiger, das Grau der Felsen wird grüner, der blaue Himmel spiegelt sich noch intensiver im Wasser. Das ist eine schöne, leise, bisweilen subtile Symphonie aus Licht und Schatten, Sonne und Wind, Felsen und Wasser, Wolken und Bergen. Und immer wieder liegt das Pfeifen der Murmeltiere in der Luft.

Mit der Fee und dem Kobold folgte ich dann dem plätschernden Bergbach, der aus dem Lejin Magnetit hinaus fliesst. Ich war noch erstaunt, dass so ein kleiner Bergsee so viel Bach „entbehren“ kann, ohne leer zu werden. Zumal ich auch bei diesem See keinen oberirdischen Zufluss gesehen habe. Auf dem Weg fand ich auch immer wieder blaue Farbspritzer, so als ob der Kobold hier gekleckert hätte oder einen Blödsinn gemacht hätte bei der Markierung des Weges.

Die nächsten beiden Lejins habe ich dann vertauscht, hab mir zuerst am Lejin S-chaglia etwas über Schiefer und die alpine Pflanzenwelt erzählen lassen. Hier ist auch eine Feuerstelle mit einer herrlichen Aussicht über das Oberengadin. Und wie es sich für eine Schweizer Feuerstelle gehört, stand auch Brennholz zur Verfügung.

Nur leider war der Platz schon besetzt, deswegen bin ich gleich weiter gezogen zu meinem letzten Lejin, dem Lejin Rhodonit.

Danach verließ ich das Hör- und Schauspiel der Lejins und machte mich an den Aufstieg zur Mittelstation der Corvatsch-Bahn. Die ganze Wanderung hindurch konnte ich den Gipfel und die Bergstation sehen, deswegen gehe ich mal davon aus, dass auch die Aussicht heute noch lohnenswert ist.

Auf dem Weg dorthin musste ich feststellen, dass die gesehene Luftlinie doch ganz etwas anderes ist als der Weg, der nun wirklich dorthin führt. Ich musste noch ein gutes Stück wieder hinunter, ein Geröllfeld überqueren und hab zwischendrin auch noch den Wanderweg verloren. Dafür aber hatte ich eine herrlich Aussicht über den helltürkisen, sonnendurchfluteten Silvaplana-See, den Ort, die Halbinsel, die Berge drum herum. Und das Wetter ist traumhaft schön. Und da zähle ich auch den Schatten dazu, durch den ich selber laufe, denn sonst wär das sicher zu warm.

Die letzten 300 Höhenmeter hab ich dann ziemlich unterschätzt. Es ging quasi direkt den Berg hinauf, unter der Gondel, die hier deutlich leichter zur Mittelstation kommt. Und die Sonne kam noch heraus, so hat mich der Aufstieg nicht nur das doppelte der geschätzten Zeit gekostet, sondern auch viel Schweiss, Kraft und Puste. Das Wolkenloch, was ich mir für meinen Besuch am Gipfel „ausgesucht“ hatte, war inzwischen auch wieder weg. Aber dessen ungeachtet bin ich trotzdem noch zum Gipfel hinauf gefahren. Begleitet von ein paar Halbschuh-bewehrten Deutschen.

Und dann stand ich da oben, auf 3303 Meter über dem Meer. Der Luft hier ist so kühl, dass ich selbst mit Faserpelz friere, so verschwitzt wie ich bin. Also erstmal die Aussicht von drinnen genießen.

Hier, ganz oben, on „Top of Engadin“ hab ich endlich die oberen Wolken ziehen sehen können. Die kommen in deutlich größeren Paketen daher als unten die Wölkchen im Tal. Der Wind dreht auch ständig, wenn also eine graue Wolke bösen Blickes direkt auf mich zu kommt, kann es immer noch passieren, dass die Winde sie wieder zur Umkehr verlassen oder sie zur Seite abdrängen.

Aber die oberen Wolken fliegen noch höher als der Gipfel, selbst hier auf 3000 Meter Höhe schaffen sie es, der gesamten Umgebung einen Deckel aufzusetzen. Darunter befindet sich alles, Berge, auch die hohen, Täler, Zwischenberge und Bergseen, Zwischentäler und die Haupttäler. Eine ziemliche Vielfalt, wenn ich Wassertropfen wäre. Und dort drüben müsste ich auch noch genau aufpassen, wohin ich falle, und wohin ich letztendlich geschwemmt werde. Diese Szenerie ist manchmal wirklich grau und düster, kalt und unwirtlich, hier oben ist es nicht richtig, dass wir Menschen uns aufhalten. Der Wind pfeift um die Ecken, Felsen und Spitzen, heult auf, pustet, als würde er uns vertreiben wollen.

Und dann spielen sie im Panoramarestaurant auch noch „unser Lied“ von Alex und mir. Eine sehr komische Stimmung, in der ich gerade bin. Grau, leer, kalt, allein. Auf mich gestellt. Und darauf stolz. Irgendwie, so… ein bisschen. Zwischen Himmel und Erde, zwischen Nordwind und Südwind, zwischen allen Bergen.

Ich bezahle meinen Kaffe und gehe hinaus. Und ich stehe im Regen. Hat sich doch auf knapp 3400 Meter über mir auch noch eine Regenwolke festgesetzt. Trotzdem will ich die Aussicht ins Engadin noch einmal von hier oben betrachten, gehe um das Restaurant herum, und kann ganz knapp den Silser- und den Silvaplana See sehen. Doch unter mir hängt auch eine Wolke und die wallt gerade den Berg hinauf, steigt und steigt, nimmt mir jegliche Sicht, außer auf ihr eigenes Inneres, bald stehe ich in dieser Wolke mittendrin und sehe gar nicht mehr hinunter. Doch jetzt kommt kein Rückenwind mehr, der mir die Sicht wieder frei pustet. Ich glaube, ich sollte wieder gehen…

Bei Gewitter und Regen kam ich ziemlich nass in der Jugendherberge an. Mein zu Hause in diesen Tagen. Es gab Spaghetti zum zNacht mit einer Auswahl an fünf oder sechs verschiedenen Sossen. Am Abend hatte ich dann noch ein sehr interessantes Gespräch mit Phil, meinem Zimmergenossen. Er kam hier in die Schweiz, um das Rätoromanische zu studieren. Und so kamen wir auf viele sprachliche Dinge zu sprechen, ich konnte ihm meine Eindrücke mit den Schweizer Dialekten erzählen und wir kamen darauf, dass es auch in England den (vielleicht etwas abfälligen) Begriff der „Welschen“ gibt, der den romanisch sprechenden Teil einer Bevölkerung beschreibt. War hatten's von den Kelten und den Galliern, wir kamen auf die Römer und dass das europäische Festland auch einen großen römischen Grenzwall hatte. Ein sehr interessantes Gespräch, bei dem ich wieder viel gelernt habe.

Als wir später schlafen gegangen sind, hat es immer noch gewittert, der Wetter-Alarm hat auch Hagelgefahr gemeldet. Was ist denn bloß mit dem Wetter los? Ich möchte mal wieder in der Hängematte draußen übernachten. Aber nicht so…

 

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2 responses to this post.

  1. Posted by Matt on 27. August 2012 at 10:07

    Checkst Du eigentlich den Wetterbericht bevor Du Dein „Pad“ in Bern verlässt?
    Der ist zwar nie 100% korrekt, aber gibt Dir ja zumindest ne Tendenz, oder?

    Antworten

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