Cabrio fahr’n mit der Rhätischen Bahn

Heute gibts einen Touristen-Tag. Ohne Rucksack. Mit der Rhätischen Bahn auf der Bernina-Strecke mit einem offenen Bahnwaggon und der traditionellen „Krokodil-Lok“. Da freue ich mich schon die ganze Woche drauf.

Nach der Verabschiedung von Phil, einem gemütlichem Frühstück und der Aktualisierung des Blogs bin ich nach St. Moritz hinein zum Bahnhof gefahren. Der Panoramawagen fährt um 10:45, das sind noch ein dreiviertel Stunden Zeit. Da kann ich ja noch gemütlich durchs Dorf schlendern. In Richtung Pontresina arbeitet die Sonne mit aller Macht daran, die Wolken im Tal aufzulösen, es blendet richtig, in diese Richtung zu schauen.

Im Dorf war noch nicht viel los. Ein paar Menschen sind dem Ruf der Glocken in die Kirche gefolgt, ein paar wenige kamen vom Brötchen holen. Vor dem Palace Hotel allerding war ziemlich Lärm, hier haben sich Ferraris, Maserrattis und sonstige Sportwagen getroffen, Oldtimer und neue Modelle, aus allen Ländern der Umgebung. Ein ganz schöner Lärm, den alten Autos wegen und auch dem Fahrstil, der wohl zu solchen Autos gehört. Den meisten Krach ohne Vorwärtskommen haben die Römer und anderen Italiener gemacht. Ich hab mich gefragt, warum die nicht einkuppeln, bevor sie aufs Gas steigen. Aber ich hab ja keine Ahnung davon. Das ist nun gar nicht meine Welt. (ein paar mehr Fotos gibt's hier)

Etwas früher als pünktlich war ich dann wieder am Bahnhof. Der Zug nach Tirano soll auf Gleis 6 abfahren. Dort stand ein normaler roter Zug mit geschlossenen Waggons. Ich war schon enttäuscht. War das Wetter heute nicht schön genug für den offenen Wagen? Die Krokodil-Lok war auch nicht davor gespannt. Hmm. Ich hab den Conducteur gefragt und er hat mich nach ganz hinten zum Ende des Zuges geschickt. Dort wäre der offene Wagen. Vom Bahnsteig aus nicht zu sehen, denn das Gleis macht eine Kurve. Der Bahnsteig war auch schon zu Ende, dort standen Gleisarbeiter mit ihren orangenen Westen. Ich wollte innen durch den Zug nach hinten, aber da ist alles vollgestopft mit Touristen. Kaum ein Durchkommen.

Nach drei Wagen „Entschuldigung“, „darf ich mal“, „Scusi“ war ich dann ganz hinten, beim versteckten und fast leeren offenen Wagen. Juhuu 😀 Das Wetter spielt auch mit, blauer Himmel ist zeitweilig schon zu sehen, es kommt sogar der eine oder andere Sonnenstrahl durch. Mit Fahrtwind im Haar ging es dann Richtung Pontresina. Und in jedem Bahnhof stand der offene, letzte Wagen außerhalb des Bahnhofs, vom Perron aus nicht zu erreichen. Ein echter Geheimtipp also 🙂 Doch vorne im Zug scheint sich das herum zu sprechen, so langsam füllt sich das Cabrio.

Die Reisegruppe vor mir hatte ziemlich zu tun, bis der Conducteur alle Billets durch hatte. „Wir gehören zur einen Gruppe“, „nein, wir zur anderen“, „nee, die kenn ich nicht…“, „wieviele seid ihr denn?“, einmal durchzählen, durcheinandergekommen, nochmal zählen. Der Conducteur war sichtlich froh, als ich ihm mein GA hingehalten habe und die Sache war geritzt. Ich war auch froh, dass auch dieses Cabriofahren im GA inbegriffen ist.

Am Bernina Pass ist es doch noch recht frisch geworden. Ich hätte vielleicht doch noch meine Mütze mitnehmen sollen. Auf die Stimmung der Reisegruppe hatte die Kälte allerdings keinen Einfluss, die haben zur Feier der Passüberquerung ihre Sektkorken knallen lassen. (Naja… Sie haben ihre Schraubverschlüsse mit dem Taschenmesser aufschneiden müssen 😉 )

Doch auf dem Weg hinunter ist es mit jeder Kehre wieder wärmer geworden. Bis Poschiavo hinunter konnte ich noch mit den Armen auf der Reling und den Kopf auf die Arme gelegt die Fahrt, die Aussicht und die Sonne genießen. In Poschiavo wurde der offene Wagen dann leider abgehängt, wir mussten uns alle unters Dach begeben.

Ich bin aber im Gepäckwagen geblieben, hier konnte ich ohne Störung der anderen das Fenster aufmachen und mich dort hinaus hängen. Ich hatte den ganzen Gepäckwagen für mich alleine, konnte das rechte Fenster auf machen und auch das linke und ich konnte hinten aus dem Wagen gucken. Hach, wie ich das genieße, offen und an frischer Luft mit dem Zug zu fahren 😀

In Le Prese fährt der Zug dann auf der Strasse, die Autos und der Zug teilen sich die Strasse durch den Ort. Und mitten drin ist auch noch der Bahnhof, an dem der Zug gehalten hat. Der Zug ist immernoch ziemlich lang, mein Gepäckwagen am Ende passt nicht mehr in den Bahnhof. So kam es, dass ich mitten im Dorf auf der Strasse stand, direkt neben einer kleinen Pizzeria. Hab schon überlegt, ob ich mir eine Margerita bestellen soll 🙂

Hinter Brusio kam dann der berühmte Kreisel, mit dem die Bahn Höhe abbaut, in dem die Schienen im Kreise verlegt sind und danach unter sich selbst verlaufen. Und dann waren wir im Süden, wir kamen an Apfelplantagen und Weinstöcken vorbei, an Himbeerstauden, Feigenbäumen und sogar Palmen. Und ich fand's spannend, ich bin immer vom linken Fenster zum rechten Fenster gesprungen und wieder zurück, ich konnte mich kaum entscheiden, auf welcher Seite es mehr zu sehen gab.

In Tirano angekommen hatte ich dann nur eine halbe Stunde Zeit, wenn ich den richtigen Zug erwischen will, an den wieder der offene Wagen gehängt wird. Das reicht maximal für ein Sandwich, also bin ich in ein kleines Café und hab eines bestellt. Aber das arme Mädel stand ziemlich im Stress. Die Alarmanlage hatte irgendwie eine Macke und hat ständig einen Schalldruck in das Café abgegeben, dass einem grad die Ohren weh getan haben. Dann hat sich auch noch eine ältere Frau in der Toilette eingeschlossen, deren Begleiter haben auch ständig auf sie eingestürmt. Dann kam ich Deutscher noch mit einem Sandwich und wollte auch noch mit Schweizer Franken bezahlen. Aber sie hat das schön ruhig und gelassen auf die Reihe bekommen. Ich hab ihr extra Trinkgeld gegeben, als ich mein frisches warmes Sandwich in der Hand hielt. Und für den Zug hat's auch noch gereicht.

Diesmal war der vorletzte Wagen einer für Velos. Den ganzen Wagen entlang waren rechts und links diese Haken an die Decke geschraubt, an denen man die Bikes aufhängen kann. Darunter sind die Klapp-Bänke quer zur Fahrtrichtung, auf die man sich wunderbar knien kann und aus dem offenen Fenster gucken kann. Nur dass fast der gesamte Wagen mit Japanischen Touristen voll war. War nix mehr mit alleine im Wagen und meine Ruhe haben…

Aber komischerweise sind alle Japaner in Brusio wieder ausgestiegen. Ich hab schon vermutet, sie wollten zum noch nicht angehängten offenen Wagen, aber sie sind ohne sich zu wundern weiter gelaufen. Wahrscheinlich besichtigen sie den Kehrviadukt zu Fuß. Egal, ich hatte doch wieder meine Ruhe, bis auf die deutsche Familie, die noch mit im Wagen war. Wobei es nicht die Kinder waren, die Unruhe gebracht haben…

In Poschiavo wurde dann der offene Waggon wieder angehängt, so hatte ich auch meinen Sonnenplatz wieder. Und der Zug arbeitet sich wieder in die Höhe, Richtung Alp Grüm. Mit jeder Kehre wird die Luft wieder spürbar kühler. Bis sie uns oben am Pass wieder ziemlich kalt um die Ohren pfiff. Die Touristen haben noch ziemlich gestaunt, wie kalt das hier oben ist, selbst bei herrlichem Sonnenschein.

(alle Fotos gibt's hier)

 

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