vom Corvatsch zur Coaz-Hütte

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Strahlender Sonnenschein, blauer Himmel, keine einzige Wolke zu sehen. So präsentiert sich heute früh das Wetter im Oberengadin. Die Schlecht-Wetter-Periode mit abendlichen Gewittern und Hagel ist vorbei. Ganz wie der wetterkundige Jean-Pierre am Freitag gesagt hat. Mit diesen Aussichten will ich heute nochmal auf den Corvatsch hinauf, nochmal auf 3303 Meter, mal sehen, ob die Stimmung heute nicht eine andere ist. Und dann möchte ich auf dessen Hängen entlang über Silvaplauna und San Murezzan hinweg laufen und mal sehen, wo ich mein Nachtlager aufschlage.

Der Bus bringt mich durchs Montag-Morgen-wuselige St. Moritz zur Seilbahn. Gut dass mein „Seilbahn-GA“ heute noch gilt. In der kurzen Wartezeit an der Gondel stöbere ich durch ein paar Prospekte und schon wieder kommt mir der Wanderweg „gleich hinter ins Rosegtal“ in die Finger. Eigentlich wollte ich vorne herum, oberhalb von San Murezzan, Alp Staz nach Pontresina und von dort aus einen Abstecher ins Rosegtal machen. Aber wenn ich auch „hintenrum“ durchs Rosegtal nach Pontresina wandern kann, würde ich nicht den selben Weg durchs Tal zurück wie hin machen müssen. Naja, bis oben hab ich ja noch Zeit, mich zu entscheiden.

Oben auf 3303 Meter Höhe sah die Welt ganz anders aus als ich das letzte Mal hier war. Stahlblauer Himmel, soweit das Auge reicht. Vom Horizont an aufwärts, in alle Richtungen, die gesamt Halbkugel über mir, alles Blau. Nur Blau. Und die Sonne mittendrin. Himmel. Grenzenlos. Weit. Und der Horizont besteht rund um mich herum aus Zacken, Spitzen, Gipfeln und Graten, schneebedeckt oder blanker Fels. So weit das Auge reicht Berge. Und Gletscher. Vor mir der Corvatsch-Gletscher, daneben der Roseggletscher und der Tschiervas-Gletscher. Und die Tschiervas-Hütte, zu der ich vielleicht noch hin will. Und noch ein Gletscher und noch einer, ich kann sie gar nicht aufzählen. Gleißendes Weiss, gebrochen, verrutscht, eingerissen, mit tiefen Furchen und Spalten drin. Mitten in der Bewegung, so langsam, dass wir keine Geduld haben, beim beständigen Fluss zuzuschauen. Kennt ihr dieses Spiel: „Ochs am Berg, eins, zwei, drei“, der Zählende dreht sich um und wer in seiner Bewegung erwischt wird, hat verloren und ist der nächste Zählende? Daran erinnern mich die Gletscher. Immer, wenn ein Mensch hinschaut, halten sie inne, verharren in der aktuellen Position, frieren in ihrer Bewegung ein, dass sie ja nicht erwischt werden. Sichtbar wird für uns nur das Ergebnis der Bewegung, das Weitergeflossensein des mitgetragenen Gerölls, vielleicht mal das Abbrechen des vorderen Randes.

Auf der anderen Seite des Berges liegt mir das Oberengadin zu Füssen. Auch hier trübt keine einzige Wolke die Sicht, ich kann alles erkennen. Das Bergell, den Maloja Pass, den Silser See in dukelgrün, der Silvaplaner See in Türkis, die Orte eingebettet in sattes Dunkelgrün der Wälder, bis St. Moritz schweift mein Blick.

Ja, heute ist hier tatsächlich eine andere Stimmung. Viel freundlicher, aber trotzdem unwirtlich. Kalt und felsig, ich würde auch bei diesem schönen Wetter nicht meine Hängematte aufhängen wollen. Aber einen Ausflug ist diese Aussicht allemal wert. Wie weit man blicken kann, wieviele Berge man hier sehen kann, ich kann gar kein Ende der Alpen entdecken. Ich versuche, die Gegend nachzuvollziehen. Von Maloja hinauf zum Lunghin-See, zu dessen Pass, rüber zum Septimer-Pass, müsste dort eigentlich Bivio sein. Keine Chance, mehr als das Engadin kann ich nicht mit Sicherheit benennen. Zu ungewohnt die Perspektive.

Zurück an der Mittelstation hab ich mich dann entschieden, zur Fuorcla Surlej, dem Pass zum Roseg zu gehen. Und ich war nicht der Einzige auf dem Weg und erst recht nicht oben am Gasthaus. Das Wetter ist herrlich, Sonne pur, kaum Wind. Allein die Höhe kühlt etwas. 8 Grad sind's an der Mittelstation. Aber in der Sonne fühlt sich das deutlich wärmer an. Auch hier hat's den grandiosen Ausblick auf die Gletscher des Bernina-Massivs.

Aber ich halte mich nicht lange am Gasthaus auf, sondern ziehe weiter ins Roseg-Tal hinunter. Nach Pontresina wären es noch drei Stunden, mir kommt die Gegend grad wieder so klein vor. Und dort links sehe ich das Dorf auch schon liegen. Ist echt nicht weit weg.

Auf dem Abstieg ins Roseg lasse ich die Biker und Wanderer an der Hütte hinter mir und es wird wieder ruhig. Einmal rechts abbiegen und dann geht es den stillen sonnigen Hang hinunter. Doch was ist das für ein Rauschen? Es sind die Wasserälle am gegenüberliegenden Hang, gespiesen vom Roseg-Gletscher, vom Sella-Gletscher, dem Tschiervas- und Boval-Gletscher. Sie alle haben sich weit nach oben zurück gezogen und sie alle geben viel Schmelzwasser frei. Und all das Wasser rauscht in Bächen und Flüssen, über Wasserfälle ins Tal. Das gibt dem Tal ein beständiges Rauschen.

An einer windgeschützten, sonnigen Stelle kam ich an eine Wiese voll mit Eisenhut. Gut kam grad eine Gruppe Wanderer vorbei, die das zufällig erwähnt hat, dass diese lila Blumen Eisenhüte sind. So schön. Und kaum war die Gruppe wieder vorbei und ich stand noch still inmitten dieser Blumenpracht, ward ich auch dem regen Treiben der Insekten gewahr. Denn wo Blumen sind, sind auch Insekten. Hummeln, Schmetterlinge, Fliegen, alles in verschiedenen Ausführungen und Größen. Es war ganz schön was los an den einzelnen Blüten. Jetzt, wo ich mal drauf geachtet hab.

Dann kam ich zu einer Umleitung, einer neuen Streckenführung des Wanderwegs und bald sah ich auch, warum. Ein großer Graben zog sich quer durch den Hang, bestimmt 20, 30 Meter breit und gut fünf Meter tief. Angefüllt mit Schutt und Felsen, Trümmern und Steinen. Heute schlängelt sich ein mittlerer Gebirgsbach dadurch, aber wenn ich mir vorstelle, was für Wassermassen das gewesen sein müssen, die diese riesige Furche in den Hang gegraben haben. Da möchte ich nicht in der Nähe sein, das wird wahrscheinlich ordentlich toben und tosen, der ganze Hang wird beben. Aber schon die Reste dieses Erdrutsches sind eindrücklich.

Weiter unten ging dann eine neue Holz“Brücke“ über diesen Graben, der Weg führt weiter ins Rosegtal hinein. Ich wollte noch einen Abzweig weiter hinten nach unten gehen, bevor ich zum Gasthaus Roseg hinunter abbiege. Dann ging der Weg dank der Umleitung wieder hinauf, es kamen ein paar Wanderer entgegen, auch die deutsche Familie, die gestern mit mir Cabrio gefahren ist, war da.

Es ging wieder über einen mittleren Wasserlauf, hier musste man sich echt einen Weg suchen, denn auch dieser Lauf war ausgeschwemmt und von einem Erdrutsch deutlich erweitert worden. Dank meines Wanderstabs konnte ich einen gewagten Sprung machen, so dass ich nur kurz in knöcheltiefes Wasser stehen musste. Alle anderen Varianten wären mit größeren Sprüngen und ungewissen Landestellen oder mit knietiefem Wasser verbunden gewesen.

Kurz vor dem Abzweig hinunter nach Roseg hab ich einen großen flachen Felsen gefunden und darauf Brotzeit gemacht. Der Käse vom Freitag aus Maloja hat soweit ganz gut durchgehalten, außen hat er allerdings schon etwas das Schimmeln angefangen. Aber nicht viel, konnte ich wegschneiden. Danach hab ich etwas gedöst, irgendwie hab ich das Gefühl, die Höhenluft hier auf 2600 Meter bekommt mir nicht so gut. Ich fühl mich etwas schlapp. Aber gleich geht's ja wieder runter, dann wird's schon wieder bessern.

Am Abzweig Richtung unten angekommen, war dieser Weg gesperrt. Wie vorher auch schon, wahrscheinlich aus dem selben Grund. Hmm. Also weiter geradeaus, weiter hinein ins Tal, hinten gibt es nochmal einen Abzweig zum Gletschersee hinunter, den könnte ich ja nehmen.

An mir vorbei zog das Piz-Bernina-Massiv, inzwischen bin ich weit genug im Tal hinten, dass ich eine andere Perspektive auf ihn hab. Ich sehe den Tschiervas-Gletscher, der markante Schuttkegel an seinen Seiten hat, die dazugehörige Hütte und die Felsen, die sich aus dem Gletscher erheben.

Doch wie ich weiter ins Tal hinter gelaufen bin, ergab sich ein neues Panorama: der Sellagletscher und der Roseggletscher wurden sichtbar. Die Spitzen der Dschimels, der Piz Glüschaint und die gesamte Eismasse, die sich dort mit glatten Flächen, Rissen, Furchen, Spalten ergießt. Was ein Anblick! Der fasziniert mich total. Auf der Karte sehe ich, dass hier hinten auch noch eine Hütte ist, ganz hinten im Roseg, knapp unter dem Gletscher. Ein Anruf und ich beschließe, dort hin zu wandern. Dieses Schauspiel möchte ich mir nicht entgehen lassen. Und vor allem in der Abend- und Morgendämmerung muss das ziemlich eindrücklich sein.

Es waren eine deutsche Dreiergruppe Kletterer da, eine Gruppe aus fünf zusammengewürfelten Bergsteigern, angeführt von einer offensichtlich österreichischen Bergführerin, die allerdings für eine Schweizer Bergschule arbeitet und ein Ehepaar aus Sargans. Alle nicht sonderlich gesprächig oder zu sehr mit sich und dem vergangenen Tag beschäftigt, so dass ich in Ruhe mein Buch gelesen hab und auf das Abendessen und den Sonnenuntergang über dem Gletscher gewartet hab. Zum Abendessen haben sich nebst dem Sarganser Paar Susanna und Renate an meinen Tisch gesellt, mit ihnen hab ich mich gleich gut verstanden. Nach dem leckeren Drei-Gänge-Menü hatten wir noch eine angeregte Unterhaltung. Bis es gegen neun dann mit kaltem Gebirgswasser zum Zähneputzen ging und dann ab in den Schlafsaal. Nachts musste ich mal raus auf die Toilette, aus dem Schlafsaal und zur Hütte raus, durch die sternenklare Hochgebirgsnacht zum Nebenschuppen. Aber es war gar nicht so kalt wie ich gedacht hab. Letzte Nacht war es in St. Moritz etwa Null Grad, aber hier auf 2600 Meter fand ich das viel wärmer.

 

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