von Pontresina über Diavolezza zum Berninapass

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Früh gestückt, gleich um sieben, noch vor den Schulklassen, dabei blogtualisiert, danach ausgecheckt und ins Dorf zur Post. Dort lagerte meine erwartete Sendung schon bereit zur Abholung. Meine neue Postfinance Karte. Funktioniert auch, zumindest am Automaten. Dann auf den Wanderweg in Richtung Berninapass.

Nach dem coop, der noch zwei flache Pfirsiche und zwei Äpfel für mich bereit hielt, ging der Wanderweg in einem gemütlichen Auf und Ab an der Bahn und dem Bernina Bach entlang. Ich fühlte mich wie im Schlaraffenland, denn neben Lärchen und Arven säumten Himbeeren und Blaubeeren, Brennesseln und Wacholdersträucher den Weg. Hier eine Beere, dort ein paar Samen genascht. Kein Wunder, muss ich ständig ans Essen denken.

Ich wusste gar nicht, dass frische reife Wacholderbeeren süsslich schmecken. Ich kenne nur den herben Geschmack der getrockneten Beeren, der aber auch bei den frischen Beeren nachher im Mund bleibt. Erst süss und dann herb, eine interessante Kombination. So ziehe ich naschend und summend (pfeifend geht nicht, sonst spucke ich die Beeren wieder aus) durch den frischen Morgenwald, denke an Susanna und Renate und träume von der Kutscherin gestern (die ich abends noch kurz in der Jugendherberge gesehen hab). Ab und zu rattert die kleine rote Rhätische Bahn vorbei. Ich spiele mit den Eichhörnchen Verstecken, sie klettern etwa drei Meter einen Baum hinauf, auf der mir abgewandten Seite. Langsam und vorsichtig gehe ich dann weiter, bis ich sie wieder sehe, die gucken etwas komisch, murren etwas und springen wieder ein paar Meter die Rinde empor.

Bald lichtet sich der Wald und der Weg führt durch diese Hochmoor-artige Landschaft, die auch der Bernina-Express durchquert. Nach nicht ganz zwei Stunden bin ich in Morteratsch, etwa der Hälfte des Wegs zum Bernina-Pass. Von hier könnte man auch einige Touren und Gletscherlehrpfade machen, hier gehts zu den Gletschern Vadret da Pers, Vadret da Morteratsch und Vadret da la Fortezza. Aber ich gehe weiter dem Ova da Bernina und der Bahn entlang in Richtung Pass.

Dann ging es steiler bergauf, aber wieder im Wald. Ich kam an den Cascata di Bernina vorbei, den Treppen, in denen der Bach hier hinunter fliesst. Überall kleine Stufen, die das Wasser schäumen lassen, überall kleine grüne Seen, so klar, dass nur die Bewegung des Wassers die direkte Sicht auf den Grund etwas gestört hat.

Diese Seen, eingerahmt von großen Felsen, laden direkt zum Baden ein, aber ich denke, sie werden gebirgsbachkalt sein. Aber wunderschön anzuschauen. Und dann finde ich sogar rote Johannisbeeren, die hier wachsen. Heute ist der Tisch der Natur wirklich reich gedeckt.

Nach dem Aufstieg komme ich auf die Hochebene, die zum Pass führt. Sonne, blauer Himmel, Ruhe. Ab und zu ein Auto, alle halbe Stunde mal ein Zug. Piz Minor und Piz Lagalb schräg links vor mir. Hier macht es Spass, zu Wandern. Die paar Wanderer, die mir entgegen kommen, grüßen freundlich. Das Land schmeckt süßlich-herb nach Wacholderbeeren, deren Gout ich immernoch im Mund hab.

An der Diavolezza Bahn angekommen wollte ich nochmal hoch hinaus. Also hab ich mir ein Billett gekauft und hab mich mit der Gondel nach oben schweben lassen. Mit dabei ein buntes Potpourri an Touristen. Ein jüdischer Rabbi in seiner Kluft mit seiner Frau, ein Car voll Japaner, denen man an der Talstation auf 2093 Meter schon die dünne Luft angemerkt hat, ein paar Spanier, ein Pärchen mit Mutter-und-Kind-Hunden, ein Amerikaner, der mit seinem National-Geographic-Rucksack seine Welterfahrung gleich einpackte, eine italienische **** mit aufgespritzten (nicht nur) Lippen, ihrem Korsett und hohen Lackstiefeln, inkl. Goldkettchenbehängter und teure-Uhren-bewehrter männlicher Begleitung. Und es waren auch ein paar Schweizer dabei. Die konnte ich daran erkennen, dass sie meinen Gessler-Hut gegrüßt haben *fg*.

Genug gelästert. Oben angekommen, der Besucherstrom wurde gleich ins Restaurant mit den Panoramafenstern geitet, bin ich dem Hauptstrom erstmal aus dem Weg gegangen. Doch halt, ich muss noch Wasser auffüllen. Also doch noch durch Restaurant durch zur Toilette, Wassersack und Feldflasche auffüllen.

Aber dann konnte ich nicht widerstehen und mir diese grandiose Aussicht über die Gletscher anschauen. Vor mir das Panorama zwischen Piz Bernina (heute von der anderen Seite) bis hin zum Piz Palü. Der große Morteratsch-Gletscher und viele kleinere drum herum ergaben ein richtiges Eismeer, welches sich hier ausbreitet.

Mit der Sonne und dem Wechselspiel der Wolken gewürzt durchaus ein Hingucker. Ich hab meine Blicke über die Schnee- und Eismassen schweifen lassen und war beeindruckt, wie dick diese sind. Und wie knapp sie vor dem Abbrechen stehen, zumindest sieht das so aus.

Sanft geschwungene Kuppen aus Schnee brechen jäh an einer Bergkante ab, dort sieht man erstmal, die dick diese Eisschicht auf den Bergen ist. Langsam rutscht diese ungemein schwere Masse hinunter, bricht an einer Kante ab, bekommt Risse, wird scheinbar spröde.

Doch bricht nicht auseinander, das Eis ist zäh, bleibt doch zusammen, bildet nur diese tiefen Gletscherspalten. Eisströme treffen sich, jedesmal, wenn sich zwei begegnen, ziehen sie einen Strich an Schutt und Geröll mit, der auf dem Eis liegen bleibt und langsam mit in die Tiefe fließt.

Und über all dem quellen Wolken aus dem hinteren Tal, ist das das Roseg? Die Wolken weiß und groß und mächtig, vom Volumen her bestimmt genauso mächtig wie die Berge, nur viel leichter, so dass sie aufquellen, weiter ziehen, von Wind zerrissen werden, abgedrängt werden, wieder hinauf steigen, sich zusammen ballen, manchmal sehen sie auch grau aus. Sollte es im Roseg echt schlechtes Wetter sein? Da kann ich ja froh sein, dass ich heute schon ein Tal weiter bin.

Ich suche mit ein gemütliches Plätzchen mit Aussicht, an dem nur Bergsteiger und keine Turnschuh-Touristen vorbei kommen und mache Brotzeit. Mal sehen, wie lecker der Käse aus der Latteria in Pontresina ist. Hmm. Fein. Da hat Susanne echt nicht zu viel versprochen. Dazu noch eine Hirsch-Salsiz und mein Walliser Roggenbrot. Und ein flacher Pfirsich vorne weg.

Nach der Mittagsruhe hab ich mich dann an den Abstieg gemacht. Nicht sonderlich interessant, denn es geht nur durch Schutt und Geröll hinunter. Bei der Gelegenheit möchte ich aber gleich das Tal nebenan queren, damit ich etwas näher am Lago Bianco heraus komme. Die Steine sind anstrengend zu laufen, je kleiner, desto eher rutscht man weg. Und teilweise ist es ziemlich steil, ich muss ganz schön aufpassen. Aber für Abwechslung ist auch hier gesorgt, zwischendrin ist das Gestein mal grau, mal rostrot, mal bunt gemischt. Und selbst hier oben finden sich Pflanzen, ab und zu mal ein paar Büschel Gras, mal eine Blume. Und wo Blumen sind, sind auch Insekten, ich hab ein paar Bienen gesehen. Und das auf 2500 Meter.

Und wie ich das erste Kar durchschritten hatte und die große Felsnase hinunter musste, hatte ich den ersten Blick auf Lago Nero und Lago Bianco. Und all die Berge drum herum. Wie eine große Steinwüste, nur Felsen, Eis und Schnee und Gebirgsseen zu sehen. Und über allem, über allen Bergen flogen die Wolken dahin. Hoch, frei, ihren eigenen Wegen folgend.

Je tiefer ich kam, desto mehr Pflanzen waren da. Mehr Moose, die die Steine fest hielten, mehr Gräser, die wuchsen und den herumfliegenden Erdkrümeln Halt gaben. Bald war ich so tief, dass das Gras ganze Teppiche bilden konnte, hier lagen kaum noch lose Steine herum. Es war auch genug Erde da, um anderen Pflanzen Heimat und Nahrung zu bieten, mit jedem Meter, den ich hinunter kam, wurde die Fülle an Pflanzen größer. Irgendwann fanden sich auch wieder Wacholdersträucher. Und der Weg auch besser zu laufen. Bei der Abzweigung durch das Nebental hieß es, dass es bis zum Berninapass noch zwei Stunden seien. Das klingt gut, das lässt sich schaffen.

Das Nebental, Val d'Arlas genannt, war sogar noch sonnendurchflutet. Ich dachte, bzw. hoffte schon fast, dass ich dort im Schatten laufen kann, aber nein. Ich hab etwas die Höhensonne unterschätzt, gestern schon, und meine Arme brennen etwas. Aber es ist nicht heiß dabei, das ist das Tückische. Ich hab auch das Gefühl, dass ich recht viel Wasser brauche in der Höhe, was aber hier kein Problem ist. Ich hab im Val d'Arlas noch eine interessante Fels-Trümmer-Formation gefunden, sah fast so aus wie ein Dach und zwei Wände rechts und links. Ich bin vom Wanderweg abgebogen, um diese Formation genauer zu betrachten und wurde grad ziemlich laut von einem Murmeltier „begrüßt“. Ich hab's grad noch wegwuseln sehen. Aber die Formation war nicht so recht etwas. Schief, das Dach zu kurz und es hat auch nach Fuchsdreck gerochen. Dann will ich das Murmeltier mal nicht stören und bin weiter gezogen.

Über den Lej Pitschen, Lej Nair kam ich dann über die Wasserscheide zum Lago Bianco. Diesen noch halb umrunden, am kurvigen Ufer entlang, etwas oberhalb der Bahntrasse, kam ich nach fast sieben Stunden Wanderung am Ospizio Bernina an. Ich bin am Pass, auf 2309 Meter Höhe. Nachdem das Ospizio noch etwas höher als die Bahnstation liegt, musste ich den Endspurt noch ziemlich bergauf hinlegen.

Aber dann konnte ich mir ein kühles Bier gönnen.

 

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One response to this post.

  1. Posted by Matze on 30. August 2012 at 07:43

    „Gott sei Dank waren auch ein paar Schweizer dabei.“ … wie jetzt?
    Andere Leute, andere Sitten … wenn Du also mal in den Bayrischen Alpen wanderst, sagst dann auch „Gott sei Dank waren auch ein paar Deutsche dabei.“ ? – oder was macht die so viel besser/spezieller als andere Wanderer?
    Gibt bestimmt auch von denen genug Goldkettchenträger in St.Moritz, Zug und Laax …
    So!

    Antworten

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