vom Berninapass nach La Rösa

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Das Morgenglühen der gegenüberliegenden Gletscher hat mich heute früh begrüßt, als ich gegen sieben aufgestanden bin. Heute möchte ich Susannas Vorschlag folgen und einen Abstecher ins Val di Camp machen. Jetzt muss Fredis Vorschlag, der der Alp Grüm vorbeizuschauen, noch ein oder zwei Tage warten. Nach dem Frühstuck hab ich mich in Richtung La Rösa aufgemacht.

 

 

Inzwischen hat es zugezogen und es regnet etwas. Aber hier und in Richtung La Rösa sieht es noch ein bisschen heller aus als Richtung Pontresina, dort ist es richtig dunkelgrau. Na, mal sehen. Der Herbergsvater hat mir eine „Guten weiteren Spaziergang“ gewünscht, als ich aufgebrochen bin. Er hat gesagt, dass es die nächsten Tage „nur“ lokale Gewitter geben soll.

 

 

 

Es ist frisch, als ich in das morgendunstige Val Laguné hinunter blicke. Ich kann zwar sehen, wo die Sonne steht, aber richtig durchscheinen tut sie nicht durch die Wolkendecke. Ich überlege fast, ob ich meinen Faserpelz anziehen soll. Aber jetzt marschiere ich erstmal ein Stück, da wird mir schon wieder warm werden.

 

 

Der Weg hinunter ist recht anspruchsvoll, schon bald war mir wieder warm. Der Morgendunst ist aus dem Tal verschwunden, aber die Wolkendecke wird immer dichter und dunkler, immer wieder fallen ein paar Tropfen. Meine Gedanken sind aufgewühlt, ich muss die ganze Zeit an meine gestrige Passage denken, die ich in der Gondel zur Diavolezza geschrieben habe. Sie zeugt von meiner emotionalen Unreife und Unsicherheit, aber auch davon, dass ich zur Zeit eine Veränderung durchmache. Hinzu kommt auf meinem heutigen Weg, dass ich ein starkes Gefühl hab, unter den aktuellen Abschnitt meiner Wanderung einen Strich zu setzen. Mich zieht es mit jedem Mal, wenn ich das iPhone aus der Tasche ziehe, nach Hause, ich sollte diese Wanderung beenden und unter einem neuen Vorzeichen später in der Woche weiter machen. Und wieder tobt der Zwiespalt zwischen Bequemlichkeit und Durchhaltevermögen. Einerseits weiß ich, dass ich selbst bei Gewitter draußen übernachten kann, andererseits lockt eine neue Wanderung bei schönerem Spätsommerwetter. Die vergangene Woche war ja sowas von bequem, was die Übernachtungen angeht, ich schüttel den Kopf über mich selber und frage mich „was war das denn?“

 

 

 

Ich finde den Weg nicht. Ich komme an verbrannten Stellen vorbei, schwarz und rußig, bei dem grauen Wetter auch nicht gerade aufbauend. Ständig muss ich auf die Karte schauen und jedes mal bin ich weit neben dem roten Wanderweg. Ich komme über eine Kuhwiese, die Kühe erschrecken vor mir, dabei müsste ich vor ihnen erschrecken. Und dann steht ein Bulle dort, schaut mich unverwandt an, dann sehe ich, dass ein kleines Kalb neben ihm steht. Oh-oh, schnell einen Bogen drumrum machen. Ich hab ein Stück Weg gefunden, doch auch er verschwindet in einem Schlammloch, knöcheltief. Selbst die Steine, auf die ich trete, sinken ein.

 

Dann stand ich da, tippte meinen Blog und eine Kuh dieser Herde kam auf mich zu. Ganz langsam, ganz vorsichtig, Schritt für Schritt. Als sie dann bei mir war, hat sie den Hals ganz lang gemacht in meine Richtung und ihre Zunge ganz vorsichtig ausgestreckt. Wie lang so eine Kuh-Zunge sein kann. Sie züngelte also zu mir, wollte mich berühren, musste noch einen Schritt machen und hat mich dann ganz vorsichtig abgeschleckt. So wie halt diese große Kuh und diese große und rauhe Zunge das „vorsichtig“ tun können. Wollte sie mich trösten? Jedenfalls hat sie mich zum Lachen gebracht. Ich blickte mich um und sah das Kalb der Gruppe, liebkosend mit seiner Mutter. In dem Moment kam die Sonne etwas heraus, die Umgebung wurde heller und freundlicher. Ich dachte an Susannas Worte über Beziehung und „ein Nest“ zu haben und unsere Unterhaltung über Familie, Freunde und Heimat. Irgendwie bin ich etwas durch den Wind heute. Und die Kuh, die mich trösten wollte, kaute inzwischen an einem Riemen von meinem Rucksack herum. He, so war das nicht gemeit, ich zog ihr den Riemen wieder aus dem Maul. Hinter dem Kalb und seiner Mutter sah ich plötzlich das weiß-rot-weiße Zeichen des Wanderwegs. In einem Bogen um die beiden herum ging ich dort hin. Und hatte so den Wanderweg wieder gefunden. Ich ging weiter, den Kopf immer noch voller Gedanken.

 

 

Aber die Wolken verdunkelten die Sonne wieder. Und wie ich hin- und herüberlegte kam ich langsam zu dem Schluss, hier, bzw. an der Postautohaltestelle La Rösa, meine Wanderung zu unterbrechen. Die letzte Woche „Oberengadin“ steht unter den Begriffen „teure Gegend“ (die ich eigentlich vermeiden wollte) und „Menschen und Begegnungen“. Ich hab Jean-Pierre und Eli kennen gelernt, sie haben mir etwas über das Wetter beigebracht, ich hab Phil getroffen, der inzwischen zurück in Neuseeland sein dürfte und dort die Howden Hut leitet. Und Susanna und Renate, auf deren Vorschlag ich auf dem Weg zum Zaubersee (Saoseo-See) bin. Inzwischen bin ich aus der „teuren Gegend“ des Oberengadin raus und kann ganz in die Natur des Val da Camp eintauchen. Aber dazu möchte ich etwas Abstand gewinnen, etwas Zeit haben, die gewonnen Eindrücke zu bearbeiten und mich auf den neuen Abschnitt freuen. Ich nehme auch die Eindrücke vom Hochgebirge auf 3000 Metern mit, ab hier werde ich in den Wäldern des Val Poschiavo und dessen Nebentälern wandern.

Und kaum dass ich mit dem Postauto nach Poschiavo gefahren bin, hat es geregnet. Wie ein Landregen, gleichmäßig und nicht wenig. Der Himmel war durch und durch grau, auf dem Weg über den Berninapass waren die umliegenden Berge nicht mehr zu sehen. Die Pause kann ich gut nutzen, mein Zahnarzt rief mich an und wollte mich für die jährliche Inspektion aufbieten. Ich hab gleich für morgen einen Termin abgemacht.

 

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2 responses to this post.

  1. Posted by Matze on 30. August 2012 at 07:46

    Wetterbericht bis Samstag … eher Schei…benkleister!
    Ab Sonntag dann bestes Spätsommerwetter.

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