im Val da Camp

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Kuhglocken und das Rauschen des Baches haben mich die ganze Nacht begleitet. Aber diese Geräusche „verschwanden“, als ich langsam eingeschlafen bin und kamen ganz allmählich wieder in mein Bewusstsein, als ich aufgewacht bin. Es war recht kühl diese Nacht, ich hab gut drauf achten müssen, dass ich auch ganz auf der Isomatte liege. Und oben drüber hat der Schlafsack warm gegeben. Das Schwierigste war, als ich dann doch mal austreten musste, ich konnts nicht länger hinauszögern, aus dem warmen Schlafsack zu kriechen. Oooch nee, so kuschelig… Jetzt die kalten Klamotten anziehen? Aber meinen Faserpelz hatte ich mit im Schlafsack, der war schön warm und die dünne Hose ist auch schnell gewärmt.

Ich schlug also die Augen auf, im Begriff, aufzustehen, und sehe die gegenüberliegende Felswand im Morgenrot leuchten. Es ist ja schon hell… Ein Blick auf die Uhr: acht. Heute hab ich wirklich ausgeschlafen, hab mich ein paar Mal nochmal umgedreht und wollte nicht aus dem warmen Schlafsack raus.

Doch jetzt erstmal Feuerchen machen und Kakao kochen und Haferflocken mit den Himbeeren von gestern. Nach dem warmen Frühstück hab ich so langsam mal mein Dach eingepackt. Die Sonne kam über die Bergkuppe in mein Lager, als das Dach weg war, hab ich mich nochmal in die Hängematte gelegt. Schön warm, die Morgensonne. Ich döse noch vor mich hin, höre den Kuhglocken zu und dem Bach, wie er die ganze Zeit rauscht. Gemütlich hier. Friedlich. Etwas Schaukeln in der Hängematte, Sonne im Gesicht. Sehr angenehm. Dann mal Kontaktlinsen reintun. Und wieder etwas in der Sonne schaukeln.

Nur am Rücken wird es kühl mit der Hängematte. Dumm, dass ich schon die Isomatte eingepackt habe. Aber nur für den Rücken wär sie auch etwas groß. Naja, ich raffe mich auf, packe gemütlich mein Lager zusammen, genieße nochmal die Aussicht das Tal vor. Ein letzter Rundblick durchs Lager, nichts vergessen? Dann steige ich von meinem hohen Felsen hinab und mach mich auf den Weg. Ich möchte zum Bach, mein Geschirr spülen und dann zum Zaubersee.

Ach ja, der dichte Wald. Durch den muss ich jetzt zurück zum Weg vor. Und immer drauf achten, dass ich nicht in ein Loch zwischen den Felsen trete. Wo bin ich eigentlich hergekommen? Ich kann meinen Pfad von gestern Abend nicht mehr ausmachen. Aber die grobe Richtung stimmt und bald treffe ich auf einen Wildwechsel. Da hat schon ein Tier eine Spur durch den Wald gezogen, dieser folge ich mal Richtung Wanderweg. Naja, Wildwechsel war etwas übertrieben, es ist eher ein Kuhwechsel. Den frischen Spuren nach zu folgen…

Nach einer Viertel Stunde hab ich dann einen Bach gefunden, mitten in einer sonnendurchfluteten Wiese. Wie klar und sauber das Wasser ist… Ich spül meine Schüssel und die Tasse eben aus, trockne sie ab und erkunde den Bachlauf, während das Handtuch wieder trocknet.

Auf einem großen Stein lasse ich mich nieder und betrachte den Bach. Wie er flimmert und glitzert in der Sonne. Und ich beobachte, dass es im Wasser Verwirbelungen gibt, die einen dunkleren Schatten werfen. Im Wasser selber kann ich nichts erkennen, überall gleich klar und rein. Aber das Schattenspiel am Boden bringt dunklere Flecken, die sich drehen und mit dem Bach mitfließen. Wasser mit höherer Dichte?

Das Handtuch ist bald trocken und ich gehe weiter. Aber keine 20 Schritte weiter muss ich wieder stehen bleiben und staunen. Der nächste Bach öffnet sich zu einem kleinen See, recht flach aber auch gebirgswasserklar. Etwas grünlich, aber das fällt erst auf, wenn ich die Steine am Grund betrachte. Und so sauber… Und weiter geht's, den Wanderwegweiser Richtung Saoseo See, komme ich wieder an so einem klaren frischen Bach entlang. Der Weg geht leicht bergauf, die Steine darin bilden sowas wie Stufen, die Bäume machen Schatten und der Bach macht ein angenehmes frisches Klima. So schlendere ich dem See entgegen und bleib immer wieder stehen, um meine Umgebung zu betrachten. Ich sehe eine Maus in ihrem Loch verschwinden, spiele mit den Eichhörnchen Verstecken. Wie angenehm. Wie schön.

Am Rastplatz Saoseo standen zwei Dixie-Klos rum und es gab ein paar Feuerstellen. So eine große Lichtung, ein rauschender Bach nebendran, genug Platz, um ungefährlich Feuer machen zu können, ich glaub, das ist noch beliebt. Aber ich schau mich nur kurz um, ich will weiter zum Zaubersee. Und dazu muss ich erst noch einen Felshügel erklimmen. Da komme ich doch glatt noch ins Schwitzen… Ich komme an großen Löchern zwischen den Felsen vorbei, auch hier atmet die Erde ihren kalten Atem von ganz weit unten heraus.

Und nach vier oder fünf Schweißtropfen war ich dann am Saoseo-See. Gleich als ich hinauf kam, lud mich etwas weiter rechts ein alter Baumstamm mit einer bequemen Bank zum Sitzen ein. So konnte ich in aller Ruhe den Blick über den See schweifen lassen. Glasklar, klar, und deutlich tiefer und größer als die anderen beiden.

Grün. Je tiefer der Grund wurde, desto weniger konnte man durchs Wasser hindurch schauen und desto grüner war das Wasser. Es liegen viele Baumstämme und Felsen im Wasser, ich glaub, das nennt sich dann „naturbelassen“. Und zum ersten Mal heute sehe ich Menschen. Gegenüber ist jemand mit seinem Hund am Wasser.

Und links leuchtet ein Rosa Fleck aus der Natur. Der Fleck bewegt sich, steht auf und geht ans Ufer. Jep, auch ein Mensch. Aber so fehl am Platze, wie mich das quietsch-rosa Hemd zuerst angemutet hat, ist es gar nicht. Denn ebenso „unnatürlich“ diese Farbe ist, ist auch das Blau-Türkis vom See. Und wo sich der Rosa Fleck um Türkis-farbenen Wasser spiegelt, harmonieren die beiden Farben sogar.

Dann kommen Kinder den Berg hinaufgeklettert. Mann, haben die sich gefreut, diesen tollen See zu sehen. Gejohlt und geschrien, gelacht, gefreut, sie haben sich kaum wieder eingekriegt.

Ich ziehe weiter, möchte den See umrunden. Mal sehen, ob ich nicht eine Stelle finde, an der die Sonne von hinten in den blauen See scheint. Und wie sich die Farbe vom Wasser dann verändert.

Auf dem Weg finde ich viele viele Blaubeeren, im Nu ist mein Sammelvorrat wieder voll. Und ich hab das Gefühl, dass die Blaubeeren, die im Schatten wachsen, süßer und größer sind. Als würde sie sich extra anstrengen. Es gibt so viele, ich kann mir den Luxus erlauben, im Stehen zu sammeln. Mit meinem Rucksack bin ich etwas unhandlich, was bücken angeht. Aber ich finde trotzdem mehr als genug.

Etwa halb um den Zaubersee herum finde ich eine stille Stelle zum Rasten. Die Kinder sind „ums Eck“, hier ist es wirklich ruhig. Die Sonne scheint, ich finde zwei Felsen, die als Stuhl mit Lehne dienen, ich stell meinen Rucksack daneben und packe meine Brotzeit aus. Wie Blau doch der See ist… So intensiv. Die Lärchen und Arven geben einen schönen Grünton dazu ab.

Dahinter erhebt sich ein schneebedeckter Berg, daneben noch einer und dazwischen ein Gletscher. Ich tippe mal auf Palü-Gletscher. Die Gräser und Blaubeeren um mich herum zittern im Wind, der blaue See wird mit ganz feinen Wellen überzogen, filigran, wie mit einem feinen Bleistift gemalt. Auf der Rinde des Baums, der vorne am Wasser steht, spiegelt sich dieses leise Wellenspiel des Wassers. Kräftig Blau-Grün. Die Farbe von dem See fasziniert mich.

So sitze ich da und genieße und esse meine Brotzeit, plötzlich kommt eine große Libelle auf mich zugeflogen. Bestimmt Handtellergroß. Und landet auf meinem hellgrünen Hemd, auf der linken Brust. Sie schaut mich mit ihren Facettenaugen an und knuspert an dem Insekt herum, was sie gerade gefangen hat. Ich kann in zehn Zentimeter Entfernung zuschauen (und -hören), wie dieses Insekt gerade in den Mundwerkzeugen der Libelle verschwindet. Knuspernd zermalmt. Das war mir doch etwas ungeheuer, ich wollte gerade meine Hand heben, um Einsprache zu erheben, da flog sie auch schon wieder weg. Bitte schön nicht bei mir essen. Aber das kommt davon, wenn man mit einem grünen Hemd in der Natur rumspaziert.

A propos rumspazieren. Ich spazier mal weiter, es gibt da noch ein paar Seen in der Gegend. Der nächste ist der Lagh da Scispadus. Und dorthin geht es bergauf. Ziemlich gleichmäßig, wie ich inzwischen in den Höhenlinien lesen kann. Also dann, wieder mal Schwitzen. Doch auch das war nicht weit hinauf. Das Wandern hier ist angenehm, wenn es mal eine Stufe höher geht, dann auch nicht weit.

Oberhalb von dem Lagh da Scispadus kam ich dann aus dem Wald wieder raus. Wieder ein klarer, leicht grünlicher See mit einigen Bäumen drin. Der Wanderweg führt auf halber Höhe am See vorbei, an noch einem, der keinen Namen in der Karte hat, bis man schließlich im obersten Hochtal den Lagh da Val Viola ankommt. Gemütlich gehend, treffe ich ein paar Wanderer und eine Gruppe Mointainbiker, die den Berg herunter gespeeded kommen.

Weiter bergauf, nach einem elektrischen Zaun wird's flach. Dort rechts geht ein schmaler Trampelpfad weg. Ist das der See? Ich bin dem Pfad gefolgt und hinter dem nächsten Baum, ich dacht' ich seh nicht recht: ein Pferd. Ohne Halfter, ohne Strick, auf der Weide also. Und ein paar Schritte weiter sehe ich noch ein Pferd und ein Fohlen. Alle drei stöbern durch die Wachholderbüsche und fressen. Ich schau ihnen zu. Schöne Pferde, fuchsfarben, machen einen gepflegten Eindruck. Doch bald sind sie weiter ihren Wegs gegangen, also mach ich mich auch weiter auf meinen.

Ach ja, ich wollte schauen, ob das schon der See dort vorne ist. Mich empfangen viele Schwarze Felsbrocken, verstreut auf einem ebenerdigen Sand. Ist der See trocken gefallen? Ich stakse am breiten Ufer entlang, bis ich zu einer „Staumauer“ komme. Hier fließt nur ein Teil des Sees hin, wie ich sehe. Durch diese Mauer kann man trockenen Fußes auf die Insel, die gar keine mehr ist. Hehe, erinnert mich an die „Isola“ in der Rheinschlucht. Ich folge dem Trampelpfad und erkunde „meine“ Insel.

Auf dem größten Felsen finde ich ganz oben drauf zwei Bäume. Naja, ein Baumstumpf und einen Baum. Spaßeshalber hänge ich dort meine Hängematte auf, direkt auf dem Felsen, mit weiter Sicht über den gesamten See. Die Länge würde passen, ich weiß noch nicht, wie ich das Tarp aufspannen soll.

Aber als ich mich reinsetze, gibt die Konstruktion nach, bis ich auf dem abfallenden Felsen sitze. Liegen würde auch gehen, die Matte verhindert mein Runterkullern. Als ich die Konstruktion nochmal geprüft hab, ist mir aufgefallen, dass die Wurzeln des Baumstumpfes nicht mehr am Felsen wachsen, sondern nur noch tot aufliegen. Und mit meiner Belastung biege ich das gesamte verbliebene Wurzelwerk nach oben. War also nichts, Hängematte wieder eingepackt und weiter gezogen. Den Spuren und Hinterlassenschaften zu Folge muss ich hier mit Kühen und Pferden rechnen, sie sich auch den Weg durch die Insel bahnen. Ich stöbere weiter, messe mit den Augen Baumabstände aus, achte auf den Untergrund im Wald.

Neben einem großen Felsen am Ufer finde ich zwei passende Bäume. Hängematte anprobiert. Passt. Hängt. Baumelt. Meine Aussicht ist auf den knapp 2400 Meter hohen Berg da drüben. Gibt leider keinen Namen auf der Karte. Eh egal, wichtig ist, dass er in der Abendsonne leuchtet und ich in der Matte baumel. Und Sonne kommt auch noch zu mir durch. Herrlich. Sich einfach mal baumeln lassen.

Hier bleibe ich über Nacht. Ein paar Schritte weiter hab ich eine Feuerstelle am Ufer entdeckt, sogar Brennholz ist schon vorhanden. Dann mach ich heute Abend Lagerfeuer. Das Holz war zwar recht feucht, nach einer Zeit hatte ich aber doch ein nettes kleines Feuerchen. Zuerst die Brennesselsamen rösten, die ich heute Nachmittag gesammelt habe.

Dann die Brennesselblätter abkochen, damit die Nadeln weggehen. Danach kann man die Blätter lecker essen. Quasi als Salat vorneweg. Mit dem Sud dann Kartoffelbrei anrühren und nebenbei ein paar Scheiben Hühnchen kurz anbraten. Brennesselsamen in die Kartoffeln rühren, mit Hähnchen garnieren. Als ich im Anbetracht der Berge rings um mich herum gegessen habe, stand mein Topf schon wieder auf dem Feuer. Warmes Wasser für den Kakao nachher. Und wie ich diesen gemütlich am Lagerfeuer geschlürft habe, zerreißt plötzlich ein Schuss diese abendliche Stille und hallt mehrfach von den Bergen wider. Ein Jäger. Nach acht Uhr. Und noch ein Schuss. Peng.

Ich kann nicht mehr still sitzen und gehe mein Dach aufspannen, bevor es ganz dunkel ist. Gegen die Insel habe ich das Dach zum Boden gespannt, das hält den Wind und die Tiere fern. Auf der offenen Landseite habe ich zwei Stricke quergespannt und mein Handtuch daran aufgehängt. Als optischen Hinweis, dass man hier heute nicht mehr ans Wasser kommt. Ich blockiere nämlich eine Stelle, die sichtbar von Pferden als Seezugang genutzt wird.

Peng. Noch ein Schuss, wahrscheinlich im Wald dort gegenüber. Da hab ich auch eine kleine Hütte entdeckt, in der sogar Licht brennt. Die letzten hellen Minuten hab ich dann noch mit Kakao am Lagerfeuer verbracht. Mein Topf kocht schon wieder Wasser (ab), einen Liter für meine Feldflasche morgen. Dann schlüpfe ich in den warmen Schlafsack und genieße noch die spätabendliche Aussicht. Ich kann den Großen Wagen sehen, dort über den schwarzen Spitzen der Berge.

 

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3 responses to this post.

  1. Posted by Matze on 7. September 2012 at 10:40

    Also haben Dich die Ameisen schlussenlich doch in Ruh gelassen, oder?!

    Antworten

    • Ja, stimmt… Nein, war kein Problem. Ab und zu mal eine Neugierige, aber einzeln. Auch im Rucksack hab ich keine gefunden. Die eine Nacht in Frankreich war schlimmer 🙂

      Antworten

  2. Posted by Matze on 7. September 2012 at 11:20

    Übrigens, die Wölfe in Graubünden haben erstmal Nachwuchs bekommen … in freier Wildbahn! Das erste Mal in 150 Jahren hat die Schweiz ein richtiges Wolfsrudel.
    … und im Jura gabs Luchs-Nachwuchs.
    Vielleicht gibts mal interessante News aus der Fauna hier zu lesen, nicht nur Flora-News! 😉
    Kamera bereithalten!

    Antworten

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