vom Val da Camp nach Poschiavo

Google EarthGPXauf der KarteBilderRunKeeper

Mollig warm. Ich öffne die Augen. Oh, schon hell. Ich wollte doch früh das Zelt abbauen. Zehn Minuten, dann wache ich wieder auf. Mann, aufstehen. Alles nass hier. Aber – trara – ich hab meine Hose in den wasserdichten Sack vom Schlafsack getan, die ist trocken geblieben. Sehr praktisch, dass diese wasserdichten Säcke auch Feuchtigkeit abhalten. (wobei das meinem nicht eingepackten iPad nicht irgendwie stören würde, das tut fleissig seinen Dienst). Gut. Trockene Klamotten an, aufstehen, Feuerstelle. Lachen. Nee, das wird nichts mit dem Holz. Durch und durch feucht. Also meinen Notkocher angeschmissen und Wasser gekocht. Kalt hier. Ich hüpfe etwas rum, ich muss mich bewegen. Zum Wanderweg vor und nach rechts weiter über Steine balancieren, auf Wurzeln treten, so kam ich langsam auf Trab. Baum-Pause, einmal strecken, umdrehen, zurück zum Lager. Das Wasser kocht. Zeit fürs Frühstück.

Die warme Schale mit meinem Porige in der linken Hand und dem Holzlöffel in der rechten Hand stand ich am Ufer des Baches unter den hängenden Ästen des Baumes und löffelte mein Frühstück. Gegenüber, am anderen Ufer, in dem Felsen-Blaubeer-Arven-und-Lärchen-Wald kam von hinten nach vorne die Sonne immer weiter in den Wald hinein. Wie ein Leuchten, ein Aufblühen, was langsam auf mich zu kommt. Wie das plötzlich ein ganz anderes Licht ist, ein ganz anderes Grün, wenn die gelbe Morgensonne die Gegend erleuchtet.

Die blau-graue Morgendämmerung muss weichen, Zentimeter für Zentimeter schiebt sich das Leuchten heran. Und wenn sie dann wärmt, dann ist das wie ein langsames Wachwerden. Langsam aber stetig kommt immer mehr Wärme in den Körper und wird immer mehr in Bewegungsenergie umgewandelt. Aber gemütlich. Auf einem Stein im Bach sitzend.

Um dann mal den Schlafsack einzupacken. Gemütlich. Die Sonne ist gegenüber schon am Ufer angekommen. Bald wird sie auch hier sein. Dann hatte ich noch Energie und hab die Isomatte zusammengerollt, auch recht kraftraubend, aber dabei wird man warm. Die Päckchen hatte ich jetzt so da liegen, dann kann ich sie auch gleich in den Rucksack packen.

Die Flaschenzug-Kontruktion, um meinen Rucksack an einen hohen Ast zu hängen, hat auch funktioniert. Ich konnte den Rucksack, eingepackt in eine grau-braune Regenhülle, über Kopfhöhe an einen Baum hängen. War nur mühsam, jedesmal, wenn ich was im Rucksack vergessen hatte, den wieder runter lassen, auspacken, rausholen, einpacken, hochziehen. Da gewöhnt man sich doch eine gewisse Planung an, wenn man Schlafplatz und Rucksackversteck trennt.

Beim Zusammenpacken fiel mir der verlorene Hering wieder ein. Der war bei dem gescheiterten Experiment irgendwo ins hohe Gras geflogen. Ich geh nochmal gucken, vielleicht hab ich ja Glück. Also, wie war das? Diese Stelle, hier stand der Stab… dort die Abspannleine… diese Richtung… Fünf Schritte vorwärts und: da lag der Hering! Oben auf, auf dem Gras. Unter dem Baum, wo ich gestern bestimmt gesucht hab. Und so offensichtlich, wie er jetzt daliegt, kann ich ihn gestern doch nicht übersehen haben? Ich hebe ihn auf, ja tatsächlich. Echt. Ich hab meinen vierten Hering wieder, juhu. Aber schon komisch… Haben die Wassergeister ihn mir wiedergebracht?

Als dann die Sonne auch mein Ufer erreicht hatte, stand ich schon fix und fertig da. Ich hatte gepackt, Morgenwäsche am Bach gemacht, Handtuch war schon fast wieder trocken, Solaranlage installiert (die hing gestern Abend noch an der Wäscheleine) und war eigentlich bereit zum Gehen. Ein Rundblick. Nichts liegen gelassen. Mich von meiner Insel verabschiedet und zum Wanderweg vor und rechts. Kenn ich ja schon, war ich heute früh ja schonmal. Aber inzwischen war die Sonne da und die Welt eine andere als heute früh. Viel leuchtender die Farben, viel wärmer das Gras, das Grün der Moose.

Ich kam am zweiten See vorbei, faszinierend klar wie beim ersten Mal. Die Sumpfwiese dahinter in einem herbstlichen orange-braun, über und übersät mit Tautropfen, die überall, an jedem einzelnen Grashalm, hingen. Dahinter lugte gerade die Sonne zwischen zwei Bergspitzen hervor und alle Tautropfen brachen das Licht. Ein Funkeln und Glitzern war das.

Aber pitschnass halt. Meine Schuhe sind nicht mehr dicht und auch die Socken sind schon wieder nass. Weiter auf dem Weg, vorbei an meiner ersten Übernachtungstelle auf dem Felsen, kamen mir schon die ersten Wanderer entgegen. Die frühen hatten Wanderschuhe an, je später und je weiter vorne im Tal ich immer mehr Menschen begegnet bin, haben sie Turnschuhe und Halbschuhe angehabt. Und es war viel los. Ein junges Pärchen, er bellt ein „Bun Di“ heraus und sie sagt ganz verlegen „Hallo“. Eine Familie, deren Tochter heute den grossen Familienhund an der Leine führen darf und damit so ihre Schwierigkeiten hat. Und alle sprechen sie italienisch, ich bin im Puschlav, äh. Valposchiavo.

Vorne, an der Kante des Hochtals Val da Camp angekommen, konnte ich mich für einen Weg auf mittlerer Höhe links am Hang herum und dann hinunter entscheiden. Hier war ich aus dem Val da Camp heraus und hatte das gute Gefühl, den Sonntagsspaziergängern diese schöne Gegend zu gönnen. Ich hoffe, sie können auch nur ein bisschen von der Faszination mitnehmen, die ich jetzt drei Tage in aller Ruhe erleben durfte. Dringend nötig hätten's wir alle. Waren schön, die paar Tage in der Natur. Hab sogar soweit abgeschaltet, dass ich den Blog erst nachträglich geschrieben habe. Mein innerer Dialog ist vom „Erzählen (wollen)“ zum „Erlebt werden“ geworden.

Ok. Thema abgeschlossen. Jetzt heisst aber wieder wandern, hinunter nach Poschiavo. Zumindest zur Bahnlinie. Cavaglia? Nee, zu weit ab, sagt die Karte. Poschiavo. Ein Schild sagt, eine Stunde. Abwärts, immer abwärts, jede Abzweigung Richtung unten nehmen. Doch halt, hier nicht mehr. Bald fangen die Privatstrassen an, die zu Anwesen führen. Ich bin am oberen Rand von Poschiavo angekommen. Häuser, Menschen, Autos, Asphalt, Strasse, zweite links über die Brücke. Der Poschiavino Bach. Süss.

14:38 Ankunft Bahnhof Poschiavo. iPhone fragen: bring mich heim. *berechne* von… Poschiavo *ratter* nach Bern, Abfahrt um jetzt *abfrag*: 14:44 von hier ohne Umsteigen nach Thusis (Option 1) oder bis Chur und (Option 2:) weiter über Zürich nach Bern. Ich mag diese „Sofortness“, wie Sascha Lobo es mal genannt hat. Frag Dein Telefon und es sagt Dir, dass Du in 6 Minuten auf Gleis 2 stehen solltest. Du kannst Dich dann immernoch auf der Panoramafahrt über den Berninapass entscheiden, ob Du drei Stunden später in Thusis aussteigen magst oder nicht. Diese Option 1 schwirrte mir nämlich schon den Vormittag im Kopf herum. Ich dachte, ich käme zu spät am Tag in Poschiavo an, um noch zu einigermassen Zeit überhaupt nach Bern zu kommen. Das sind immerhin sechs Stunden Zugfahrt. Also kann ich meine Heimfahrt splitten, und was auf dem Weg würde mir einfallen, wo ich eine Nacht verbringen kann? Da fielen mir die Spaghetti in dem Hotel in Sils (im Domleschg) ein und wollte dort Halt einlegen. Der Gedanke an diese Spaghetti hatte sich in meinem Kopf festgesetzt. Deswegen in Thusis aussteigen. Gegen sechs Uhr wäre ich dort gewesen, hätte noch gemütlich einchecken, duschen können und dann z'Nacht essen. Aaaaaber: Das Telefon hat mir auch gesagt, dass ich mit gar nicht mal so viel umsteigen auch noch gegen neun in Bern sein kann. Also doch. Hmm. Dann lieber heim. Die Übernachtung und die Spaghetti würden mich zusammen bestimmt 130.- kosten. Das kann ich mir sparen. Spaghetti kann ich mir auch zu Hause kochen. Aber nicht mit der leckeren Carbonara-Sauce. Naja, wir sind erst in St. Moritz, bis Thusis geht's noch die ganze Albula-Strecke. Ich kenne die Strecke schon, bis jetzt bestimmt vier oder fünf mal entlang gefahren, aber heute hatte ich einen anderen Zug. Bernina-Express. Andere (weniger) Haltestellen und mehr touristische Informationen. Da konnte ich heute doch glatt noch etwas dazu lernen. Ich bin ja eh fasziniert von den Zügen der Rhätischen Bahn. Letzte (vorletzte?) Woche hab ich es noch genossen, mit offenem Fenster in alten Waggons zu fahren, heute geniesse ich den Komfort der modernen Zugteile vorne. Mir gefallen diese Zug-Köpfe, die wie Steinböcke aussehen und innen drin moderne Technik, Displays mit aktueller Information (sogar mit Nummern-System zum nachlesen), ab und zu mal Durchsagen, worauf man auf der Strecke achten sollten, auf deutsch und auf englisch, hohe Räume, hohe Fenster, weiche Polster. Klimatisiert. Sehr bequem.

Bis Thusis hatte ich mich dann durchgerungen und mich gegen die 130.- für die Spaghetti entschieden. Sitzengeblieben bis Chur. Umsteigen, eineinhalb Stunden bis Zürich. Wie lang diese Zeit sein kann. Und wie schnell sie vergehen kann, wenn man ein Buch liest. Zürich umsteigen nach Bern, heute mit Sonderhalt in Olten. Back in town.

 

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