Venedig

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Meine Eltern wollten nach Rimini. Nochmal Sonne tanken und im Meer baden. Mein Vater hat mir davon vorgeschwärmt, als ich an seinem Geburtstag angerufen hab. Da war ich grad im Val da Camp, gerade aufgestanden und saß in meinem morgen-kalten und -nassen Lager auf 2000 Meter Höhe. Meer baden? Das klingt gut, ich komme auch. Treffen wir uns dort.

Aus Rimini ist dann ein Tag vor der Abreise noch Bibione geworden. Ich hatte schon Geocaches und Besichtigungen für Florenz heruntergeladen und wollte morgen, Montag, nach Florenz aufbrechen. Aber am Sonntag haben wir das noch auf Venedig und Bibione umgeplant. Gut dass ich nichts buche, sondern immer erst irgendwo hin fahre und dann „Sofortness“ erwarte. Montags früh um halb acht zum Bahnhof, zum Beispiel:

– „Ich will nach Venedig.“

– „Ja, gerne, wann?“

– „Jetzt. Um acht Uhr sieben auf Gleis fünf“.

Und es funktioniert immer wieder. Heute war zwar der Zug zwischen Genf und Venedig voll, keine Platzreservierung mehr möglich, aber der Bahn-Beamte am Schalter hat dann probiert, ob vielleicht so herum… Moment mal… Das noch prüfen, ja, so gehts… Ich hab zwar zwischen Brig und Milano keinen offiziellen Sitzplatz gehabt, war aber dafür in dem Zug, den ich wollte, gegen drei Uhr Nachmittags in Venedig. Die kurze Strecke zwischen Brig und Milano hab ich bei einem Kaffee im Speisewagen verbracht, ab Milano hatte ich einen reservierten Sitzplatz. Sogar am Fenster. Bisweilen sogar richtig warm, ich war eigentlich ganz froh, dass es etwas bewölkt war.

Gegen drei in Venedig angekommen, die Adresse und Lage der Jugendherberge kannte ich schon (schließlich war ich mal „Mister Google Earth“ in meinem Umfeld). Also ein Billet gekauft, damit ich nicht zur anderen Insel schwimmen muss, dabei gleich ein 24h Ticket für den gesamten Venezianischen Öffentlichen Verkehr gelöst. Das städtische GA für einen Tag. Dass ich die Linie 2 (die rote) bis „Zitelle“ nehmen musste, hab ich im Internet schon gelesenen (wie langweilig, wie vorbereitet…). Also gut eine halbe Stunde dorthin schiffen lassen, das hat länger gedauert, als ich mir vorgestellt habe. Aber ich hatte gleich eine halbe Stadtrundfahrt und Zeit hatte ich ja ohnehin genug. Für 25.- statt 18.- und dann doch nur 20.- € pro Nacht darf ich mich in einem alten Lagerhaus in Venedig mit 12 anderen, geschlechtergemischten, Menschen im Schlafsaal zur Ruhe betten. Mein Bett ist im ersten Stock, „Raum“ 102, Bett 14. Soweit die Instruktion. Mein Spind wäre „in der Nähe meines Bettes, auch die Nummer 14“. Naja, Nähe war relativ, mein Spind war dann fast schon im Nebenzimmer, nix mit in der Nähe. Oder gar „vom Bett aus reingreifen können“, oder so. Aber egal, ich wollte einfach nur den Rucksack loswerden, damit ich nicht so unbedingt und ganz offensichtlich als Tourist auffalle und dann den Nachmittag in der Stadt verbringen. Die Jugi hat eine sehr „offene Struktur“, ich weiß nicht wirklich, warum die Zimmer überhaupt Türen haben. Gut, dass mein Bett Nummer 14 etwas in den Raum hinein, ein Stück hinter, rechts ums Eck, mit theoretischem Blickkontakt zum fernen Fenster, liegt. Die Betten 1 bis 6 sind direkt dort, was ich auf den ersten Blick „Gang und Eingang ins Zimmer 102“ nennen würde. Aber wer im Stockbett unten liegt, kann sich wenigstens einen Sichtschutz aus Handtuch oder so davor hängen. Aber auch das hab ich vorher im Internet gelesen, das macht die Jugi so günstig. 20.- € pro Nacht, ich gehe mal davon aus, dass die Hotels bei bestimmt 80 – 100.- € pro Nacht anfangen. Hier in Venedig. Anfangen… Und sicher ist nach oben kaum eine Grenze. Vielleicht gibts sogar Hotels mit Bösem Erwachen?

Aber genug geredet, zuviel eigentlich schon, denn mehr als meinen Spind gesucht und Rucksack hineingeschmissen hab ich gar nicht gemacht. Und gleich wieder raus. Zur Boots-Bus-Haltestelle, fast vorm Haus. Hier fahren die Linien 1,2,4 und die N, allerdings halten tut nur die 2. Dann noch zwei Richtungen (keine Rundkurse) und der Plan war kapiert. Noch achteinhalb Minuten Zeit, schnell in den Supermarkt und mir eineinhalb Liter zu Trinken gekauft. Neunundzwanzig Cent, dafür Zucker und süß ohne Ende. Aber mal eineinhalb Liter trinken. Und dabei in die Stadt fahren lassen. Also, schwimmen, schippern lassen.

Die Wartehäuschen für diese Wasser-Busse schwimmen schon selber im Wasser. Befestigt durch zwei Brücken, über die man laufen kann, aber sie liegen dynamisch im Wasser und machen zum einen die Gezeiten mit, zum andern alle Wellen, die die Motorboote so machen. Schonmal ungewohnt, wenn man die Alpen unter den Füssen kennt und mit dem Element Wasser nicht so wirklich vertraut ist. Dann kommt der Bus, also das Boot, und von dem schaukelnden schwimmenden Wartehäuschen muss man dann in das anders schaukelnde Boot steigen. Eigentlich ja nicht wirklich ein Problem für mich, aber mit einem Schaukeln in in anderes Schaukeln zu steigen war dann doch etwas ungewohnt…

Die Durchsagen der Haltestellen waren dann fast schon international. Erst italienisch („Proxima Fermata: Rialto“), danne englishe: „Nexte Stope: Rialto“. Unde das e hätte dann schon faste deutsche sein können 😉 Das Anlegen war auch recht pragmatisch, so dass man das alle paar Minuten machen kann. Das Boot wird an das schwimmende Wartehäuschen geschmissen, rumms, ramscht, quietsch. Ob etwas zu schnell oder nicht ganz gerade, das wird vom dicken Gummi schon passend gemacht. Das Hanfseil ausgeworfen und das Boot fest mit dem Wartehäuschen vertaut. Doppelter Mastwurf. Sollte jetzt das Boot noch wackeln und schaukeln, dann wackelt das ganze Wartehäuschen mit. Nachdem die wartenden Gäste eh auf dem Wartehäuschen stehen, kann das rummsen und tun, es stört ja nicht. Hauptsache, man ist nach 65 Sekunden fertig und auf dem Weg zur nächsten Haltestelle. Ich hab ja auch mal kleine Motoboote steuern lernen dürfen, aber diese grobmotorische Alltagshektik hab ich so nicht kennen gelernt…

Also aufs nächste Bus-Schiff, zwar falsche Richtung, aber egal, bald wieder ausgestiegen und ich war auf dem Canal Grande. Die Hauptstrasse in Venedig. Eigentlich (ganz ursprünglich mal ein Hauptarm des Etsch (Adige). Aber heute der größte der Kanäle und die Haupt-Verkehrsachse in Venedig. Entsprechend viel los hier.

Der Einfachheit halber, bzw. nach fast einer Stunde Boot fahren, bin ich beim Bahnhof wieder ausgestiegen, hier kannte ich mich wenigstens aus. Und ich hab viele Brücken auf dem Weg gesehen, man muss die Stadt wohl auch zu Fuß besuchen können. Von Bahnhof aus bin ich parallel zum Canale Grande zurück gelaufen.

Da kommt man noch recht weit. Von wegen, Venedig besteht nur aus Kanälen und Wasserstrassen. Die andere Seite der Häuser ist genauso eng und verwinkelt, wie man jede andere Altstadt erwarten würde.

Es kann einem allerdings passieren, dass eine Gasse noch ums Eck geht, auf einen Platz führt, nochmal ums Eck und dann in einem der Kanäle mündet. Und oft genau dort und zwischen den Häusern, hört die aktuelle Insel auf und eine neue fängt an. Venedig ist auf über hundert Inseln gebaut, aber total zugebaut, dass man auf den ersten Blick keine Ahnung hat, wo die alte Insel aufhört, wie weit sie erweitert wurde und wo die neue Insel anfängt. Und wenn man Glück hat, dann führt in dieser Gasse auch eine der vier- bis fünfhundert Brücken übers Meer. Ja, tatsächlich übers Meer, das Wasser ist wirklich salzig. Auch wenn nur einen Meter breit zwischen zwei Häuserfronten, verbinden diese vielen kleinen Brücken tatsächlich die verschiedenen Inseln in der Lagune von Venedig.

Plötzlich hab ich gemerkt, was es heißt, mal schnell eineinhalb Liter zu trinken. Uh, und immer dringender musste ich mal ein Öffentliches Örtchen finden. Am Bahnhof vorne wäre ja eins gewesen, aber ich hab mich zu Fuss tief in die unbekannte Altstadt begeben. Also schneller laufen, gucken, dass ich nicht stehen bleibe, etwas planlos mal abgebogen, kleine Gasse, einer Platz, kleine Gasse, Wasser. Sackgasse. Zurück zum kleinen Platz, links abbiegen, durch schulterbreite Gassen hindurch, die alten Häuser lehnen auch schon fast aneinander. Irgendwie zurück zum Platz, von dem ich gekommen bin, links die andere Gasse wieder rein, rechts, links, rechts, hinter, auf einen Platz, *hüpf, hüpf* die Gasse weiter, nochmal links, wider ein Kanal.

Ich wollte schon einfach so ins Meer, aber was ein Leben dort in den Gassen herrscht… Oben klingt Musik auf die Gasse, dort hört man Menschen reden, da sitzen zwei Alte beim Schach, da kann ich nicht einfach in den Kanal… Also Weiser zurück, rechts ums Eck, war da nicht ein kleiner Platz? Egal, *hüpf, hüpf*, weiter zurück, dort links, hindurch, rechts? Links? Juhu, eine Kneipe. „Scusi…. Proxima Toilette?“. Erster Stock. Ah. Wie entspannend. Als ich wieder auf dem Platz vor der Beiz stand: Wo bin ich hier? Tief im Labyrinth der Altstadt stand ich nun auf einem kleinen Platz. Wo bin ich hier? Wo ist meine Richtung?

Irgendwie hab ich den Weg zum Canal Grande wieder gefunden. Nichtmal die Hälfte der Altstadt hab ich in diesem Fussmarsch geschafft. Venedig ist doch etwas grösser als ich gedacht habe, mit dem Boot fahren macht hier wirklich Sinn. Wieder bin ich am Arsenale eingestiegen. Diesmal bewusst in die „falsche“ Richtung, aber ich wollte in der Abenddämmerung noch zum Lido, zum Strand, zur äußersten Insel in der Lagune. War ich dann auch. War echt spannend, das Arsenal und den Park (die wenige Grünfläche) in der Abendsonne zu betrachten.

Aber die Boots-Tour ging länger als ich dachte. Ich hab mit etwa sieben Uhr geplant, dass ich etwas essen gehe, aber bis ich wieder am Bahnhof vorne war, wars dann doch schon acht Uhr. Ja, Boot fahren geht deutlich länger. Aber dafür hatte ich eine gemütliche Runde durch die orange-rote Abendsonne, hab die Kanäle und die Häuser in diesem speziellen Licht gesehen. Nur dass es hier deutlich früher dunkel wird, als ich das gewöhnt bin. Ich bin halt doch viel weiter im Osten. Als es dann fast ganz dunkel war, fuhren die Bus-Boote mit ihren Neon-Lichtern an, was mit den Plastikstühlen einen Charme verbreitet hat wie eine Döner-Bude morgens früh um halb fünf.

Am Canal Grande hab ich dann zum zNacht gespiesen. Etwas enttäuscht, der Marketingleiter des Restaurants hatte mir auf der Strasse noch erklärt, dass man hier Qualität geboten bekommt. Er hatte auch nicht gelogen, nur waren die Portionen recht klein. Und so waren 17.- € gar nicht mal wenig… Aber ich hatte Pasta als ersten Gang und ein Häppchen Schwertfisch als Hauptgang, insgesamt hat es mit durchaus gesättigt. Nach dem Kaffee (nein, Caffe, also Espresso) und einem Grappa di Amarone und nicht einmal 40.- € war es doch noch ein gelungenes Abendessen.

Und überall Pärchen, jeden Alters, ältere, Hand in Hand, jüngere, auch schon nicht mehr händchen-haltend. Was mach ich eigentlich hier? Wobei das Paar am Nebentisch nicht gerade glücklich zweisam aussieht. Sie schaut so verbittert rein, kommt auch von ihrer Gestik kaum aus sich heraus. Dabei ist doch einen schöner lauer Sommerabend, die Wellen des Canal Grande plätschern leise an die Hauswände und auf dem Wasser spiegeln sich die Lichter der umliegenden Restaurants. Aber egal, mir gefällt es hier. Ich hab schon befürchtet, dass es jetzt demnächst kalt und frisch wird, das hab ich mir auf 2000 Meter irgendwie so angewöhnt. Aber es ist angenehm warm, ich bin im Süden 🙂 Und wenn sie sich die beiden mal unterhalten haben, dann auf italienisch. Und damit waren sie die Ausnahme, an den anderen Tischen wurde fast ausschließlich English gesprochen. British oder Amerikanisch, bunt gemischt 😉

Dann kam ein Ambulanza Boot mit Blaulicht und Sirene daher gerast. Für die gibt es das generelle Tempolimit nicht, sie dürfen auch hohe Wellen verursachen, die eigentlich den Mauern und den Häusern Schaden.

Und nach dem Weißwein und dem Grappa ist es fast schon lustig, mit dem schaukelnden Boot nach Hause gefahren zu werden. Heimlaufen geht eh nicht, das wäre ein Heim-Schwimmen. Aber es ist schön warm, selbst ohne Faserpelz im kurzen Hemd noch angenehm warm, das leichte Schaukeln des Bootes, die vielen Lichter der Stadt, die sich auch noch auf dem Wasser spiegeln. Ein echter Grund, heute die Lichter doppelt zu sehen. So lasse ich mich gemütlich (geht bestimmt eine halbe Stunde) zur Jugendherberge schaukeln (komme an groooossen Kreuzfahrtschiffen vorbei, da muss ich auch nochmal hin), muss zwischendrin das Boot wechseln und bin gegen halb zwölf in meinem Dreizehner-Zimmer.

 

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