Venedig zweiter Tag

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Bss, bss, bss. Mein Wecker vibriert unter meinem Kopfkissen. Lautlos. Nicht, dass ich meine zwölf Zimmergenossen aufwecke. Einer schnarcht, einer seufzt im Schlaf, es ist stickig hier. Ist das Fenster zu? Ist dem einen, der vor dem Fenster schläft, zu kalt geworden? Nein, das Fenster ist offen… Ich schwinge mich in meine Klamotten und gehe vor die Tür. Es ist noch dunkel in Venedig, morgens um viertel nach fünf. Aber ich muss nicht lange warten, dann fahren die ersten Wasserbusse und bringen mich zum Markusplatz, dem Dom und dem Dogenpalast.

Kaum jemand hier, und wenn doch, dann gähnend auf dem Weg zur Arbeit oder gemütlich mit einem Strassenfegerbesen in der Hand. Ich streune durch kleine Seitengassen, Hinterhöfe, schmale Brückchen, kleine Plätze. Die Häuser sind vier oder mehr Stockwerke hoch und recht eng zusammen. Da muss ich schon auf einen größeren Platz kommen, damit ich die Morgendämmerung und den Anfang der Blauen Stunde überhaupt sehen kann. Nachtportiers stehen rauchend und gähnend draußen, bald Feierabend.

Die Kanäle füllen sich langsam mit Zulieferern, ein Boot kommt voll mit Getränken, Fässern, Kisten, PET-Gebinden. Und was nicht direkt im richtigen Haus aus dem Boot geliefert werden kann, wird auf die hier typischen Handkarren verladen und weiter gezogen. je heller der Morgen wird, desto mehr Handkarren finden sich auch auf den Linien-Booten ein.

Ich bin mit den ersten Sonnenstrahlen mit der Linea Uno den Canal Grande entlang gefahren und hab die zarten Strahlen der aufgehenden Sonne betrachtet, die mit jeder Minute mehr Farben in die Stadt gebracht hat. Ganz zart Pastell-Rosa schien die Sonne auf die weiße Kirche, ganz dezent zeichnen sich die ersten Schatten ab, ganz vorsichtig wird es warm.

Wie schön bunt die Farben hier sind. Und so fein, so Pastellig, so vorsichtig gemischt, ja nicht zu dick auftragen. Und dann die kräftigen Farben der Häuser, die sich in immer neuen Farbnuancen und Schattenspielen am Wasser entlang aufreihen.

Von Minute zu Minute wird der Canal Grande voller, viele kleine Warenboote schippern kreuz und quer durch die Stadt. Warenlieferungen, Getränke, Wäschesäcke, Obst- und Gemüsekisten, Eiskrem, Säcke voll Getreide, Mehl, Zucker, Fässer und Kisten voll Wein. Alles, was in der Stadt heute konsumiert wird, kommt am Morgen per Boot über die Kanäle. Straßen und Lastwagen gibt es nicht. Und an jeder Ecke stehen kräftige Jungs und tragen und hieven all die Waren entweder gleich ins Haus oder auf die Handkarren. Ohne Strassen und Lastwagen gibt es auch keine Gabelstapler. Aber einige Booten haben einen kleinen Kran drauf montiert, damit wenigstens das Abladen am Ufer einfacher geht.

Am Bahnhof mit der Linie 1 angekommen war es schon längst Frühstückszeit. Der Weg per Boot den Canal Grande entlang dauert doch recht lang. Also am Bahnhof umsteigen in die Linie 2, die bringt mich über den Hafen zu „meiner“ Insel und zur Jugendherberge. Am Hafen konnte ich sehen, wie all die Lastwagen und Lieferwagen am Quai standen und all die Waren auf die verschiedensten Boote umgeladen wurden. Dann haben sich die Boote auf den Weg durch die kleinen verwinkelten Kanäle gemacht. Ich aber bin zur Jugi und hab mir ein 3,50 € all-you-can-eat-Frühstück gegönnt. Naja, das war eher ein iss-soviel-du-willst-von-der-kleinen-Auswahl. Aber immerhin gab es Brötchen und Semmeln, Wurst und Käse, Cornflakes und Milch und Kaffee und Orangensaft.

Nach dem ausgiebigen Frühstück hab ich an der Jugi ausgecheckt, meinen Rucksack geschnappt und hab mich zum Bahnhof schippern lassen. Hier hab ich die heutigen Verbindungen nach Bibione und Lignano gecheckt und meinen Rucksack bei der Gepäckaufbewahrung abgegeben. Ohne Touristenverkleidung wollte ich mich dann durch die Kanäle Venedigs schippern lassen, aber das war voll inzwischen! An jedem Anlegesteg eine ziemlich lange Schlange, bestimmt jeweils zwei Schiffe voll, ich hätte bestimmt eine halbe Stunde gewartet, vom Bahnhof weg zu kommen. Und das trotzdem ich schon ein Ticket habe und gar nicht erst zur Kasse muss. Da hab ich mich wieder zu Fuß auf den Weg gemacht. Wieder ohne Stadtplan. Ich bekam das Gefühl, dass Rollkofferziehen ein beliebter Sport ist in der Stadt. Dabei sieht er schon so anstrengend aus, schließlich sind alle Brücken mit Stufen. Und ich hab das Gefühl, Rollkoffer werden deutlich schwerer bepackt als früher. Damals müsste man seinen Koffer noch selber tragen können. Diese Bequemlichkeit wird an den Treppen so manchem zum Verhängnis.

 

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