St. Imier Sonceboz-Sombeval

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Deutlich früher als gestern breche ich in diesen klaren, frischen (kalten), sonnigen Herbsttag auf. Keine Wolke am Himmel, heute wird einer der schönen Herbsttage, die ich schon fast vermisst (oder verpasst) habe. Im Mittelland, bei den Zwischenhalten in Lyss und Biel war es zwar nebelig, aber ich will ja auch in den Jura. Dort angekommen, also in St. Imier ausgestiegen, war die Sonne schon fleißig dran, den letzten Nebel zu vertreiben.

Ich wollte den Mont Soleil hinauf, natürlich zu Fuß, auch wenn ich gestern gesehen habe, wo die Bahn hinauffahren würde. Aber mein Weg führt mich mehr ostwärts, um diesen Krater an der Kante des Mont Soleil herum. Dieser Krater ist keine geplatzte Gesteinsblase wie Creux du Van oder am Chapeau de Napoleon, sondern kommt von einem Meteoriteneinschlag. Leider kann man diesen Krater von unten nicht sehen, er ist zu sehr bewaldet als dass man einen großen umfassenden Blick drauf werden könnte. Vielleicht noch von der anderen Talseite. Aber nachdem ich ja Zugriff auf Satellitenbilder habe 😉 hab ich ihn mit gestern schon angeschaut.

Und so mir auch den Weg ausgesucht, der ziemlich senkrecht am Krater vorbei den Mt. Soleil hinaufführt. Bzw. ich bin mir nicht ganz sicher, ob das wirklich noch der Mt. Soleil ist, er ist weiter links angeschrieben, während etwas weiter rechts der Mt. Crosin angeschrieben steht. Der Weg führt durch Buchenmischwald, leider immer noch recht feucht und ohne rascheln.

Zick und Zack in Kehren nach oben und überall wo ich hinschaue, entdecke ich Pilze. Kleine weiße und größere braune, direkt am Boden und welche an den Stämmen, gelbe Schwammerln und sogar einen von der Sorte, die ich ganz eindeutig zuordnen kann: einen Fliegenpilz.

Einige sind angebissen, ich kann sogar noch die Zahnreihen entdecken, einige sind herausgerissen und viele sind wahrscheinlich schon geerntet. Aber ich lasse die Finger davon, keine Ahnung von Pilzen. Ich glaub, Champignons würde ich noch erkennen, wenn ich auf der Champignon-Farm im Belpmoos bin…

Schnaufend und schwitzend ob dem steilen Aufstieg kam ich aus dem Wald heraus und stand auf freiem Feld. Hier oben weht ein zügiger kalter Wind. Der vertreibt allerdings auch die Wolken und lässt die Sonne scheinen.

Kurz vor der Kreuzung sehe ich eine Wandergruppe in die selbe Richtung ziehen, in die ich auch weiter will. Zehn Leute etwa, als ich hinauf kam, gingen sie alle hintereinander und von unten kommend hab ich nur ihre Silhouetten gegen den blauen Himmel gesehen. Ich wollte ihnen Vorsprung lassen und mich auch erstmal an das neue Wetter anpassen. Faserpelz wieder angezogen, Mütze und Handschuhe waren bei dem Wind auch nötig.

Und zum Verschnaufen hab ich mir die Informationstafeln durchgelesen. Hier oben wird mit Windrädern Strom gemacht. Die Tafeln erklären mir, dass ein Windrad mit 690 Volt Strom generiert, der noch im Rad auf 16000 Volt hochtransformiert wird. Das macht die Übertragung auf den „langen Leitungen“ in die umliegenden Dörfer leichter (bzw. es geht bei dieser hohen Spannung weniger verloren). Ein Windrad kann etwa den Bedarf von 1200 Haushalten decken, allerdings nur, wenn Wind weht. Deswegen sind wir immer noch auf die „Band-Energie“ der Fluss- und Atomkraftwerke angewiesen. Und die Schweiz muss noch mehr Strom importieren, als sie exportiert. Interessant, diese Schilder durchzulesen, zumal ich in deren Windschatten stehe.

Als ich weiter will, merke ich erstmal, wie kalt der Wind doch ist, gut dass ich Mütze und Handschuhe mitgenommen habe. Doch das trübt meine Stimmung gar nicht und ich ziehe fröhlich vor mich hinpfeifend weiter. Ich entscheide mich, doch nicht der Wandergruppe zu folgen, sondern gehe den kleinen Bogen oben über den „Berg“, in der Sonne, den meist blauen Himmel über mir und ich komme an ein paar Windrädern vorbei.

Boa, ganz schon hoch, wenn man davor steht. Und sie machen Geräusche. Zum einen hört man das Getriebe, ein gleichmäßiges „Kauen“ der Zahnräder, was aber nur direkt unter dem Windrad zu hören ist. Die drei Flügel sind 45m lang und die Spitzen der Flügel zischen ganz schön schnell durch die Luft. Das kann man auch hören, jedesmal, wenn sich eine Spitze auf mich zubewegt, höre ich, wie sie sich durch die Luft schneidet.

Ich hab mal versucht, einer Spitze mit den Blicken zu folgen. Gut, dass die rot angemalt sind. Nach vier Umdrehungen des Windrades war mir schwindelig 😉 Hinter dem Windrad hab ich ständig gemeint, dass ein Flugzeug über mich hinweg fliegt. Nicht sonderlich laut, etwa wie ein normales Flugzeug, wenn es am Himmel vorbei zieht, aber irgendwie der selbe Klang. Und nur hinter dem Windrad. Keine Ahnung, wie das zustande kommt… Insgesamt sind alle Geräusche aber recht gleichmäßig, daran könnte man sich gewöhnen. Wenn ich mir überlege, welchem täglichen Lärmpegel wird uns in unseren Städten ständig aussetzen, kann ich nicht ganz nachvollziehen, wie sich die Menschen beschweren. Wenn man allerdings die Weite und die Ruhe des Jura gewohnt ist, dann fallen die Geräusche natürlich auf.

Durch den Wald ging es weiter und nach ein paar Schritten waren die Windräder nicht mehr zu hören. Sie haben nicht wirklich meinen Spaziergang gestört. Eher noch das Stück Strasse, welches ich in einer unübersichtlichen Kurve kreuzen musste. Hier hab ich auch die Wandergruppe getroffen, ein kurzer Smalltalk, Schönen Tag und Bonne Journée gewünscht und ich bin in den nächsten Wald eingetaucht.

Dahinter Wiesen, Kühe, ein Zaun, wieder Wiese, noch ein Zaun, wieder Kühe, Wiese. Jura halt, hier ändert sich die Landschaft nich viel. Ein Schild besagt, dass man selber Schuld ist, wenn man Streit mit den Kühen anfängt: „Für Zwischenfälle mit dem Vieh wird jede Haftung abgelehnt“. Aber das sind Schisser-Kühe hier, die trauen sich nichtmal streicheln zu lassen. Die rennen eher noch weg.

Doch mehr und mehr machen die Wolken wieder zu. Aus dem blauen Himmel wird eine bleigraue Wolkendecke, es wird unangenehm, subtil kühl, so ein Herbstnachmittag, der scheinbar alle Geräusche einlullt. Keinen Vogel höre ich, kein Muhen oder Wiehern, nur meine Schritte. Entweder knirschend auf Kies oder schmatzend in den nassen Wiesen.

Dann ein Grummeln. Nein, das war kein Gewitter, mein Bauch hat Hunger. So suche ich mir einen Baum zum Rasten und packe gegen diese nachmittägliche Tristesse einen bunten Salat aus. Rote Tomaten, gelber Mais, grüner und lila Salat. Und dazu eine leckere Brezel mit Kürbiskernen. Lecker, aber kalte Küche, Aufwärmen tut mich das nicht. Und dabei hab ich das verschwitzte T-Shirt schon durch ein trockenes ersetzt und den Faserpelz mit einem Windstopper erweitert. Aber kühl ist es dennoch. Dummerweise ist bei dem feuchten Wetter kein trockenes Holz zu finden, so spare ich mir das Feuer für ein warmes Getränk. Ich brech lieber schnell wieder auf, dass ich durch die Bewegung wieder warm bekomme. Also Rucksack wieder gepackt, auf den Rücken geschwungen und weiter gezogen.

Doch da wollte mich das Wetter noch etwas necken. Kaum trat ich unter dem Baum hervor, kamen ein paar Tropfen gefallen. Hmm. Regensachen anziehen? Besser ist das, mit regennassen Kleidern hab ich noch schneller kalt. Also unter den nächsten Baum zum Umziehen, in der Zwischenzeit hat's schon wieder aufgehört. Ok, dann so weiter, auf den Wanderweg und los. Noch zwei Stunden bis zu meinem Ziel. Dann fing es wieder zu regnen an. Also doch… Nächsten Baum, Regenhose aus dem Rucksack gekramt. Meine Schuhe waren voller Matsch und Erde, die wollte ich nicht gerade das ganze Bein der Regenhose entlang verteilen. Also den Reißverschluss ganz auf, vorsichtig, auf einem Bein balancierend, den schweren Wanderschuh durch das Loch der Regenhose gezirkelt. Geklappt, Reißverschluss wieder zu und anderes Bein. Etwas Balance, die Regenhose ausrichten, Reissverschlüsse und Klettbänder zu machen. Regenjacke hatte ich ja schon als Windstopper an, noch den Hut montieren und fertig. Und als ich unter dem Baum wieder hervorkam, hat es gar nicht mehr geregnet. Hab ich da ein breites Grinsen in den Wolken gesehen? Egal, jetzt behalte ich die Sachen an…

Nach einer Viertelstunde ist mir die Regenklamotte zu warm geworden, ich hab sie wieder ausgezogen und seitlich an den Rucksack geschnallt. Dann kam ich an einem Pensionsstall vorbei. Hier dürfen Pferde in der Gruppe ihren Lebensabend genießen und es waren auch erstaunlich viele Pferde auf ein und derselben Koppel. Ich hab bisher immer gelernt, dass man gut aufpassen muss, wer mit wem auf die Koppel darf, sind gibt's Streit. Nicht so hier. Friedlich haben sie alle gegrast.

Viel über Asphalt ging der Weg dann durch die Juralandschaft der Ortschaft Tavannes entgegen. Ich bin an neugierigen Kühen vorbeigekommen,

an bemalten Wassertanks und die bleigraue Wolkendecke hat eine Ruhe ausgestrahlt, die mir fast ein bisschen gefallen hat.

Das war ganz und gar keine Stimmung um draußen zu übernachten. Wenn man nicht weiß, dass man an einen warmen Ort heimkommen kann, dann friert's einen schon am Nachmittag. Herbstnachmittag. Grau, dunkel, kalt. Ich hatte bald keine Lust mehr zu laufen und hab mich statt für Tavannes für Sonceboz entschieden.

Zwischen diesen beiden Orten liegt ein Pass, der schon von den Römern verkehrsgängig gemacht wurde. Aber den kann ich auch morgen anschauen. Für heute spare ich mir sicher zwei Stunden laufen. Zumal es eh schon fast sechs Uhr ist und um sieben wird's dunkel. Also bin ich wieder rechts hinunter in das Tal, welchem ich den ganzen Tag oben gefolgt hin, das Tal, in dem St. Imier und unter mir auch Sonceboz-Sombeval liegt.

Gerade den Zug verpasst konnte ich noch zwanzig Minuten meine Füße lüften, bevor es wieder nach Hause ging.

 

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