Sonceboz-Sombeval Bellelay

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Heut hab ich wieder geschafft, früh aufzustehen und ich war sogar halbwegs ausgeschlafen. Also konnte ich noch vor der Dämmerung aufbrechen und bin im Tram doch gleich in den morgendlichen Berufsverkehr gekommen. Mit meinem Rucksack war ich irgendwie überall im Weg… Aber es waren ja nur 10 Minuten, dann noch das Getümmel im Bahnhof, dann saß ich im Zug nach Biel.

Sonceboz ist kalt. Nach den 21.8° im Zug nur 4° beim Aussteigen. Das Dorf liegt immer noch im Schatten, und das auch noch um neun Uhr. Also Mütze und Handschuhe montieren und los geht's. Im Bogen die Strasse entlang durch das Dorf, bis ich den Wanderweg treffe, der mich parallel der im Berg vergrabenen Autobahn in Richtung Tagannes bringen soll.

Hier laufe ich auf der Römer's Spuren, diese Verbindung wurde damals schon rege genutzt und verband das Territorium der Helvetier und das der Rauren. Also die Verbindung zwischen Aventicum (heute Avenches), die Hauptstadt der Helvetier, und Augustinum Raurica, etwas östlich dem heutigen Basel. Mal sehen, ob ich diese Verbindung auf der Peutinger-Karte wieder finde. Doch erstmal geht es bergan durch den feucht-nassen kühlen Wald.

Gut aufgewärmt kam ich dann auf den unscheinbaren Col de Pierre Pertuis. Gut dass hier ein Schild steht, sonst hätte ich den Pass gar noch erkannt. Ok, zugegeben, die Steigung hört auf. Aber ich musste für ein Stück auf die Strasse wechseln, das hat doch einen Großteil meiner Aufmerksamkeit erfordert. Der Name des Passes kommt auch schon aus dem lateinischen, laut Wikipedia kommt er von „petra pertusa“, einem natürlichen Felstunnel, der später ausgeweitet wurde.

An diesen Durchgang bin ich auch bald hingekommen. Sogar die römische Inschrift war zu erkennen, zur besseren Lesbarkeit allerdings rot nachgemalt. Daneben hing ein Schild mit der Übersetzung, diese allerdings nur auf Französisch.

Hier stehen auch Informationstafeln über die Römer und ihre Strassen, über die verschiedenen Provinzen, dies dieser Pass hier verband. Und eine Abhandlung darüber, wie dieser natürliche Bogen entstanden sein mag. Auch nur auf Französisch.

Wenn ich das aber richtig überflogen habe und ein wenig die geologischen Eigenheiten des Jura kenne, entstand der Bogen durch Aufwölbung mehrerer Gesteinsschichten (s.a. Antiklinale), deren unteren, weicheren Schichten wegerodiert sind.

Gleich hinter dem Durchgang wurde es laut. Ich war in Tavannes, die Stadt, die hier liegt. Autos fuhren, die Brückenschwellen hat man zwei Mal pro Auto gehört, es brummt eine Industrielüftung, Lastwagen ziehen vorbei. Ganz schön laut, dafür, dass auf der anderen Seite des Durchgangs friedlich Stiller Wald war. Aber damit muss ich jetzt klar kommen, ich will nämlich durch Tavannes hindurch und in Reconvilier links abbiegen.

Unter der Autobahn, fast dort, wo auch der Zug aus dem Berg kommt, hab ich dann die eingefasste Quelle der Birs gesehen. Laut den Erklärungstafeln wird hier das Wasser von unten an die Oberfläche gedrückt und fließt dann als Fluss weiter. Und wenn ich dem Rauschen so zuhöre, dann ist das eine ganze Menge Wasser, welches hier aus den Felsen kommt.

Durch die Stadt war es etwas laut und hektisch, ich ging immer der Hauptstraße nach, das war am einfachsten zu navigieren. Lastwagen, Lieferwagen, der ganze wochentägliche Berufsverkehr war unterwegs.

In Reconvilier ging es dann endlich links hinauf zu der Kirche. Hier war ich schonmal. Fünf Jahre und eine Woche ist es her. Ganz schön lange. Ich überlege mir, ob ich diesen Ausflug damals auch schon mit dem iPhone aufgezeichnet habe. Ich glaube nicht. Wobei das erste iPhone damals schon raus war. Aber stimmt, die erste Version gabs ja gar nicht in der Schweiz. Also wohl nicht. Ich möchte heute auf den Spuren unserer damaligen Tour wandeln, mal sehen, ob ich den Verlauf noch aus dem Kopf hinbekomme, ob ich mich an die verschiedenen Stellen erinnern kann?

Erstmal eine kleine Rast an der Kirche. Hier steht ein Kriegerdenkmal für die Gefallenen des Ersten Weltkriegs. Nehme ich mal an, denn es sind die Jahreszahlen 1914 und 1919 genannt. „Aux Morts pour le droit“. Das verstehe ich nicht. Droit heißt rechts. So wie links „gauge“ heißt. Ich finde keine andere Übersetzung. Die Berge, die ich gestern entlang gegangen bin, sind die Montagnes de Droit. Die Rechts-Berge? Ich finde auf der Karte allerdings auch keine Montagnes de Gauge… Egal. Weiter geht's. Jetzt wieder über Wiesen und Felder, den bunten Herbstbäumen entgegen.

Der Wind kommt auf, zwischendrin tobt er mal durch die Bäume, sieht fast so aus, als wollten sie eine Laola-Welle machen. Es rauscht auch ziemlich laut im Laub, das fühlt sich ganz so an, als wenn der erste Herbststurm bestellt wurde, um die Blätter von den Bäumen zu wehen. Zehn Meter neben mir fällt krachend ein alter Ast zu Boden, trifft auf einen anderen Ast, schleudert herum, überschlägt sich und landet dumpf auf dem weichen Waldboden. Aber heute ist es wärmer, es ist nicht dieser kalte, schneidende Wind von gestern, sondern ein warmer, böiger Wind, der irgendwie mehr Wucht hat, hab ich das Gefühl.

Dann komme ich zum ersten Punkt, den ich wieder erkenne. Die Feuerstelle, wo wir am ersten Tag Mittag gemacht haben. Der spillerige Busch steht immernoch, an dem wir – etwas naiv – versucht haben, das Pferd anzubinden. Doch heute mag ich noch nicht Mittag machen, ich laufe noch ein Stück weiter.

Nach dem Wald kam dann das idyllische Tälchen mit dem einzelnen Baum drin. Allerdings fand ich das heute nicht so idyllisch, denn heute weiß ich, dass es von einer recht intensiv genutzten Strasse gesäumt wird. Und diese Strasse muss/will ich heute auch wieder hinauf. Gut, heute bin ich nur ich und hab nicht noch ein schreckhaftes Pferd nebst Planwagen an der Hand. Es ist warm, ich könnte ohne Fleecepulli laufen. Aber verschwitzt hab ich mich das im Tal nicht getraut, aber wenn ich jetzt den Aufstieg hier so sehe…

Der Aufstieg auf der Strasse war gar nicht so schlimm, wie ich ihn in Erinnerung hatte. Auf halbem Hang, in Le Fuet, bog der Wanderweg dann wieder von der Strasse ab und ging in einem lang gezogenen aber gemütlichen Weg den Rest hinauf auf den nächsten Hügelzug des Jura.

Die Sonne schien, es war gemütlich warm, ich konnte locker nur im T-Shirt spazieren. Eine um die andere Stelle erkannte ich wieder, das Verbotsschild für motorisierte Fahrzeuge, dessen Nicht-Beachtung Strafen von 1.- bis zu 40.- Franken nach sich ziehen kann 😉

An der Stelle, als wir bei bitterkaltem Wetter gelernt hatten, dass man nicht einfach eine Dose Ravioli aufs Feuer stellen sollte (auch wenn man den Deckel abmacht), bog der Weg in die Zielgerade dieses Hangs ein. Hier raschelte sogar das Buchenlaub auf dem Boden, was ich natürlich gleich, wie ein Kind, ausgenutzt hab.

Oben angekommen, die Hütte La Rocaille steht immernoch, fand ich eine Bank mit Aussicht über die Wälder und Hügel der Umgebung, sogar bis zum Chasseral konnte ich schauen. Hier hab ich Pause und Brotzeit gemacht.

Nachdem ich die Gabel zu Hause vergessen hatte, hab ich mir heute ein belegtes Chiabatta gekauft.

Mit Schinken, Gurkenscheiben, Salat, Sojasprossen, Paprikastreifen und einem leckeren Kräuter-Knoblauch-Pesto. Dazu hatte ich ein isotonisches Getränk aus dem Hause Feldschlösschen 😉 Das hab ich schon zweimal zu Hause, draußen am Küchenfenster (ich hab ja keinen Kühlschrank an), erfrieren lassen, eine dritte Nacht wollte ich ihm das nicht antun. Deswegen hab ich's heute früh in den Rucksack gepackt.

Bei der Pause war es so kühl, dass meine nackten Füße zurück in den Schuhen richtig warm hatten. Beschwingt bin ich weiter gezogen, an den anderen Häusern vorbei, die sich hier in der Pampa aufreihen. Bauarbeiten waren im Gange, eine Mauer wurde repariert. Ich glaube, die Anwesen werden winterfertig gemacht.

Hinunter zur Strasse, doch nicht dem Wanderweg folgen, nein, heute gehe ich meinen eigenen Weg nach Erinnerung. Rechts durch den nächsten Weiler, bergauf, scharfe Linkskurve. Hier wurde ich von zwei Hamstern in ihren Käfigen überholt. Ich hab die zwei Frauen schon weit hinter mir reden gehört, in der Kurve hab ich mich umgeblickt und die beiden auf ihren Mountainbikes gesehen. Ich bin auf der Seite der Strasse gelaufen, wollte ihnen Platz machen. Doch als ich gewartet hab, sie kamen und kamen einfach nicht, hat mich zwischendrin noch ein Auto überholt. Ich wusste gar nicht, dass man so langsam Fahrrad fahren kann. Als sie dann an der scharfen Linkskurve bei mir waren, haben sie gestrampelt wie wild. Ganz schön klein, der kleinste Gang. Und erzählt und erzählt haben sie, ich hab sie noch eine ganze Weile lang gehört.

Durch Modon hindurch, durch den Wald dahinter und wieder herunter nach Bellelay. An der großen Koppel, wo wir mal dachten, unser Pferd lahmt, waren sechs Pferde ziemlich aktiv. Zu dritt sind sie hintereinander her galoppiert, haben versucht, sich in Mähne und Schweif zu beißen, haben Haken geschlagen und nach hinten ausgetreten, haben überholen lassen, die Köpfe zusammengesteckt, sind auf die Hinterläufe gestanden, um dann wieder im gestreckten Galopp weg zu speeden. Schon schön, wenn Pferde so eine große Koppel haben. Ich hab ihnen fast eine Viertelstunde beim Spielen zugeschaut, bevor ich weiter zum Kloster Bellelay vor gelaufen bin.

Ein Blick auf die Uhr, schaffe ich zeitlich noch eine Hügelkette zu überqueren? Huch, schon viertel nach drei. Und ich bin tief im Jura, da geht die Heimreise etwas länger. Und ich will heute mal früher daheim sein, mal wieder mit Markus telefonieren. Also öffentliche Verbindungen gecheckt, jep, in ein paar Minuten fährt der nächste Bus. Nach Geneves. Dann weiter nach Tramelan. Umsteigen nach Tavannes, dann umsteigen in Sonceboz-Sombeval, nochmal in Biel umsteigen und dann nach Bern. Halb sechs sollte ich daheim sein, wenn ich alle Umsteigungen richtig auf die Reihe krieg 😉

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3 responses to this post.

  1. Posted by Alex on 19. Oktober 2012 at 08:43

    “Aux Morts pour le droit“ Den Toten welche für das Recht gestorben sind. so ungef’hr ist die Übersetzung. war letztens auch in der Gegend, habe aber einen anderen Teil unseres Abenteuers wiederentdeckt 😊
    Hast du noch vor weitere Etaben zu erkunden? Wünsche Dir auf jeden Fall viel Vergnügen, geniess den schönen Herbst! lg ALex

    Antworten

    • Hey, Alex, Danke für Deinen Kommentar und die Übersetzung.
      ja, nachdem ich mir jetzt mehr von der Gegend vorstellen kann, wo welcher Ort liegt, wie sich die Täler entlangziehen und so, werde ich den Jura sicher noch weiter erwandern. Der mystische Morgennebel im Jura hat’s mir halt angetan. Aber zum Übernachten in der Hängematte ist es einfach schon zu kalt 😉
      LG Frank

      Antworten

  2. Posted by Alex on 19. Oktober 2012 at 09:38

    Ja an den Morgennebel wenn man kaum das nächste Haus sieht kann ich mich gut erinnern😃 und dass es Nachts kalt wird weiss ich auch lg

    Antworten

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