Schlüsselabgabe und Wetterabwarten

Die Schweizerfahnen flattern im Wind, das goldene Kreuz auf dem Bundeshaus glänzt in der Sonne, einzelne weiße Wolken ziehen am blauen Himmel über die Bundesstadt hinweg. Ich sitze im Pavillon auf der kleinen Schanze und lasse mich von der Mittagssonne wärmen. Mein Blick streift über die Stadt, das Bundeshaus, das Münster, die Kirchenfeldbrücke, weiter über den Ostermundigenberg und über die verschneiten Berge im Hintergrund, den Belpberg und den Gurten. Auch er hat noch Schnee. Das Wetter wird langsam besser, jeden Tag ein wenig wärmer. Aber trotzdem hat es heute früh noch geschneit.

Den Vormittag habe ich bei einem Kaffe und einem guten Gespräch bei meinem Vermieter verbracht. Hab bei der Gelegenheit die Wohnungsschlüssel abgegeben. Jetzt bin ich frei. Arbeits-frei und Obdach-frei. Frei-willig. Frank und Frei. Der Wind frischt auf, er ist doch noch kühl. Ich kann mich noch nicht entschließen, los zu ziehen. Bern hält mich noch fest. „Meine“ Stadt. Hier habe ich fast neun Jahre gelebt. So lange wie noch nirgends sonst. Neun Jahre. Schöne Jahre. Ereignisreiche Jahre. Eine schöne Zeit. Ich will sie nicht missen. Krähen krähen in den kahlen Bäumen, die ersten Blumen sprießen aus dem Boden und kündigen den nahenden Frühling an. Eine Wolke schiebt sich vor die Sonne, der Wind frischt auf. Es ist doch noch kühl…

Mein Hab und Gut steht im Rucksack verpackt neben mir. 19 Kilo hab ich heute Früh bei Jahn gemessen. Ungewohnt noch das Tragen, noch fühlt es sich schwer an.

Ich ziehe mein iPad aus dem Rucksack, stöbere durch günstige und interessante Herbergen auf meiner ersten Etappe. Nach einigem Suchen finde ich etwas, was mir zusagt, aber ich beschließe, doch erst morgen zu starten. Jahn hat mir angeboten, noch eine Nacht bei ihm zu übernachten. Ich glaube, ich werde ich nachher mal anrufen und ihn nochmal um Herberge zu bitten.

Der kleine Rucksack mit den Büchern ist immer noch vorne auf dem grossen Rucksack aufgeschnallt. Den will ich noch los werden. Ich packe die kleinen Bücher von meinem Vermieter in den Deckel des großen Rucksacks. Aber zwei Bücher bleiben übrig, sie passen dort nicht rein. Das sind nicht meine Bücher, ich will sie noch zurückgeben, damit sie wieder dort sind, wo sie hingehören. Aber dazu muss ich meine erste Etappe anfangen, dazu muss ich loslaufen, aufbrechen in die Ferne.

Beim Verstauen der kleinen Bücher bleibt mir eines in den Fingern. Ich hatte vor ein paar Tagen schon ganz neugierig angefangen, darin zu lesen. Jetzt suche ich die Stelle, bei der ich war und vertiefte mich in die Geschichte. Sie spielt im warmen Andalusien, in Tarifa, auf der Burg der Mauren. Die kenne ich, dort war ich auch schon mal. Und die Geschichte führt weiter ins afrikanische Tanger, gegenüber von Tarifa, dort, wo die Wüste anfängt und wo die Kamele sind. Aber trotzdem wird mir kalt. Ich sitze zwar in der Sonne, aber hier ist nicht Tanger, hier ist Bern. Und der Frühling ist wirklich noch sehr jung. Meine Hände frieren, nach einigen Kapiteln kann ich kaum noch das Buch halten.

Als ich wieder losgezogen bin, hab ich gemerkt, dass die Hülle von meinem Schlafsack einen Riss hat. So kann ich ja nicht losziehen, also hab ich einen Abstecher zum Transa gemacht. Sie haben mir die Hülle ohne Probleme ersetzt und nachdem sie doch etwas klein für meinen Schlafsack ist, hab ich grad eine Nummer größer bekommen. Sehr guter Service! Nach dem kleinen Ausflug war mir auch wieder warm und ich konnte das Panorama wieder genießen, welches sich inzwischen ergeben hat: die Wolken in den Bergen haben sich verzogen und geben den Blick frei auf die verschneiten weißen Berge Eiger, Mönch und Jungfrau. Was ein Anblick, wie mächtig und schön sie aussehen, selbst von Bern aus.

Und nochmal habe ich mich in mein Buch vertieft, inzwischen reitet der Protagonist auf einem Kamel durch die Sahara. Die Nachmittagssonne wärmt mir den Rücken. Und jedesmal, als ich aufgeschaut habe, hatte ich das Alpenpanorama vor mir. Wüste im Buch, verschneite Berge vor mir. Als die Karavane in der Oase angekommen war, verschwand die Sonne hinter den stadtberner Häusern. Zu frisch, um untätig herum zu sitzen. Also hab ich meine 19 Kilo geschultert (naja… mehr gehüftet), bin noch Kommisionen machen gegangen und hab mich zu meiner heutigen Herberge begeben.

Wenn ich mit meinem Rucksack herumlaufe, hab ich zumindest tagsüber genug warm. Aber am Nachmittag und Abend, wenn ich zur Ruhe komme, wird es doch recht kalt. Ich glaube, morgen mach ich mich zwar auf den Weg, aber ich steuere eine Herberge an. Die hab ich mir schon ausgesucht. Die morgige Tagesetappe ist also schon geplant. Danach werde ich weiter sehen.

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One response to this post.

  1. einen guten Start ins neue Leben. Ein Leben nur noch im hier & jetzt!

    Danke, dass wir ,mitreisen‘ dürfen

    Antworten

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