Kiesen Thun

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In der Nacht hat es geregnet. Doch ich habe ein großes Dach und so konnte ich beruhigt schlafen. Der Wind hatte sich gelegt, der Regen kam also direkt von oben. Der Schlafsack war gerade so warm genug, ich glaube aber, ich zieh beim nächsten Mal besser die lange Unterwäsche an. Meine Klamotten,

die trocken im Packsack an der Leine hingen, hab ich die letzte Stunde vor dem Aufstehen in den Schlafsack genommen. Die sind trocken und warm 🙂 Faserpelz und Regenjacke drüber, Handschuhe und Mütze an. Es ist kalt da draußen, außerhalb des warmen Schlafsacks. Mein Frühstück bestand aus einem halben Liter abgekochtem Flusswasser. Ich hab seit Tagen vergessen, Tee zu kaufen. Aber heute komme ich ja nach Thun. Beim Frühstück kam der Regen wieder. Und es war so kalt, dass er bald in Schnee übergegangen ist. Im Schutze meines Daches hab ich meinen Rucksack gepackt und danach das Dach und den Poncho nass einpacken müssen. Kaum war ich fertig, hat der Regen auch schon wieder aufgehört.

Als ich aufgebrochen bin, kamen sogar schon die ersten blauen Stellen zwischen den Wolken durch. Das Wetter bessert sich. Weiter den Auenwald der Aare entlang. Zwischendurch ist die Autobahn weggebogen und die Aare wurde ruhiger. Nur ein paar Vögel waren zu hören. Gestern sind mir viele Rotkehlchen aufgefallen… Die Sonne scheint, das Blau am Himmel hat Überhand gewonnen. Ich gehe ruhig vor mich hin. Ich geniesse es, dass der Tag so langsam und gemütlich anfängt.

Die Eisenbahnbrücke über die Aare war etwas eng. Man kann zwar unten drunter her, muss das aber gebückt machen. Und das mit meinem Rucksack! Auf allen Vieren bin ich gekrochen und trotzdem in den mächtigen Stahlstreben hängen geblieben. Und dann musste ich die 20 Kilo auf meinem Rücken wieder ganz in den aufrechten Gang stemmen. 🙂 Danach war mir warm. Die Sonne scheint und ich kann im Faserpelz wandern.

Nach der Eisenbahnbrücke ist es wieder laut geworden. Die Autobahn kommt teilweise ganz an den Wanderweg heran, nur durch einen Maschendrahtzaun getrennt. Die Aare rauscht auch wieder lauter. Ich ziehe mich in meine Gedanken zurück, überlege meine Möglichkeiten, was ich machen will (und was ich nicht machen will), plane den heutigen und die kommenden Tage. Mir sitzt ein Termin im Nacken. Zwar erst am Samstag, aber er beeinflusst jetzt schon die Möglichkeiten der nächsten Tage. In denke hin und ich denke her, hab eine Lösung, eine neue Idee. Die wird etwas ausgebaut, verändert, mit der vorigen Lösung verglichen, bewertet, verworfen.

Aber alles hin und her überlegen bringt ja doch nichts. Ich tu ja trotzdem, was ich will. 🙂

An der letzten Grillstelle vor der Stadt mache ich nochmal Rast. Dort, wo die Zulg in die Aare fließt und der Weg vom Fluss weg in asphaltiertes und bebautes Gebiet führt. Danke, Aare, es war entspannend, neben Dir zu laufen. Und zu schlafen. Das war ein schönes „Langsamwerden“ als Auftakt. Auf dem Weg zu meinem Weg.

„Ich tu ja doch, was ich will“. Aber mit dem Wollen ist das so eine Sache. Frei nach Schopenhauer kann der Mensch zwar tun, was er will, aber er kann nicht wollen, was er will. Und so konnte ich nicht anders, als zu meinem Lieblingsdönerstand zu wollen.

Er kam mir plötzlich in den Sinn, dieser verführerische, leuchtend gelbe Dönerstand, der schon seit Jahren in der Einfallstrasse von Thun steht. Letztes Jahr war ich schonmal hier und hatte mit Freuden festgestellt, dass er nach all den Jahren immernoch existiert. Also konnte ich nicht anders, als dorthin zu wollen. Und nachdem ich tue, was ich will… Zudem sollte man solche Essensentscheidungen nicht mit leerem Magen machen. Also weg von der Aare, auf den Asphalt, zur Einfallstraße vor und diese geduldig auf dem Trottoir hinein in die Stadt. Dass ich immer wieder diesen mühsamen Weg nach Thun hinein nehmen muss. Irgendwie hab ich die Strasse langsam mal gesehen. Der gelbe Dönerstand leuchtet förmlich neben der Brockenstube hervor. Knallgelb. Auch wenn inzwischen ein blauer Feldschlösschen-Pavillion davorsteht, leuchtet er noch gelb aus der Häuserreihe heraus. Hier hab ich mich zur Mittagspause niedergelassen. Ein Ayran, ein Dönerkebap im Taschenbrot und einen Gartenstuhl mit Blick auf die Strasse. Ich beobachte die bunten Autos, die hin und her fahren, schau mir die Fussgänger an, die vorbei laufen. Wenn ein Gast des Dönerstands mit dem Auto vorfährt, schiebt sich die Kühlerhaube des Autos immer näher an mich heran. Schön auf Augenhöhe. Aber diese Autos sind bald auch wieder weg, dann hab ich wieder den Blick auf die Strasse.

Nach dem sehr sättigenden Mittagsmahl, was durchaus ungeeignet ist, um ein Fasten zu brechen, hab ich mich auf die Suche nach einer Herberge gemacht. Ich hab die letzten Tage schonmal gestöbert und kannte die Standorte der günstigen Herbergen. Mit dieser imaginären Liste bin ich durch die Stadt gezogen und hab ein Zimmer gesucht. Und vom Dönerstand stadteinwärts kommt man recht schnell auf den Rathausplatz. Hier steht das Zunfthaus zu Metzgern, ein mächtiges, altes Gebäude in der Altstadt von Thun. Relativ günstig und voll nach meinem Geschmack, wo ich doch Altstädte so mag. Und es war ein Zimmer frei 🙂 Ich musste allerdings noch zu einem Geldautomaten, hab mir nochmal das Finanzdebakel mit meiner Bank angeschaut, konnte aber noch den letzten Hunderter rauslassen. Es wird Zeit, dass endlich der 21. wird, damit die Deutsche Bank endlich in der Lage ist, mir mein Geld vom Monatsanfang zu überweisen. Wobei ich den aktuellen Monat meine…

Ich hab mein Zimmer bezogen, „dreimal die Teppe hoch, Zimmer 6“. Klein, gemütlich, kein Schnickschnack, WC und Dusche auf dem Gang. Ich mach das Fenster auf und überblicke den kopfsteingepflasterten Rathausplatz und das Hotel Krone. Ein schmucker Altstadtrathausplatz.

Doch das Bett ruft. Die weiss gewaschene, ordentlich gefaltete Bettwäsche ist so ein Kontrast zu meinem Schlafsack in der Wildnis… Ich wollte nur kurz die Beine hochlegen. Rücken entspannen.

Als ich wieder aufgewacht bin, hab ich meine Uhr ganz erschrocken angeschaut. Ich hab jetzt vier Stunden geschlafen? Oh. Doch zu anstrengend? Hmm. Ich rappel mich auf, zieh meine Klamotten an und schlendere durch die Stadt.

Thun. Thun halt. Kenn ich doch. Die hölzernen Wehre sind immernoch schön, wo die rauschende und spritzige Aare aus dem Thuner See gelassen wird. Vor zum Spitz, zurück an den Schiffen vorbei, überlegte ich, was ich mit dem angebrochenen Abend anstellen sollte. Das Wetter war inzwischen zugezogen, die Sonne kam kaum noch durch die verschmierte Wolkendecke.

Es wurde kühl. Kühler, als es mir gestern vorgekommen ist. Aber ich glaube, beim Wandern hab ich auch sinnvollere Kleidung an, als wenn ich „nur durch die Stadt laufe“ und nachher unter eine warme Dusche kann. Ich schlendere durch die Altstadt, gehe beim coop noch einkaufen. Tee, Brot, Wurst, Käse und Obst. Damit ich meinen Proviantbeutel mal füllen kann. Im Zunfthaus hab ich dann erstmal was gegessen und vor allem: was getrunken. Ich trinke zur Zeit zu wenig. Mich erschrecken noch die zwei Kilo, die ich in meinem Wassersack zusätzlich herumtragen müsste. Aber wenigstens fülle ich meine Feldflasche auf.

Als es dunkel war, bin ich nochmal raus zwischen die Häuser, hab ein paar Nachtaufnahmen gemacht, hab mir die Altstadt fackelbeleuchtet vorgestellt, hab das Schloss hoch über mir bestaunt und bin durch die Gassen gestrolcht.

Eine Bank an der Aare ludt mich zum Verweilen ein und ich hab die tanzenden Lichtern auf dem Wasser beobachtet. Der Laden gegenüber ist noch voll beleuchtet, denke ich so, und als ich näher hingesehen hab, war sogar noch Kundenbetrieb. Für mich war schon Nachtzeit und für andere war noch Konsumzeit.

Dann kamen Burkart und Simon an meine Bank. Sie wollten mich besuchen. Sie wollten sich mit mir über Jesus und Gott unterhalten. 😀 Können wir machen. Und daraus ist dann ein interessantes Gespräch geworden, was mir neue Gedanken beschert hat. Burkart wollte mich vor der Apokalypse warnen und schlug auch gleich die Mitte der Offenbarung des Johannes auf. Ui. Harter Tobak. Er zog mir eine Information nach der andern aus der Nase und war dann ganz hin und weg, als er die letzte Konsequenz meines Tuns selber aussprach: Frank geht den Jakobsweg. Nach einigem Fachsimpeln über das Menschsein und seine Aufgaben, über das Pilgern und warum das mit Familie nicht geht, haben wir am Schluss des Gesprächs noch unsere Daten ausgetauscht damit wir in Kontakt bleiben können. Burkart hat noch für mich gebetet, dass mir nichts passiere auf meinem Weg und dass ich auf viele Erkenntnisse treffen möge.

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2 responses to this post.

  1. Posted by Matze on 21. März 2013 at 09:30

    Hört sich „kuschelig“ an, so aufzuwachen und aufstehen zu müssen. Da lob ich mir doch mein Daunenbett! 🙂

    Antworten

  2. Posted by Matze on 21. März 2013 at 09:33

    Aber!: Ich glaub der Frühlimng lässt sich nicht mehr lange aufhalten! Speziell an Deinen – nun für Dich mit neuem Hintergrund – kommenden Feiertagen (Ostern), sollte alles besser werden.
    Sonne, Wärme, viel Grün und generell erträglichers Klima – auch was die Leute betrifft.
    Jeder wird eher happier sein!

    Antworten

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