es schneit

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Nachts bin ich aufgewacht, weil es kühl wurde. Ein Blick auf die Uhr: zwei. Da hab ich ja ein ordentliches Stück schlafen können. Meine Taschenlampe hängt ein der gespannten Leine über mir. Ich mache Licht an, damit den Kocher und den Topf sehen kann. Ich koche mir nochmal einen halben Liter Wasser, das zur Wärmung in die Feldflasche kommt. Diese warme Flasche dann auf den Bauch gelegt und auf den Rücken, an die Pobacken und in die Kniekehlen und an die Füsse. Bald hatte ich wieder kuschelig warm in meinem Schlafsack. Aaach, so ein halber Liter kochendes Wasser ist echt viel wert. Der Regen knistert immer noch leise auf mein Dach. Doch ich achte kaum auf ihn, sondern schlafe bald wieder ein.

Als es schon hell war, bin ich wieder aufgewacht. Und bin gemütlich aufgestanden. Aber ich wollte nicht aus dem Schlafsack raus. Guck mal da, es hat geschneit! Rund um mich herum ist der Wald weiß geworden, nur mein Dach spannt eine 3×1,5 m grüne Oase auf. Und es ist wirklich kalt, da draußen, ohne Schlafsack. Von der Hängematte aus koche ich mir wieder Wasser, gieße meine Haferflocken auf, schnipsel ein paar getrocknete Mango hinein (great idea, Kat, many thanks). Und eine Tasse Tee. Und langsam ziehe ich mich an, bevor ich mich ans Lager abbauen mache.

Es schneit immernoch leicht, aber noch bevor ich das nächste Dorf Wattenwil erreiche, hab ich wieder so warm, dass ich meine Regenkleidung ausziehen kann. Ich suche mir einen Geldautomat und ein Café. Bei zwei Kaffee tippe ich meinen Blog aktuell, irgendwie geht mir das bei dieser Witterung und oft klammen Fingern etwas unter. Aber hier im Café 44 hat’s nur ein Strichlein Edge, da reicht meine Geduld nicht, um auch noch die Bilder hoch zu laden.

In der Kirche von Wattenwil gab’s dann meinen zweiten Stempel in meinen Pilgerpass. Die Kirche war offen, aber leer, aber im Windfang war ein Verzeichnis über Pilgerherbergen in der Nähe und ein Stempel ausgelegen. Mit Stempelkissen, ich hab mich selber bedient.

Dann ging’s wieder bergauf. Aus dem Gürbetal hinauf nach Burgistein und Riggisberg. Es erinnert mich ans Emmental: Nein, diese Hügel sind nicht wirklich hoch, da lohnen sich keine Serpentinen. Aber der Weg ist steil genug, dass ich ins Schwitzen komme. Zumal ich 20 kg Rucksack mittrage. Wobei der Rucksack heute angenehm zu tragen ist. So langsam gewöhne ich mich dran.

Das Wetter ist noch immer grau und nebelig, ich sehe keine Berge um mich herum, was die Orientierung etwas erschwert. Aber dafür kenne ich mich ja aus hier. Ich hab meine eigene Landkarte im Kopf und es reichen die paar wenigen Anhaltspunkte, um zu wissen, wo ich bin. Ansonsten spielt sich der Weg heute in meiner unmittelbaren Umgebung ab.

Endlich oben angekommen, hab ich kurz Rast gemacht. Rucksack abgestellt und die spärliche Aussicht betrachtet. An dem Baum fünf Schritte weiter hab ich dann den ersten „echten“ Jakobswegweiser gesehen. Blau mit einer (echten?) Muschel. Keine stilisierte Muschel rechts unten an der großen 4 dran, nein der erste dedizierte Wegweiser in Richtung Santiago de Compostela.

Grad als ich den Auslöser gedrückt hatte und das „Stilleben mit Rucksack und Wanderstab“ im Kasten war, just in diesem Moment meinte mein Rucksack umfallen zu müssen und kullerte den steilen, nassen Hang hinunter. Mehrere Überschläge hat er geschafft, bis er den Handschuh-Halter abgerissen hatte. Und er wollte weiter hinunter, kullerte also weiter, beschmierte sich ziemlich mit Erde und blieb in steiler Tiefe auf dem Feld liegen. Ich hinterher, über den Elektrozaun, das steile, nasse, matschige, saftig schmatzende Feld hinunter. Drei Beine sind manchmal nicht genug, doch für besseren Halt sank ich knöcheltief in die nasse Erde und mit ihr ein paar Meter den Hang hinunter. Bis ich ihn packen konnte, meinen Rucksack, wie er so dalag, kopfüber und verschmiert mit Erde und nass. Ich zog und zerrte, hievte mir die schmierigen 20kg auf den Rücken und aus knöcheltief wurde waden-tief. Und mit der nassen Erde auch den Hang hinunter. Es war anstrengend, den Rucksack aus dieser misslichen Situation zu retten, aber ich habe es geschafft. Und ich war froh, dass der Rucksack seine Regenhülle anhat. So ist er nur auf der Körperseite voller Erde. Gut, dass ich eine extra Kappe am Trinkventil habe…

Der Weg wurde weniger steil, auch wenn ich mich fast schon im hügeligen Schwarzenburger Land befinde. Es schneit den ganzen Tag schon. Nicht, dass was liegen bleiben würde, aber es tanzen die ganze Zeit Schneeflocken in der Luft herum. Ich hab meinen Regenhut auf, seine breite Krempe verhindert sie Sicht nach oben. Was aber auch nicht stört, denn der Nebel hängt tief zwischen den Hügeln, ich kann eh kaum weiter als bis zum nächsten Dorf schauen.

Mein Wahrnehmungsradius beschränkt sich zwischendrin auf den Halbkreis mir zwei Metern Radius vor mir. Nur der Weg und ich. Und meine Gedanken in mir drin. Wenn der äußere Wahrnehmungsradius kleiner wird, bin ich in meinen Gedanken versunken. Mein Onkel hat grad angerufen wegen Ostern und Familien Party schmeißen, meine Gedanken drehen sich um nächstes Wochenende. Ganze Family wird sich Ostern treffen. Ich freu mich schon drauf. 😀

In Riggisberg bin ich kurz im coop einkaufen gewesen. Etwas Gemüse, Wurst und Käse. Ich steig noch auf den Kirchberg hinauf und setze mich in die Kirche. Wie ruhig es hier ist. Keine Schneeflocken, die leise auf meinem Hut landen. Kein Wanderstab, der mit seinem individuellen Klang neben mir her geht. Kein Rauschen von Autoreifen auf nassem Asphalt. Nur Ruhe. Ich kann das Blut in meinen Ohren rauschen hören.

Da stand ich also gegen drei Uhr an der Kirche von Riggisberg. Und es schneit immer noch. Der Nebel liegt beharrlich zwischen den Bergen. Ich kann nicht einmal den Hügel gegenüber erkennen. Ich rufe Mai-Britt an, vielleicht kann ich mich auf einen Kaffee einladen. Aber sie weilt gerade in Dänemark und genießt die Sonne. Also halt, genieße ich den Schnee in Riggisberg.

Der Wanderwegweiser zeigt die steile Treppe wieder den Kirchberg hinunter. Unten angekommen, zeigt der Wegweise wieder nach oben. Hä? Also nochmal die steile Treppe den Kirchberg hinauf. Auf die Karte schauen ging grad nicht, kein Empfang an diesem Hang. Nach etwas Suchen hab ich gesehen, dass der Wanderweg oben rechts hinten weitergeht.

Rüeggisberg eine Stunde. Also weiter den Hügel hinauf. Doch je höher ich steige, desto weniger kann ich sehen. Der Nebel ist überall, ich hab den ganzen Tag schon keine richtige Vorstellung von dem Raum um mich herum. Irgendwie links müsste die Stockhornkette steil aufragen, bzw. langsam mal der Gantrisch. Ich hab das Gürbetal verlassen und schlängle mich jetzt auf halber Höhe durch das Tal Richtung Wislisau. Aber sehen tu ich davon gar nichts.

Der Mittag hat sich kaum vom Morgen unterschieden, auch der Nachmittag sah gleich aus. Immer grau, immer Schneefall. Trüb. Bergauf. Ein Wartehäuschen hat mir mal kurzzeitig Ruhe gegeben vor dem Wind, der immer ein bisschen weht und vor dem Schnee, die die ganze Zeit auf meinem Hut knistert. Und das gelbe Postauto, was vorbeigefahren ist, hat einen gelben Farbtupfer in die graue Landschaft gemalt. Ich gehe einen Weg, den ich schonmal gegangen bin, ich erkenne ihn wieder. Stetig steigend liegt Rüeggisberg am höchsten Punkt der heutigen Etappe. Zum Kloster und weiter Richtung Wislisau geht es wieder den Berg hinunter. Durch dichten Wald.

In den dunklen, dichten Wald. Sicherlich finde ich dort einen Hängemattenplatz. Aber das graue kühle Wetter und der Nebel haben das dunkle kalte Loch noch dunkler und kälter wirken lassen. Ich glaube, heute quartiere ich mich mal wieder in einem Haus ein. Google verrät mir, dass es in Rüeggisberg den Gasthof „Bären“ hat. Den steuere ich an. Und wie ich ich Rüeggisberg einmarschiere, wird der Nebel zusehends dunkler. Der Abend bricht herein. Auf dem Schild des Bären steht, Dass von Sonntag, 18°° bis Dienstag 16°° geschlossen ist. Was haben wir heute? Sa… Sonn… Montag, stimmt’s? Also geschlossen. Hmm. Ich erkenne, dass Rüeggisberg ein kleines Dorf ist und sich das Hotelangebot nicht über eine große Auswahl erstreckt. Aber es gibt ja noch die Webseite der Gemeinde, die eine Auflistung der Unterkünfte bereit hält. Die erste Telefonnummer rufe ich an.

Elsbeth Buri

Tromwil 83 b

3088 Rüeggisberg

031 809 08 30

Elsbeth sagt mir, ich solle am Bären warten, die holt mich dort ab. Sie verspricht mir auch gleich ein Abendessen und ein Frühstück. Cool. Also warte ich am Bären, bis sie mich abholt. Wir fahren wieder ein Stück auf meiner Strecke zurück, sie verspricht mir aber, dass sie mich morgen wieder zum Bären mitnehmen kann. Einziges Problem: Elsbeth und ihr Mann Alfred müssen morgen früh raus. Sieben Uhr gibt’s Frühstück. Aber das ist kein Problem, ich steh‘ ja eh früh auf.

Es gab noch lecker Abendessen für mich, es waren „halt nur“ Spaghetti mit Soße aus eigenen Tomaten aus dem Garten. Aber das gleich zwei Teller voll. Und wer viel läuft, kann auch viel vertragen. 🙂 Herbergsmütter 🙂 Dazu gabs ein Glas Riocha und eine gute Unterhaltung. Die Katze des Hauses, eine reinrassige Norwegische Waldkatze, die mit dem vielen buschigen Fell, gilt als scheu und zurückhaltend. Es hat beide verwundert, dass sie bei mir auf den Schoß gesprungen ist. Ich durfte mich geehrt fühlen, dass sich die Katze von mir kraulen lässt. „Das macht sie sonst nie“…

 

 

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One response to this post.

  1. Posted by Matze on 25. März 2013 at 13:09

    Jetzt gibts Action bei Frank – eine Rucksack-Rettungsaktion!
    Wenn ich mir das so anhör und hier an meinem PC hock und nach draussen schau, weiss ich nicht wirklich, ob ich Dich momentan beneiden soll.
    Kälte, Schnee, Nässe, Matsch und wadentiefes Einsinken … ich schlage vor, Du schläfst heut mal in einer Herberge, reinigst dein Equipment und Dich selbst und startest frisch am nächsten Tag.
    Leider wird das Wetter erst ab Mittwoch wieder richtig besser, die nächsten 2 Nächte wird es nochmal bitterkalt bis minus 2.
    Hatten wir am Freitag nicht Frühlingsanfang?!
    Es wird über Ostern bestimmt auch endlich ein paar Sonnentage gehen, aber bis dahin stell Deine Rucksack lieber sicher ab, wenn Du Fotos machst. 🙂

    Antworten

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