immernoch Winter

zu den Bildern

Viertel vor sieben vibriert mein Wecker. Ich hab gut geschlafen bei Elsbeth und Alfred im Pilger-Zimmer. Die Matratze war angenehm hart und vor allem gerade. Eine angenehme Abwechslung zur Hängematte. Um sieben gabs dann ausgiebig Frühstück mit selbstgebackenem Brot, Aufschnitt, selbstgemachter Konfitüre, frischer Orange. Kaffee und Saft dazu, damit kann man gut in den Tag zu starten. Ich durfte mir noch zwei Sandwiches als Reiseproviant machen, Elsbeth hat sogar extra Tee gekocht für meine Feldflasche. Was für ein Service. Kurz vor acht ging’s los, mit dem Glockenschlag acht Uhr stand ich startbereit an der Kirche von Rüeggisberg. Und ich hatte mich schon von Elsbeth und Alfred verabschiedet, sie haben mir Alles Gute mit auf den Weg gegeben und sie werden Ostern an mich denken. Ich soll unbekannterweise meine Familie von ihnen grüssen. Und sie würden sich über eine Karte aus Santiago freuen.

Da stand ich nun, wieder alleine auf meinem Weg, etwas kalt hier draußen, wenn man drinnen übernachtet hat, im Schneegestöber mit dickeren Flocken als gestern. Und vor mir lag das dunkle kalte Loch. Doch Elsbeth hat etwas von einem Weg oben herum erzählt, vielleicht nehme ich ja den. Aussicht werd ich ja keine haben, die Berge sind heute immer noch unsichtbar.

Ich bin noch in die Kirche gesessen, hab meinen Blog getippt. Das Holz der Kirchenbänke knackt und arbeitet, ich glaub der Sigrist hat kürzlich erst die Heizung angemacht. Draußen ist es kalt. Unter dem überdachten Eingang der Kirche hab ich mir noch alle Kleidung angezogen, die ich gegen dieses Schneewetter aufbieten kann. Hier wird mir bewusst, die angenehm und warm es ist, drinnen und in einem Bett zu schlafen. Handschuhe an, Mütze auf und Regenhut drauf, Wanderstab geschnappt und auf in den heutigen Tag.

Mein erstes Ziel hab ich schon vor Augen: die Klosterruine von Rüeggisberg. Elsbeth hatte mir gestern noch etwas verraten: neben der Klosterruine steht ein weiteres Haus, dort gibt es – etwas unscheinbar – eine kleine hölzerne Tür. Dahinter verbirgt sich ein kleines Museum und dort könne man sich auch den Pilgerstempel holen.

Gut dass sie mir das gesagt hat, denn alleine wäre ich an dieser kleinen Tür vorbei gelaufen. Aber so konnte ich noch durch das Museum stöbern und mir den dritten Stempel in meinen Pilgerpass drücken. Sein Motto: „Wege wagen“. Also wage ich jetzt den Weg in das dunkle kalte Loch, Richtung Wislisau hinunter.

Das Loch war gar nicht so kalt und dunkel. Durchs Laufen wird mir warm, ich kann schon wieder eine Schicht Kleidung ablegen. Und dunkel ist es auch nicht, der Schnee macht die Landschaft hell, mich dünkt sogar, es drückt ein wenig die Sonne durch. Bestimmt denken Elsbeth und Alfred an mich und wünschen mir einen Sonnenstrahl. Ich wandere frohen Mutes weiter. Über die letzten beiden Tage hat es sich immer mehr nach Wandern angefühlt. Nicht mehr dieses zögerliche „ich weiß nicht ob ich aufbrechen soll“ wie in Thun.

Heute geht es vorwärts. Ich spüre meine Füße, sie wissen jetzt, dass Laufen angesagt ist, ich spüre meinen Rucksack, mein Hab und Gut, auf meinen Hüften, am Rücken und auf den Schultern. Er wird von Tag zu Tag bequemer, auch das Aufsetzen ist nicht mehr so anstrengend.

Ich bin sehr zufrieden mit meinem Equipment. Und so macht es mir Freude, durch die verschneite Gegend zu wandern. Weit unter mir rauschen die Autoreifen auf der nassen Strasse, aus dem Dorf kommen gedämpfte geschäftige Laute, es wird geklopft, gehämmert und gesägt, alles versteckt und geborgen in den schneebedeckten Häusern.

Unten in Wislisau treffe ich eine alte Bekannte, das Schwarzwasser. Das Wartehäuschen gibt mir etwas Schutz, so mache ich eine kleine Pause. Das Postauto ist auch bald da, hier unten hab ich mit ihnen immer ein gutes Timing. Hier hängt eine Wanderkarte, ich studiere die Gegend, die ich ein wenig kenne, kann mich erinnern, wie ich schonmal hier gewandert bin. Ich verfolge den Weg, der jetzt am Schwarzwasser weiterführt, dann den Lindenbach-Graben wieder hinauf Richtung Schwarzenburg abbiegt.

Oder so ähnlich. Am Lindenbach angekommen, musste ich direkt die steile Felswand hinauf, auf einem verschneiten, mit nassem Laub bedeckten Trampelpfad. Jeder einzelne Schritt musste richtig sitzen, denn zum Abrutschen und Hinfallen war nicht viel Platz. Dummerweise habe ich bei dieser Aktion vergessen, meine Kleidung anzupassen. Als ich endlich oben war, war ich verschwitzt. Mann, ganz schön steil dieser Aufstieg.

Oben traf ich auf ein Kamel, welches widerkäuend auf seiner Koppel stand. Erst hab ich mich gewundert, ein Kamel gehört doch in die Wüste. Aber wie ich das haarige Tier mit seinem zwei Höckern so dastehen sah, und der Wind all die vielen Schneeflocken von de Seite heranblies, und das Tier keinen Wank tat, wie ein Kamel im Sturm, da erinnerte es mich an einen Sandsturm in der Wüste.

Und ob jetzt diese widrigen Umstände oder jenen, ein Kamel wird mit so recht vielem fertig. Es hat mich neugierig angeschaut mit seinem großen braunen Augen und ich hab ganz fasziniert Fotos geschossen mit meinem kleinen schwarzen Telefon. Außer einem Begrüßungs-Schnauben in meine Hand haben wir uns nicht viel unterhalten.

Ich war wieder soweit bei Puste und etwas abgekühlt, dass ich meinen Rucksack wieder schultern konnte und weiter ziehen wollte. Doch da kam ein zweites Kamel, etwas größer als das erste, neugierig um die Ecke und steuerte zielstrebig auf mich zu. Nicht eilig, einen Fuß vor den anderen, ganz gemütlich, und es sind vier Füsse, die so ein Kamel voreinander setzen muss. Ich hab auf ihn gewartet und als er dann bei mir stand, schaute er doch ein wenig von oben auf mich herab. Wie neugierig die Augen eines Kamels aussehen können. Und ich hab mich in den Augen eines Kamels selber gesehen. Nach unserem gegenseitigen Beschnuppern bin ich weiter gegangen und hab die beiden Kamele im Schneeflockenwind stehen gelassen. Der blässt hier oben, auf dem flachen Land doch etwas strenger. Ich senke meinen Blick, damit ich den Hut wie ein Schild gegen die schräg anstürmenden Schneeflocken stellen kann und beschränke mein Sichtfeld wieder auf einen Meter Radius vor meinen Schritten. Aber das Wetter kann mir meine Gute Laune nicht verderben. Ich summe ein Lied vor mich hin. „Schneeflöckchen, Weissröckchen, wann kommst Du geschneit? Du kommst aus den Wolken, Dein Weg ist so weit.“ Mir kreisen meine Erinnerungen im Sinn herum, so manches Lustige und Fröhliche fällt mir ein, so stapfe ich summend und manchmal grinsend durch den Schnee.

Der Weg komm auf eine Strasse, Lastwagen rauschen brummend vorbei, der Weg verlässt die Strasse wieder, es schneit in lustig dicken Flocken. Als Kinder haben wir uns immer über diese dicken Schneeflocken gefreut. Und am Weihnachtstag haben wir sie noch so gerne gesehen, wie sie fluffig und leicht, weich durch den Wind schweben und sich ganz langsam und leise auf dem Boden niederlassen. Sich dort verstecken zwischen all den anderen Schneeflocken und alle zusammen bilden sie diesen feinen weißen Überzug über das Land.

Der Weg wird wieder steiler, ich schwitze wieder, meine Brille beschlägt. Ich spüre, wie ich nassgeschwitzte Kleidung anhabe und ärgere mich darüber. Aber ich schiebe es auf den Weg, ich schimpfe, dass die Menschen ihre Kirchen auch immer auf Hügeln aufstellen müssen. Und dass sie die Strassen dort hinauf immer senkrecht den Hang hinauf bauen müssen. Doch endlich schnaufend oben angekommen, dann ich mein Gepäck abstellen, mir meinen trockenen Faserpelz anziehen, aufs WC gehen und mich in der geheizten Kirche wieder aufwärmen. Wahlern ist das hier. Die berühmte Kirche von Wahlern. Als ich das letzte Mal hier war, war die Kirche eingerüstet und geschlossen und sie roch nach Farbe. Aber heute ist sie offen, warm, ruhig, einladend. Eine Pause in Ruhe. Ohne Wind und Schnee.

Klavier spielen in der Kirche

Ich hab Brotzeit gemacht, das leckere selbstgebackene Brot von Elsbeth und ihren Tee. Der ist leider schon kalt geworden, schmeckt aber trotzdem gut. Doch ich hatte immernoch kalte Finger. Ich hab zwar schon ein trockenes T-Shirt angezogen und die anderen nassen Shirts zum Trocknen aufgehängt, aber heute ist wirklich kalt. Um meine Finger wieder zu wärmen, hab ich mich in der Kirche ans Klavier gesetzt und hab etwas gespielt. Es lagen Gesangbücher aus, ich hab etwas drin gestöbert und das eine oder andere Lied daraus auf dem Klavier gespielt. Ganz für mich allein. Mit der Akustik der Kirche. Schön. Ich hab gestaunt, dass ich die Akkorde noch kannte, so konnte ich zweihändig spielen. Lang ist’s her, aber Klavier hab ich auch mal gelernt. Bis ich auf dem Höhepunkt des „Erfolgs“ ein Solokonzert am Abschlussfest meiner Schule geben durfte. Damals hatte ich aufgehört. Als es am Schönsten war. Ich hab die Musik in der Kirche genossen und war ganz verzaubert, dass ich sie ja selbe spiele.

Aber trotzdem. Draußen blieb es kalt und als ich meine Sachen wieder gepackt hatte, kam ich zu dem Schluss, dass mein Equipment so langsam an seine Grenzen stößt. Ich ziehe eine so warme Kombination an, wie ich sie eigentlich für nachts vorgesehen hatte. Und ich hatte trotzdem noch kalt. Gut, beim Laufen wird mir wieder warm, aber für draußen übernachten ist’s echt kalt. Ich gehe nach Schwarzenburg. Ich muss mich aufwärmen, ein Café oder so wär nicht schlecht. Mit Internet, wenns geht, denn ich müsste mal Fotos hochladen. Und Blog aktualisieren.

Als ich in Schwarzenburg ankam, waren meine Finger immer noch kalt. Die Töne des Klaviers in der Kirche klangen noch immer in meinem Kopf, aber für die Finger war mein Spiel nicht so nachhaltig. Jetzt wollte ich nur noch eine große Tasse mit Kaffe oder so, Hauptsache Finger wärmen. Im ersten Einkaufszentrum fand ich dann alles. Bankautomat, um zu sehen, dass meine Kohle immernoch nicht da ist, ein coop Restaurant für die Tasse Kaffee. Hier gibt’s auch WLAN, hier lasse ich mich nieder und aktualisiere mein digitales Leben.

Mein Finanzdebakel öffnete den Vorhang für den zweiten Streich. Mein Finanzberater musste mir (heute, nach mehr als 21 Tagen) sagen, dass der Plan gar nicht aufgeht. Das Produkt der Deutschen Bank sieht die monatliche Auszahlung auf ein Girokonto gar nicht vor. Ach soo… Ja dann… Da kann ich ja lange auf meine März-Kohle warten. „Vielen Dank für dein Verständnis“… Gnnnnnnn. Noch zwei weitere Formulare unterschreiben (was auf meinem iPad einfach ist) und ab zur Deutschen Bank. Bis 5. April könnte dann… Ich hab dem Finanzberater gesagt, dass ich bis allerspätestens 4. April eine Steuernachzahlung machen muss. Er möge sich bitte beeilen.

Als ich damit fertig war, war es auch schon halb fünf. Und es schneit immernoch. Ich hatte keine Lust mehr, noch Richtung Freiburg aufzubrechen und hab mir ein Hotelzimmer in Schwarzenburg gesucht. Etwas teuer, aber das sind beide Hotels hier. Aber ich kann mich Duschen, ich kann mich wieder wärmen, denn ich glaube, der Kleidungsfehler heute Vormittag hat mich am Nachmittag doch etwas durcheinander gebracht.

 

Werbung

hinterlasse Deinen Kommentar:

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: