am Genfer See bis Rolle

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Die heiße Dusche und das warme Bett der Jugendherberge haben mir gut getan. Ich konnte auch gut schlafen. Die beiden Jungs, mit denen ich das Zimmer teile, haben mir das mittlere Bett, welches alleine und mitten im Raum steht, überlassen. Aber kein Problem, ich kann alle Sachen in und auf meinen Rucksack tun, ich brauche gar keinen Schrank.

Nach meinem Gefühl war es mitten in der Nacht, als einer der Jungs anfing, herumzurumoren. Er wollte kein Licht machen, hat aber statt dessen ständig sein Feuerzeug benutzt. Tzigg, tzigg… Er hat gerumpelt und leise geflucht, rumort und getan, irgendwann war ich richtig wach musste aufs WC. Ich schau‘ auf mein Telefon. Oh, schon morgens um halb acht. Und ich dachte, der Typ wäre grad, spät am Abend, „nach Hause gekommen“. Halb acht, da kann ich ja auch aufstehen und frühstücken gehen. Ganz schön muffig hier… Wer hat eigentlich so dunkel gemacht hier? Ein Blick zum Fenster und tatsächlich, der lichtdichte Vorhang war zu gezogen. Aufwachen in einer dunklen, künstlichen Höhle. Zumal die ganze Jugendherberge aus unverputztem Stahlbeton besteht, an dem man noch die Abdrücke der Verschalung erkennen kann. Grau-hässlicher Betonbau und nichtmal Farbe dran gemacht. Und beim Rumoren hat mir der Zimmergenosse auch noch mein Ladegerät aus der Steckdose gezogen. Obwohl es eine Dreier-Dose war und er selber gar keine benutzt hat. Mein iPad war also nur halb voll geladen. Aber ich muss zufrieden sein mit dem, was ich bekomme. Und das sind vier geladene iPhone Akkus und ein zumindest halb voller Zusatzakku vom Solarpanel, das ist auch nochmal ein iPhone voll. Doch mein Ladegerät war irgendwie kaputt. Ich hab mir zum Kaffee eine Steckdose gesucht, aber das Ladegerät lädt nicht mehr. Auch eine andere Steckdose funktioniert nicht. Wahrscheinlich nur die Sicherung durch, ich les nämlich gerade, dass man neben dem (ordentlich stromziehenden) iPad nichts anderes laden sollte. Da waren drei weitere Akkus wohl etwas zu viel…

Und Internet ist auch nicht sonderlich schnell, mein Bilder Upload kommt wenn dann nur sehr schleppend voran. Ich versteh gar nicht, wie der andere per Skype telefonieren konnte bei dem geringen Durchsatz. Könnte aber auch sein, dass der Internetprovider Monzoon hier irgendwelche Einschränkungen macht…

Nach einem dringenden Mail an den Lieferanten des Ladegeräts und mit immernoch 40 nicht hochgeladenen Bildern bin ich dann mal los gezogen. Zu meiner Überraschung geht der Jakobsweg direkt an der Jugendherberge weiter, führt zum See hinunter und am Strand entlang weiter gen Westen. Und in dachte, ich muss wieder den Berg hinauf…

Das defekte Ladegerät bringt mich etwas durcheinander. Ich werd das Gefühl nicht los, etwas vergessen zu haben. Ja, sogar etwas verloren zu haben. Mein iPad zu oberst auf dem Rucksack hat mir heute auch gezeigt, dass der Rucksack weniger voll ist. Aber das könnte auch am Zusammenrutschen des Gepäcks liegen. Aber so sehr ich auch nachdenke, mir fallen nur die Sachen ein, die ich heute morgen eingepackt habe, nicht die Dinge, die ich vergessen haben könnte.

Je mehr ich über mein Ladegerät nachdenke, desto mehr könnte es auch sein, dass mein iPad rumgepiepst hat, als das Ladegerät den Geist aufgegeben hat. Hoffentlich hat das Rumgepiepse nicht den Zimmergenossen geweckt und er hat deswegen so rumort. Jetzt hab ich ein schlechtes Gewissen… und irgendwie das Gefühl, etwas vergessen zu haben… und noch einen Rest Gutes Gefühl, noch drei oder vier iPhone Akkus voll geladen dabei zu haben. Damit werd ich wohl noch zwei Tage auskommen. Dieses Gefühl, „etwas vergessen (oder gar verloren) zu haben“ ist auch anders als das „vergessen, Wasser zu tanken“ Gefühl. Es hat ein bisschen den Geschmack von „unwiederbringlich“. Wasser finde ich immer weiter vorne. Aber für etwas Wichtiges liegen gelassen muss ich wieder zurück.

Ha! Ich hab’s. Meine Seife. Die hab ich vergessen. Die stand heute früh noch im offenen Plastiksack zum Trocknen, mitten in dem Kurmel, den mein Zimmergenosse gemacht hat. Aber wegen einem Stück Seife kehre ich jetzt nicht um. Hab ja noch drei Stück dabei, außerdem war es eh die unbeliebtere Seife. Ich überleg mir das Drumrum der Seife, mein Kulturbeutel, die Dusche gestern und kontrolliere nochmal meinen Rucksack. Handtuch (inzwischen sogar wieder trocken), Kulturbeutel, Schluffen, alles da. Nur das Stück Seife fehlt. Aber das macht doch nicht so einen Höhenunterschied am Rucksack aus? Ich bin mir nicht sicher, dass das alles ist, was fehlt. Andererseits hab ich keine Nahrungsmittel mit, das spart auch Platz… Nicht beruhigt gehe ich weiter.

Der Sonntagmorgen scheint mich aber beruhigen zu wollen. Es ist diesig, nicht mehr nebelig, aber Frankreich auf der anderen Seeseite kann ich trotzdem nicht erkennen. Ob ich die Alpen wenigstens noch einmal bestaunen darf, bevor ich in Genf durch den Jura entschlüpfe? Der Hochnebel lichtet sich und ich kann fast schon behaupten, die Sonne scheint. Es weht ein Wind vom See her, der mich Mütze und Handschuhe anziehen lässt, aber kalt ist es nicht. Auf dem Uferweg sind viele Jogger unterwegs, die meistens etwas gebissen, bisweilen sogar unfreundlich dreinblicken. Viel freundlicher die Wanderer und Spaziergänger, die mir oft ihr „Bon Jour“ entgegensingen. Und wenigstens einmal am Vormittag muss die Frage nach „St. Jacques“ oder „Compostela“ kommen. Mit den anschließenden Guten Wünschen für den Weg.

Der Genfer See ohne Frankreich gegenüber ist fast wie am Meer. Dieses große Wasser neben mir beruhigt mich, die Fussgänger dürfen hier (noch) direkt am Ufer gehen. Ich muss an die Nordsee denken, und an meine kleine Schwester. Mal gucken, ob sie online ist, hab grad mal mein Skype wieder angeschmissen.

In St. Sulpice, wo es keinen Bahnhof gibt und das Schiff nur nach Lausanne zurück fährt, steht eine große romanische Kirche. Die hab ich mir angesehen, dieses grobschlächtige Bauwerk interessierte mich.

Recht dunkel im Inneren, aber die paar wenigen Fenster leuchteten mit ihren gelben Glasmalereien um so mehr in den Innenraum hinein. Eine halb verfallene Original-Malerei in der Kuppel.

Leider gabs keinen Pilgerstempel, dafür aber die Möglichkeit, ein Gebet aufzuschreiben und in eine Box zu werfen. Das kenne ich aus dem Pilgerfilm, der in Frankreich spielt, und hab das jetzt auch schon seit ein paar Tagen hier gesehen. Wer dann wohl für mich dieses Gebet sprechen wird? Ob Gott ihm besser zuhören wird als mir? Ob er meine Inbrunst, mit der ich mein Gebet beten würde, auch hinbekommen wird? Ich hab auch grad keinen Wunsch offen, den ich nicht schon selber gewünscht hätte, oder einen Dank übrig, den ich nicht schon selber gedankt habe, also lass ich Zettel und Bleistift dort liegen und gehe weiter.

In den Parks am Ufer darf man keine Häufchen hinterlassen. Und nachdem auch die Hundehalter alle schön brav mit ihren gefüllten Hundekackebeuteln durch die Gegend laufen, gilt das wahrscheinlich auch für mich. Laufen regt die Verdauung an. Der lustige kleine Mann an der Tankstelle wollte mich wieder raus in die Bäume schicken, als ich ihn nach einer Toilette gefragt hab. Hey, gut dass ich weiß, was Baum auf franz heißt, sonst hätte ich den Witz um ein Haar nicht verstanden. Lachend hat er mich dann ums Eck geschickt, nein, Schlüssel braucht’s keinen, ist offen.

Ich stehe am Hafen von Morges, schaue dem See und den Booten zu. Zwei Jungs erkundigen sich nach meinem Wanderstab. Ob das eine Angel sei? Die Kinder wechseln viel schneller auf Zeichensprache, wenn sie wirklich etwas wissen wollen. Im Hafen schaukeln die Boote. Nein, Moment, ein Boot schaukelt. Es quietscht zwar nichts, aber die Takelage schlägt im schnellen Rhythmus an den Masten… Was die dort wohl machen? Die werden doch nicht ganz alleine den ganzen Wind abbekommen?

Und dann mit Fug und Recht: ich kann behaupten, die Sonne scheint. Es sind viele Menschen unterwegs, alle recht entspannt, die meisten ein Lächeln auf den Lippen. Sie genießen die warme Sonne, frönen der körperlichen Ertüchtigung, sei es beim Ballspiel oder bei vorgetanzter und kommentierter Aerobic. Viele Menschen grüßen mich, ein älteres Ehepaar erzählt mir, dass ihre 21 jährige Tocher auch auf dem Jakobsweg ist. Aber schon viiiiiel weiter, 100 km vor Santiago. (Oder 100km von hier?)

Die Strandpromenaden weichen wieder einem schönen Uferwaldweg, weich und federnd zu gehen. Ich komme an einen Kiesstrand, ich treffe Menschen, die mit einer Toga bekleidet barfuß am Wasser spazieren, ihre Gitarre geschultert. Herrlich, so ein Tag am See. Nur der Wind treibt mit mir seine Spielchen. Erst ist er weg, versteckt sich irgendwo, so dass zu zu warm hab. Wenn ich den Faserpelz dann ausgezogen und an den Rucksack gebunden hab, kommt er wieder und wird mir zu kalt. Ausziehen, anziehen… Und jedesmal wieder den Rucksack hochhieven.

Ich suche mir eine gemütliche Stelle für die Mittagspause. Aber das ist nicht einfach heute. Wenn ich eine passable Stelle gefunden habe, kommt meistens der Wind und frischt wieder auf. Also weiter suchen. Aber heute geht’s es gut voran, das flache Gelände hier ist schon was anderes als Hügel rauf und runter.

Ich laufe durch Wald, finde Bärlauch und sammel heute auch ein paar Blätter, ich sehe Spinnen und Ameisen rumwuseln, ja sogar einen Schmetterling hab ich schon gesehen. Jetzt fallen mir auch die anderen Pflanzen auf, Löwenzahn und Brennesseln und diverse andere Pflanzen, die ich nicht kenne. So jung schmecken die Brennesseln ganz anders, viel frischer als später im Jahr.

Wegen dem Bärlauch… Da war doch eine Pflanze, mit der man ihn verwechseln kann. Aber wie ging das gleich? Irgendwie am Blattstiel soll man die unterscheiden können. Gut, dass ich ein Buch hab über Waldläufer-Nahrung, dort war das glaube ich beschrieben. Aber das Buch hab ich nicht dabei. Zumindest nicht auf dem iPhone. Aber dank Cloud und Internet hab ich diesen Gang in die Bibliothek auch online gemacht.

An einem windgeschützten, lauschigen Platz, sonnenbeschienen, hab ich Pause gemacht. War zwar schon fünf Uhr, aber für mich war das die Mittagspause. Ich hab noch etwas anderes verloren: meine Büroklammer, die ich im Swisscom Shop zu meinem Internet dazu bekommen habe, ist weg. Ok, sie war nur außen am Rucksack angesteckt, da ist ihr der grobe Umgang im Wald wohl nicht gut bekommen. Aber da ist dran zu kommen. Morgen werd ich wohl eine neue haben. Jetzt kann ich mein Internet halt nicht ins iPad packen. Sondern schicke mein fliegendes Auge vom iPhone aus auf Erkundungstour, um abschätzen zu können, wo die nächsten Orte und Wälder liegen. Bis Rolle werd ich’s noch schaffen, dort gibt’s einen Campingplatz. Mal wieder so tun, als ob ich ein Zelt dabei hab?

Ich träumte so vor mich hin, über Campingplätze und „zu junge Bäume“, wie ich mit zwei Bäumen eine Wäscheleine spannen könnte und an dieser mein Tarp höhenverstellbar als Zelt aufspannen würde. Doch dann bog der Weg plötzlich ab. Nicht mehr gemütlich am Ufer entlang, bin grad noch an einem kleinen Fischrestaurant vorbeigekommen, nein, jetzt geht’s in die Weinberge hinauf. Der Nachmittagssonne entgegen. Wie warm. Ich kam durch ein Winzerdorf, Weingüter und Wohnhäuser, zwischendrin die Reben. Aber auch die haben noch keine Blätter. Dann wieder hinunter zum See und ich war in Rolle.

Auf dem Weg hatte ich ein Schild gelesen, naja, eher ein Zettel an einem Strommasten, dass es am Campingplatz ein Zelt für zwei Pilger gibt. Also steuerte ich ihn an, wenn ich schon mein eigenes Zelt dabei hab, nutze ich die Pilgerfreundlichkeit. Die gibt’s aber nicht mehr, der Campungplatz gehört schon seit zwei Jahren den neuen Besitzern. Aber er macht einen guten Eindruck, ich checke ein und darf als einziger mit Zelt auf den Zeltplatz der Anlage. Die Zelter werden gaaanz hinten, rechts in der Ecke platziert, die sanitären Anlagen gelten hier hinten auch nicht mehr als zentral. Aber dafür war der Platz direkt am Wasser. Noch der Wanderweg, dann kam schon das Ufer.

Herrlicher Seeblick! Schnell mein Tarp mit vier Heringen, einer Leine und meinem Wanderstab aufgespannt, Rucksack reingeschmissen, Isomatte und Schlafsack ausgepackt und mein Lager war fertig. Heute schlafe ich mal wieder auf dem Boden. Ah, Füsse hochlegen tut echt gut.

Im Windfang (den es auch gebraucht hat) hab ich meinen Kocher aufgestellt und eine Kleinigkeit gekocht, heute gab’s Reis mit Bärlauch. Nach dem Essen bin ich Duschen gegangen. Boa, da war ich aber positiv überrascht. Die Duschkabinen sind recht groß, deutlich größer als in den Jugendherbergen in Fribourg und Lausanne und haben einen ordentlich grossen Vorraum für die trockenen Klamotten.

Aber das Beste kommt dann drinnen. Es gibt einen großen Teller Regendusche und eine Handbrause. Und beide können gleichzeitig! Mit schön viel Druck, nicht so ein Rinnsal, was man oft so bekommt, und vor allem schön heiß. So ließ ich mir genüsslich den Wasserschwall auf den Kopf regnen und hatte zudem noch die Handbrause zum Hände brausen. Was für ein Duschbad, das war echt genial. Diesen Campingplatz würde ich alleine wegen der Dusche nochmal ansteuern. Den kann ich echt empfehlen.

Nach dem köstlichen Nass bin ich ganz schnell in meinen Schlafsack gekrochen, hatte richtig schön warm, Mütze aufgesetzt und hab auf dem Bauch liegend der Dämmerung zugesehen, wie sie sich langsam über den Genfer See legt. Am gegenüberliegenden Ufer kann ich die Lichter der französischen Städte sehen, der Nebel hat sich wohl etwas gelichtet. Der Wind weht, böig und immer etwas stärker, aber ich war gut in meinen Schlafsack und mein Tarp eingepackt, der konnte mir nichts anhaben. Ich schlafe auf der Wind-zugewandten Seite im Zelt (mein Rucksack wollte unbedingt rechts schlafen) und so hat sich der Wind angefühlt, als würde er unruhig neben mir liegen und sich ständig im Bett herumwälzen. Konnte mich aber nicht erschüttern, die Heringe halten und als es ganz dunkel war, bin ich irgendwann eingeschlafen.

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