am Genfer See

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Es ist schon hell, als ich etwas erschreckt aufwache. Halb acht, geht ja noch. Ich fühle mich etwas zerknautscht. Ungefähr so, als wäre ich krank und hätte eine erholsame Nacht verbracht und gut geschlafen. Ich sollte mich warm halten. Ich frühstücke Haferflocken, packe mein Lager zusammen. Es ist nicht so kalt und feucht, wie ich es befürchtet hab. Als der Rucksack fertig gepackt war und ich eigentlich hätte losziehen können, hat es mich nochmal gereizt: Regendusche! Und Handbrause! Gleichzeitig 🙂

Ich hab mein Handtuch wieder ausgepackt und bin nochmal ausgiebig Duschen gegangen. Ah, herrlich 🙂 Damit ich nicht mit nassen Haaren losziehe, hab ich am Campingplatz noch einen Kaffee getrunken und in der Zeit meinen Blog aktualisiert.

Bleigrau liegt der See neben mir. Der Nebel hält Frankreich verschluckt. Ganz ruhig der See. Es gibt keinen Horizont, das bleigraue Wasser wird eins mit dem bleigrauen Nebel. Und ganz fahl oben drüber, bringt die Morgensonne ein paar wenige Strahlen durch die Wolken hindurch. Ein ruhiger Morgen. Der Weg führt wieder bergan in die Rebenhänge. Nicht steil, das morgendliche Locker- und Warmlaufen. Nach Nyon drei einhalb Stunden.

Der Weg steigt höher und höher, wo will er denn hin? Ich seh den See gar nicht mehr. Höher als die Bahngleise nach Genf, fast bis zur Autobahn hinauf. Und endlich mal oben angekommen biegt er auch noch rechts ab… Wo soll das nur hinführen? Und dann verließen sie mich.

Keine Wegweiser an der Autobahnraststätte, vorbei an der Polizei und dann sogar noch über die Autobahn drüber… nein… Das kann nicht so ganz stimmen. Ich kletter doch jetzt nicht den Hügel hoch. Wobei es dort oben Wald hätte. Nachdem eh nur noch Velowegweiser zu finden waren, hab ich mich eigenmächtig für einen mittleren Weg entschieden. Laut meinem fliegendes Auge werde ich hier zwar einige Kilometer zwischen Bahntrasse und Autobahn „eingesperrt“ bleiben, aber es geht wenigstens Richtung Genf.

Nach einem laaaangen, schnurgeraden, asphaltierten Feldweg, der mein Vorhaben schon in Frage stellen wollte, kam dann plötzlich, ach guck an, eine gelbe Raute. Und mit ihr der Wanderweg von rechts oben in meine Richtung abgebogen. Aha, wäre der Weg tatsächlich dort oben herum gegangen. Tss. Und der faule Frank kürzt wieder ab 😉

In Gland führt der Wanderweg wieder nach unten, ich bin zuversichtlich, dass ich auch bald wieder eine Muschel sehe. Es hat kurz geregnet, als ich an der Stahlbetonkirche in Gland kurz Rast gemacht hab. Eine geräumige (!) Boulangerie hat mich angelockt. Jetzt einen Kaffee? Aber mein Kassensturz hat nicht genügend liquide Mittel hergegeben, so dass ich weiter gezogen bin. Bis Genf wären es noch fünf Stunden, sagt Google. Ob ich das heute noch schaffe? Der Regen hat sich anders entschieden, er bleibt jetzt dort oben.

Schleppend auf asphaltigen Trottoirs, durch ein graues Industriegebiet, stand ich am Ortsausgang wieder da. Kein Schild weit und breit und drei Wege. Einfach mal geradeaus weiter, über die Felder, im nächsten Weiler stehen dann auch wieder Schilder. Sogar mit Muschel. Nur Geduld, Frank…

Ein paar Regentropfen wollten dann doch noch hier runter und haben sich, einer nach dem anderen, fallen gelassen. Ganz langsam macht sich der Geruch von nassem Asphalt bemerkbar. Irgendwann waren es dann doch zu viele Regentropfen, dass mein Faserpelz so langsam nass wurde. Also doch noch Regenjacke herausholen und wie ich in meinem Rucksack gegraben hab, kam Herbert den Weg entlang. Est hat er mich gar nicht erkannt, denn wir haben beide damit gerechnet, dass der andere schon weit voraus ist. Aber was ich langsamer bin, hat Herbert in einem Tag Pause wieder ausgeglichen. Wir gehen ein Stück gemeinsam, unterhalten und über die vergangenen Tage und im nächsten Dorf gehen wir in die Kirche. Dort sitzt Brigitte und ruht Ihre Füsse aus vom Wandern. Auch Brigitte pilgert, ihr heutiges Ziel ist Nyon. Wir unterhalten und ganz aufgeregt, endlich mal jemand, mit dem man ausführlicher in Deutsch reden kann. Da kommt ein vierter Pilger in die Kirche. Auch er deutschsprachig, aus der Schweiz. Die Kirche hatte eine Raumüberwachung, Bewegungsmelder, die bei jeder Bewegung eine Musik gestartet hat. Und so angeregt, wie wir uns unterhalten haben, haben wir uns immer irgendwie bewegt. Also zog ich die Gruppe weiter, mir war die Musik etwas zu stressig, mal wir das recht kurze Band schon ein paar Mal gehört hatten.

Zu viert staunten wir noch das Schloss an und zogen in reger Unterhaltung hinunter zum See. Den gelben Schildern nach. Niemand hat so recht auf die Muschel geachtet und jeder hat sich auf die Gruppe verlassen, dass schon jemand schauen wird.

Nach einer viertel Stunde wunderten wir uns aber doch, dass weder die Muschel noch die Nummer 4 ausgeschildert war und als der Weg falsch herum zum Ufer führte, entschieden wir uns, nochmal zurück zu gehen um zu gucken, wo wir denn falsch abgebogen sind. Wir haben den ganzen Hügel wieder hinauf zur Kirche gemusst, denn dort hätten wir einfach geradeaus, der Strasse parallel zum Seeufer wandern müssen.

Mit der Unterhaltung auf dem Weg ist der Regen gar nicht mehr so aufgefallen, ich glaub sogar, dass es am Nachmittag wieder aufgehört hat. In Nyon angekommen, haben wir uns von Brigitte wieder verabschiedet, sie hat Schwierigkeiten mit ihrem Fuss und macht zur Zeit kürzere Etappen.

Der Schweizer war recht schnell wieder weg, so sind Herbert und ich weiter Richtung Commugny. Er hat dort eine private Pilgerunterkunft ausgemacht, hatte heute früh schon telefoniert. Ich war noch hin und her gerissen, wie ich nach Genf kommen will. Die knapp fünf Stunden sind schon lang, aber ich wäre noch am Abend in der Stadt. Aber ich bin mir nicht sicher, ob ich das schaffe. Oder ich laufe so lange in Richtung Stadt, bis ich nicht mehr mag, fahre mit dem ÖV rein und morgen wieder dorthin zurück, um dann durch die Stadt zu laufen. Herbert hat mir angeboten, dass er in seiner Herberge anruft, ob noch ein zweites Bett frei wäre. So haben wir das dann auch gemacht und wie wir in Commugny angekommen sind, hat Marie-Claire schon auf uns gewartet.

Uns erwartet ein schmuck eingerichtetes Haus mit einem kleinen Pilgerzimmer und einem Bad nebendran. Nach dem ersten Hallo und Vorstellen, welche Strecke wir heute gemacht haben, usw. hatten wir etwas Zeit, um uns frisch zu machen. Wanderklamotten ausziehen, Duschen, frische Sachen anziehen. Dann gab Apero. Herbert aus Bayreuth hat mit Claire französisch gesprochen und mir haben sie gesagt, dass ich langsam mal franz lernen sollte. Aber Claire kann sehr gut deutsch und hat sich meiner erbarmt und mich ein paar weitere Brocken lernen lassen. Der Rest vom Gespräch und auch beim Abendessen haben wir uns auf deutsch unterhalten. Es geht um die Wegstrecken, die hier vorbei laufen. Die meisten kommen aus Rolle gestartet in dieses Haus. Claire und Bernhardt sind Mitglied in der Association Les Amis de St.Jaques de Compostela und kennen fast jede Herberge im Welschland und können so manche Geschichte erzählen. Auch dass der Campingplatz, auf dem ich gestern war, seit zwei Jahren der Gemeinde gehört und die will ein vier-Sterne-Camping draus machen. Und da passen Pilger nicht so recht ins Bild. Aber früher gab’s dort ein Vierer-Zelt, in dem man inkl. Abendessen und Frühstück eine Nacht verbringen konnte. Doch unsere Gastegebern standen etwas im Stress, Bernhardt musste zur Alphorn-Probe und Claire in den Chor. Aber kein Problem, wir sollten noch etwas ins Gästebuch eintragen und wenn wir was brauchen: Das Haus steht offen. So hab ich Herbert, den erfahrenen Pilger mal ausgefragt über das Pilgern, wie man sich auf dem Weg so trifft, wie man sich Nachrichten hinterlassen kann und wo man danach suchen sollte. Wenn Herbert also die nächsten Tage voraus sein wird, kann er sich in diverse Kirchenbücher eintragen und ich kann seine Spur verfolgen. Und auch abschätzen, wie weit er voraus ist. Er hat mir auch erklärt, dass man sich meistens mit ungefähr gleich schnellen Pilgern trifft. Die ganz schnellen sind irgendwann weg und die langsameren hat man selber bald hinter sich gelassen. Aber Herbert nach fünf Tagen nochmal zu treffen, zeigt, dass wir ungefähr gleich schnell laufen.

Nach dem Rest der spendierten Flasche Rotwein sind wir dann in unsere Schlafsäcke gekrochen. Es regnet draussen. Ziemlich heftig. Gut dass ich mich von Herbert hab überreden lassen, hier in der Pilgerherberge zu nächtigen, denn dieser Regen war schon nicht ohne. Ist halt doch einfacher, Fenster zuzumachen, wenn’s reinregnet, als mitten in der Nacht das Tarp neu zu spannen…

 

 

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7 responses to this post.

  1. Posted by Matze on 8. April 2013 at 10:00

    Nasse Haare, du???? Du hast doch genau so viel Schopf wie ich! 🙂
    Leider schaff ich es nicht vor Samstag aufs Mopped … brauch ne neue Batterie und die hol ich mir am Freitag erst in Weil am Rhein beim „LOUIS“.
    Da hast Du aber mit Sicherheit schon die Grenze Richtung Lyon überschritten, so dass es wohl nix werden wird mit dem Käffchen.
    Ich fahr aber trotzdem mal grob in die Richtung … mal sehn wie weit ich es schaff … per iMessage erreich ich Dich ja …
    Viel Spass beim Duschen heut abend … vielleicht findest wieder eine Rainshower-Dusche, oder spring doch einfach mal in‘ See!!! 🙂

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  2. Du müsstest bald beim Michael Schumacher vorbeikommen, der wohnt ganz in der Nähe!
    Sag mal „Hallo“! 🙂

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  3. Posted by Burk. on 10. April 2013 at 07:36

    Deine Mailbox ist voll. Ich wollte Dir ein Mail schicken; aber es kam unzustellbar zurück.

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