mit Herbert nach Genf, Monika aus Bilbao

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Nach dem Frühstück mit Claire und Bernhardt sind wir um acht losgezogen. Es regnet. Erster Stop die Kirche in Commugny.
Es regnet und regnet. Macht nicht wirklich Spass und kühl ist es obendrein. Aber zu zweit ist man etwas abgelenkt und man kann sich unterhalten. Die nächste Kirche, in der wir uns Aufwärmen wollten, war zu.
So langsam nähern wir uns der internationalen Banken- und Diplomatie-Stadt. Immer mehr tauchen grosse Grundstücke auf mit grossen Villen darauf. Teure Autos stehen in den Strassen. Wir kommen an Flamingos und schönen bunten Enten vorbei.
Dann kommen wir zu den Bahngleisen, gleich mehrere Schienenstränge nebeneinander. Genf ist eine grosse Stadt, also sind die Verkehrswege auch entsprechend gross. Es regnet und regnet und wir laufen monoton an den Bahngleisen entlang. Das sind diese langen Wege in und aus einer Stadt, die ich nicht mag. Keine Natur mehr, WC suchen statt hinter’n Baum, viel Asphalt und viele Autos und trotzdem noch zwei Stunden bis zum Ziel. Ziemlich nass und bedröppelt steigen wir den nächsten Hügel hoch und dort oben lacht uns das „Café 9“ an. Hier machen wir Pause, wärmen uns auf und trinken einen Kaffee. Mit unseren riesigen, nassen Rucksäcken und unserer triefenden Regenkleidung hinterlassen wir riesige Pfützen im Café. Aber die Besitzerin hat nur lachend einen Putzlappen geholt und uns zwei Kaffee hingestellt. Als wir uns sortiert hatten, setzten wir uns zu Monika dazu. Ihr recht kleiner Rucksack stand ganz unscheinbar neben der Heizung, ihr Wanderstab stand in der Ecke. Monika ist aus Bilbao im Baskenland und pilgert von Dresden nach Genf. Heute ist ihre letzte Etappe. Und es regnet und regnet… Deswegen sitzt sie schon seit einer Stunde und macht Pause, sie will nicht so recht aufhören, sie will nicht so recht in Genf ankommen. Um so grösser ihre Freude, dass sie uns anderen Pilger trifft, wir sind gleich angeregt im Gespräch, über die Wegstrecken, über die voll gestempelten Pilgerausweise, über Herbergen in Deutschland und der Schweiz. Ich kann da nicht so recht mitreden, ich bin erst seit zwei Wochen unterwegs. Aber die beiden hatten in Deutschland und in der Schweiz den selben Weg gemacht und oft auch in den selben Herbergen übernachtet. Nur eben ein paar Tage früher oder später. Herbert hatte sogar schon über Monika erzählen gehört, aber getroffen haben sie sich erst jetzt hier, kurz vor Genf. Unser aller Ziel für heute ist Genf und wenn wir eh alle drei in der Stadt sind, warum treffen wir uns nicht zum Essen? Gute Idee. Wann? Um sechs vor der Kathedrale.

Herbert und ich sind zusammen weiter gezogen, Monika wollte alleine in Genf ankommen. Als wir dann endlich tief in die Stadt vorgedrungen sind, fanden wir auch die Statue mit dem Jungen, der mit einem Pferd spielt. Das hatte mir Claire heute morgen noch erklärt, wie ich zur Jugi und zum Bahnhof komme. Ungefähr bei der Jugi haben Herbert und ich uns getrennt. Er will zum Bahnhof, dort nach günstigen Möglichkeiten suchen lassen und ich will in die Jugendherberge. Monika hat noch erzählt, dass sie einen grossen Trockenraum haben soll. Da kann ich dann meine Regenkleidung und mein grosses Dach mal aufhängen.

Doch die Jugendherberge war eingerüstet und Bauarbeiter haben sich zu schaffen gemacht. Mit vielen Schildern ging es durch Bauzäume zu dem kleinen, provisorischen Eingang, doch drinnen hing schon ein Zettel: Sorry, we are fully booked. Nichts zu machen, kein Bett frei. Also zog ich durch die Strassen, grobe Richtung Bahnhof, spätestens dort könnte ich, wie Herbert, nachfragen. Auf dem Schlangenlinienweg durch die Stadt fragte ich bei dem einen Hotel, alles voll, beim nächsten Hotel, auch alles voll, über die Strasse das Hotel, auch voll. Scheint wohl was los zu sein in der Stadt. Nächste Nebenstrasse, nochmal rechts hab ich dann ein kleines Hotel gefunden. Ich hab noch den Zimmerpreis verhandelt, bei meiner ersten Vorstellung hat die Receptionistin gelacht und mich zur Jugi geschickt. Ich hab ihr gesagt, dass ich von dort komme. Und wir haben weiter verhandelt und uns geeinigt. Immernoch mehr als die Jugi, aber nicht mehr der volle Preis, der angeschrieben stand. Dafür buche ich gleich zwei Nächte, denn ich will einen Tag Pause machen.

Ein paar Besorgungen, ich kaufe ein neues Ladegerät, damit ich endlich wieder Akkus laden kann. Der Lieferant vom defekten Ladegerät hat mir wahrscheinlich gerade dann zurück gemailt, als mein Postfach voll war. Also musste ich ein neues kaufen. Zwar nur mit zwei USB Ausgängen, aber besser als nichts. Dann hab ich mein Paket von der Post geholt, damit ich heute Abend meine Jeans anziehen kann.

Nach der heissen Dusche kurz die Beine hochlegen. Ich fühl mich krank. Der Regentag heute hat zu meinem unterdrückten Schnupfen noch seinen Teil beigetragen. Doch hilft nichts, ich bin zum Essen verabredet, also raus in die Stadt und zur Kathedrale.

Ich war etwas früher als abgemacht, drum hab ich mir die Kathedrale noch von innen angeschaut. Recht schlicht, wie ich finde. Der Sigrist ist irgendwann von seinem Windows-Rechner aufgestanden, hat die Reisegruppe rausgeschmissen, was ich aber nicht so recht bemerkt hab. Ich schlenzte weiter gemütlich durch die Kathedrale, hab noch den Schaltschrank für all die Lampen und Leuchter bestaunt und bin langsam zum Ausgang zurück. Da kam mir der Sigrist entgegen, er hatte grad abgesperrt, als er sah, dass ich ja noch drinnen war. Also musste er nochmal aufsperren. Und konnte dann endlich Feierabend machen. Halb sechs. Die Sonne auf den Stufen vor der Kathedrale wärmt. Ich bin in Genf. Den Schweizer Teil habe ich geschafft. Ich bin von Bern nach Genf gewandert. Wanderferien 2013 quasi. Jetzt kommt ein neuer Abschnitt, die Via Gebennensis. In Frankreich. Durch den Jura. Es liegt noch Schnee dort oben… Viele Gedanken gehen mir durch den Kopf, als Monika und Herbert auftauchen.

Die beiden sind auch gut untergekommen, Monika wohnt gleich gegenüber im „Haus für Töchter“. Hier wohnten die Höheren Töchter aus Bern bei ihrer internationalen Ausbildung in Genf. Monika wollte dort wohnen, um ihre Unschuld zu bewahren. Oder so 🙂 Zum Apero wollen wir schauen, wo wir gemütlich ein Bierchen trinken können. In einer „Experimental-Brauerei“ sind wir dann eingekehrt. Für den Bayreuther Bierkenner Herbert und mich, der jahrelang in Erding gewohnt hat, war das die passende Location. Und wir waren am erzählen und am schnattern. Monika und Herbert sind beide Wagner-Fans und waren schon in Bayreuth auf den Festspielen. Und beide konnten sich gegenseitig und auch mir mit leuchtenden Augen von Wagner und Pasifal, Fiegender Holländer und so weiter erzählen. Und wir hatten’s vom Pilgern, wer schon wie oft unterwegs war, wer sprich wie welchen Weg in welchen Etappen in sein Leben einbaut. Monika ist heuer von Dresden nach Genf gelaufen, im Juli kommt sie wieder und startet in Genf. Herbert läuft den Camino schon zum zweiten Mal (diesmal etwas länger) und war auch schon bei den 88 Tempeln in Japan. Das Bier hier ist lecker, noch eine Runde. Die quirlige Monika aus dem Baskenland erzählt von den Zeiten, als sie Hosteliero (?) auf dem Camino war, sie erzählt von den Pilgern, die sie dort getroffen hat und wie sie dann selber deren Welten kennen lernen wollte. Und sie erzählt viel von den Deutschen, wie nett und zuvorkommend, wie herzlich und freundlich sie waren auf ihrem Weg durch das „Bierland“. Herbert erzählt seine Geschichte vom Pilgern, was er diesmal erwartet, seine Erfahrungen und Monika will gar nicht aufhören. Am liebsten würde sie morgen früh wieder in ihre Wanderschuhe steigen und weiter marschieren. Aufhören oder Ankommen scheint echt nicht einfach zu sein. Der Weg ist das Ziel und wenn der Weg fertig ist, ist das Ziel weg. Wir erzählten und tranken, diskutierten und noch eine Runde. Wollten wir nicht eigentlich zum Essen gehen? Ach, Bier ist auch Nahrung, noch eine Runde. Am Ende haben sie uns dann rausgeschmissen, Herbert hat einen Pappbecher hingestellt bekommen für seinen Rest Bier und wir mussten raus. Es ist spät geworden, Herbert will morgen weiter wandern und Monika ihren Flug erwischen. Herbert verabschiedet sich, Buon Camino. Er wird mir Nachrichten in all den Gästebüchern hinterlassen. Ich bring die schwankende Monika noch nach Hause in ihr Töchterheim. Sie hat es mir gedankt und wir sassen noch lange im Gespräch auf den Stufen der Haustüre. Sie hat mir noch Tips und Anregungen und Prophezeiungen gegeben. In zehn bis fünfzehn Tagen würde ich nicht mehr bloggen, weil ich eingesehen hätte, dass ich den Weg ja für mich mache. Oder dass ich in zwei Wochen meine Hängematte und Schlafsack heimschicken werde, weil es so viele günstige Herbergen gibt. Interessante Dinge erzählt sie mir, die mich doch zum Nachdenken anregen. Ich betrete eine ganz neue Welt und es wird mir hier, in Genf, am Ende der ersten Etappe, ein Stück weit mehr bewusst. Monika schenkt mir zum Abschied noch ihre Baskenmützet. Leider können wir uns nicht bei ihr treffen, denn wenn ich im Juni/Juli erst im Baskenland bin, ist sie zwischen Genf und Le Puy.

Und so kam es, dass ich nachts um halb drei mit Baskenmütze auf dem Kopf durch Genf gestolpert bin.

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2 responses to this post.

  1. Witzig, was man so für neue Leute trifft …
    Aber das mit dem Aufhören in zehn bis fünfzehn Tagen … dem kann ich leider ganz & gar nicht zustimmen … sorry Frank! 🙂

    Antworten

  2. Posted by Monika on 11. April 2013 at 19:15

    Take care of my Baskenmütze 🙂 Buen Camino!

    Antworten

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