sternenklare Nacht, sonniger Tag

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Diese Nacht bin ich aufgewacht. Ich konnte die Sterne sehen, nebst dem Lichtschein, den der Großraum Genf in den Himmel wirft. Und es war gar nicht mehr so kalt. Zwischendrin ist noch etwas leise um mein Lager geschlichen, ein Fuchs oder so. Gegen sieben war es dann hell und ich bin aufgestanden. Lager gepackt und weiter gezogen.

In der wärmenden Morgensonne und mit einem tollen Ausblick über Hoch-Savoyen laufe ich über frisch grüne Hügel, mal hinauf, mal hinunter. Die Wegweiser sind sehr gut zu finden, auch wenn sie kleiner sind als die knallgelben Schilder in der Schweiz. Dafür kleben sie auf Schilderrückseiten, an Schilderpfosten und an eigens für die Beschilderung in den Boden gerammten Pflöcken.

Keine Wolke trübt den blauen Morgen, nur diverse weiße Schlangen von den Flugzeugen winden sich am Himmel. Ich treffe auf zwei Gleitschrimflieger mit Propeller auf dem Rücken, schaue ihnen beim Starten zu. Kurz drauf fliegt ein Doppeldecker über mich hinweg. Durch das nächste verschlafene Dorf geht es wieder hinunter. Überall fließt Wasser, die allerletzten Schneereste schmelzen. Die Wege und Wiesen sind teilweise recht matschig. Aber mit meinem guten Schuhwerk macht das nichts. Außerdem stützt mich mein Wanderstab.

Der nächste Jogger, er hatte mein Blog-Tippen am iPhone missgedeutet, hat mir den Weg erklärt, dann hat mit eine Gruppe Mountainbiker überholt, nass gespritzt am ganzen Rücken. Aber ihre freudige Unterhaltung war noch einige hundert Meter weit zu hören. Im nächsten Dorf wieder ein paar Leute, die im Pyjama auf der Veranda standen und die Hunde in den Garten gelassen haben. Im Dorf rechts, hinauf in den Wald, hier hab ich meine erste Rast eingelegt. Und mein Rucksack meinte wieder, sich in der Erde wälzen zu müssen. Das scheint ihm zu gefallen.

Ich bekomme Hunger, Frühstück ist angesagt. Mal sehen, was mein Proviantbeutel so hergibt. Reis? Nudeln? Mmmh, Haferflocken. Oh, das letzte Wasser verbraucht, wird Zeit, dass ich einen Brunnen finde. Als mein Wasser fast gekocht hat, kamen zwei Wanderer des Wegs. Auch sie genießen dieses herrliche Wetter. Nach etwas Smalltalk war das Wasser dann fertig und meine Haferflocken konnten quellen.

Das Wasser sammelt sich scheinbar von überall her, sammelt sich auf den Waldwegen und in kleinen Bächen, die fließen zusammen zu größeren Bächen, überall rauscht und glucksert es. Der Weg führt durch schattigen Wald und über sonnige Wiesen, der Löwenzahn fängt an zu blühen. Insekten und Schmetterling fliegen umher. Es sind keine Autos auf dem Weg, sehr angenehm zu laufen.

Mittags hab ich einen Madonnenschrein gefunden. Aus Steinen grob gemauert, mit Tropfsteinen drin. Oben auf einem Hügel gelegen, wieder mit einer prächtigen Aussicht. Aber das Beste an diesem Ort war für mich der Brunnen, der dort steht. Geschmückt mit einer Jakobsmuschel als Einladung, hier doch Wasser zu fassen.

Ja, das mache ich doch, zumal ich längst mal wieder auffüllen sollte. Ich hab an dem Hahn gedreht und der Brunnen gab röchelnde Geräusche von sich. Ich wusste zuerst nicht, ob er überhaupt noch Wasser führt denn einige lange Sekunden lang kam nichts aus dem Hahn. Es klang so, als müsste er das Wasser von ganz unten irgendwo heraufziehen. Doch dann ergoss sich ein Schwall kaltes, frisches, klares Wasser aus dem Brunnen, mit dem ich erstmal den dringendsten Durst gelöscht hab. Dann eine Handvoll Wasser ins Gesicht und eine über den Kopf. Abkühlen und Schweiß abwaschen. Die Wassertanks rechts und links am Rucksack füllen und wo ich eh grad an diesem gemütlichen Plätzchen war, hab ich beschlossen, Pause zu machen.

Schuhe und Socken ausziehen und ein Platz im Schatten unter den Bäumen besetzt. Belegt. Füsse in die Sonne strecken. Wieder mal in einer grünen Wiese liegen, umsummt und umbrummt von den vielen fleißigen Insekten. Hosenbeine hochkrempeln und ein paar Schritte barfuss im Gras. Mann, hab ich das schon lang nicht mehr gemacht, bin ja richtig kitzelig unter den Füssen geworden 🙂

Ein ferner Vogel, ein Windhauch, über mir knattert ein einmotoriges Sportflugzeug. Vor mir ein paar grüne, teils bewaldete Hügel, dahinter hohe Berge mit Schnee drauf. Und eine ganz markante Felsnase, die frech in der Gegend steht und schroff senkrecht abfällt. Dieser Fels ist mir den ganzen Vormittag schon vor Augen. Ich bin wieder da. Im Sommer. Dort, wo ich im Herbst für die Winterpause unterbrechen „musste“ und Snowboarden gegangen bin. Ich bin wieder draußen. Barfuß. In kurzen Hosen! So schön! Einen Moment lang überwältigt mich die Freude, das Glück, hier unterwegs zu sein.

Als sich dieser kleine Fluss zwischen zwei Bergen hindurchdrücken musste und dabei eine doch recht bestaunenswerte Schlucht gegraben hat, die man von der alten Römerbrüche bestaunen konnte, da ahnte ich noch nicht, dass ich in einem zünftigen Anstieg auf den rechten dieser Berge steigen muss. Der Weg nach Chaumont ging gerade, schnurstracks steil den Berg hinauf, während die Autos in gemütlichen Serpentinen nach oben kamen. Und im Dorf ging es nochmal steil bergan, ich wollte doch nur in dieser Lücke hindurch, nicht die einzelnen Berge erklimmen. Als der Weg nicht mehr ganz so steil war, kam ich an eine Felswand, an der viele Leute am Klettern waren. Wobei, so kurz wie ich geguckt hab, hingen sie irgendwie nur so rum in ihren Seilen. Und dann kam mir jemand mit Kinderwagen entgegen. Manchmal trifft man Dinge, die man sich hier und jetzt nicht vorstellen kann.

Der Weg ging entsprechend wenig steil wieder hinunter und hinunter und hinunter, bis ich in Frangy wieder auf Höhe des Flusses war. Uff, das war ja ein Abstecher. Aus „schön warm“ wurde „heiß“, aus dem sonnigen Tag wurde ein heißer Nachmittag, an dem inzwischen auch das abwärts gehen anstrengend war. Die Kirchen und Kapellen auf dem Weg bekommen eine neue Bedeutung. Sie müssen nicht mehr mit einem Klavier herhalten, dass ich mich wärmen kann, nein, inzwischen genieße ich die kühlende Wirkung dieser Bauten.

In Frangy bin ich also erstmal in die Kirche (wieder kein Pilgerstempel), dann auf den Dorfplatz, um mal wieder runter zu kommen. Gegenüber hab ich ein Café entdeckt, dort hab ich erstmal einen Schattenplatz und ein Bier bestellt.

Aber im Dorf ist nicht aufregendes passiert. Die Jugendlichen am Dorfplatz, deren Bank ich jetzteben genutzt hatte, haben keinen Unfall gebaut, als sie mit ihren Rollern rumgekaspert haben, kein Motorrad Ausflügler, der nach zwei Bier seine Maschine nicht mehr auf die Strasse gebracht hätte, kein Jugendlicher, der beim Vorbeifahren und Gucken, wer so alles im Café am Platz ist, hat den Verkehr aus den Augen verloren. Nebenan ging dann die Pizzeria auf, ich hab dort etwas gegessen, aber auch dort nichts ungewöhnliches. Die großen Jungs mit ihren Ami-Pickup kamen mit ihren Chicks in die Pizzeria, fast wie Gorillas (grad, dass sie nicht auf ihrer Brust getrommelt haben), die Halbstarken mit ihren Töffs haben versucht, sie zu imitieren und die Kinder haben zugeschaut und gelernt. Nichts außergewöhnliches in Frangy also. Ausser, dass heute ein echt sonniger Sonntag war und ich nicht als Einziger mit Sonnenbrand rumgelaufen bin. Eine Übernachtungsmöglichkeit ist auch nicht rausgesprungen, so hab ich mich auf den Weg zum nächsten Wald in Richtung Champagne gemacht.

Das Thermometer bei der Boulangerie zeigt 25°C, aber ich weiß nicht, ob ich das abends um sieben glauben kann. Anfühlen tut sich’s jedenfalls so…

Weit hab ich nicht mehr suchen wollen und müssen, hab eine „Absteige“ gefunden: die Strasse nach Champagne, vor der steinernen Brücke links auf die Wiese hoch, hinten hinter dem Holzstapel. Viel hab ich nicht aufbauen wollen, also mein Tarp mit drei Heringen im Boden und einem Seil am Baum aufgespannt, Isomatte und Schlafsack rein, fertig. Reicht für heute. Ich bin etwas k.o., aber der Tag war echt genial.

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