Snoopy begleitet mich ein Stück

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Der Hahn wollte mich wecken, aber bei all dem Autolärm der Landstraße war er nur als Hintergrundgeräusch zu hören. Eine Perlenschnur an Scheinwerfern schlängelt sich über die Strasse. Ich hätte ja nicht gedacht, dass so viele Menschen in Frangy arbeiten. Oder fahren die weiter nach St. Julien und Genf? Ich steh grad so da, gerade angezogen, und betrachte das kontinuierliche Hellerwerden des Morgens, da schlenderte ein Rehbock vorbei. Den Kopf gesenkt, auf der Suche nach frischem Gras (nicht, dass man viel hätte suchen müssen). Doch plötzlich schnellt der Kopf in die Stell- und Halteposition, die Augen fixieren mich. Er macht einen Ansatz, weg zu springen, aber nachdem ich mich nicht bewege, bleibt er doch. Und beobachtet mich weiter. Und umgekehrt. Doch nach einer Minute wird ihm das noch zu unheimlich, so ein fremdes Wesen neben seiner komischen Behausung, und läuft weg. Schon außer Sichtweite hör ich den Rehbock dann bellen, wahrscheinlich das Zeichen für Seinesgleichen, dass da was im Busche ist. Bzw. auf der Wiese liegt.

Schnell packe ich mein Lager zusammen und steige den Hügel nach Champagne hinauf. Hier oben begrüßen mich die ersten Sonnenstrahlen. Und wieder keine Wolke am Himmel, es wird wohl wieder „schön warm“.

Der Weg geht hinauf und hinunter, schlängelt sich über Hügel und durch kleine Dörfer. Heute Früh ist mehr Geschäftigkeit als gestern. In dem kleinen Dorf Vannecy werde ich schon erwartet. Ein cremefarbener Hund steht auf der Strasse, in meiner Richtung, und wie ich vorbei laufe, kommt er mit. Er guckt ganz schelmisch schräg von unten zu mir, als wolle er fragen, ob er ein Stück mitlaufen darf. Klar darf er und so trottet er mit. Mal ein paar Schritte voraus, mal ein paar hinterher, aber immer wieder sucht er meinen Augenkontakt, er wartet auf mich.

In Desingy geht der Hund irgendwo hin, hat wohl etwas zu erledigen. Ich schaue mir die eingerüstete Kirche an, sie steht offen. Und wie ich dort drinnen sitze und gucke, kommt er geradewegs zu mir in die Kirche gelaufen. Ich hab jetzt wohl einen Begleiter. Ich mache Rast auf einer Bank in der Sonne, da entdecke ich ein Schild zu den Toiletten und mit einem Wasserhahn drauf. Gute Idee, Wasser tanken.

Die Wasserhähne finde ich im Gemeindehaus und, gut bin ich doch noch hier her gekommen, hier gibt’s auch einen „Stempel“ in Form eines Aufklebers. Da nehm ich mir doch einen mit und auch auf dem Rückweg zum Rucksack folgt mir der Hund auf Schritt und Tritt. Auf seinem Halsband steht etwas von Snoopy, als ich ihn frage, ob er so heißt, leckt er meine Hand ab. Wohl schon.

Snoopy ist cool. Er fängt die freilaufenden Hunde in den Dörfern ab, er streunt durch die Gegend, aber immer in einem Umkreis von hundert Metern. Zwischendrin hat er mal eine Maus gefangen, irgendwann hatte er sich nicht mehr dabei, hatte dafür aber Blutspritzer im Gesicht. Hügel rauf, Hügel runter, um einen Hügel herum, eine Zeit lang wusste er sogar, wo der Jakobsweg entlang geht. Vielleicht begleitet er öfter mal Pilger? Doch irgendwann hatte ich es Gefühl, dass er den Weg nicht mehr kennt. Ich hoffe nur, dass er mir nicht so weit folgt, dass er nicht mehr zurück kommt. Er wird doch wohl ein Zuhause haben?

In einem Wald kamen wir an eine Stelle, wo drei Bäche sich treffen und mit ziemlich tiefem Wasser über den Weg nach unten flossen. Diese Badewanne hat ihm sichtlich gefallen, hier hat er sich ins Wasser gelegt, gebadet, getrunken, sich wieder trocken geschüttelt. Und als er gesehen hat, dass ich noch warte und fotografiere, ist er gleich nochmal rein ins kühle Nass.

Kurz drauf, auf einer Wiese, hat er sich dann im Gras gewälzt. Und jedesmal, wenn ich ihn gefragt hab, ob er wirklich mit mir mit will, hat er nur ganz schelmisch von unten herauf geschaut. Er wälzt sich in Fuchsdreck, und wie genüsslich, da mir kommt mein Rucksack in den Sinn. Da kann ich echt froh sein, dass sich mein Rucksack nur in Erde wälzt. Aber ich sehe mich nicht in der Pflicht, Snoopy zu sagen, was er darf und nicht darf. Er wird das schon selber wissen. So stöbert er auch in fremden Gärten herum. Und manchmal läuft er auch an meiner Seite durch ein Dorf, man könnte fast meinen, das sei mein Hund.

Bei einer schönen Aussicht über den Bergrücken gegenüber, den See unten im Tal und der Burg links auf dem Hügel hab ich Rast gemacht. Meine rechte Schulter zieht etwas, ich weiß aber nicht, wie ich den Rucksack anders einstellen soll. Als Snoopy gemerkt hat, dass ich raste, kam er wieder zurück und hat sich neben meinen Rucksack gelegt.

Mein Strom wird knapp, ich muss mal wieder eine Steckdose finden. Mit dem Internetkästchen hab ich noch ein Gerät mehr mit zu füttern. Das ist jetzt leider auch leer. Ist auch doof, denn es schaltet sich ein, wenn es geladen wird, jetzt hat es eine Stunde lang umsonst WLAN aktiviert gehabt. Das hat dann die Kapazität des ladenden Akkus erschöpft. Mal sehen, ob ich zur Mittagspause in das Dorf mit der Burg komme, vielleicht gibt’s dort ja ein Café mit Strom.

Den Berg hinunter, ich fürchtete schon, ich muss zur Burg wieder steil hinauf, kamen wir an ein Naherholungsgebiet. Dort, wo Le Fier in die Rhône fließt. Hier war ein kleiner See mit einer kleinen Bank, auf der ich erstmal den Rucksack gestellt hab. So langsam spüre ich meine Füsse wieder. Schuhe aus, Socken aus, Hosenbeine hochkrempeln und ein paar Schritte in den See wagen.

Snoopy kam gleich mit, stand mit seinen schelmischen Augen grad hinter mir, also wolle er mich ins Wasser schubsen. Doch da kam der Parkwächter und sagte irgendwie, dass man da nicht ins Wasser darf. Oder so. Aber ich wollte doch nur meine Füsse kühlen. Das war auch nicht das Problem, aber der Hund darf nicht. Und gehört außerdem an die Leine. Ich hab ihm dann erzählt, dass mir der Hund gar nicht gehört und dass er schon eine Zeit lang mit mir mitwandert. Während des Gesprächs versteckt sich Snoopy hinter mir und tut alles, um den Anschein zu wecken, dass er zu mir gehört. Der Parkwächter, ein kleiner, freundlicher, dicker Mann, hat gleich mal die Plakette am Halsband untersucht. Der Hund heißt tatsächlich Snoopy und es stehen zwei Telefonnummern auf der Plakette. In seinem kleinen Büro hat er erstmal die Plakette sauber machen müssen, damit er alles entziffern kann, dann hat er beim Besitzer angerufen. Der Hund ist aus Annecy. Er zieht die Augenbrauen hoch. Scheint wohl weit weg zu sein. Er vereinbart, dass die Besitzerin am Nachmittag bei ihm vorbeikommt und Snoopy wieder abholt. Da hat er mich ganz traurig angeschaut und wollte sich wieder hinter mir verstecken. Ich hab mich versichert, dass das kein Problem für den Parkwächter sei, den Nachmittag lang auf den Hund aufzupassen. Wir haben noch ein bisschen über Pilgern small getalked, er hatte sogar einen Stempel für mich. Hey, so cool. Danach hab ich ihn nach einem Café mit Strom gefragt. Fürs Café hat er mich ins nahegelegene Restaurant geschickt und Strom hat er mir gleich selber angeboten. Deal: ich gehe rüber was essen, er macht Mittagspause und um 14°° treffen wir uns wieder im Büro. In der Zwischenzeit können meine Akkus laden. Ich durfte sogar meinen Rucksack im Büro einsperren.

Das Restaurant hatte allerdings zu. Doch hinterm Haus hörte ich etwas rumoren. Frech wie ich bin, bin ich hintenrum und hab die Dame gestört, wie sie gerade Weinflaschen in den Naturkeller eingelagert hat. Ja, wir haben zu, hat sie gemeint, aber ob sie mir ein Sandwich machen könnte? Ja, warum nicht. Mit Butter, Schinken, Käse und ein paar Gürkchen belegt, brachte sie mir dann schulterzuckend das Sandwich. Aber hey, dafür muss sie sich nicht genieren. Hab mich artig bedankt, hab ihr eine Spende in die Hand gedrückt und mir dann einen Schattenplatz am See gesucht. Mittagspause.

Um zwei, der Parkwächter kam mit Snoopy vom „Gassigehen“ zurück, haben wir noch ein paar Karten studiert, dann hab ich mich verabschiedet. Vom Parkwächter und vielen Dank für’s Telefonieren. Und von Snoopy, vielen Dank für die Begeitung. Irgendwie hab ich kichbgefühlt, als hätte ich ihn verraten. Er muss jetzt noch etwas warten, bis Frauchen ihn abholt.

Dann war ich wieder auf dem Weg. Alleine. An der Rhône entlang. War aber nicht schön, denn der Auenwald gab zwar etwas Schatten, aber darin stand die warme Luft, ohne dass auch nur ein Hauch von Wind da etwas durcheinander gewirbelt hätte. Bald ging’s dann wieder weg vom Fluss, nicht mehr im Wald, sondern über Wiesen und Strassen. Die Sonne ist schon ganz schön kräftig, ich hab doch glatt meine Sommer Wandersachen angezogen. Lange Hose, hatte ich eh schon an und langärmliges, ganz dünnes Hemd. Damit der Sonnenbrand auf meinen Armen nicht noch mehr Sonne abbekommt. So bin ich dann an einzelnen Häusern vorbei. Irgendwie waren sie alle am Rasenmähen, überall hat’s nach frisch geschnittenem Gras gerochen.

Aber nach zwei Stunden hatte ich keine Lust mehr und hab mich von den Werbeschildern der Auberge im nächsten Dorf verführen lassen. Und wie ich dort ankam, im Dorfzentrum, standen rechts und links der Strasse noch große Werbeschilder, dass das Menu de Jour nur 13.- € kosten würde. Aber die Auberge war geschlossen. Eine Anwohnerin empfahl mir noch, hintenrum zu gucken, da wäre „der Patron“. Aber auch der hat mir nur gesagt, dass heute geschlossen wäre.

Er hat mich zum Campingplatz geschickt, gleich gegenüber die Strasse rein. Dort kann man „mobile homes“ mieten. Die Dame an der Reception meinte, ich kann ein großes haben, das sei ein Palast 🙂 Und meine Vorstellung von Wohnwagen wurde gleich drauf erweitert. Ja, mobil sind diese Homes gerade noch, haben mit ihren leichten Wänden und dem leichten Interieur auch noch etwas von Camping,

aber es gibt zwei Schlafzimmer, ein Bad mit Nasszelle und Dusche, eine Küche mit Vier-Flammen-Gasherd und ein extra WC. Oh ja, hier kann ich mal wieder duschen, Wäsche waschen und meine Akkus aufladen. Die nette Dame hat sich noch um Gas und Warmwasser gekümmert, während wir uns ein bisschen unterhalten haben. Ihre ältere Tochter fährt im August auch nach Korsika und so kamen wir auf die Korsen zu sprechen, die manchmal recht vehement sein können, um ihre Insel zu schützen. Sie selber kommt aus Martinique, hat sie erzählt, dort würde man viel offener sein. Mit dem Nachteil, dass viele Hotelbunker gebaut würden und die Hälfte davon nichtmal fertig gebaut werden. Mit dem Fingerzeig auf den Herd hat sie mir dann gesagt, ich könnte ja selber kochen und auch gleich den Supermarkt im Ort erklärt. Nun, der Ort ist so klein, dass man eh alles sehen kann und nur auf ein bestimmtes Haus deuten muss.

Nach der Wäsche war ich dort dann auch einkaufen, Pouletbrust, Zucchini, Tomaten, eine Schalotte, zwei Äpfel und Joghurt zum Frühstück morgen. In meinem mobile home hab ich dann gekocht. Boa, mal wieder mit großen Pfannen hantieren können und davon auch noch zwei 🙂 Mit einem Feuer, welches man größer und kleiner drehen kann. Wirklich ein Palast 😉 Und echte Teller und Besteck! Nur spülen musste ich das alles wieder und ich war froh, dass ich mein eigenes Handtuch und Spülmittel dabei hab, das gab’s nämlich nicht.

 

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2 responses to this post.

  1. Posted by Kleine on 15. April 2013 at 10:07

    Hey Großer,

    ich denke mal dir werden auf deinem Weg noch ein paar weitere tierische Begleiter Gesellschaft leisten. Und falls dir Bambi noch mal begegnet ein kleiner Tip: Rehwild ist ein reiner „Bewegungsseher“. Also alles was sich NICHT bewegt ist für diese Tiere ganz schlecht zu erkennen. Und der Geruchssinn ist auch verhältnismäßig schlecht ausgeprägt. Also wenn du Bambi beobachten möchtest.. einfach irgendwo ruhig sitzen oder stehen bleiben. :o)

    Gruß Kleine

    Antworten

  2. Posted by Matze on 17. April 2013 at 08:12

    wie süss, so ein Streuner als Companion … das der sich so weit von zu Haus entfernt hat … komischer WauWau.
    In so ’ne MobileHome haben wir am Gardasee auch schon mal Urlaub gemacht – purer Luxus, vor allem für Deine Verhältnisse!
    …. das Essen sieht lecker aus ….
    gehts Richtung Lyon oder gleich weiter südlich?

    Antworten

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