Yenne und der Mont Tournier

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Als es hell wurde, bin ich aufgewacht, während Nathan noch schlief. Ich hab mich auf unsere Veranda gestellt und der Sonne zugeschaut, wie so ganz langsam der Hügel gegenüber in ihr orangenes Licht taucht. Dann ein gemütliches Frühstück und die Morgentoilette mit Zeckensuchen, das Lagerfeuer wieder zudecken und verstecken, gegen neun sind wir dann langsam aufgebrochen. Im nächsten Dorf meinte er dann, ich sei zu schnell für ihn, wobei ich extra langsam gegangen bin. Wir haben uns verabschiedet, damit ich mein Tempo wieder laufen konnte. Doch schon kurz drauf haben wir uns kurz wieder getroffen, weil ich den Weg verloren hatte und einen kleinen Umweg gelaufen bin.

Auf der Felsnase hoch über der Rhône und hoch über dem Kessel von Yenne steht eine kleine Kapelle. Mit einer tollen Aussicht über das Land. Grüne Hügel mit einzelnen Dörfern drauf erstrecken sich im Umland, der Frühling hat inzwischen alles frisch grün werden lassen. Ich laufe mein Tempo weiter auf dem Camino und denke über Nathan und unsere Unterhaltungen nach.

In Yenne, dem „größeren Dorf“ in der Umgebung wollte ich einen Orange-Laden finden, um mein Internet wieder aufzuladen. War aber nichts, dafür ist auch dieses Dorf zu klein. Ob ich zu Fuss unterwegs sei? Nein, da ist nichts zu machen. Das ganze Dorf schläft, alles ist ruhig. Nur im Zentrum, wo der Dorfbach durch die Strasse fließt, war ein kleines Café offen. Mit Plätzen auf der Strasse und in Schatten. Hier hab ich mich erstmal nieder gelassen, etwas getrunken und gegessen und hab Mittag gemacht.

30°C zeigt das Thermometer, ich gewöhne mir grad die längeren Siestas an. Bei meinem zweiten Orangina kamen zwei andere Pilger, ich hab sie mit einer Handbewegung zu mit am Tisch eingeladen, weil kein anderer Tisch mehr frei war. Auch Deutsche, aus Kaufbeuren. Sie haben sich hier her geschleppt und waren echt froh, was trinken zu können.

Dann haben sie ihren weiteren Weg geplant, den gelben „Outdoor“ Führer aus der Tasche gezogen, den ich bisher bei jedem Pilger gesehen hab. Der scheint noch gut zu sein, meinte ich, aber die beiden haben abgewunken. Der ist nicht toll, aber es gibt scheinbar keinen anderen. Ich durfte einen Blick rein werfen, mich hat interessiert, welche größere Stadt auf dem Weg kommt. Pustekuchen. Jetzt geht’s in die Berge hinauf und noch nicht zu irgendwelchen Städten. Hmm, da muss mein Internet wohl noch etwas warten… Die beiden aus Kaufbeuren waren allerdings etwas in Zeitdruck, wie sie sagten, und hatten damit folgendes Problem: Yenne ist eigentlich das Ende einer Etappe, aber es war erst Mittag, da konnten sie nicht einfach aufhören. Das wird ihnen nachher fehlen, meinten sie. Aber in den Bergen kommt auch keine Herberge auf die Schnelle, die nächste wäre mehr als 20km weg und das Ziel von der Etappe, die hier in Yenne anfängt. Aber das ist zu weit, um noch jetzt am Nachmittag zu laufen. Zumal es jetzt den Berg hinauf geht. Könnte noch anstrengend werden. Für mich liegt allerdings eine Jagdhütte auf dem Weg, noch ca. 9km, die peile ich mal an. Dort darf man sogar sein Zelt aufstellen und Trinkwasser gibt’s dort wohl auch. Die beiden haben sich dann etwas unentschlossen und unsicher auf den Weg gemacht, ich wollte aber noch etwas im Schatten sitzen und hab noch einen Kaffee bestellt.

Dann kam plötzlich Leben ins Dorf, die Siesta war vorüber. Die Tische des des Café leeren sich, die Handwerker gingen wieder zur Arbeit. Die Flex wurde angeschmissen und der schmiedeeiserne Balkon gegenüber abgeschliffen, das „Maison de la Presse“ öffnete die Türen, die Ständer mit den Ansichtskarten wurden rausgestellt, die Patisserie am Platz hat sich verkaufsfördernd herausgeputzt und die Apotheke hat die Leuchtreklame im grünen Kreuz angemacht. Ich schlürfe genüsslich an meinem Kaffee und schau dem Treiben zu. Ich hatte grad fertig geschlürft, da kam schon ein zweiter Kaffee, der geht auf’s Haus. Wow. Merci bien 🙂 Den verschmähe ich denn auch nicht und so verzögert sich mein Aufbruch tatsächlich in die kühleren Nachmittagsstunden. Der Balkon gegenüber, mit all seinen Fitzeln und Schnörkeln gab noch einiges zu tun für den Mann mit der Flex.

Naja, das mit den „kühleren Nachmittagsstunden“ war etwas übertrieben. Gegen drei bin ich wieder aufgebrochen und es ging durch die stehende warme Luft der Macchia den Mont Tournier hinauf. Das Wetter hat mich schon soweit konditioniert, dass ich schon fast automatisch ein Hohlkreuz mache, wenn auch nur ein kleines Lüftchen weht. Damit vielleicht etwas Wind zwischen Rucksack und Rücken kommt. Mir läuft der Schweiß den ganzen Körper hinunter.

Der Weg geht hinauf und hinauf, bis ich eine tolle Aussicht habe. Eine Aussicht auf die imposante Burganlage gegenüber in dem Durchbruch, den die Rhône hier durch zwei Berge geschnitten hat, und eine Aussicht über das weite, schöne Rhônetal, welches dem Pilger hier zu Füssen liegt.

Zwar auf der Nachmittagssonnenseite und ziemlich warm, aber die Aussicht und die Erwartung von frischem, kühlen Trinkwasser gleichen das wieder auf. Und ich staune so den Trampelpfad entlang, als mir plötzlich, ich dacht‘ ich seh nicht recht, ein Auto entgegen kommt. Der freundliche Fahrer reicht mir die Hand zum Grusse und erzählt mir, dass es zur Cabanne noch etwa eine Stunde ist. Und ein paar Meter rechts von dieser Hütte gibt’s Trinkwasser. Kurz drauf, ich hab mich immer noch über das Auto gewundert, schwebt lautlos ein Gleitschirmflieger über mich hinweg, fliegt eine Kurve, mir wieder entgegen, winkt mir zu, ich winke zurück und er macht noch einen Bogen und fliegt weiter voraus. Das ist aber freundlich, hier bekommt man die Grüsse sogar aus der Luft zugewunken.

Nach sechs Stunden Tagesmarsch bin ich dann endlich bei der Jägerhütte angekommen. Fast wäre mir mein Trinkwasser knapp geworden, aber dort konnte ich mich erfrischen und wieder auftanken.

Ich habe vor, hier zu übernachten und auf der Suche nach geeigneten Bäumen finde ich die steinerne Sitzgruppe hinter der Hütte.

Der Tisch ist recht gerade, ich glaube, ich schlafe auf diesem. Hat zwar etwas von einem Opfertisch, aber hey, wer hat schon mal auf einem Opfertisch geschlafen und das auch noch überlebt? (Naja, letzteres werden wir morgen sehen) Nach dem Waschen und Erfrischen mit dem klaren, kalten Trinkwasser hab ich mir Feuerholz gesammelt und meinen Hobo angeschmissen. Heute gibt’s wieder Nudeln, von denen hab ich am Meisten dabei.

Aber ich hab meinen Holzlöffel verloren. Ich durchsuche meinen Proviantbeutel, nichts. Ich packe meinen Rucksack aus und wieder ein, nirgendwo zu finden. Na so doof und die Nudelsuppe ist schon fertig. Gut, dass mir Luca damals einen kleinen Baby-Brei-Löffel geschenkt hat, dass löffel ich meine Nudeln halt mit dem kleinen. Dann schling‘ ich auch nicht so mein Essen runter 😉 Aber das ärgert mich schon, mein schöner Olivenholzlöffel. Und gestern haben wir noch Spass gemacht, von wegen „Perferktionist“ und sicher sein wollen, dass alle Sachen beisammen sind. So kann’s gehen…

Kurz vorm Dunkelwerden kam doch glatt noch jemand vorbei und ist in die Jägerhütte rein. Ich hatte grad meinen Hobo nochmal angefeuert, gerade dass er schön brannte. Und ich hatte ein schlechtes Gewissen, denn Nathan hat mir gestern noch erzählt, dass es auch in Frankreich verboten sei, einfach so Feuer zu machen. Aber die beiden Leute haben nur freundlich gegrüßt und nichts weiter gesagt. Und nach ein paar Minuten sind sie auch wieder gefahren. Hat er „Bonheur“ gesagt? Naja, jedenfalls konnte ich noch an meinem Feuerchen sitzen, meinen Tee schlürfen und den Tag ausklingen lassen. Und wie das klingt, hat mir der Wald heute eindrücklich gezeigt. Mit der Dunkelheit war es auf einmal still im Wald. Der Kuckuck hat aufgehört zu rufen, die anderen Vögel waren auch leise. Ganz still war es plötzlich. Eine Stille, die sich wie über den Wald legt. So wie als hätte jemand „Gute Nacht“ gesagt und alle wären ins Bett gegangen. Nur noch mein Feuerchen knistert leise, das Pferd nebenan schnaubt noch einmal und dann war gar nichts mehr zu hören. Der Mond steht mit seiner Sichel am Himmel und gibt noch ein ganz wenig Licht, dass ich Isomatte und Schlafsack auf dem Opfertisch ausbreiten kann.

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