Mont Tournier hinunter

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Ein Löffelchen für Mama, ein Löffelchen für Papa, ein Löffelchen für Luca. Menno, ziemlich doof, dass ich meinen Olivenholzlöffel verloren hab. Mit dem frischen Wasser hier hab ich mir Haferflocken zum Frühstück gemacht. Die Nacht auf dem Opferstein hab ich überlebt, aber mein rechtes Auge ist ziemlich geschwollen. Ich glaub, ich hab mir gestern was reingerieben. Aber ich kann noch rausgucken aus dem Auge, das dreidimensionale Sehen funktioniert noch. Der Opferstein hat sich auch eher wie ein Präsentierteller angefühlt, wie ich gestern Abend eingeschlafen bin.

Das Einklingen des Tages war genauso eindrücklich wie das Ausklingen gestern Abend. Die nächtliche Stille lag noch kuschelnd mit der Dunkelheit über dem Wald. Der Kuckuck war der erste. Laut und vernehmbar ließ er seinen Ruf los. Und dann ging’s ab. In allen Richtung fing es an zu zwitschern und zu flöten, zu krähen und zu singen und zu gurren, auf einen Schlag waren alle Vögel wach und haben das Lied des Waldes angestimmt. Langsam wurde auch die Sonne wach und schien mit ihren zaghaften Morgenstrahlen in den Wald. Was für ein Wecker!

Der Weg stieg dann weiter an, um an einer Aussichtstelle vorbei zu kommen. A-tem-be-raubend, kann ich nur sagen. Ich kann das Rhône-Tal über mehrere Kilometer, ja über mehrere Tagesetappen überblicken. Der Fluss kommt dort hinten aus dem Durchbruch zwischen den Bergen heraus, breit und träge windet er sich dahin, macht eine Kurve nach der anderen.

Nebendran liegt ein sanfter Hügel mit einer Stadt drauf, getränkt in gelber Morgensonne, der Hügel waldbewachsen, langsam in Felder übergehend. Braune Felder und grüne Felder, hellbraune und hellgrüne Felder. Und zwischendrin immer wieder mal ein paar Bäume und ein paar Häuser. Im Hintergrund, noch vom Morgenschleier eingehüllt, die Berge, im Vordergrund, unter mir, im Bogen des Flusses wieder Felder und Bäume und ein Dorf. Gegenüber von mir ein größerer Hügel mit Laubwald drauf, braun noch und fast ohne Blätter, oben drauf eine Aufforstung mit dunkelgrünen Nadelbäumen. Unten am Fluss schlängelt sich hörbar eine Strasse entlang und der Hügel spiegelt sich im Wasser der Rhône.

Weiter links öffnet sich ein weites Land mit mehr Bebauung, der Monut Tournier, auf dem ich hier stehe, ist bald zu Ende. Doch vorher noch eine steile, ja senkrechte, Felswand. Ein Hügel noch, umflossen vom Fluss, das weite Land, welches sich gegen hinten in den Schatten der Wolken verliert. Wie weit man hier blicken kann!

Es gibt nochmal schweißtreibend steil bergauf, aber ich ahne schon, dass ich bald von diesem Berg wieder runter muss. Ich will einerseits nicht aus diesem schönen Wald heraus, andererseits sollte ich langsam echt mal Internet nachladen, damit Ihr Leser nicht zu viel nachlesen müsst. Ich komme zu einer Abzweigung zu den „Balconnes de St. Maurice“. Das klingt nach Aussicht. Doch nach den angeschriebenen zehn Minuten war ich auf einer Strasse, ohne Aussicht. Eine Alternative des Jakobsweg würde hier die Strasse hinunter gehen.

Nö, das will ich aber nicht und drehe wieder um. Weder durch den Wald zurück zur Abzweigung und weiter den eigentlichen Jakobsweg. Und der führt mich dann zu einem Aussichtspunkt. Ein markanter Felsen und dahinter der Ausblick auf das weite Land, was in den nächsten Tagen vor mir liegt. Sanft wellt sich noch die letzte Kuppe des Mont Tournier unter dem Gras, dann geht’s hinunter nach St. Maurice.

Aber auch das ist nur ein verschlafenes Nest, nichtmal einen Laden, geschweige denn, einen für Internet. Hab mich kurz in der Kirche abgekühlt, einen Stempel geholt und bin weiter den Berg hinunter gelaufen. In der Kirche von Grèsin hab ich Herberts Spur wieder gefunden. Zwei Tage Vorsprung. Das Dorf schläft, ein einziger Junge spielt Fußball mit der Mauer der Schule. Ich ziehe weiter. Es ist Mittag. Sonnig. Warm.

Aber ich finde auch nicht wirklich ein gemütliches Plätzchen zum Mittag machen. Also schlendere ich weiter und nachdem es (fast) nicht mehr (viel) bergauf geht, hält sich das Schwitzen auch in Grenzen. Außerdem weht immer wieder ein bisschen Wind, der das Wandern heute recht angenehm macht. Ich nasche von den Taubnesseln auf dem Weg, wenn man Glück hat, kann man bei denen noch einen Tropfen süßen Nektar naschen. Sofern die Bienen nicht schon schneller waren. Ich schlage das Scharbockskraut in meinem Pflanzenbuch nach, finde Löwenzahn en masse und diese eine Pflanze, die mir Nathan gezeigt hat. Die hat oben einen dunklen Bommel, aus der wie ein Haarkranz kleine weiße Blüten kommen, die ziemlich viel Pollen produzieren. Dieser schwarze Bommel schmeckt nach Pilzen, könnte ich mir gut zu Reis vorstellen. Ich nasche ein paar junge Buchenblätter, so jung und zart und hellgrün wie sie sind, kann man sie gut essen. Nur Brennesseln sind nicht einfach so im Vorbeigehen gepflückt und gegessen. Nochmal die Lippen verbrennen mag ich dann doch nicht.

Eine kleine Kapelle mit schönem Bild hinterm Altar und schönem Sternenhimmel, ein paar Bäume davor mit frischen, hellgrünen Blättern. Es weht ein leichter Wind, eine Bank auf der Wiese im Schatten, hier ziehe ich mal meine Schuhe aus und genieße die Aussicht. Es ist sooo gemütlich hier. Beim Herumlaufen bleiben mir Gänseblümchen zwischen den Zehen hängen. Ach, einfach herrlich.

Ich schlendere hinunter ins Dorf St. Genix-sur-Guiers. Ein hübsches Dorf. Ein Laden, ein Café, ein Restaurant, eine schmucke kleine Altstadt, das gefällt mir, hier will ich bleiben. Nach dem Besuch der Kirche schlendere ich durchs Dorf und frage im kleinen Laden nach einer Unterkunft. Aber die Verkäuferin konnte mir nicht weiterhelfen und hat einen Kunden gefragt. Ein älterer Mann, scheinbar nicht ganz nüchtern, dieses aber wohl gewohnt, der grad mit einer Flasche Wein an der Kasse steht. In einem breitgequetschten Französisch erklärt er mir dann, wo ich das Hotel Bernard finden könnte. Aber ich hab ihn nicht verstanden und er war auch nicht in der Lage, seine Sätze langsamer oder anders zu formulieren. Also doch auf eigene Faust weiter suchen und so kam ich an die Touristen-Information. Die Dame dort konnte english und hat mich vor die Auswahl zwischen Campingplatz (gleich gegenüber), einem Hotel und einem Bed’n’Breakfast gestellt. Ich entscheide mich für den Campingplatz und gehe hinüber.

Die freundlichen Holländer können deutsch und englisch und bieten mir gerne eine Nacht an. Auf die Frage nach zwei Bäumen für meine Hängematte geht sie sogar mit mir die Plätze anschauen, aber es finden sich keine zwei Bäume nah genug zusammen. Kein Problem, ich nehm‘ auch eine Hütte. Formalitäten erledigt und Hütte bezogen. Wieder mit Herd, ich kann also wieder selber kochen. Ein Supermarkt ist auch gleich nebenan, also gehe ich noch einkaufen, bevor ich meine Schuhe ausziehe. Und Internet gibt’s auch 🙂 Dann übertrage ich meine Bilder vom iPhone aufs iPad und weiter ins Internet, während ich Essen koche. Danach Bilder sichten, sortieren, Blog-Einträge aktualisieren, Mails beantworten, doch ich bin recht müde und verschwinde bald mal im Bett.

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