Glück gehabt

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Schon erstaunlich, wieviel Regen in die Wolken passt… Aber ich will weiter. Alles regendicht einpacken, Rucksack auf und Poncho drüber.

Ich hab immer noch kein mobiles Internet, aber Ihr müsst Euch keine Sorgen machen. Mir geht’s gut, die Schwellung meines rechten Auge ist auch wieder vorbei. Ein bisschen kühl ist es, aber wer im Schnee draußen übernachten kann, wird das schon aushalten. Ich ziehe weiter nach Westen, wenn ich wieder Internet finde, erzähle ich Euch, wie der Tag gelaufen ist.

Auf der Brücke aus St. Genix heraus, rüber in das Département Isére, beobachtete ich die Wassermassen, die der Fluss Guiers mit sich führt, da sprach mich ein lokaler Reporter an. Ob er ein Foto machen dürfte? Klar, warum nicht. Und nach dem Foto hatte ich dann plötzlich ein Diktaphon unter der Nase und ich wurde noch interviewed. Woher ich bin, wohin ich gehe, usw. Die Zeitung heißt Le Dauphiné libéré oder so ähnlich, ich soll doch morgen oder übermorgen mal im Internet schauen. Ich hab den Reporter gebeten, mir doch ein Mail zu schreiben und ihm meine Adresse noch aufgeschrieben.

Von wegen kühl… Ich bin viel zu warm angezogen. Nach einer halben Stunde hab ich den Fleecepulli ausgezogen, damit der trocken bleibt und nach einer Stunde hab ich auch noch mein langes Unterhemd ausgezogen. Wandern ist doch etwas anderes als den ganzen Tag im Internet abhängen… Und plötzlich hörte der Regen auf. Zumindest soweit, dass ich meinen hitzestauenden Poncho gegen die Regenjacke tauschen konnte. Schon angenehm, wenn man zwischendurch mal was Trockenes anziehen kann 😉

Durch Hügel und Felder, durch Dörfer und kleine Wälder schlängelt sich der Weg dann an vielen Kühen und Ställen und an einigen Pferden vorbei. Quer durchs Land, kaum eine Strasse, die ich kreuzen musste, so kam ich gut voran. Der Regen hat ganz aufgehört, zwischendrin kam sogar die Sonne mal heraus.

In Le… Le… Dings… Kommt davon, wenn man auf den kleinen, versteckten Wegen in die Dörfer kommt und keine Ortsschilder mitkriegt… In Le Dings jedenfalls hab ich Brotzeit gemacht. Die Kirche ist leider zu, so hab ich auf einer Bank neben der Kirche gesessen und meine nassen Socken mal gewechselt. So sitzend ist es schon kühl und auch die Wolken behalten die Oberhand am Himmel. Aber solang das nicht regnet, gilt das ja fast schon als schönes Wetter. Les Abrets, glaub ich heißt das Dorf.

Am Nachmittag ging es ständig bergan. Kam mir zumindest so vor. Ob das an dem einen Tag Pause liegt? Meine Füsse tun weh, so, wie ich es in Genf schonmal gelernt hab. Nasse Haut auf den Fussohlen, trotz frischer Socken, aber die Schuhe sind halt nass, und dann hundert Kilo Gewicht drauf. Das mag die nasse Fusshaut scheinbar nicht. Und schon wieder einen Hügel hinauf. Aber wenn ich mich umdrehe, hab ich ein schönes Bild von den Bergen, die nur knapp überflogen werden von den doch meist grauen Wolken. Aber es regnet nicht mehr. Da, einmal geht’s bergab, doch so steil, wie es auch immer bergauf geht. Geht ganz schön in die Knie. Und wieder hinauf.

Ich entdecke ein Schild, eine Einladung für Pilger, dass es hier Zimmer mit Frühstück und Abendessen gibt. Aber ich gehe dran vorbei. Ich weiß nicht recht, jetzt schon aufhören? Was für ein Weichei bin ich denn nach einem Tag Pause? Ich laufe weiter.

Ins nächste Dorf, Valencogne (diesmal kam ich am Ortsschild vorbei und hab ein Foto gemacht). Hier lockt auch schon die nächste Gîte die Pilger an, diesmal sogar mit Leuchtreklame. Und diesmal war meine Hemmschwelle niedriger, ich bin hin zu diesem Haus, aber es war zu. Hmm.

Weiter hinein ins Dorf, zur Kirche. Hier hab ich kurz Rast gemacht, drinnen war die Geschichte des Jakobsweg dargestellt. Schön von Hand geschrieben und beschrieben, doch auf Französisch. Ich konnte nur die Schlagwörter herauspicken. Wieder draußen vor der Kirche wusste ich nicht so recht, was tun. Wasser tanken und in den nächsten Wald? Ich war allerdings mit dem Dorf auf einem Hügel und die dunklen Wolken zogen nur knapp über uns hinweg. Und ein kühler Wind frischte auf. Am Picknickplatz stand ein Schild zur Öffentlichen Toilette und zum Wasser. Die Türe dort war zwar offen, aber das Wasser war abgestellt. Doof. So langsam beginnt es zu dämmern. Meine Füsse tun weh und die Wolken sehen nach Regen aus.

Hier überkam mich ein Gefühl von Einsamkeit. Auf mich allein gestellt. Nicht so recht wissen, wo und wie ich übernachten sollte. Hätte ich mal das Herbergsverzeichnis gekauft. Hätte ich mal eine Prepaidkarte, damit ich telefonieren kann. Neben der Kirche stand zwar eine Telefonzelle, die funktionieren hier mit Kreditkarten. Aber hätte ich mal die Nummer des ersten Schildes fotografiert. Hätte. Hätte. Hab ich aber nicht. Und auf einmal erschien mir meine leichtfertige Vorgehensweise zu leichtfertig. Was mache ich jetzt? Fuss tut weh, Gesicht und Ohren glühen, bin ich schon wieder dran, mich zu erkälten? An der Mairie des Dorfes war auch nichts Brauchbares angeschlagen. Und erreichbar eh keiner, es ist Samstag Abend. In mir stieg eine Kälte auf, irgendwie fühlte ich mich verloren. Sollte ich in der Kirche bleiben, bis jemand kommt und sie abschließt? Vielleicht kann ich ja in der Kirche schlafen, dort wäre ich wenigstens windgeschützt und der Regen wäre auch draußen. Beim Gemeindehaus hab ich auf der Rückseite einen Eingang gefunden, natürlich abgesperrt, aber mit einem großen Dach davor. Soll ich hier meine Isomatte und Schlafsack ausbreiten? Unschlüssig zog ich durchs Dorf. Mir war kalt. Ich musste sogar meine Handschuhe anziehen.

Ich ging zurück zu der geschlossenen Gîte. Wirklich geschlossen. Also bin ich weiter zurück zu dem ersten Schild, außerhalb des Dorfes. Hab diesmal ein Foto gemacht, falls ich doch von der Telefonzelle an der Kirche dort anrufen sollte. Doch das Haus war gleich nebenan. Ob ich hingehen soll? Zögernd betrat ich das Grundstück, die Stufen hinauf; zögernd streckte ich die Hand aus, um zu klingeln.

Christine öffnet die Tür und fragt mich auf Französisch, ob ich ein Zimmer suche. Etwas kleinlaut bejahe ich die Frage, wenns denn möglich wäre…? Sie lädt mich ein, rein zu kommen, sie stellt mir etwas zu Trinken hin, schiebt mir einen Stuhl hin, ich darf mich setzen. Sogar einen Wäscheständer holt sie, damit ich meinen nassen Poncho trocknen kann. Dann stellt sie mir einen Teller selbstgebackener Plätzchen hin. Und ich darf erzählen. Wer ich bin, woher ich komme, wo ich heute gestartet bin. Ich erzähle ihr meine Geschichte, vom Job kündigen und den letzten paar Wochen auf dem Camino. Ich darf hier bleiben. Ich hab Glück gehabt, denn morgen, nachdem sie ihre Marmeladen auf dem Markt verkauft hat, fährt sie in den Urlaub. Nach Le Groi du Roi. Ans Mittelmeer. Hey, da war ich auch schon und schon hatten wir wieder ein Gesprächsthema. Doch plötzlich entschuldigt sie sich, sie muss noch in den Garten, ihre Kürbisse setzen. Bevor es ganz dunkel wird. Meine Hilfe will sie nicht annehmen, sondern zeigt mir das Pilgerzimmer und die Dusche und schickt mich dort hin. Ich soll mal schön entspannen. Ob sie später noch was kochen soll? Ich winke ab und hab ja mein eigenes Essen dabei. Auch gut. Also, sie ist dann mal draußen. Wenn ich was brauche: das Haus steht mir offen. Aber ich schwing mich erstmal unter die Dusche. Die Kälte in mir ist wieder verschwunden. Doch noch eine Übernachtungsmöglichkeit gefunden. Glück gehabt. Oder: Wunsch in Erfüllung gegangen? Oder Stoßgebet erhört? Ich hab das Gefühl, wenn ich draußen übernachtet hätte, wäre ich wieder krank geworden, so kalt, ungemütlich und windig wie das ist.

 

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