La Côte St. André

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Das Petit Déjeuner ist gewohnt klein, aber herzlich. Nebst Brot gibt es Zwieback; wie lang ist das denn her, dass ich Zwieback gegessen habe. Und die herzliche Marguerite kommt mehrmals rein und fragt, ob alles gut sei. Nach dem Frühstück breche ich wieder auf, die Gastgeberin erklärt mir noch, dass ich den Weg zur Kirche nehmen kann, er trifft oben wieder auf den Jakobsweg. Nächste Station: La Côte St. André, acht Kilometer. Zwei Stunden.

 

Das Wetter ist zwar bewölkt, aber jeden Tag wieder etwas freundlicher. Und heute hat es keinen Nebel. Auf dem Kirchenhügel kann ich über das Tal schauen, welches ich heute entlang gehe. Marguerite hat noch gesagt, dass es ein gemütlicher Weg wird, ohne viel Auf und Ab.

Nach der Kirche finde ich die Muschel und folge ihr in Richtung Meer. Mir kommt Caro in den Sinn, das junge Mädel von der Mojo Bar. Sie wollte auch mal losziehen und wandern, bis sie ans Meer kommt.

Hmm. Zweieinhalb Stunden. Heute bin ich langsam, mein Fuss tut mehr weh als gestern. Am Schloss Ludwig XI vorbei komme ich nach La Côte St. André, durch die riesige Markthalle komme ich in die Innenstadt. Kurze Orientierung, ein Orange-Shop und die Post sind schnell gefunden. Aber heute ist Montag, da hat der Orange Laden geschlossen. Da muss ich wohl bis morgen warten. Oder ohne Internet weiter ziehen.

 

Nein, ich bin hier her gekommen, damit ich endlich mein Internet wieder auflade, da kann ich jetzt nicht weiter ziehen. Zumal die nächsten Tage wieder durch Pampa führen, ohne größere Dörfer. Außerdem sollte ich mir endlich mal eingestehen, dass mein rechter Fuss weh tut, dem wird eine Pause auch mal gut tun. Aber das wollte ich nicht so recht wahrhaben. Ich bin doch geübt, ich bin doch eingelaufen, mir passiert sowas doch nicht. Ich bin doch stark wie ein Ochse und tapfer wie ein Bär, frei wie ein Vogel, und schnell wie ein Hase, am liebsten doch alles auf einmal. Und doch musste ich einsehen, dass ich heute nicht weiter komme. So früh hab ich mich selten in ein Hotel eingebucht. Am Boden zerstört, fast den Tränen nahe, tief enttäuscht von mir, aufgewühlt und mit einem unbändigen Drang, weiter zu ziehen, hab ich meinen Rucksack aufs Hotelzimmer gestellt. Und bin Essen gegangen. In die Dönerbude gegenüber. Ein Kebab und ein Ayran. Und dann kam dieses Lied im Fernseher:

 

Oh ja, das passt. Das alles will ich sein, am liebsten alles auf einmal. Und doch hänge ich hier fest, in irgendeiner kleinen Dönerbude, irgendwo mitten in Frankreich. Und mein Fuss zeigt mir, dass ich gar nicht tapfer bin, nicht stark, nicht schnell. Ich bin nur ein kleiner Mensch, ein kleiner Pilger, mit schmerzendem Fuss. Irgendwo in Frankreich.

Doch auf einmal schien sich Gottes Fügung wieder zu meinen Gunsten zu drehen. Schon mehrere Pilger, gläubig oder nicht, haben mir erzählt, dass der Weg wundersame Fügungen bereit hält. Wenn Du etwas brauchst, kannst Du schon fast sicher sein, dass der nächste Mensch, den Du triffst, Dir helfen kann. Und plötzlich kam ein anderer Pilger in diese kleine Dönerbude, irgendwo mitten in Frankreich, in der ich saß und dieses Lied hörte. Er ist Deutscher, das habe ich schnell herausgefunden. Also habe ich Max angesprochen. Er ist zwar kein Arzt oder so etwas, aber er hat mir doch weiterhelfen wollen. Unbedingt sofort die Schuhe ausziehen. Und unbedingt heute Pause machen. Wenn, dann nur noch in Schlappen durch die Stadt ziehen, am Besten aber den Fuss ruhen lassen. Ibuprofen hilft auch, das ist gut für die Gelenke, entzündungshemmend und schmerzlindernd. Aber das wichtigste war: ich konnte ihm mein Leid klagen und mich mal bei ihm „ausweinen“. Sein herzlicher Händedruck und seine besten Wünsche für den weiteren Weg haben mich wieder aufgebaut, die Welt sieht schon gar nicht mehr so schlimm aus.

Außerdem: ich bin schließlich schon auf der Hälfte zwischen Genf und Le Puy, auf der Hälfte der Via Gebennensis. Ich kann stolz auf mich sein. Ich bin schon weit gekommen.

Vielleicht kann ich ja noch etwas Gewicht sparen in meinem Rucksack. Ich hab also mein Paket von der Post geholt und Inventur gemacht. Erstmal Jeans angezogen und meine Wanderhose gewaschen und dann jedes einzelne Teil, welches ich besitze, zwischen Rucksack und Päckchen aufgeteilt. Und jedes einzelne Teil hinterfragt. Muss ich wirklich drei Unterhosen mitnehmen, brauche ich wirklich drei Hemden auf dem Weg? Soll ich meine lange Unterwäsche mit dem Paket vor mir her schicken, brauche ich meine Badehose wirklich? Ich hab mein Paket ziemlich voll gepackt und der Rucksack ist schon weniger voll. Aber viel konnte ich nicht mehr weglassen, ich bin schon recht optimiert gepackt. Gut, ich könnte drauf verzichten, draußen zu übernachten, das würde wirklich viel Gewicht sparen. Aber darum geht’s mir doch. Wenn das Wetter mal wieder besser würde.

Am Nachmittag bin ich dann barfuß in meinen Schlappen durch die Altstadt von La Côte St. André geschlendert, hab mir das Schloss und die Kirche angesehen und ein paar Fotos geschossen. Abends hab ich meinen Blog aktualisiert und meine Wanderungen als Lektüre mit ins Bett genommen. Ich hab von den Bergen gelesen, wie ich im Sommer auf 2000 Meter im Val da Camp war, ich hab meine Geschichte aus Venedig gelesen und war ganz vertieft in meine eigenen Geschichten. Als ich wieder aufgeschaut habe, war es zwölf Uhr. Oh. Langsam sollte ich mal schlafen gehen. Aber das hat mir gut getan, mit dem Kopf und den Gedanken mal ganz woanders zu sein. Nicht immer nur hier auf dem Camino, manchmal sollte man seine Gedanken und Phantasie ganz woanders hin schicken. Ich sollte mehr lesen auf dem Weg…

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