lecker Frühstück und lange Mittagspause

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Der Mond schien hell diese Nacht. Gestern Abend von links und durch die Nacht ist er immer mehr nach rechts gewandert. Es war recht hell im Wald. Nach dem Aufstehen hab ich mein Lager zusammengepackt und bin gleich weiter gezogen. Und schon nach einer halben Stunde hatte ich meinen Frühstücksplatz gefunden: ein großer Stein am Wegesrand, mit der gelben Muschel auf blauem Grund als Pilger-Frühstücksstein markiert. Das letzte Wasser gekocht, in die Haferflocken hab ich heute Christine’s leckere Marmelade gemischt. Mmmh, lecker. Dazu eine Handvoll Studentenfutter mit Rosinen, Walnüssen, Haselnüssen, Cashewkernen und Mandeln. Dazu die Morgensonne im Gesicht und ein Kuckuck, der ganz in der Nähe seinen Namen ruft. Herrlich, so gestärkt kann ein neuer Tag gut beginnen.

Mein Fuss ist immer noch nicht ganz ok, aber ich kann meinen Schuh so schnüren, dass das Fußgelenk nicht zu fest umschlossen ist. So wird das wohl gehen. Mal schauen, wieviele Bänke ich heute finde 🙂

Neben dem Frühstücksplatz steht im Wald eine Hütte aus Baumstämmmen zusammengestellt. Wie eine Laubhütte, nur etwas größer. Wenn ich das gewusst hätte, dass hier Pilgerhütten rumstehen… hätte ich trotzdem meine Hängematte aufgehängt 😀 Noch den iPhone Akku tauschen und weiter geht’s. Langsamen Schrittes… Über taunasse Wiesen, die in der Sonne funkeln und glitzern, die ersten Löwenzahn sind inzwischen Pusteblumen geworden, durch blühende Rapsfelder, links die Aussicht über das Tal unter mir, rechts ein Wald mit blühenden Bäumen. Tief atme ich ein und genieße diese frische, kühle Morgenluft.

In Revel-Tourdan finde ich eine öffentliche Toilette. Zwar ohne Waschbecken zum Wassertanken, aber ich kann die dringendsten Entsorgungsaufgaben erledigen. Hier gibt es auch eine Burgruine, alte Mauern, die man anschauen kann und die Wiesen dazwischen sind frisch gemäht. Ein fleißiger Gemeindegärtner. Das ist ideal, um den Besichtigungsrundgang barfuß zu machen.

Nach einer Stunde Fuss entlasten und Sonnenbaden bin ich noch schnell in die Kirche, hab mir den Stempel von hier in den Pilgerpass gedrückt und weiter geht’s. Wasser fehlt noch, mal sehen, ob ich einen Brunnen finde. Am Friedhof, ja, natürlich… Dass ich das immer noch nicht verinnerlicht habe…

Ein kleiner Sprung über das Tal (damit ich den knieschlackernden Abstieg und den schweißtreibenden Aufstieg ausblenden kann), oben um die Kurve und plötzlich rollt ein Donner durch die Landschaft. Ich hab erst gedacht, unten im Tal wäre ein Flughafen, konnte aber keinen entdecken. Der Donner war auch schnell wieder weg. Weiter am Weg kam dann plötzlich ein übermannshoher Zaun, mit Stacheldraht oben dran, sah fast so aus, als würde ich an militärischem Sperrgebiet vorbeilaufen.

Doch auf der Rückseite des Hügels hab ich dann Gleise gesehen. Zwei nebeneinander, schnurgerade, bzw. in einem gaaaaanz großen Bogen die leichte Rechtskurve hinauf. Und wieder rollt ein Donner durch die Landschaft. Ich bin an einer TGV Strecke. Hier sausen die Doppelstöcker-Züge mit 300 Sachen durch die Gegend. Das hier müsste sogar die Strecke sein, auf der ich nach Avignon gefahren bin. Und Jahn war auf dem Weg von Séte nach Hause wohl auch hier unterwegs. Wuuuuusch, kam grad noch ein TGV vorbei. Schon genial, dass die ihre eigenen Trassen haben und so über viele Kilometer hinweg ihre „Grand Vitesse“ auch fahren können, ohne von anderen Zügen oder von Bahnübergängen oder sowas Profanem gestört zu werden. Da nehm ich auch den abweisenden, übermannshohen Zaun in Kauf. Und den Umweg, den ich wegen dieser Trasse laufen muss.

Unter der Trasse her, wäre der Jakobsweg irgendwo rechts abgebogen, hinauf Richtung Wald. Aber ich hab wohl den Abzweig verpasst, hab mich schon gewundert, dass die sonst so zahlreich vorhandenen Wegweiser fehlen. Aber egal, ich will eh langsam eine Pause machen, da kommt mir das Dorf da vorne ganz recht. Kirche zum Abkühlen, Bank zum Hinsetzen, das wär’s. Wobei… Als ich an der Werbetafel für das Restaurant „Le Balcon des Alpes“ vorbeikam (das klingt ja schon nach toller Aussicht), dort wird sogar english gesprochen, da dachte ich an einen Café au lait. Oder noch besser: ein kühles Orangina. Oder vielleicht ein Eis? Mit Internet vielleicht, dann könnte ich in meiner Pause mal ein paar Bilder hochladen. Dieser Gedanke trieb mich an, den Dorfhügel hinauf, Schritt für Schritt, die Kirche schlug gerade eins.

Doch die Kirche war verschlossen. „Wahrscheinlich nur das Hauptportal“, dachte ich und suchte einen Seiteneingang. Nichts. Zu. Naja, dann eben nicht. Gegenüber das Restaurant: auch geschlossen. Kein kühles Orangina, kein Café au lait, kein Internet. Nichtmal ein Schattenplatz im Dorf. Am Rand des geteerten „Sportplatzes“ hab ich im spärlichen Schatten einer Hecke gesessen, um wenigstens mal zu sitzen.

Tolle Enttäuschung. Aber hier sind wir ja auch nicht am Jakobsweg, die Pilger werden ja ein paar hundert Meter weiter oben durch den Wald geleitet. So blieb mir nichts anderes übrig, als ein Schluck von meinem warmen Wasser zu trinken, mir den Staub von den Schuhen zu klopfen und den Hang hinauf zum Camino zu gehen.

Oben angekommen, wieder auf dem richtigen Weg, fand ich eine kleine Hütte. Naja, eher ein Dach mit ein paar Pfosten dran, damit es nicht runter fällt. Aber es bietet Schatten. Und ein kühlender Wind weht auch. Hier kann ich Pause machen, mein Fuss hat das schon längst wieder nötig.

Statt Orangina gibt’s frisches, kühles, klares Wasser aus dem Pilger-Brunnen (wieder so einer, der das Wasser von ganz tief unten hoch saugt). Hier kann ich auch meine Füsse kühlen, ein Handtuch liegt hier auch bereit. Und eine Bank zum Hinlegen und Füsse hochlegen. Aaach, tut das gut. Was wollte ich eigentlich in dem Dorf da unten?

Erfrischt. Füsse hoch. Ein leises Wuuuuusch aus der Ferne. Ein Vogel. Augen zu. Eine sanfte Brise. Seeehr entspannend. Und das, ohne Geld auszugeben. Und ich hab meine Ruhe hier, keine Bedienung, die Kommunikation machen will, keine Autos, die vorbeifahren. Nur ein Reiter, der gemütlich auf seinem Kaltblut vorbei reitet. Entspannt und mit lockerem Zügel. Und das leise Rascheln der Blätter im Wind. Ein kleiner Bach kommt unter der Hütte her, so klein, er flimmert zwar in der Sonne, aber er rauscht nicht oder glucksert. Oder pritschelt. Und die Sonne spiegelt sich im Wasser und so wird das Flimmern des Baches oben an die Decke, unter das Dach geworfen. Und flimmert dort auch. Im selben Rhythmus.

Ach ja, Internet. Ups, ich muss meinem mobilen Internet mal Strom geben, der Akku ist schon wieder rot.

Ich lag so gemütlich, die Füsse hochgelegt, als es auf einmal hektisch wurde. Wenn was kommt, dass gleich alles auf einmal. Ein Traktor fuhr vorbei, ein Auto hielt an und die Insassen liefen mit dem Zettel ihres vermissten Hundes rum und zwei Wanderer kamen. Als ich mich aufgesetzt hatte und so ungefähr den Überblick hatte, hab ich die Bank frei gemacht und den Wanderern einen Sitzplatz angeboten. Auf Deutsch, ich hatte gar nicht drüber nachgedacht, hab ihn ihnen gesagt, dass sie sich setzen sollten. Und Ruth und Eduard aus der Schweiz haben mich verstanden. Und so waren wir gleich in einem angeregten Gespräch übers Pilgern und über die verschiedenen Erlebnissen in den Herbergen vertieft. Was sie so lustiges erlebt haben… Ich kam kaum dazu, meine Geschichten zu erzählen. Bestimmt eine Stunde haben wir erzählt und gelacht, dann wollten die beiden weiter. Ihr Ziel ist ein Kloster und laut ihrem Plan gehen zwei Varianten des Jakobswegs dorthin. Eine 14km, die andere 19km. Ich sei doch viel schneller, meinten sie, wir würden uns bestimmt wieder treffen. Ob ich auch im Kloster übernachten möchte? Ich hab abgewunken. Nicht mit meinem Fuss, nicht noch weitere 14km. Nicht heute. Und so sind sie weiter gezogen, während die anderen immernoch ihren Hund gesucht haben. Ein Blick auf die Uhr: Oh, schon vier. Das war eine lange Mittagspause, mit netten Leuten und vielen tollen Geschichten. Ja, auf dem Camino erlebt man was 🙂 Und Ruth und Eduard sind echt nette Leute und der lebende Beweis, dass man den Camino auch noch mit 70 machen kann.

Ich bin dann auch mal weiter und nachdem ich die beiden nicht bis zum Kloster einholen werde, konnte ich auch die längere „Nichtvariante“ des Jakobsweg weiter gehen. Das war aber gar kein Spass mehr. So aus den Schuhen draußen und ohne Belastung war er ja wieder ganz ok. Aber kaum wieder in Schuhen und auf dem Weg, hat mir mein Fuss gesagt, dass er nicht mehr weiterlaufen mag. Aber ich hab nicht auf ihn gehört und hab ihn mitgeschleppt. Berg hinunter, durch das kleine Tal, Berg wieder rauf, die Kapelle hier oben war auch geschlossen. Ok, noch bis zur Orientierungstafel, eineinhalb Kilometer.

Dort bin ich irgendwie auch angekommen, geniale Aussicht bei diesem genialen Sommerwetter. Und nebendran auch eine Baumgruppe, die umliegenden Häuser nicht mehr in Sichtweite, da hätte ich gut Nachtlager aufschlagen können. Aber der Platz war schon besetzt. Drei Mädels haben sich dort breit gemacht und ihrem Biervorrat zu urteilen, bleiben sie länger dort. Ich war aber viel zu k.o., als dass ich mich dort eingeladen hätte. Die hätten bestimmt Kommunikation machen wollen. Wahrscheinlich auch noch Französisch. Und wer weiß, ob’s bei Kommunikation geblieben wäre. Am End‘ hätte ich noch Bier trinken müssen 😉 Sechs. Meine Güte, schon wieder zwei Stunden gelaufen.

Wenn ich mir das so im Nachhinein überlege, klingt das schon verlockend, aber als ich dort vorbei kam, war mir gar nicht danach. Zu kaputt, um mehr als Bon Jour zu sagen.

Irgendwann hab ich an einem Baum im Schatten gerastet. Inzwischen suche ich schon gar keine Bank mehr. Mal mein fliegendes Auge losschicken, wo der nächste Wald ist. Kein Internet hier. Weiter.

Sieben Uhr, ich hab immer noch keinen Schlafplatz gefunden. Die Wälder sind alle mit dichtem Dornengestrüpp verwachsen. Oder gerodet. Dann ein Dorf, einen Berg hoch, dort kommt der nächste Wald. Ich suche und stöbere, bin ich endlich etwas ohne Dornen gefunden habe. Zwar in Sichtweite zum Wanderweg, aber das ist mir jetzt egal. Hängematte aufhängen, Füsse hochlegen. Zum Abendessen gibt’s heute Reis mit Makrelenfilet in Senfsausse. Nicht immer nur Nudeln 🙂 Danach fall ich aber total kaputt ins Bett.

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