noch ein schöner Tag

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Es funktioniert auch heute wieder: Aufstehen, Lager packen und losgehen. Und nach kurzer Zeit finde ich eine Bank zum Frühstücken. Haferflocken mit Christines Marmelade. Das selbe wie gestern, nur 23 km weiter. Aber die 23 km spür ich deutlich in meinem Fuss, die haben ihm nicht gut getan. Heute sollte ich echt mal kürzer treten. Ich hätte gestern bei der Jägerhütte bleiben sollen. Zumindest bei den drei Mädels…

Nur dass ich mir heute morgen eine Schnecke mit gekocht habe. Wie kommt die denn in meinen Kochtopf? Ich hatte den doch gestern Abend noch wieder verpackt? Na wenigstens ist sie geschmacksneutral.

Nach einer Stunde war ich an dem Kloster, in dem Ruth und Eduard Herberge finden wollten. Gar nicht so weit, wie ich dachte. Mit dem kürzeren Weg, den die beiden gegangen sind, hätte ich das vielleicht auch noch geschafft? Nein, definitiv nicht, denn ich bin gestern schon viel zu weit gegangen. Das hätte ich nicht tun sollen.

Am Kloster steht ein alter Turm, mit den blühenden Bäumen drumherum hat dieser Fleck Erde einen lieblichen Eindruck gemacht. Schön in der Morgensonne gelegen. Weiter über eine Wiese mit Bänken, durch das kleine Tal, kam ich zu der Quelle, die hier sprudelt. Hab natürlich gleich mein Wasser aufgefüllt. Doch eine Pause mache ich nicht, ich hinke weiter.

Tief im Wald, im Bois de La Limone, wo gar keine Limonenbäume wachsen, finde ich einen Rastplatz. Ich ziehe die Schuhe aus, gut dass ich Schlappen dabei hab, denn hier liegen Scherben rum… Bierflaschenscherben. Ich kühle meinen Fuss mit dem Wasser aus der Lazarus-Quelle, vielleicht hat es ja heilende Wirkung. Ich plane meinen weiteren Weg, ich lasse Google die kommenden Campingplätze heraussuchen. In acht Kilometern kommt einer, der fast am Jakobsweg liegt und auch noch eine gute Bewertung hat. Den peile ich mal an. Noch zwei Stunden bis dorthin, für mich wahrscheinlich vier. Hätte ich doch schon Wandersandalen, die würden mir jetzt echt helfen. Heinz hat mir das gesagt und Sonja auch, Nathan hat mir welche empfohlen und Max auch. Ich sollte langsam mal welche kaufen… Aber ich laufe gerade durch dünn besiedeltes Gebiet, hier gibt’s nichtmal Cafés in den Dörfern. Nichtmal die Kirchen sind offen, geschweige denn, dass es Geschäfte hat. Eigentlich „mein Ding“, aber wenn ich etwas brauche, dann muss ich stundenlang herumsuchen. Und sei es nur für einen geeigneten Hängemattenplatz. Jetzt wird mir so richtig bewusst, wie dicht die Schweiz besiedelt ist. Und dass es fast in jedem Dorf ein Gasthof zum Bären, zur Sonne oder zur Post hat. Und Brunnen. Überall Brunnen. Nicht so hier.

Den Berg hinunter, zum Limonenwald hinaus kam ich in das Dorf Assieu. Hier werden die Pilger mit einem Schild Willkommen geheißen, in drei Sprachen sogar, nebst einer Übersicht, wo im Dorf was zu finden ist. Oh, ein pilgerfreundlicher Ort, dachte ich und fing wieder zu tagträumen an. Hier finde ich ein Café, vielleicht mit Internet, hier kann ich Mittagspause machen. Doch auch dieses Dorf reiht sich in den hier üblichen Standard. Die Kirche ist verschlossen, das ungepflegte öffentliche WC hat kein Klopapier und der Lebensmittelladen besteht aus dem Metzger, der noch ein paar Regale dazugestellt hat. Seine Frau an der Kasse war drei Kunden lang unentwegt am Telefonieren, aber ich war trotzdem so frech, nach einer Bar zu fragen. Die Strasse runter, um die Kurve auf der linken Seite. Drei Minuten zu Fuss. Für mich sechs. Naja… Bar… Die Aussenbestuhlung bestand aus einer Biergartengarnitur, die wenigstens im Schatten stand. Der Typ hinter dem Tresen, unrasiert und etwas grobschlächtig, bellt mich an: Missjöh! Mir fiel in dem Moment der Spruch ein „Wer nichts wird, wird Wirt“. Den Kaffee hat er aus der Maschine gelassen, für das „au lait“ hat er mir das Tetrapak Milch hingestellt. Nicht geschäumt und nicht warm gemacht. Ich saß dann draußen mit meinem Kaffee und konnte mir die Leute auf der Strasse anschauen. Aber es fuhren nur Autos vorbei. Zu Fuss gehen ist hier eine Seltenheit. Die Delegation des lokalen Elektroinstallateurs kam vorgefahren; Mittagspause. Nachdem sich alle hier kennen, musste auch jeder jedem die Hand schütteln. Und weil ich auch grad da sass, schüttelten mir auch vier Handwerker die Hand. Bon Jour. Wenn man denn mal drin ist in dieser rauhen Herzlichkeit, dann gehört man auch dazu. Für heute Mittag war ich ein Teil des Dorflebens. Aber keiner wollte mehr wissen oder hat mich etwas gefragt, ich konnte ungestört meinen Blog tippen. Das nächste Auto fuhr vor, die Straßenarbeiter. Die haben mir zwar nicht die Hand geschüttelt, aber zumindest gegrüßt. Die arbeitenden jungen Leute sind rein zum Mittagessen, die Dorfältesten saßen mit mir draußen. Kein Wort, nicht ein einziges, hab ich verstanden, außer dem „wä, wä, dackor“, was wohl eine Standardfloskel ist 😉 Mir fiel Nathan wieder ein. Als er mir Französisch beibringen wollte, meinte er mal „bizarre français“. Und wir haben uns kringelig gelacht, als ich ihn fragte, ob ich diesen Spruch auch so grobschlächtig in einem Gespräch anbringen könnte. „Oui, oui, d’accord“ und dann kopfschüttelnd „bizarre francaise“ hinterher. Internet gab’s auch nicht mehr, als ich eh schon in der Hosentasche dabei hatte, also hab ich mich nach meinem Kaffee wieder auf den Weg gemacht.

Aus dem Dorf hinaus auf die Felder, hinaus in die Mittagssonne. Hinein in die blühenden Rapsfelder, hinein in dieses gleissende Gelb, was mich irgendwann ganz umgab. Und in diesen blühenden Rapsfeldern, da war ein kräftiges, klangvolles Summen und Brummen, Heerscharen von Bienen und Hummeln hatten hier ihre Arbeit. Überall waren sie an den Blüten, über all dieser süsse Nektar und die gelben Pollen, die an den Beinen hängen bleiben. Und weiter zur nächsten Blüte. Hunderte, ja, Tausende von Insekten taten hier ihren Dienst und alle zusammen machten dieses klangvolle Summen.

Doch nicht nur Raps blühte hier, weiter des Wegs kam ich an blühenden Obstbäumen vorbei, die Apfelblüte ist auch voll im Gange. Und dann waren diese Büsche mit ihren rosa Blüten. Die jungen Blüten, noch verschlossen in einem kräftig dunklen Rosa, die offenen in einem zarten, hellen Rosa. Und überall die fleissigen Bienen.

Und wieder ein Dorf, durch dieses hindurch, wieder über Felder, mit meinem fliegenden Auge hab ich immer wieder mal geprüft, wann und wo ich denn zu dem Campingplatz abbiegen muss. Und noch ein Dorf und wieder Felder und wieder ein Dorf. Die Mittagshitze ist doch ziemlich warm und ich kann mich nicht entscheiden. Sonnenhut, um keinen Sonnenstich zu bekommen und darunter schwitzen oder den Hut weglassen, etwas Wind mein Haupt kühlen lassen und dem Sonnenbrand am Ohr weiter einheizen. Das nächste Dorf hatte einen Brunnen, an dem konnte ich mich abkühlen und frisch machen. Was halt „frisch“ bedeutet, unter diesen Umständen. Und es war eine überdachte Bank vor der Mairie gestanden, hier konnte ich mich wieder etwas erholen. Selbst die Kirche war offen, was „offen“ hier halt bedeutet. Das Hauptportal war zwar geöffnet, aber gleich dahinter versperrte ein Gitter den Eintritt. Aber man konnte einen Blick hineinwerfen. Kühl kam es allerdings nicht aus der Kirche heraus, wie ich erst hoffte, denn die Mittagssonne schien schon einige Zeit in die Kirche hinein und hat diese aufgeheizt.

Bald hab ich’s geschafft. Nach diesem Dorf noch um ein Gewässer herum und dann auf der Strasse zum Eingang zum Campingplatz. Was es heisst, auf der D4 zu laufen, einer Strassenbezeichnung mit nur einer Ziffer, entsprechend gross die Strasse, bei uns würde man dem Landstrasse sagen. Als ich aus dem Dorf herauskam, war das Tempolimit 70 vom Kreisverkehr gerade aufgehoben und die Autos, Lastwagen und Motorräder brausten nur so vorbei. Und über das Gewässer ging eine Brücke, da war kaum Platz für Fussgänger. Aber was soll’s, da vorne ist der Campingplatz, bald hab ich’s geschafft. Nur die Strasse zum Platz hinter zog sich und zog sich, ich war fast am Ende meiner Kräfte. Schon wieder zu viel gelaufen; Frank! so wird das nichts mit kürzer treten! Ganz ausser Atem und recht erschöpft bin ich an der Rezeption angekommen. Vier Sterne hat der Campingplatz, klingt ja mal nicht schlecht. Doch es gab keine Mobile Homes, wie ich mir eines gewünscht hätte. Es gab nur Chalets, eines für vier Personen und eines für sechs Personen. Und ich hatte mir schon vorgenommen, drei Tage zu bleiben. Doch das kleinere Chalet war belegt und das grössere wollte mir die Dame an der Rezeption nicht geben. Das sei zu teuer für vier Nächte und tatsächlich, 285.-€. In meiner Verzweiflung war ich einen klitzekleinen Moment lang sogar bereit, diesen Betrag zu zahlen, aber schon kurz drauf schon wieder nicht. Die Rezeptionistin hat auch keine Anstalten gemacht, mir mit dem Preis entgegen zu kommen. Dafür hat sie mir ein kaltes Orangina zur Erfrischung gebracht. Und nach ein paar Schlucken musste ich ihr recht geben. Sollen lieber sechs Leute kommen und zusammen diesen Preis bezahlen. Aber was mache ich jetzt? Die freundliche Dame überlegt und studiert die Touristik-Informationen, schickt mich erst fünf Kilometer weiter, dann fällt ihr noch ein anderer Campingplatz ein, der auch MobileHomes hat, nur drei Kilometer weiter. Einfach die Einfahrt (diese lange) wieder raus auf die Strasse (diese laute und schnelle), nach links, drei Kilometer bis St. Maurice l’Exil und dann wär der Platz schon angeschrieben. Also gut. Nochmal drei Kilometer laufen. Au Mann. Auf dieser Strasse. Eine Tortour. Aber was soll’s, ich mach mich nach der kleinen Erfrischung wieder auf den Weg, die Landstrasse entlang. Und die Autos rasen an mir vorbei, mach einer schien zu träumen und erst im letzten Moment hektisch um mich herum zu lenken, manch ein Lastwagen hatte gar keinen Platz, auszuweichen, weil grad ein anderer Lastwagen entgegenkam. Gar nicht lustig. Und wie ich an dem Kreisel war, der mit der 70’er Beschränkung, da hatte ich schon keine Lust mehr. Mir schien das einfach zu gefährlich, auf dieser belebten Strasse weiter zu laufen. Doch ich hab selbst mit meinem fliegenden Auge keinen anderen Weg gefunden. Ausser zurück zum letzten Dorf, einen weiten Bogen über den Berg, um dann weit hinter St. Maurice wieder rauszukommen und mich von der anderen Seite dem Ort zu nähern. Aber ich hab eine Bushaltestelle gefunden und dort die Aushänge studiert. In zehn Minuten kommt ein Bus, der mich nach St. Maurice bringt. Ich nehm den. Für jede Strasse das passende Verkehrsmittel nehmen.

Für einen Euro hat er mich dann mitgenommen, zwar nur zwei Haltestellen, aber immerhin drei Kilometer weiter. Am Aldi hat er mich rausgelassen, zum Campingplatz geht’s nur noch den Berg hinauf. Nur noch… Aber auch den hab ich geschafft und fand dort zwei sehr freundliche Damen am Empfang. Eine junge aus Paris und eine ältere aus der Gegend. Beide können sie englisch, aber ich musste anfangs gar nichts sagen. Meine Erscheinung war genug, dass sie mir erstmal einen Sitzplatz angeboten haben. Erstmal durchatmen. Ob ich den Jakobsweg gehe? Von Bern aus? Wow. Die junge Pariserin meinte, mehr zu sich selbst, mit einem wissenden Tonfall, „Bern…ah ja“ und sie erzählte mir, dass sie in Paris in einer WG gelebt hat und dort wohnte auch eine Bernerin. Aber deutsch hat sie ihr nicht beigebracht, nur ein Kinderlied, was sie aber auch nicht mehr wiedergeben konnte. Hier konnte ich dann mein MobileHome buchen, drei ganze Tage, vier Nächte. Und so hab ich mich einquartiert. Drei Tage, damit ich endlich meinen Fuss mal zur Ruhe kommen lasse. Denn mit weniger laufen ist heute wieder nichts geworden, hab wieder fast 25 Kilometer gemacht. Gar nicht gut für meinen Fuss und er hat mich das auch spüren lassen. Leider gibts auf dem Campingplatz keinen Laden, die Damen haben mich zum Aldi hinunter geschickt. Ob’s was anderes gäbe? Ja, es gibt noch einen Intermarché, fünf Kilometer weiter. Nochmal fünf Kilometer? Nein danke, ohne mich. Und so musste ich halt zum Aldi gehen, ich hab so viel eingekauft, wie ich tragen konnte, damit ich drei Tage nicht aufstehen muss. Brot bringt der Bäcker auf den Campingplatz, ich hab zwei Croissants und ein Pain au Chocolat für morgen früh bestellt. Und dann ab unter die Dusche und den Abend auf meiner Veranda ausklingen lassen.

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One response to this post.

  1. Posted by Matze on 25. April 2013 at 07:43

    lecker! Fleischzulage zum Frühstück.
    Frank, mal im Ernst … Du musst mal ein entzündungshemmendes Medikament nehmen und mal kürzer treten, sonst wird das mit dem Fuss eher noch schlimmer.
    Die ständige, tägliche Belastung und mit dem ganzen Gewicht … das wird nicht von allein besser.

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